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Veröffentlicht am 12.05.2021

Die Magie des Bienenflüsterers

Das Flüstern der Bienen
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Ein bißchen Magie steckt in vielen Werken lateinamerikanischer Autoren, und Sofia Segovias "Das Flüstern der Bienen" macht da keine Ausnahme. Episch und farbenfroh ist die Geschichte einer mexikanischen ...

Ein bißchen Magie steckt in vielen Werken lateinamerikanischer Autoren, und Sofia Segovias "Das Flüstern der Bienen" macht da keine Ausnahme. Episch und farbenfroh ist die Geschichte einer mexikanischen Großbesitzerfamilie aus der Zeit der Revolution und ihres Findelkindes Simonopio. Die Amme des Haziendero, die schon dessen Vater aufgezogen hatte und mit den Jahren immer mehr an eine in sich ruhende, steinerne Figur erinnert, hat sich zum ersten Mal seit langem aus ihrem Schaukelstuhl erhoben und unter einer Brücke ein offenbar ausgesetztes Neugeborenes gefunden, das ganz von einem Schwarm Bienen bedeckt wurde. Der Anblick des Jungen, dessen Mund durch einen gespaltenen Oberkiefer entstellt ist, entsetzt abergläubische Landarbeiter - der Patron Francisco aber zieht Simonopio als sein Patenkind auf. Für den kleinen Francisco, den Jahre später geborenen Sohn des Landbesitzers, wird er ein enger Freund und großer Bruder werden.

Simonopio kann aufgrund der Kiefer-Fehlbildung nicht sprechen - jedenfalls nicht so wie andere. Doch er hat Fähigkeiten, die übersinnlich erscheinen - nicht nur in der Kommunikation mit den Bienen, er scheint auch zu spüren, wenn den Menschen, die er liebt, Gefahr droht.

Segovia beschreibt ein Mexiko des Wandels. Im Norden, in Texas, werden schon Traktoren auf den Feldern eingesetzt und auch der Haziendero liebäugelt mit moderner Technik. Zugleich herrscht Bürgerkrieg, die Sorge um Frauen und Töchter vor einer Soldateska prägen das Leben von Besitzenden wie Besitzlosen. Und es gärt in der Gesellschaft, landlose Landarbeiter wollen sich das Land nehmen. Es ist ein Konflikt, der am Ende auch Franciscos Ländereien erreichen wird.

Mit der Schilderung der Spanischen Grippe und ihrer Auswirkungen ist der Autorin ein besonders eindringlicher Abschnitt in ihrem Buch gelungen, der angesichts der Coronapandemie besonders beklemmend ist. Denn in einer Zeit, als sowohl Gesundheitswesen als auch Infektionsschutz schwach entwickelt waren, war das große Sterben dramatisch. Die Hazienda entgeht dem Schicksal vieler Nachbarn, dank Simonopias geheimnisvoller Ahnungen. Doch die Welt nach der Epidemie ist für alle eine andere.

"Das Flüstern der Bienen" ist ein Buch, bei dem man beim Lesen Honig schmeckt, Orangen riecht und das Summen der Bienen zu hören glaubt - voll menschlicher Wärme, Opulenz und einer generationsüberspannenden Familiengeschichte voller Liebe, Tragik und Umbrüche.

  • Cover
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  • Handlung
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Veröffentlicht am 08.05.2021

Der lange Schatten des libanesischen Bürgerkriegs

Der schwarze Sommer
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Der Tod eines weit über 80-jährigen Politikers würde normalerweise die üblichen Routine-Nachrufe nach sich ziehen. In Gard Sveens "Der schwarze Sommer" dagegen erhält der Polizist Tommy Bergmann den ...

Der Tod eines weit über 80-jährigen Politikers würde normalerweise die üblichen Routine-Nachrufe nach sich ziehen. In Gard Sveens "Der schwarze Sommer" dagegen erhält der Polizist Tommy Bergmann den Auftrag, diskret zu ermitteln. Denn Leif Wilberg, ehemaliger Botschafter im Libanon, wird durch eine Autobombe getötet. Seine wesentlich jüngere Frau Hanna, die er einst in Beirut während des Bürgerkriegs kennengelernt hatte, ist verschwunden. Einzige Spuren, Tage später: Ein Koffer und Blut, das Hanna zugeordnet werden kann, in einem einsamen Ferienhaus in Dänemark.

