Profilbild von dr_y_schauch

dr_y_schauch

Lesejury Profi
offline

dr_y_schauch ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit dr_y_schauch über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 17.11.2021

Spannend und vielschichtig

Der rote Raum
0

Er ist, gelinde gesagt, bizarr, der Anblick, der sich Kommissarin Ingrid Nyström bietet: In einem luxuriösen Wohngebäude wird der grotesk zugerichtete Leichnam eines alleinstehenden, zurückgezogen lebenden ...

Er ist, gelinde gesagt, bizarr, der Anblick, der sich Kommissarin Ingrid Nyström bietet: In einem luxuriösen Wohngebäude wird der grotesk zugerichtete Leichnam eines alleinstehenden, zurückgezogen lebenden Informatikers gefunden. Dem Mann wurde das Herz entnommen und an dessen Stelle ein Stück seltenen Gesteins nicht-irdischen Ursprungs in den Brustkorb gelegt. Wie sich bald herausstellt, entkamen er und sein Bruder als Kinder nur knapp dem erweiterten Suizid seiner Eltern. Hat sein Bruder, der von dem traumatischen Erlebnis schwere geistige und seelische Schäden davongetragen hat und nun als kauziger Einsiedler im heruntergekommenen Elternhaus lebt, etwas mit dem Mord zu tun?
Zur gleichen Zeit verschlägt es Stina Forss, die nach dem letzten gemeinsamen Fall mit Ingrid nach Stockholm gezogen ist, nach Kiruna. Ein ebenso unbeliebter wie brutaler Automechaniker ist tot in seiner Werkstatt aufgefunden worden, begraben unter einer zusammengebrochenen Hebebühne. Die Werkstatt war von innen abgeschlossen, alle Fenster zu, von Fremdeinwirkung keine Spur – allem Anschein nach ein Unfall – wäre da nicht die fehlende Leber des Toten.
Hängen die beiden Fälle zusammen? Läuft ein psychopathischer Serienkiller durchs mittsommerliche Schweden, der seinen – gar willkürlich ausgewählten? – Opfern die Organe entnimmt, um – ja, was eigentlich? – damit zu tun? Ingrid und Stina beginnen, fieberhaft zu ermitteln: erstmals ohne einander und überdies mit ihren eigenen inneren Dämonen kämpfend.

„Der rote Raum“ ist der neunte Band der Krimireihe um die beiden Kommissarinnen Ingrid Nyström und Stina Forss – und, wie ich zugeben muss, mein erster. (Allerdings, so viel sei schon jetzt gesagt, nicht mein letzter!) Dem Autorenehepaar Voosen/Danielsson gelingt es vortrefflich, die kontrastreiche Atmosphäre zwischen dem sommerlichen, beschaulichen Småland einerseits und dem nordschwedischen Industriestandort Kiruna sowie den bizarren, verstörenden Begleitumständen der Mordfälle andererseits heraufzubeschwören, die in einem reizvollen Spannungsverhältnis zueinanderstehen. Zudem geben sie ihren Figuren den nötigen Raum, um ihren jeweiligen Charakter greifbar zu machen, ohne sich dabei in Details, Redundanzen oder Überflüssigem zu verlieren. Was mir ebenfalls ausgesprochen gut gefallen hat, war die Einbettung der Handlung in einen, nennen wir es, gesellschaftlich-schwedischen Zusammenhang: So wird Stina in Kiruna mit der Situation der Samen, ihrem geringen sozialen Status und den Vorurteilen und Diskriminierungen, denen sie sich oftmals ausgesetzt sehen, konfrontiert. Überhaupt wirkt der Roman in vielerlei Hinsicht sehr gut recherchiert, sodass ich neben der spannenden Story auch erstaunlich viele Denk- und Wissensimpulse erhielt, die übe reine gewöhnliche Krimilektüre weit hinausgehen. Mein einziger Wermutstropfen ist das Ende: Die Auflösung ist ohne jeden Zweifel überraschend und kreativ, wirkt dadurch aber leider auch etwas arg konstruiert. Nichtsdestotrotz bietet „Der rote Raum“ beste Krimiunterhaltung – und ich freue mich schon darauf, die übrigen Bände zu lesen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 17.11.2021

Unterhaltsam, doch teilweise beklemmend

Frau Shibatas geniale Idee
0

Frau Shibata hat ein abgeschlossenes Hochschulstudium. Frau Shibata verfügt über Berufserfahrung. Frau Shibata ist in keinerlei Hinsicht weniger qualifiziert, weniger erfahren, weniger belastbar als ihre ...

