Profilbild von dj79

dj79

Lesejury Profi
offline

dj79 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit dj79 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 24.08.2019

Ode an die Kartographie

Verrückt nach Karten
0

„Verrückt nach Karten“ ist ein echtes Juwel unter den besonders schön gestalteten Büchern. Bereits das Kartencover mit der scheinbar erhaben aus dem Meer heraustretenden Küste, mit alles überragenden Bergen ...

„Verrückt nach Karten“ ist ein echtes Juwel unter den besonders schön gestalteten Büchern. Bereits das Kartencover mit der scheinbar erhaben aus dem Meer heraustretenden Küste, mit alles überragenden Bergen auf denen zum Teil Burgen und Schlösser thronen, sowie vielen Tieren und unzähligen, einzeln eingezeichneten Bäumen ist ein echtes Highlight. Es lädt zum Verweilen in diesem großformatigen Kartenbilderbuch ein. Qualitativ ist das Buch ebenfalls ganz weit vorne. Die Stabilität des Pappeinbands ist für die dargebotene Größe angemessen. Das glänzende Papier der Buchseiten stellt eine zusätzliche Aufwertung dar.

Inhaltlich hat Huw Lewis-Jones als Herausgeber die Erfahrungsberichte verschiedenster Autoren mit Karten, sowie Berichte über das Zusammenwirken von Karten und Geschichten zusammengestellt. Das phantasievolle Kartenmaterial aus den Geschichten oder auch die echten Karten aus früheren Jahrhunderten haben mich begeistert wie schon das Cover. Ich mochte es, auf Entdeckungsreise zu gehen und mich in der ein oder anderen Karte zu verlieren.

Die Faszination für die Karten konnte sich jedoch nicht wirklich auf den Text übertragen. Er hat mir zwar die ein oder andere Anregung für meine nächsten Lesetitel gegeben, aber durch oft ähnliche Berichte wurde es mit der Zeit für mich zu langatmig. Zudem war es ein bisschen frustrierend von berühmten Werken zu lesen, die ich nicht einmal namentlich kannte. Interessant fand ich die Idee eine Karte des eigenen Lebens zu zeichnen, die sich im Laufe der Zeit immer weiter entwickelt.

Insgesamt kann ich leider nur eine mittlere Bewertung abgeben, obwohl die Karten selbst Bestnoten verdient haben. Empfehlen kann ich, das Buch in Etappen und nicht durchgehend zu lesen.

Veröffentlicht am 20.08.2019

Spannend bis zum Showdown

Schneewittchensarg
0

Nach siebenundvierzig Jahren taucht während der Eröffnung einer Kunstausstellung im småländischen Glasreich eine vermisste Person wieder auf. Anstelle von gläsernen Knochen enthält ein Exponat, der Schneewittchen-Sarg, ...

Nach siebenundvierzig Jahren taucht während der Eröffnung einer Kunstausstellung im småländischen Glasreich eine vermisste Person wieder auf. Anstelle von gläsernen Knochen enthält ein Exponat, der Schneewittchen-Sarg, plötzlich die Gebeine der damals frisch verheirateten Berit auf, die nach der traditionellen Brautentführung nicht wieder aufgetaucht war. Ist das ein perfider Witz oder echt? Dieser Frage gehen Ingrid Nyström und Stina Forss mit ihren Kollegen nach.

Zunächst befinden sich sowohl die Ereignisse von damals als auch die Platzierung des menschlichen Skeletts in der Kunstausstellung komplett im Dunkeln. Nur sehr langsam nähern sich die Ermittler dem Rätsel durch Befragung damaliger Zeugen und Sichtung alter Unterlagen an. Besonders herausfordernd ist neben dem Ausfindigmachen der noch nicht verstorbenen Zeugen dabei die gemeinsame Vergangenheit von Nyström und Forss mit den schrecklichen Ereignissen darin. Es kostet vor allen Anderen Nyström Überwindung, sich mit Forss auf Augenhöhe auszutauschen und so die Ermittlungen voranzubringen.

Rein technisch betrachtet, ist das Buch in Tage eingeteilt, die sich dann wiederum in durchnummerierte, sehr kurze Kapitel gliedern. Dabei wechseln die Kapitel zwischen den verschiedenen Ermittlern hin und her, präsentieren so dem Leser immer neue Puzzleteile. Aus meiner Sicht wird dadurch der Lesefluss ungemein gefördert, weil man als Leser bis zur nächsten Dienstbesprechung einen Vorteil gegenüber den Ermittlern zu haben glaubt. Natürlich lässt man sich dadurch auch gern auf eine falsche Fährte locken. Am Ende eines jeden Tages bekommt der Leser noch zusätzliche Informationen über eingestreute Tagebucheinträge des Opfers.

Neben Nyström und Forss hat mir aus dem Ermittlerteam besonders Hugo Delgado gefallen. Als Schreibtischtäter hat er eine Menge Hintergrundarbeit geleistet, auf deren Basis die übrigen Ermittler ihre Arbeit aufbauen konnten. Obwohl er aus meiner Sicht den langweiligsten Part hat, kämpft er sich tapfer durch Aktenberge und Warteschleifen bei Telefonauskünften. Das machte ihn für mich sehr sympathisch. Überhaupt gefallen mir die Ermittlercharaktere insgesamt mit ihren kleinen und großen Schwächen in diesem 7. Fall schon deutlich besser als beim Erzengel, der für mich den Einstieg in die Serie markiert hatte.

Nachdem es recht viel Zeit in Anspruch genommen hat, den Fall überhaupt fassbar zu machen, geht es dann im Fall, aber auch mit dem Schicksal der Ermittler, sehr schnell voran. Ein Cliffhanger jagt den nächsten, so dass ich das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen konnte. Das Ende mündet in einem Showdown, der mich nun auf den 8. Fall warten lässt.

Fazit: Vossen und Danielsson haben hier wieder einen spannenden Krimi vorgelegt, der insbesondere die Herzen der Fans des skandinavischen Krimis höher schlagen lässt. Es erscheint mir hilfreich, wenn schon Vorgängerbände bekannt sind, was jedoch nicht unbedingt zwingend ist. Gern spreche ich eine Leseempfehlung aus.

Veröffentlicht am 09.08.2019

Geschichte über das Vergessen

Die Leben der Elena Silber
0

Jelena ist gerade zwei Jahre alt als zaristische Häscher ihren revolutionären Vater auf brutalste Weise ermorden. In der Kälte der Nacht ist sie gemeinsam mit der Mutter und dem älteren Bruder Pawel zur ...

Jelena ist gerade zwei Jahre alt als zaristische Häscher ihren revolutionären Vater auf brutalste Weise ermorden. In der Kälte der Nacht ist sie gemeinsam mit der Mutter und dem älteren Bruder Pawel zur Flucht gezwungen, um den Mördern zu entrinnen. Die nun folgenden Lebensumstände drängen Jelena in ein Dasein zunächst im Schatten von Halbgeschwistern, später von ihrem deutschen Ehemann und dessen Familie und schließlich im Schatten ihrer selbst. Revolution, Bürgerkrieg und Weltkriege beeinträchtigen das Familienleben einer ganzen Generation. Familie hat zu funktionieren, ist weniger von liebevollem Umgang gekennzeichnet. Das Einzige, das zählt, ist das Überleben.

Die Geschichte wird in verschiedenen Zeitebenen erzählt, die von 1905 und 2017 ausgehend, aufeinander zulaufen. Der historische Erzählstrang begleitet Jelena vom Kleinkind, durch die Jugend, als Ehefrau und Mutter. Der aktuelle Strang ist Konstantin Stein, Jelenas Enkel, gewidmet. Er betrachtet Jelenas Leben aus der eigenen und der Erinnerung von Verwandten heraus. Auch wenn zwischen den Kapiteln immer mehrere Jahre fehlen, ergibt sich durch die Erzählweise ein erschreckendes, gleichzeitig beeindruckendes Gesamtbild, das aus meiner Sicht eine umfassende Erklärung für mache, von uns unverstandene, Reaktion oder Verhaltensweise der Kriegs- und Nachkriegsgeneration geben kann.

Obwohl Konstantin Stein als 43-jähriger eigentlich mitten im Leben stehen sollte, wirkt er auf mich wie ein kleiner Junge. Er läßt sich sorglos durchs Leben treiben, agiert spontan und impulsiv. Er ist ein Familienmensch, aber auch nur so halb. Konstantin vollendet im Prinzip nichts. Die im Roman mehrfach gebrauchte Formulierung „Er findet sein Thema nicht“ ist hier mehr als zutreffend. Seine ganze Haltung zum Leben wirkt ziel- und planlos. Überraschend konfrontiert mit der Demenz-Krankheit seines Vaters stellt Konstantin fest, dass er eigentlich kaum etwas über seine Eltern, deren Familie und damit über seine Herkunft, sich selbst weiß. Ist das sein Thema? Das Verhindern des Vergessens, das Finden seiner selbst. Er stürzt sich jedenfalls darauf. Seine ungelenke, stolperhafte, manchmal hilfsbedürftige Art machte mir Konstantin sehr sympathisch. Als Mutter möchte man sich am liebsten gleich um ihn kümmern.

Jelena steht komplett im Gegensatz zu Konstantin. Sie ist eine starke Frau, wobei abgehärtet wahrscheinlich die bessere Formulierung ist. Diverse Schicksalsschläge mussten ohne die heute übliche Unterstützung der Familie verkraftet werden. Verdrängung und eine eigene Wahrheit sind Jelenas Strategie, um mit dem Unerträglichen fertig zu werden. Der seelische Zusammenbruch ist zeitweise ganz nah. Leider schafft Jelena es nicht, jedem ihrer Kinder die gleiche Liebe zuteil werden zu lassen, geschweige denn sie gleich zu behandeln. So geht das Schicksal der Mutter anteilig auch auf die Kinder über. Trotz ganz viel Verständnis für ihr Handeln aus der Not heraus, hadere ich in diesem Punkt mit Jelenas Charakter.

Alexander Osang hat mit seinem Roman ein ganzes Jahrhundert umspannt, vermittelt damit zwischen den Generationen. Dabei hat mir nicht nur die Thematik und ihre literarische Verarbeitung gefallen, sondern auch die Gestaltung des Buches. Die Vorsatzblätter sind mit der kartografischen Einordnung der Geschichte und Jelena Silbers Familienstammbaum versehen. Neben einem Namenverzeichnis am Anfang ist am Ende des Buches ein Inhaltsverzeichnis enthalten. Insgesamt also eine runde Sache, die ich nur weiter empfehlen kann.

Veröffentlicht am 31.07.2019

Einblick in die syrische Seele

Die geheime Mission des Kardinals
0

„Die geheime Mission des Kardinals“ ist nicht nur ein sanft langsamer, sehr nachdenklicher Krimi. Der Roman ist noch vielmehr. In einer philosophisch anmutenden Betrachtungsweise geht er auf diverse Elemente ...

„Die geheime Mission des Kardinals“ ist nicht nur ein sanft langsamer, sehr nachdenklicher Krimi. Der Roman ist noch vielmehr. In einer philosophisch anmutenden Betrachtungsweise geht er auf diverse Elemente bzw. Erscheinungen der syrischen Kultur ein. Kleine sympathische Angewohnheiten wie das Mokka-Trinken in allen Lebenslagen gehören genauso dazu wie auch hoch politische Themen, wie zum Beispiel die Ursachen des Terrorismus. Der Roman macht uns zudem bewusst, dass wir Europäer aus Unwissenheit zwangsläufig mit Muslimen anecken müssen. Wir kennen weder die verschiedenen Glaubensrichtungen, geschweige denn ihre Bedeutung und ihr Verhältnis untereinander, noch ahnen wir den Stellenwert, den der Aberglaube für die Menschen einnimmt. Darüberhinaus dürften den meisten von uns die Zusammenhänge in totalitären Systemen völlig fremd sein. Mit seinem Krimi gewährt uns Rafik Schami einen Einblick in die syrische Seele.

Vor dem gesellschaftspolitischen Hintergrund ermitteln nun der syrische Kriminalbeamte Barudi und der Italiener Mancini in einem heiklen Fall. Ein Kardinal wurde ermordet und in einem Fass Olivenöl an die italienische Botschaft in Damaskus übergeben. Beide sind ruhige, mir sehr sympathisch erscheinende Zeitgenossen, die sich gegenseitig perfekt ergänzen. Während Barudi durch seine langjährige Laufbahn bei der Kriminalpolizei sich bestens im Umgang mit Geheimdienst und Politik auskennt, ist Mancini mit einer Kombinationsgabe ausgestattet, die den beiden mit unorthodoxen Maßnahmen so manche Hintertür offen hält. Sie sind einfach ein perfektes Team.