Für Bergmanns Vorgesetzte ist die drängende Frage nicht allein, wer für den Tod Wilbergs verantwortlich ist und was mit Hanna geschehen ist, die immerhin als Außenministerin einmal eine prominente Politikerin war - bis sie wegen allzu großer Nähe zur Hamas spektakulär zurücktreten musste. Für die Nachrichtendienste ist viel interessanter: wer ist der russische Spion, der vermutlich damals in Beirut rekrutiert wurde und den Norweger, Israelis und Amerikaner bisher nicht enttarnen konnten? Verdächtig sind alle, die seinerzeit in Beirut die kleine Gruppe norwegischer Diplomaten, Journalisten und Helfer stellten. So war Hanna Krankenschwester in den palästinensischen Flüchtlingslagern, eine überzeugte Kommunistin und scharfe Kritikerin Israels, gerade angesichts der Verbrechen falangistischer Milizen, die für die Israelis die schmutzige Arbeit erledigten.

Schon mit dem Titel "Der schwarze Sommer" zieht Sveen die Linie zur Geschichte von Gewalt und Terror im Nahen Osten: Schwarzer September war der Name der Terrorgruppe, die für das Münchner Olympiaattentat und die Geiselnahme israelischer Sportler verantwortlich war. Wie man heute weiß, gab es Verbindungen zur Al-Fatah, dem militärischen Arm der PLO, die wiederum in den frühen 80-er Jahren ihren Sitz im Libanon hatte.

Sveen lässt die Erzählhandlung zwischen der Zeit des Bürgerkriegs und dem Jahr 2017 wechseln. Die kleine Gruppe der Norweger, die damals angesichts der Umstände eng zusammengeschweißt war, hat heute nur teilweise Gemeinsamkeiten, es gibt tiefe politische Gräben und Mutmaßungen. War Hanna, die damals wochenlang entführt war, einer Gehirnwäsche unterzogen worden und insgeheim eine PLO-Aktivisitin? War Wilberg am Ende gar nicht der Israel-Kritiker, als der er galt? Wer hatte ein Interesse am Tod des Diplomaten?

Ähnlich wie im Berlin oder Wien des kalten Krieges galt auch Beirut als eine Stadt, in der sich die verschiedenen Nachrichtendienste und ihre Agenten tummelten. Kommen nun, Jahrzehnte später, Geheimnisse ans Tageslicht, die ein Grund zum Morden sind? Dass Sveen als norwegischer Le Carré bezeichnet wird, ist da durchaus passend. Und wie der Altmeister des intelligenten Agentenromans versteht auch er sich auf das doppelte Spiel und die Hintergründigkeiten, die sich erst am Ende zusammenfügen.

Ein spannender Agententhriller über ein mittlerweile schon fast in Vergessenheit geratenes Kapitel des Nahostkonflikts, in dem besonders die Szenen aus dem von Gewalt und Bürgerkrieg geprägten Beirut der 80-er für ein eindringliches Leseerlebnis sorgen.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
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Veröffentlicht am 06.05.2021

alles dosha?

Heilsam kochen mit Ayurveda
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Beim Kochen und Essen gehe ich zwar oft und gerne Experimente ein aber ganz ehrlich, bei den Begriffen ayurvedisch und heilsam bin ich dann doch erst mal zurückgezuckt. Da dachte ich erst mal an Berichte ...

Beim Kochen und Essen gehe ich zwar oft und gerne Experimente ein aber ganz ehrlich, bei den Begriffen ayurvedisch und heilsam bin ich dann doch erst mal zurückgezuckt. Da dachte ich erst mal an Berichte von Kolleginnen über Detox-Kuren, bei denen der Tag mit Zungenschaben und Darmspülung begann. Klang irgendwie nicht so wie Urlaub, den ich meine.

Andererseits: ich liebe asiatische Küche und bin überzeugt, dass der ganzheitliche Ansatz traditioneller chinesischer Medizin, von Yoga und ähnlichen Traditionen auf lange und erfolgreiche Erfahrung zurückblicken können. Und Gesundheit spielt für mich bei der Ernährung eine ganz wesentliche Rolle.

In "Heilsam kochen mit Ayurveda" haben sich mit dem Mediziner Dietrich Grönemeyer und dem Ernährungsberater Volker Mehl zwei Autoren zusammengetan, die auf Ganzheitlichkeit setzen. Zunächst einmal gibt es ordentlich Theorie: Die Doshas im Lauf der Jaheszeiten, die Bioprinzipien des Ayurveda, wo der Tag in sechs Zeitabschnitte eingeteilt wird, das Gleichgewicht von Vata, Pitta und Kapha im menschlichen Körper. Klingt erst mal kompliziert, ist aber durchaus nachvollziehbar. Dass je nach Tages- und Jahreszeit Allgemeinbefinden und Stoffwechsel ganz unterschiedlich sein können, hat schließlich jeder von uns schon gemerkt.