Frau Shibata hat ein abgeschlossenes Hochschulstudium. Frau Shibata verfügt über Berufserfahrung. Frau Shibata ist in keinerlei Hinsicht weniger qualifiziert, weniger erfahren, weniger belastbar als ihre – männlichen – Kollegen in der Verwaltung der Papierfabrik, in der sie arbeitet. Und doch ist es stets Frau Shibata, die unliebsame, lästige, anspruchslose Tätigkeiten in der Abteilung ausführen muss. Einzig, weil sie eine Frau ist. Als ihr eines Tages wieder einmal ein solcher Handlangerjob aufgetragen wird, platzt Frau Shibata – natürlich ganz leise und unbemerkt – der Kragen und ihr kommt die titelgebende geniale Idee: Frau Shibata weigert sich. Allerdings nicht als Akt offener Rebellion, sondern mittels einer Finte: Frau Shibata behauptet, schwanger zu sein. Und plötzlich gestaltet sich ihr Berufsleben vollkommen anders: Auf Frau Shibatas „Umstände“ wird Rücksicht genommen, die Aufgaben werden anders verteilt, Überstunden nicht mehr selbstverständlich vorausgesetzt. Da die Lüge nun einmal in der Welt ist, zieht Frau Shibata ihre vermeintliche Schwangerschaft gnadenlos durch, geht zur Schwangerschaftsgymnastik, findet unter den werdenden Müttern dort sogar Freundinnen. Plötzlich sieht sich die oftmals etwas einsame, von den meisten übersehene Frau Shibata in einer für sie gänzlich neuen Situation. Und eines ist klar: An ein Aussteigen oder gar Enthüllen der wahren Umstände ist nicht mehr zu denken, und Frau Shibata beginnt selbst an ihre Schwangerschaft zu glauben …

Die Grundidee von Emi Yagis Roman „Frau Shibatas geniale Idee“ (aus dem Japanischen von Luise Steggewetz) ist zweifellos äußerst reizvoll: Eine bis dato unauffällige junge Frau greift zu einer List, die nur ihr als Frau möglich ist, um sich im männlich dominierten Berufsumfeld zu behaupten, und ist dabei unbeirrbar. Emi Yagi erzählt die Geschichte ihrer Protagonistin auf eine hinreißend unaufgeregte und gleichzeitig eindringliche Art, die mich rasch in ihren Bann gezogen hat. Dabei gelingt es ihr, die patriarchalen Strukturen der japanischen Gesellschaft, ja die japanische Kultur ebenso subtil wie trocken zu charakterisieren. All das bereitete mir ein außerordentliches Lesevergnügen. Und doch las ich den Roman mit einer gewissen unterschwelligen Beklemmung ob des, sagen wir’s ehrlich, eigentlich unfassbaren Tricks, zu dem ihre Protagonistin greifen muss, um sich den Respekt zu verschaffen, den jeder Mensch verdient, um endlich als Person, als Mitarbeiterin, als Frau wahrgenommen, ernst genommen, für voll genommen zu werden. Das hatte für mich nur wenig mit dem diesem Roman vielerorts attestierten Feminismus zu tun, im Gegenteil. Desungeachtet ist „Frau Shibatas geniale Idee“ eine interessante Lektüre, die ihren Leser*innen nicht nur sehr gut unterhält, sondern auch auf betont leichtfüßige Art ein vielschichtiges, vielen vermutlich wenig vertrautes Gesellschaftssystem porträtiert.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 12.11.2021

Bezaubernd und überraschend nachdenklich

Bilder meiner besten Freundin
0

„Jedes Mädchen ist vernarrt in seine beste Freundin im Gymnasium und verliert sie dann, wenn es älter wird. Das ist ein unumgänglicher Prozess. Niemand hat jemals ein existenzielles Drama daraus gemacht.“ ...

