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Veröffentlicht am 14.06.2019

In der Liebe gefangen

Solch ein zephyrleichtes Leben
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Da mich ja Petra Huckes „Moorschwestern“ schon überaus begeistert haben, war meine Freude groß, dass es bereits wieder etwas Neues von ihr zu lesen gibt, diesmal ein Roman, der den Leser in vergangene ...

Da mich ja Petra Huckes „Moorschwestern“ schon überaus begeistert haben, war meine Freude groß, dass es bereits wieder etwas Neues von ihr zu lesen gibt, diesmal ein Roman, der den Leser in vergangene Zeiten entführt: Kopenhagen um 1816 ist der Ausgangspunkt.


Adelaide Caroline Johanne Brun, genannt Ida, ist eine junge und schöne Künstlerin, sicher fühlt sie sich singend, aber noch sicherer, wenn sie schweigt und tanzt. Namhafte Persönlichkeiten wie Goethe sind begeistert.

Allerdings schränkt Mutter Friederike Idas Freiraum stark ein und bestimmt, in welche Richtung das Fräulein Tochter sich entwickeln darf, ja sogar muss. Um aus diesem Gefangensein auszubrechen, stimmt Ida einer Hochzeit mit dem deutlich älteren Grafen von Bombelles zu, jedoch nur, um in eine andere Abhängigkeit zu schlittern. Wird sich Ida loslösen können von alten Konflikten und ohne neuerliche Enttäuschungen ins Eheleben gehen können?

Petra Hucke erschafft in diesem Roman ein ganz besonderes Bild der Ida Brun, keine langweilige Biographie von 1792 bis 1857, sondern beleuchtet ganz speziell ausgewählte Stationen aus Idas Kinder- und Jugendjahren; der Fokus liegt auf einer Künstlerseele, die authentischer und gefühlvoller nicht geschrieben sein könnte.

Gleich zu Beginn trifft der Leser auf wunderschöne Zeilen August Wilhelm Schlegels, die Ida Brun gewidmet sind.
In weiterer Folge tritt Ida selbst auf, kurz vor ihrer Hochzeit mit Bombelles im Winter des Jahres 1816. Wortgewandt und plastisch schildert sie ihre Eindrücke; der Roman ist in der Ich-Form geschrieben. Ich höre also förmlich Idas Stimme, wie sie locker und leicht dahin plaudert, die Sprachmelodie erinnert unterschwellig an frühere Jahrzehnte. Immer wieder wird das Jetzt unterbrochen für Rückblenden in die Jahre 1801 bis 1809, Ida erinnert sich an Reisen nach Rom und inspirierende Treffen mit Künstlern und Theaterdirektoren, an Rausch und Phantasie, an Hass und Liebe. Fließend gehen Gegenwart und Vergangenheit ineinander über, begegnen wir griechischen Göttinnen und anderen Sagengestalten, tauchen wir ein in Oper und Gesang und begleiten Ida in perfekte Augenblicke, die sie in ihren Attitüden sucht und findet. Ausdrucksstark und faszinierend verhilft die Autorin Ida zu einer bewegenden Erinnerung, die schließlich in einer Konfrontation mit der Mutter gipfelt.

Eine Glanzleistung, wie Petra Hucke wieder mit der Sprache spielt, gleich einem über die Tasten fliegenden Pianisten am Klavier, virtuos und voll Gefühl.

Wer gerne eintaucht in die Welt der Kunst und dabei die bezaubernde und willensstarke Ida Bombelles, geb. Brun, kennen lernen möchte, ist hier goldrichtig!
Wiederum 5* plus für ein absolut gelungenes Werk!

Veröffentlicht am 09.06.2019

Ein steiniger Weg zum Ziel

Johannisfeuer
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Ein kleines Dorf in Südfrankreich, Banyuls-sur-Mer nahe der spanischen Grenze, dämmert in der sommerlichen Hitze dahin. Das einzig spannende Ereignis ist zurzeit wohl nur das Johannisfeuer zur Sommersonnenwende ...