Die Auflistung verschiedener Lebensmittel nach ihren jeweiligen Vitalstoffen und ihrer Bedeutung für den Körper ist sicherlich allen vertraut, die sich schon mal mit "Superfoods" auseinandergesetzt haben oder der Frage, welche Lebensmittel etwa bei einer Ernährungsumstellung besonders gut für den Organismus sind. Überraschung: Auch unter ayurvedischen Gesichtspunkten kommt man bei Fenchel oder Heidelbeere, Hirse oder Spinat zu ähnlichen Ergebnissen.

Kohlenhydrate sind in diesem Buch kein no-go wie in manch anderem Ernährungsratgeber, Hirse, Dinkel, oder Gerste sind im Rezeptteil sowohl in süßer wie herzhafter Form vertreten. Einen Satz wie: Wir möchten Sie animieren, mit vielen Gewürzen zu experimentieren muss man mir auch nicht zweimal sagen. Geschmacksnerven zum Leuchten bringen? Aber hallo, da bin ich doch gerne dabei. Ungewohnt ist dagegen die Vorstellung, dass die erste Mahlzeit des Tages warm und leicht verdaulich sein soll. der Becher schwarzen Kaffees, an dem ich morgens nippe, ist damit offenbar nicht gemeint. Wobei die Aprikosen Kokos-Graupen mit gerösteten Graupen, das herzhafte Hirse-Kichererbsen Frühstück oder die Dattelpfannkuchen mit Birnen-Kokos-Kompott zwar deutlich aufwändiger klingen als alles, was ich mir so zum Frühstück mache, aber auch ausgesprochen lecker . Schon allein die Bilder der Gerichte machen Lust aufs Kochen und Schmecken.

Werde ich künftig ayurvedisch in den Tag starten? Der Morgenmuffel in mir ist da ein bißchen skeptisch. Aber die Gerichte, die ich schon ausprobiert habe, haben mich wirklich überzeugt. Die leichten Mittagessen sind auf jeden Fall etwas für mich, wie etwa der kross gebratene Blumenkohl mit karamelisierten Zwiebeln und Kräuterquark - seeehr lecker! und auch das Curry-Zuckerschoten-Risotto trifft ganz meine Geschmackslinie. Oder, um ein Beispiel des leichten ayurvedischen Abendessens zu nehmen: Süßkartoffelstampf mit Spinat, Ziegenfeta, Radieschen und Pinienkernen.

Ich kann wirklich sagen, dass es kaum ein Rezept in diesem Buch gibt, bei dem ich keine Lust zum ausprobieren habe, mal abgesehen vom rote Bete-Süppchen usw. Sonst aber bin ich von den Möglichkeiten begeistert, für die auch nicht erst ein shopping-trip in ein Spezialitäten-Lebensmittelgeschäft nötig ist. Für mich steht fest, dass so manches davon auch bei mir auf den Tisch kommt. Möglicherweise nicht immer zu den Zeiten, die das Ayurvedaprinzip dafür vorsieht.

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Veröffentlicht am 14.04.2021

Von Recht und Gerechtigkeit

Die Wahrheit der Dinge
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Schuld, Gerechtigkeit und irgendwo dazwischen steht das Gesetz. In Markus Thieles Justizroman "Die Wahrheit der Dinge" geht es um einen Richter in privater und beruflicher Krise, den Vorsitzenden einer ...

Schuld, Gerechtigkeit und irgendwo dazwischen steht das Gesetz. In Markus Thieles Justizroman "Die Wahrheit der Dinge" geht es um einen Richter in privater und beruflicher Krise, den Vorsitzenden einer Strafkammer, der plötzlich an sich und seiner Urteilsfähigkeit klagt, während sein jüngstes Urteil nicht nur eine mögliche Revision durch den Bundesgerichtshof, sondern auch eine Familienkrise heraufbeschwört.

Es wäre das fünfte Urteil, das der BGH kippt - für Frank Petersen ein Grund, plötzlich alles zu hinterfragen. Ist er voreingenommen, wie seine Frau es ihm vorwirft? soll er erst einnal eine gesundheitlich begründete längere Auszeit nehmen, wie seine Gerichtspräsidentin ihm vorschlägt?

"Die Wahrheit der Dinge" ist kein Justizthriller a la Grisham, wie ja auch ein Strafprozess in einem deutschen Gerichtssaal nicht dem Schlagabtausch wie in den USA oder in Großbritannien gleicht, wo die Prozessbeteiligten eine Gruppe Geschworener von ihrer Sichtweise überzeugen müssen. In einer Strafkammer, in der die professionellen Richter die Mehrheit haben, geht es deutlich spröder zu - auch wenn die Fälle spektakulär sein können. Der Autor ist selbst Rechtsanwalt - mit den Fragen um Schuld und Sühne kennt er sich also ebenso aus wie mit dem Ringen um die Wahrheit vor Gericht. In diesem Buch liegt der Schlüssel zu den großen Fragen oft in den kleinen Einzelheiten - und im Hinterfragen der eigenen Person, wie Petersen lernen muss.

"Unabhängig und nur dem Gesetz unterworfen" soll das Urteil sein, dass ein Richter im Namen des Volkes spricht. In einem wenige Jahre zurückliegenden Fall Petersens hatte die Kammer diese Möglichkeit nicht. Denn am Tag der Urteilsverkündung, dem Tag des letzten Wortes des Angeklagten hat die Nebenklägerin eine Waffe gezogen und den Mann, dem die Schuld am Tod ihres Sohnes vorgeworfen wurde, erschossen.

"Es war geschehen, was niemals geschehen durfte, eine Situation, die auf Anhieb tausend Fragen aufwarf. Doch so unvorstellbar und belastend diese Minuten auch waren, an ihn, den Vorsitzenden der großen Schwurgerichtskammer, stellte man Erwartungen, auch in einem solchen Moment. Er war der Chef, er musste Entscheidungen treffen", erinnert sich Petersen an einer Stelle des Buches an den blutigen Zwischenfall.

Corinna Maier, die Frau, die den Mörder ihres Sohnes erschoss, wurde wegen Totschlags verurteilt. Als sie entlassen wird, holt Petersen sie im Gefängnis ab. Nicht nur, um ihr das Spießrutenlaufen durch die vor dem Gefängnistor wartenden Kamerateams zu ersparen. Mit diesem Fall, so schildert er der Gefängnisdirektorin, sei der Zweifel gekommen, nichts habe mehr Gültigkeit. Meine Urteile sind Mist, mein Sohn spricht nicht mehr mit mir, und jetzt ist mir auch noch die Frau davongelaufen."

Doch bis sich ein zerbrechliches Vertrauen und ehrliches Gespräch zwischen Petersen und Maier, einer verschlossenen und verbitterten Frau, aufbaut, dauert es. Die Suche nach der Wahrheit ist hier nicht allein Sache eines Gerichtsverfahrens, sondern auch im Zwischenmenschlichen - zwischen Petersen und Corinna Maier, aber auch zwischen dem Richter und seiner Frau, seinen Kollegen und nicht zuletzt sich selbst gegenüber.

Das Buch verläuft auf zwei Zeitebenen - in der Gegenwart geht es um den Richter in der Krise, in der Vergangenheit seit 1989 um das Leben der Medizinstudentin Maier, die sich in einen schwarzen südafrikanischen Doktoranden Steve verliebt. Sie träumen von einer gemeinsamen Zukunft, die sie auch die Trennung überstehen läßt, als ihr Freund an einer Außenstelle der Charité in Eberswalde forschen kann. Doch wenige Tage vor der Geburt des gemeinsamen Sohnes gerät er mit zwei anderen Afrikanern in die Hände eines Mobs von Rechtsextremisten, die "Neger klatschen" wollen. Einer springt mit seinen Springerstiefeln auf den Kopf des schon am Boden Liegenden. Steve stirbt nach mehreren Tagen im Koma - der Fall erinnert an Amadeu Antonio Kiowa, der 1990 in Eberswalde eines der ersten Opfer rassistisch motivierter Gewalt in Deutschland wurde.

Nach Steves Tod hat Corinna ihr Medizinstudium aufgegeben, lebt als alleinerziehende Mutter prekär, macht sich zunehmend Sorgen um ihren Sohn und seine ungeklärten Geldquellen. Bis eines Tages die Polizei vor der Tür steht - Jo sei unter verdächtigen Umständen an einer Überdosis Heroin gestorben, die ihm wohl gewaltsam verabreicht worden sei. Wie es dazu kam, erschließt sich allmählich, während immer wieder auch Petersen Rechtfertigungsversuche für sein eigenes Verhalten im Prozess unternimmt.

Unabhängig und nur dem Gesetz unterworfen sollen Richter entscheiden, doch im Fall gegen die Mörder von Steve standen die Richter unter dem Einfluss der Angst, die die Freunde des Angeklagten, im Prozesssaal verbreiteten. War diese Erfahrung, die Beschimpfung als "Negerschlampe", die Enttäuschung über ein vergleichsweise mildes Urteil der Auslöser für Mayers spätere Tat?

"Die Wahrheit der Dinge" erzählt eher spröde, still und unspektakulär, doch es geht um die großen Fragen von Schuld und Gerechtigkeit. Der Fall der Selbstjustiz übenden Mutter ist ebenfalls an die wahre Geschichte von Marianna Bachmeier angelehnt, die den Mörder ihrer kleinen Tochter erschoss. Indem der Autor den Justizroman in einen Zusammenhang mit rechtsextremistischer Gewalt und strukturellem Rassismus rückt, erfährt er noch zusätzliche Aktualität.

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Veröffentlicht am 11.04.2021

Detroit Noir

Der gekaufte Tod
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Mit seinem Buch "Der gekaufte Tod" hat Stephen Mack Jones für mich einen Krimi mit Wow-Effekt geschrieben: Tough und hart, doch zugleich mit Wärme und Menschlichkeit, mit einem interessanten Protagonisten ...

Mit seinem Buch "Der gekaufte Tod" hat Stephen Mack Jones für mich einen Krimi mit Wow-Effekt geschrieben: Tough und hart, doch zugleich mit Wärme und Menschlichkeit, mit einem interessanten Protagonisten und einem Plot, in dem es um Korruption, Machtmissbrauch und den drohenden Untergang einer Stadt geht, ohne zu beschönigen oder zu resignieren. Geschrieben in einem lakonischen Stil, der manchmal von düsterer Poesie durchsetzt ist, ein Krimi Noir, der Schablonen vermeidet und atmosphärisch dicht ist, dazu spannend bis zum Schluss.

In einer Stadt, aus der die wohlhabenden Weißen fliehen und in der sich die Latinos und die Afroamerikaner nicht gegenseitig über den Weg trauen, ist August Octavio Snow ungewöhnlich: Die Mutter stammte aus Mexiko, der Vater ein schwarzer Cop, der aus dem tiefsten Süden stammte und sich den Respekt der Nachbarn in Mexicantown erwarb.

Auch August wurde nach seinem Dienst bei den Marines in Afghanistan Polizist, doch das ist Vergangenheit. Nach seiner Klage gegen seine Entlassung - er ermittelte gegen korrupte Kollegen bei der Polizei und in der Politik - ist er zwölf Millionen Dollar reicher und kehrt nach einem Jahr auf Reisen zurück in seine Geburtsstadt und nach Mexicantown in das Haus, in dem er aufgewachsen ist. Inzwischen hat er hier nur noch die Gräber seiner Eltern.

Kurz darauf bittet ihn die Großunternehmerin Eleanor Padget, Vorkommnisse in ihrer Bank zu untersuchen. Das lehnt Snow up. Wenige Tage später ist die Frau tot, angeblich Selbstmord. Snow allerdings will nicht daran glauben. Ohne Auftrag oder Polizeimarke ermittelt er auf eigene Faust, versucht, über einen Hacker herauszufinden, ob etwas an der Bank verdächtig ist. Schnell stellt er fest, dass sowohl der CEO der Bank als auch FBI und Polizei nicht glücklich sind über seine Schnüffelei. Snow wird bald klar, dass er in mehr als ein Wespennest gestochen hat - und nicht nur sein Leben ist bald in Gefahr.

Mit einem alten Freund und einem Ex-Soldaten, der noch seine Rolle im zivilen Leben sucht, muss sich Snow gegen Widersacher wehren und das Leben von Eleanore Padgets Tochter schützen. Gewissermaßen als Schwert in Gottes linker Hand, wie es an einer Stelle heißt. Wobei Snow auch im Rechtschaffenheit bemüht ist, das Viertel seiner Kindheit nicht aufgeben und Gangs und Drogen überlassen will. Ein jugendlicher Kleinkrimineller wird zu einem Projekt für ein anderes Leben und auch die mexikanische Familie mit problematischem Aufenthaltstatus beschäftigt den Ex-Polizisten.

Es passt irgendwie, dass der große Showdown diese Detroit noir-Krimis ausgerechnet zwischen den katholischen Feiertagen Allerheiligen und Allerseelen stattfindet. Die Noche de los muertes, in der die Mexikaner ihrer Toten gedenken, an den Gräbern das Leben feiern, ist hier eine Nacht, in der vieles enden kann.

Stephen Mack Jones nimmt seine Leser mit auf eine tour de force durch Detroit, mit immer wieder neuen Wendungen, mit reichlich Gewalt aber auch einer Perspektive einer gewissen Hoffnung. Und ich hoffe definitiv, mehr von diesem Autor zu lesen.

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