„Jedes Mädchen ist vernarrt in seine beste Freundin im Gymnasium und verliert sie dann, wenn es älter wird. Das ist ein unumgänglicher Prozess. Niemand hat jemals ein existenzielles Drama daraus gemacht.“ (Pos. 6217)

Es gibt diese Freundschaften, wie man sie nur ein einziges Mal in seinem Leben hat: diese eine Person, diese eine Freundin, die einem näher steht, die mehr über einen weiß als jeder andere Mensch, der man blind vertraut – auch wenn sich gelegentlich leise Zweifel an der Loyalität und Zuneigung einschleichen.

Eine solche Freundin hat die damals fünfzehnjährige Elisa in der gleichaltrigen Klassenkameradin Beatrice gefunden. Dabei könnten die beiden Mädchen unterschiedlicher nicht sein: hier die verträumte, literaturversessene Eli mit der labilen Mutter, dem willensschwachen Bruder und dem bemühten, aber hilflosen Vater, dort die glamouröse, wunderschöne Beatrice aus einer der angesehensten Familien des Ortes, die überdies auf Bestreben ihrer Mutter eine Karriere als Model anstrebt. Bis es zu einem abrupten Bruch dieser scheint’s einzigartigen, unverbrüchlichen Freundschaft kommt. Sollte Eli sich die ganze Zeit in ihrer Freundin getäuscht haben?

Zwanzig Jahre später haben die beiden Frauen nach wie vor keinerlei Kontakt zueinander. Elisa ist alleinerziehende Mutter und muss jeden Cent dreimal umdrehen, Bea ist ein gefeierter internationaler Star, dessen traumgleiches Leben man täglich in den sozialen Medien verfolgen kann. Bis Bea erneut spurlos verschwindet und ausgerechnet Eli diejenige sein soll, die dem Verschwinden ihrer einstmals besten Freundin nachgeht.

Ich war anfänglich etwas unsicher, ob „Bilder meiner besten Freundin“ das Richtige für mich ist – oder ob ich nicht zehn, fünfzehn Jahre zu alt bin, um mich in die Geschichte der zwei ungleichen Freundinnen einzufinden. Dass mich der Roman indes rasch gefangen nahm, ist zum einen der wunderbaren Sprache Avallones (aus dem Italienischen von Michael von Killisch-Horn), den nachdenklichen, teils philosophisch anmutenden Betrachtungen der jugendlichen wie der erwachsenen Ich-Erzählerin Elisa zu verdanken, und zum anderen der Erzählung an sich: Eine besondere Freundschaft ist eine besondere Freundschaft, unabhängig vom Alter derer, die sie erleben, das wurde mir während der Lektüre klar. Und so fand ich mich erstaunlich oft in Elisa wieder, in ihren Gedanken und Gefühlen, ihren Ansichten und Zweifeln. Einen besonderen Reiz machte für mich der wunderbare Lokalkolorit des Romans, der in einer nicht näher bezeichneten italienischen Stadt am Meer spielt. Alles in allem war „Bilder meiner besten Freundin“ für mich eine bezaubernde Lektüre.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 06.11.2021

Ein in vielerlei Hinsicht phantastisches Leseerlebnis

Die nicht sterben
0

„Nun will ich Ihnen aber die blutrünstige Geschichte erzählen, die sich in B. zugetragen hat; ich rufe ihn als Zeugen auf, meinen Vorfahren Vlad den Pfähler, dessen Blut in meinen Adern fließt.“ (33)

Es ...

„Nun will ich Ihnen aber die blutrünstige Geschichte erzählen, die sich in B. zugetragen hat; ich rufe ihn als Zeugen auf, meinen Vorfahren Vlad den Pfähler, dessen Blut in meinen Adern fließt.“ (33)

Es hat sich viel, sehr viel verändert, seit die namenlose Ich-Erzählerin das letzte Mal in B. gewesen ist, jenem kleinen Ferienort bei Transsylvanien, in der sie als Kind ihre Sommerferien verbrachte. Was ihr einst malerisch und idyllisch erschien, ist nun heruntergekommen, vernachlässigt, irgendwie geschrumpft. Die meisten jungen Menschen haben das Städtchen verlassen, suchen ihr Glück in verheißungsvolleren Ländern Europas.
Doch plötzlich rückt B. in den Fokus internationaler Aufmerksamkeit: In der Familiengruft der Erzählerin wird das Grab Vlads des Pfählers entdeckt, jenes sagenumwobenen Fürsten – und ihres Vorfahren, darauf ein grausam zugerichteter Leichnam. Der ebenso findige wie windige Bürgermeister wittert die Chance, damit B. zu seinem alten Glanz zu verhelfen: Ein „Dracula-Park“ soll neuen Aufschwung in die Gemeinde bringen. Während er nach Investoren sucht und in fiebrige Geschäftigkeit verfällt, geht in der Erzählerin eine merkwürdige Veränderung vor sich, die mit einem bizarren nächtlichen Besuch ihren Anfang nimmt. Sollte die Vampirlegende ihres Ahnen doch mehr sein als nur eine gespenstische Fantasie?