Ein kleines Dorf in Südfrankreich, Banyuls-sur-Mer nahe der spanischen Grenze, dämmert in der sommerlichen Hitze dahin. Das einzig spannende Ereignis ist zurzeit wohl nur das Johannisfeuer zur Sommersonnenwende am Canigou, dem heiligen Berg der Katalanen.


Da der etwas korpulente Perez seiner Stieftochter versprochen hat, mit ihr an diesem Fest teilzunehmen und den Berggipfel in knapp 3000 Metern Höhe zu erklimmen, trainiert er schon tapfer, um sich an die Höhenluft zu gewöhnen. Dabei stolpert er mitten am Weg über den reglosen Körper einer jungen Frau, die bereits seit sechs Jahren vermisst wird, und als dann noch nahe Montpellier eine Leiche gefunden wird, glaubt er nicht mehr an einen Zufall. Noch bevor er darüber nachdenken kann, steckt der unkonventionelle Hobbydetektiv mitten in den Ermittlungen.

Dieser Südfrankreich-Krimi ist in der Perspektive des außenstehenden Erzählers geschrieben und in einem so blühenden und bildhaften Stil gehalten, dass man komplett eintaucht in die Idylle des kleinen Feriendorfs. Die ausführlichen und angenehm zu lesenden Beschreibungen von Landschaft und Essen, dem Bewegungsmuffel Perez und seinem entzückenden Hund Hippy lassen zwar zuweilen den Krimi in den Hintergrund treten, dem Lesevergnügen tut dies aber keinen Abbruch.
Die Hauptfigur ist ein gelungener Mix aus liebenswertem Familienmenschen, Hobbydetektiv und Kleinganoven, witzig und unverwechselbar. Auch die anderen Personen sind sehr treffend charakterisiert, was ihnen bald Sympathie vom Leser einbringt oder auch nicht. Die Atmosphäre in allen Szenen ist gekonnt eingefangen und springt gleich über.

Dies war mein erstes Buch von Yann Sola und da Perez bereits früher ermittelt hat, bin ich nun neugierig geworden auf seine anderen Fälle.

Mein Dank gilt hier nicht nur dem deutschsprachigen Autoren – nein, „Johannisfeuer“ ist keine Übersetzung – sondern auch dem Verlag Kiepenheuer & Witsch, der dieses Buch in einer ausgezeichneten Qualität anbietet!

Veröffentlicht am 04.06.2019

Das Rheinland zwischen Franzosen und Preußen

Die Festung am Rhein
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Franziska und ihr Bruder Christian müssen beim gestrengen und egoistischen Onkel in Coblenz leben, nachdem ihr Vater in der Schlacht von Waterloo gefallen ist und die Mutter kaum noch Mittel zum nackten ...

Franziska und ihr Bruder Christian müssen beim gestrengen und egoistischen Onkel in Coblenz leben, nachdem ihr Vater in der Schlacht von Waterloo gefallen ist und die Mutter kaum noch Mittel zum nackten Überleben hat.


Im Jahre 1822, Christian ist mittlerweile Pionier in der preußischen Armee und Freiwilliger beim Bau der Feste Ehrenbreitstein, verschwinden geheime Baupläne und rasch ist der Halbfranzose als Dieb und Verräter festgesetzt - schließlich war der Vater ein Offizier Napoleons. Von Christians Unschuld überzeugt, sucht Franziska nach dem wahren Täter und ist dabei immer wieder auf die Unterstützung des gestrengen und unerbittlichen Leutnants Rudolph Harten angewiesen. Trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft kommen sie einander näher als gebührlich für einen Preußen und eine Halbfranzösin…

Maria W. Peter baut ihren historischen Roman strukturiert auf in fünf großen Abschnitten, von denen jeder mit einem passenden Spruch beginnt. Danach kommen jeweils ein Rückblick auf die Schlacht bei Waterloo 1815 und die fortlaufenden Kapitel mit Coblenz bzw. Cöln als Handlungsort im Jahre 1822. Ein Epilog 1823 beendet zwar die Handlung, jedoch noch lange nicht das hervorragende Buch. Nun folgen nämlich noch ein sehr ausführliches Nachwort, Glossar, handelnde und historische Personen und nach dem Dank als besondere Draufgabe „Reise- und Stöbertipps“ auf den Spuren von Franziska und Rudolph; weit mehr also als nur gute Unterhaltung! Fast hätte ich jetzt auf die beiden Landkarten am Anfang vergessen, die natürlich dem Leser die geographische Orientierung erleichtern.

In angenehm und flüssig zu lesendem Schreibstil lässt die Autorin das historische Rheinland vor den Augen des Lesers entstehen, in dem „zwei verfeindete Volksgruppen, zwei entgegengesetzte Mentalitäten aus Ost und West zwangsweise zusammengewürfelt worden waren“. Durch geschicktes Verweben der Schicksale von Franziska, Christian und Rudolph lernen wir beide Sichtweisen kennen und verstehen; jeder hat wohl auf seine Weise „recht“ und man spürt förmlich die vorherrschende Distanz und das Misstrauen untereinander. Manche Dialoge finden im Dialekt statt, wodurch das Ganze noch authentischer wirkt – z.B. beim Burschen Fritz oder beim Schotten McBaird. Auch französische Satzteile sind gekonnt in den Text eingearbeitet.

Nicht nur sind die einzelnen Personen anschaulich und bildhaft charakterisiert, die einzelnen Szenen berührend und fesselnd dargestellt, auch die geschichtlichen Hintergründe sind exzellent recherchiert und fließen unauffällig aber einprägsam in die Handlung ein. Die Anzahl der Figuren ist überschaubar und mit ca. 600 Seiten hat Peter auch eine gute Länge für den Roman gewählt, damit man möglichst viel Zeit mit Franziska und Rudolph verbringen kann. Langeweile kommt nämlich hier nicht auf, die Spannung wird vom Anfang bis zum Ende konstant gehalten.

Langer Rede kurzer Sinn: dieser historische Roman ist ein informatives Geschichtsbuch, ein spannender Krimi und nicht zuletzt eine melodische Liebeserzählung.

Ein weiteres Buch auf meiner persönlichen Hitliste 2019!

Veröffentlicht am 02.06.2019

Einfach zauberhaft

Der Zauber von Somerset
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Amber braucht eine Auszeit und mietet im schönen Südengland ein günstiges Cottage für drei Monate. Ähnlich ergeht es Finian, der aus London fliehen möchte, um einen neuen Roman zu schreiben. Durch eine ...

Amber braucht eine Auszeit und mietet im schönen Südengland ein günstiges Cottage für drei Monate. Ähnlich ergeht es Finian, der aus London fliehen möchte, um einen neuen Roman zu schreiben. Durch eine unglückliche Doppelvermietung treffen die beiden in Somerset aufeinander und gehen – da alle Unterkünfte in der Umgebung bereits belegt sind – eine Wohngemeinschaft auf Probe ein. Als Mietpreis inkludiert ist die Pflege eines alten einsamen Pferdes, bei der Amber und Finian einander langsam näher kennen lernen, obwohl sie grundsätzlich eine strikt getrennte Nutzung des Ferienhäuschens vereinbart haben. Schließlich gesellt sich auch noch ein vom Besitzer schändlich vernachlässigter Hund zu der kleinen Gruppe und plötzlich heißt es zusammenhalten gegen alles, was diese friedliche Idylle stören könnte.

In geschickter Abfolge kurzer, übersichtlicher Kapitel stellt Pippa Watson das Geschehen einmal aus der Sicht Ambers, dann wiederum aus jener von Finian dar, jeweils in der Ich-Form, was ich zuerst ein wenig verwirrend fand, aber gerade dadurch gewinnt der Roman größtmögliche Authentizität und Lebendigkeit. Diese sehr persönliche Schreibweise geht einem als Leser recht nahe, berührt und lädt ein, sich selbst mitten in der Geschichte wiederzufinden. Scheint es sich erst um eine nette Sommerlektüre zu handeln, so erkennt man rasch, dass in diesem Roman viele ernsthafte Themen verpackt sind, die nicht nur zum Träumen anregen sondern auch zum Nachdenken und Innehalten, zum Reflektieren über sich selbst. All das ist wunderschön eingebettet in eine Ruhe ausstrahlende Landschaft und die Nähe zu teils pflegebedürftigen Tieren. Überraschende Details und Wendungen sorgen für dauerhafte Spannungen und auch weniger sympathische Figuren werden mit freundlichen Wesenszügen ausgestattet, sodass sie glaubhaft rüberkommen.

Wie das Schicksal von Amber und Finian auch durch ihre vierbeinigen Mitbewohner mit beeinflusst wird, schildert die Autorin in einer so liebevollen und inspirierenden Sprache, dass man das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen möchte. Einzelne Szenen sind so gut recherchiert und deutlich erzählt, dass man einfach nur gerührt zurückbleiben kann.

Obwohl ich ja selber überhaupt kein „Tiernarr“ bin, haben mich hier Buchtitel und Bild sofort angesprochen und ich bin sehr froh, dass ich mich auf diesen Zauber eingelassen habe. Eine klare Empfehlung für wunderbare Lesestunden.

Veröffentlicht am 26.05.2019

Ungleiche Freundschaft

Im Freibad
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Rosemary ist 86. Ihr gesamtes Leben hat sie im Londoner Stadtteil Brixton verbracht. Ihr bester Freund und gleichzeitig geliebter Ehemann George ist tot. Nach dem Schließen der Bibliothek und dem Umbau ...

Rosemary ist 86. Ihr gesamtes Leben hat sie im Londoner Stadtteil Brixton verbracht. Ihr bester Freund und gleichzeitig geliebter Ehemann George ist tot. Nach dem Schließen der Bibliothek und dem Umbau des Gemüseladens zu einer trendigen Bar soll nun auch das Freibad verschwinden. Dabei schwimmt sie dort seit über 60 Tagen jeden Morgen ihre gewohnten Längen.


Kate ist jung und schüchtern, zum Studium wagt sie sich alleine nach London. Ihren Lebensunterhalt verdient nun als Journalistin unscheinbarer Beiträge eines Lokalblattes. Endlich darf sie einen wichtigen Artikel über die Errichtung von Wohnungen und eines Tennisplatzes anstelle des wenig rentablen Freibads schreiben und soll dafür Rosemary interviewen.

Wieviel Veränderung können die Bewohner noch ertragen, wer kann sie verhindern? Diese Frage bildet das zentrale Thema in Libby Pages Roman.

Rosemary und Kate könnten nicht unterschiedlicher sein, dennoch verbindet sie bald eine innige Freundschaft, von der beide auf ihre Weise profitieren.

Gleich zu Beginn findet sich der Leser im regen Treiben Brixtons wieder, angenehm kurze Kapitel beleuchten abwechselnd die Sichtweise von Rosemary und Kate. Sehr detailreich wird Rosemarys Liebe zum Schwimmen und zum Brockwell-Freibad im Besonderen beschrieben, Gegenwart und Vergangenheit fließen ineinander. Dadurch erscheint die Geschichte anfangs eher langatmig, dennoch lohnt sich das Dranbleiben, denn viele Kleinigkeiten, mit Liebe zum Detail verfasst, lassen den Leser die Handlungen der beiden Hauptfiguren nachvollziehen und verstehen.

„Im Freibad“ ist kein rasantes, aggressives Plädoyer für eine liebgewonnene Institution, eher handelt es sich um einen Roman der leisen Töne über Liebe, Freundschaft und Zusammenhalt.
Alles in allem also ein durchaus lesenswertes Buch.