Als wären der komplizierte Fall und der gesellschaftliche Aspekt nicht genug für ein literarisches Werk, krönt Rafik Schami seinen Roman mit sehr weisen Äußerungen, die sich prima zum zitieren eignen. Am besten hat mir das Folgende gefallen, weil es nicht nur allgemeingültig ist, sondern sehr genau die Grundaussage des Romans wiedergibt: „Sobald Fanatismus die Seele erobert, verkommt das Wissen zur toten Information, die keinen Einfluss mehr auf die Seele hat. So ist es auch mit dem Wohlstand. […] Sobald er eine gewisse Grenze überschreitet, macht er die Menschen dumm. Da kannst du manchen von ihnen im Fernsehen Gurken oder leidende Kinder zeigen, sie reagieren immer gleichgültig.“ (S. 350)

Fazit: Ich habe „Die geheime Mission des Kardinals“ gern gelesen. Ich mochte sowohl den Augen öffnenden Charakter des Romans wie auch den Wechsel zwischen Kapiteln, die sich mit dem Fall beschäftigen, und Kapiteln, die Barudis Tagebucheinträge widerspiegeln. Die literarische Aufbereitung hat mich regelrecht in den Roman hineingezogen, obwohl es kein reißerischer Pageturner im wörtlichen Sinne war. Das durchgehend hohe sprachliche und inhaltliche Niveau finde ich dermaßen ansprechend, dass ich die Lektüre nur empfehlen kann.

Veröffentlicht am 24.07.2019

Eher Krimi als Thriller

R.I.P.
0

Die Grundstory des dritten Falls von Kommissar Huldar und Psychologin Freyja ist schnell erzählt. Ein brutaler Mörder geht um. Bevor er zur Tat schreitet, müssen die Opfer um Verzeihung bitten, sich entschuldigen. ...

Die Grundstory des dritten Falls von Kommissar Huldar und Psychologin Freyja ist schnell erzählt. Ein brutaler Mörder geht um. Bevor er zur Tat schreitet, müssen die Opfer um Verzeihung bitten, sich entschuldigen. Zwei Jugendliche sind bereits in seine Fänge geraten. Schnelle Erfolge bei den Ermittlungen sollen weitere Opfer verhindern.

Obwohl höchste Konzentration zur Aufklärung der Morde angebracht wäre, sind die Ermittler gefangen in einer privaten Fehde. Durch ihre nicht konformen privaten Interessen ist ihr Zusammenwirken gehemmt, die Suche nach dem Mörder leidet. Ich mag es zwar ganz gern, wenn Kommissare ein bisschen „kaputt“ bzw. vom Leben gezeichnet sind, hier nimmt mir jedoch der private Background zu viel Raum ein. In meiner Wahrnehmung geht dadurch ein Großteil der möglichen Spannung verloren.

Trotzdem mochte ich Freyja und Huldar. Mit Freyja konnte ich mich gut identifizieren. Sie hat ein relativ normales Leben mit Problemen, die man gut nachvollziehen kann, mit denen ich mich teilweise auch schon auseinander setzen musste. Huldars etwas trotteliges Wesen und seine männlichen Schwächen machten mir ihn sympathisch. Weniger konnte ich Ersa leiden. Sie war mir übertrieben eingeschnappt, brauchte für mein Empfinden zu lange, um wieder etwas mehr Professionalität walten zu lassen.
Dadurch verlaufen die Ermittlungen zäh. Es dauert eine gefühlte Ewigkeit bis erste belastbare Anhaltspunkte gefunden werden. Dabei sind sie schon von Beginn an da. Zum Ende hin überschlagen sich dann die Ereignisse, die neben Motiv auch Täter offenbaren.

Schade finde ich, dass sowohl der Titel „R.I.P.“ als auch der Klappentext nicht hundertprozentig zum Inhalt passen. Wenn ich die Morde Revue passieren lasse, hat das weniger mit „Ruhe in Frieden“ als viel mehr mit „Fahr zur Hölle“ zu tun. Im Klappentext wird etwas erwähnt, was im ganzen Buch in dieser Form nicht wieder zu finden ist. Ich könnte mir vorstellen, der ein oder andere lässt sich davon vielleicht in die Irre führen und ist dann wohl möglich enttäuscht.

Fazit: „R.I.P.“ kann ich als soliden Krimi durchgehen lassen, das Prädikat Thriller würde ich nicht verleihen. Es gibt ein paar Spannungsmomente, für mich nicht genug. Da man Acht in seiner Erwartungshaltung geben muss, kann ich den Krimi nur eingeschränkt weiterempfehlen.