Dana Grigorceas „Die nicht sterben“ bietet ein außergewöhnliches Leseerlebnis. Meisterhaft verwebt die Autorin die Legenden einer längst vergangenen Zeit mit der jüngeren Geschichte Rumäniens und deren Folgen für die Gegenwart. Durch die poetische Sprache, den suggestive Erzählstil und die Vermischung unterschiedlicher Zeit- und Wahrnehmungsebenen scheint die Erzählung der Realität enthoben zu sein. Sie entzieht sich jeder Zeit- und Genrezuschreibung, ist teils Phantasmagorie und erinnert damit im besten Sinne an klassische Schauergeschichten, in denen unvermutet das Unerklärliche die Wahrnehmung der Wirklichkeit verzerrt; gleichzeitig bildet sie das nur allzu realistische gesellschaftliche Porträt eines postkommunistischen Staates mit seiner ganz eigenen Form des „Vampirismus“ ab.

Ganz große Leseempfehlung!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 08.10.2021

Nostalgisch, ohne zu verklären

Die Kinder hören Pink Floyd
0

„Die Schwester sagt: ‚Wenn du konzentriert hochschaust an den Himmel, erscheint dort die Pyramide von Dark Side Of The Moon.‘“ (Pos. 550)

Samstags wird das Auto gewaschen und abends die „ZDF-Hitparade“ ...

„Die Schwester sagt: ‚Wenn du konzentriert hochschaust an den Himmel, erscheint dort die Pyramide von Dark Side Of The Moon.‘“ (Pos. 550)

Samstags wird das Auto gewaschen und abends die „ZDF-Hitparade“ geschaut. Wenn man essen geht, dann in den Balkan-Grill, ansonsten erfreut man sich an der effizienten Einbauküche. Gelegentlich fährt man nach Düsseldorf, geht zu Feinkost Münstermann und kauft Brot bei Hinkel – und manchmal, ja, manchmal auch „Vanilletee aus dem indisch-afghanischen Laden auf der Ratinger Straße“: Es sind die Siebziger Jahre in einer Düsseldorfer Vorstadt, der Ort und die Zeit, in der der 10-jährige Protagonist und Ich-Erzähler seine Kindheit verbringt.
Wer nun je
doch einen nostalgisch-seichten Ausflug in eine vermeintlich gute, alte Zeit befürchtet, darf seine Bedenken getrost vergessen. Ja, ein Hauch von Nostalgie lässt sich nicht abstreiten – insbesondere, wenn man selbst in etwa jener Zeit in einem Düsseldorfer Vorort aufgewachsen ist –, doch von Seichtheit kann dankenswerterweise keine Rede sein. Denn Alexander Gorkows Siebziger sind, durch die Augen seines Protagonisten betrachtet, eben nicht nur der Ort gepflegter Vorgartenidylle und die Zeit, da die Philipshalle noch Philipshalle hieß und die Mata-Hari-Passage mehr war als eine Erinnerung. Es ist zugleich die Ära unverhohlener Altnazis, Ohrfeigen verteilender Pfarrer, schikanierender Mitschüler und Contergan-geschädigter Kinder. Es ist ein von Monstern bevölkerter Ort, und die sind überall: unterm Bett, im Keller, einige von ihnen sind auch im Dorf unterwegs. Doch Gott sei Dank gibt es gute Freunde, eine großartige große Schwester – und die Alben von Pink Floyd.

„Die Kinder hören Pink Floyd“ ist eine sensible und melancholische, bisweilen heitere, aber nie idealisierende Hommage an eine vergangene Epoche. Eine große Leseempfehlung an alle, eine besondere Leseempfehlung an jene, die selbst Kinder der Siebziger sind – und ein Mustread für alle, die diese Zeit in und um Düsseldorf erlebt haben.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere