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Veröffentlicht am 16.05.2019

Morde nach Vorschrift

NOCTURNA Die tödliche Schrift
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Privatdetektivin Ruby Fuchs soll einen ungewöhnlichen Fall übernehmen: Madame de Rochat möchte, dass geplante Morde nach der Vorlage von Nostradamus‘ Schrift „Nocturna“ gestoppt werden.

Nachdem bereits ...

Privatdetektivin Ruby Fuchs soll einen ungewöhnlichen Fall übernehmen: Madame de Rochat möchte, dass geplante Morde nach der Vorlage von Nostradamus‘ Schrift „Nocturna“ gestoppt werden.

Nachdem bereits die Polizei Zweifel an Rochats Verstand hegt, findet auch Ruby diesen Auftrag absurd. Andererseits haben sich bereits Prophezeiungen wie ein im Weidenkorb ausgesetzter Säugling und ein Toter bewahrheitet. Und bevor Ruby und ihr Partner John Bentwood eine bewusste Entscheidung treffen können, stecken sie schon selbst mitten drinnen in einer unglaublichen Geschichte.

„Mit ihrer Stimme fing alles an.“ So lernt der Leser Ruby Fuchs kennen, in der Badewanne, mit den Zehen plätschernd, in einem Telefongespräch mit der potentiellen Auftraggeberin Madame de Rochat. Großartig wird das Telefonat verwoben mit Details aus Rubys Leben, sodass ein sehr guter Eindruck von der Privatdetektivin entsteht. Auch alle anderen Figuren werden detailliert vorgestellt und charakterisiert, rasch hat man von allen ein perfekt gezeichnetes Bild vor Augen.

Silke Nowaks Kriminalroman spielt aktuell im Jahre 2019 in Ravensburg. Die Vorhersagen in Nostradamus‘ Manuskript treffen exakt auf die örtlichen Gegebenheiten und laufenden Ereignisse zu und scheinen Beweis genug zu sein, dass weitere Morde stattfinden und nur ein kleiner Teil der Menschheit einen Umbruch überleben wird.

Besonders erwähnenswert finde ich die gekonnte und packende Schreibweise der Autorin, ihre gut gewählten Stilmittel, wie z.B. immer wieder eingestreute exakte Zeitangaben, die Rubys Unruhe verdeutlichen oder die französischen Einsprengsel, die Madame de Rochat richtig lebendig werden lassen.

Da und dort gibt es interessante und unerwartete Wendungen, viele spannende Themen, die angerissen werden, wodurch die Geschichte stets kurzweilig bleibt und den Leser bis zum Ende gut unterhält.

Die Idee, alte Texte als Grundlage für einen Kriminalroman heranzuziehen, ist ungewöhnlich und durchaus gelungen. Den zum Schluss angedeuteten nächsten Fall werde ich bestimmt verfolgen und davor sicherlich auch noch „Alinas Grab“ lesen.

Veröffentlicht am 06.05.2019

Traumtanz

Das Gemälde der Tänzerin
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2018:
Helena ist Alleinerzieherin von 15jährigen Zwillingen, die Ballettkarriere ist Vergangenheit, ihre große Liebe auch. Auf Druck des RAV, des regionalen Arbeitsvermittlungszentrums, nimmt die ungelernte ...

2018:
Helena ist Alleinerzieherin von 15jährigen Zwillingen, die Ballettkarriere ist Vergangenheit, ihre große Liebe auch. Auf Druck des RAV, des regionalen Arbeitsvermittlungszentrums, nimmt die ungelernte 35jährige eine Stelle als Zimmermädchen im Fünf-Sterne-Luxushotel Kronenberg an, obwohl sie dadurch ihr vor Jahren gegebenes Versprechen gegenüber den Besitzern nicht mehr einhält.

1937:
Lydia muss bereits im Alter von 16 Jahren ihren Heimatort verlassen und verdingt sich in Luzern als Zimmermädchen.

Wie hängen die Schicksale der beiden Frauen miteinander zusammen und was hat das alles mit einem alten Gemälde zu tun?

Sowohl das Titelbild als auch der Klappentext lassen den Leser neugierig werden und bereits die ersten Zeilen ziehen den Leser in einen Sog aus Spannung zwischen den beiden Zeitebenen.

Sehr gelungen ist die einfühlsame Beschreibung der Personen und der Lebensumstände, sowohl im Heute als auch während der Kriegszeit. Rasch fühlt man sich ins jeweilige Umfeld hineinversetzt und verfolgt die gelungene Mischung aus generationenübergreifender Familiengeschichte, Krimi und Liebesroman. Erst nach und nach offenbaren sich wesentliche Details, sodass man gefesselt beim Buch bleibt, um alle Hintergründe aufzudecken und längst Zurückliegendes zu erfahren.

Dieser Roman hat mich durch seinen lebendigen und mit Liebe zum Detail geprägten Schreibstil gefesselt und mich ganz in die Lektüre versinken lassen. Helena und Lydia, sowie auch all die anderen Personen, kommen einem sehr nahe und sind in eine Geschichte verstrickt, deren Ende eine überraschende Wahrheit ans Licht bringt.

Ein absolutes Lesevergnügen von einer mir bisher unbekannten Autorin. Gerne lese ich mehr von Christine Jaeggi.

Veröffentlicht am 06.05.2019

Englischer Landhauskrimi

Dreizehn Gäste
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Lord Aveling lädt zwölf Gäste auf sein Landgut Bragley Court, bunt gemischt, untereinander teils unbekannt. Die junge Witwe Nadine Leveridge trifft bei ihrer Anreise am örtlichen Bahnhof den verletzten ...

Lord Aveling lädt zwölf Gäste auf sein Landgut Bragley Court, bunt gemischt, untereinander teils unbekannt. Die junge Witwe Nadine Leveridge trifft bei ihrer Anreise am örtlichen Bahnhof den verletzten John Foss und beschließt kurzerhand ihn mitzunehmen. Nun befinden sich unglücklicherweise dreizehn Gäste im Landhaus, allerdings ist Foss nicht der Dreizehnte, der eintrifft. Bringt diese Zahl tatsächlich ein Unglück mit sich und wen wird es treffen? „Das Pech ereilt … den dreizehnten Gast, der durch die Tür da kommt.“

Im typischen Stil englischer Kriminalliteratur Anfang des 20. Jahrhunderts geschrieben, besticht dieser Krimi durch das „Landhaus-Muster“: die Verdächtigen befinden sich in einem kleinen, geschlossenen Kreis; der Leser darf gerne miträtseln, wer als Täter infrage kommt und warum.

Farjeon beginnt seinen Kriminalroman ganz unspektakulär am Schotter des Bahnhofs Flensham, und doch setzt hier schon eine ganz spezielle Atmosphäre ein: „die Stimme ist rau und trotzdem auch seltsam sanft“ – der Leser bekommt bereits auf der erste Seite einen Eindruck der besonderen Sprachmelodie, die auch in der deutschen Übersetzung (die übrigens erst 2019 erstmals erschienen ist) sehr gut getroffen ist, detailreich, aber doch in den Dialogen knapp und auf das Wesentliche beschränkt, sodass es nicht zu langatmig wird.

Die restliche Handlung spielt sich abgeschieden auf Avelings Landgut ab. Nach und nach treffen die Gäste ein, der Leser lernt recht unterschiedliche Charaktere kennen, manche werden direkt vorgestellt, anderen begegnet man auf Umwegen, indem ein Gast über einen anderen spricht. So bekommt man auch gleich einige persönliche Sympathien bzw. Abneigungen mitgeliefert.

Als schließlich ein Gemälde zerstört und ein Mann ermordet aufgefunden wird, ermittelt Kriminalinspektor Kendall systematisch und raffiniert. Gezielt stellt er Fragen oder lässt Zeugen einfach von sich aus erzählen. Stück für Stück werden Puzzlesteine zusammengetragen, neue Erkenntnisse mit alten verknüpft, Zusammenhänge hergestellt. So bleibt der Fall bis zum Schluss spannend und lesenswert.

„J. Jefferson Farjeon gebührt ein Platz in der Ehrenhalle der englischen Kriminalschriftsteller.“ Christian Schröder. Der Tagesspiegel.
Dem kann ich mich nur anschließen.

Veröffentlicht am 20.04.2019

Schweigen über die Vergangenheit

Nordfinsternis
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Ein dunkles Verbrechen an der Küste. Eine Familie, die schweigt. Und ein Mädchen, das vergisst. Bis Panikattacken Miriams Leben Jahrzehnte später außer Kontrolle bringen. Sie muss sich erinnern, um dem ...

Ein dunkles Verbrechen an der Küste. Eine Familie, die schweigt. Und ein Mädchen, das vergisst. Bis Panikattacken Miriams Leben Jahrzehnte später außer Kontrolle bringen. Sie muss sich erinnern, um dem Geheimnis ihrer Vergangenheit auf die Spur zu kommen. Bald schon konfrontiert ein undurchdringliches Geflecht aus Lügen, Scham und Schuld sie mit ihrer größten Angst…


Miriam ist verheiratet, hat ein hübsches Haus, einen guten Job und ist seit kurzem Mutter. Das Glück scheint perfekt, wären da nicht ihre Unsicherheit, ihre (Über)Besorgtheit. Woher rühren Miriams plötzlich auftretende Panikattacken?

In hautnahem Präsens entführt uns Ricarda Oertel ins norddeutsche Kappeln, zeichnet in außergewöhnlich treffender Sprache das Bild einer Familie, deren Vergangenheit viele Geheimnisse verbirgt. Kleine Details fließen geschickt in die Szenen ein und lassen alles sehr lebendig werden, die Figuren sind plastisch charakterisiert und bleiben nicht immer die, die sie anfänglich zu sein scheinen.

Nach einem kurzen, erschütternden Prolog gliedert sich dieser Küstenkrimi in übersichtliche Kapitel, an deren Enden häufig auch jemand aus dem „off“ erzählt. Fragen über Fragen werden aufgeworfen, die Spannung steigt ab der ersten Seite und hält bis zum Ende an. Immer wieder gibt es Wendungen, die man nicht erwartet.

Mit einer wunderbaren Hommage an Astrid Lindgren wird das Thema Sterben und Tod berührend ins Geschehen eingeflochten, der Umgang mit schrecklichen Geschehnissen aufgearbeitet.

Ein gelungener psychologischer Spannungsroman, der mich Seite für Seite gefesselt hat, sowohl vom Schreibstil als auch vom Inhalt her, und den ich unbedingt weiterempfehle!

„5 Sterne plus“

Veröffentlicht am 11.04.2019

Süße Verführung

Das kleine Café im Gutshaus
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Julie Shackmans Buch "Das kleine Cafe im Gutshaus" stellt bereits am Titelbild die wichtigsten Komponenten dar: das schottische Fairview mit einem herrschaftlichen Gutshaus, das über einen liebevoll gedeckten ...

Julie Shackmans Buch "Das kleine Cafe im Gutshaus" stellt bereits am Titelbild die wichtigsten Komponenten dar: das schottische Fairview mit einem herrschaftlichen Gutshaus, das über einen liebevoll gedeckten Cafetisch "wacht".


Die Autorin schubst den Leser gekonnt gleich mitten ins Geschehen und verzaubert mittels lebhafter und bildlicher Sprache, so "tanzt der Kuchen auf den Geschmacksknospen", ist von schokoladebraunen Augen und kirschroter Strickjacke die Rede. Die Sätze fließen köstlich dahin, während die Figuren, die unterschiedlicher nicht sein könnten, klar charakterisiert werden: zum einen Lara, die Hobbybäckerin, zum anderen ihre griesgrämige Chefin Kitty sowie der etwas hinterlistig wirkende alte Gutsbesitzer Carmichael.

Nach Enttäuschungen im beruflichen wie im privaten Leben möchte Lara zurück in ihrer Heimat ganz von vorne beginnen und am liebsten ein eigenes Cafe betreiben. Allerdings reicht es vorerst gerade einmal für eine Anstellung als einfache Servierkraft bei bei der konservativen Kitty Walker, die keine noch so geringe Veränderung akzeptieren mag. Im Cafe lernt Lara aber den eigenwilligen, 90jährigen Hugo Carmichael kennen und schätzen und kann sich nur wundern, dass sie nach dessem baldigen Tod zur Testamentseröffnung geladen wird. Die weiteren Erben sind ebenso überrascht und speziell der Enkelsohn Vaughan reagiert regelrecht empört und ablehnend gegenüber der Verfügung, dass die fremde Lara im Testament berücksichtigt wird.

"Träume gehen in Erfüllung, wenn man seinem Herzen folgt." Dies ist wohl der beste Grund, das Buch (weiter)lesen zu wollen und zu sehen, welche Träume und Wünsche hier wohl noch erfüllt werden.
Eine wunderschön verfasste Geschichte, die den Leser - nicht nur - in eine zuckerglasursüße Kuchenwelt entführt...