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Veröffentlicht am 19.08.2020

Vielschichtig und atmosphärisch erzählt Kim eine Geschichte, die Moral und Ethik in Frage stellt und menschliche Tiefpunkte aufdeckt.

Miracle Creek
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‚Miracle Creek‘ von Angie Kim hat mich sehr eingenommen. Fesselnd, vielschichtig und atmosphärisch erzählt die Autorin von einer Gruppe Personen, die vor allem eines verbindet: ihre Geheimnisse und der ...

‚Miracle Creek‘ von Angie Kim hat mich sehr eingenommen. Fesselnd, vielschichtig und atmosphärisch erzählt die Autorin von einer Gruppe Personen, die vor allem eines verbindet: ihre Geheimnisse und der Versuch, sie nicht ans Licht kommen zu lassen. Während einer Gerichtsverhandlung werden die Ereignisse nach und nach aufgedeckt, aus dem Leben der Charaktere erzählt und damit eine interessante Geschichte gesponnen, die Moral und Ethik in Frage stellt und menschliche Tiefpunkte aufdeckt.


Der Gerichtsverhandlung liegt die Explosion eines Sauerstofftanks zugrunde, aus dem, über einen Schlauch, reiner Sauerstoff in eine Druckkammer geleitet wurde. Diese, auch in Deutschland von der Schulmedizin anerkannte Behandlungsmethode, die sogenannte HBO-Therapie, wird bei diversen Erkrankungen eingesetzt. Nach der Explosion und dem Vorwurf der Brandstiftung, ist die Schuldige schnell gefunden: Elizabeth, die an diesem Tag unter einem Vorwand nicht mit ihrem Sohn Henry in der Druckkammer saß und der unter grausamsten Umständen gestorben ist. Die Indizien gegen Elizabeth sprechen eine eindeutige Sprache: sie hat ihren Sohn ermordet. Doch was passiert, wenn nach und nach all jene Geheimnisse an die Oberfläche kommen, die ein ganz anderes Licht auf die Vorkommnisse werfen?


Angie Kim hat einen komplexen Roman geschrieben, der mich anfangs vor allem aufgrund der Vielzahl der Involvierten verwirrt hat. Doch nachdem ich zugeordnet hatte, wer zu wem gehört und in welchem Verhältnis alle zueinander stehen, konnte ich vollends eintauchen. Ein personaler Erzähler folgt allen Charakteren, die in irgendeiner Art und Weise eine Rolle spielen. Dadurch erhalten wir als Leser einen tiefen Einblick einerseits in die Ereignisse, die zu dem Brand geführt haben, andererseits in das Leben der Handelnden mit ihren unterschiedlichen Problemen. Wichtige Themen des Buches sind dabei Autismus und seine Ausprägungen und der Versuch, mithilfe der HBO-Therapie das Leben der betroffenen Kinder zu verbessern, die Probleme einer aus Korea eingewanderten Familie bezüglich Integration, Sprache und Rassismus oder auch der nicht erfüllte Kinderwunsch eines Ehepartners und wie daran eine Beziehung zerbrechen kann. Diese Vielzahl der Themen und die Unterschiedlichkeit der Charaktere schaffen Abwechslung und Spannung, da Kim immer nur gerade so viel verrät wie gerade notwendig ist, um die Handlung ein Stück voranzubringen und den Knoten aus Lügen minimal mehr zu entwirren.


Im Zuge des Gerichtsprozesses, der auch durch geschickte Fragestellung der Anwälte immer neue Details ans Tageslicht bringt, rollt die Autorin die Geschichte von hinten auf und zeigt dadurch, oftmals schockierend, wie wir Menschen sind. Was wir uns für eine Sekunde wünschen und in der nächsten schon wieder bereuen. Wie wir reagieren, wenn wir nicht mehr weiterwissen. Grob, verletzend, schreiend. Ich habe mich beim Lesen zwar nicht dabei ertappt, schon mal dasselbe gedacht oder getan zu haben, doch jeder von uns wird bisweilen in der Situation gewesen sein, in der er oder sie sich etwas wünscht, das böse ist, gemein oder ungerecht. Wenn auch nur für einen kurzen Augenblick, um danach mit schlechtem Gewissen zur Tagesordnung zurückzukehren. Und wenn wir uns kurz etwas Falsches denken, dann heißt das noch lange nicht, dass wir das wirklich wollen oder gar in die Tat umsetzen. Denn wir sind keine schlechten Menschen, sondern menschlich und nicht perfekt.


Spannend geschrieben und aufgebaut ist ‚Miracle Creek‘ kein Krimi oder Thriller, sondern fesselt mit Geheimnissen, Lügen, Neid, Verrat und Missgunst. Und offenbart dabei viel Menschlichkeit – im positiven wie im negativen Sinne. 5 Sterne.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 19.08.2020

Faszinierende Welt, spannende Geschichte mit viel Gewalt und Grausamkeiten. Und Sex. Viel Sex. Mir fast schon zu viel.

Die Quellen von Malun - Blutgöttin
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'Blutgöttin‘ ist der Auftakt zu Daniela Winterfelds Trilogie ‚Die Quellen von Malun‘. Ich habe mir tatsächlich ziemlich viel erwartet und wurde auch nicht enttäuscht. Fantasy für Erwachsene, düster, blutig, ...

'Blutgöttin‘ ist der Auftakt zu Daniela Winterfelds Trilogie ‚Die Quellen von Malun‘. Ich habe mir tatsächlich ziemlich viel erwartet und wurde auch nicht enttäuscht. Fantasy für Erwachsene, düster, blutig, mit einem tollen Worldbuilding und ganz viel Sex, mir fast schon zu viel. Nichtsdestotrotz war ich fasziniert von der Geschichte, der Welt und den Charakteren.

Daniela Winterfeld Schreibstil ist sehr einnehmend. Auch bei grausigen Szenen nimmt sie kein Blatt vor den Mund, ohne zu sehr ins Detail zu gehen. Es wird zwar viel der Fantasie überlassen, aber ich könnte mir vorstellen, dass LeserInnen, die derartige Gewalt nicht erwarten, davon abgeschreckt werden könnten. Man darf sich hier keine schöne Fantasygeschichte erhoffen, denn es gibt Krieg, Tod und Verheerung. Und Sex. Viel Sex, mir fast schon zu viel. Irgendwann war es einfach nur ermüdend, immer wieder irgendwelche Paare beim Stelldichein zu beobachten und mir kam es vor als würde Begierde und Lust voll ausgelebt werden, egal mit wem.

Der Weltenbau und das darin herrschende Gesellschaftssystem sind sehr komplex. Drei Sonnen, differierende Zeitrechnungen, verschiedene Götter, unterschiedliche Völker und eigene Sprachen zeigen die Vielfältigkeit Ruanns und lassen mich nicht nur einmal eine Karte vermissen. Das Land wird größtenteils als ausgetrocknet beschrieben, ohne Wasser und ohne Leben außerhalb von Oasen und Städten. Nur oberhalb eines riesigen Waldgürtels sind drei Länder, die vom dominierenden Reich Sapion noch verschont wurden. Doch aufgrund der Wasserknappheit wird sich das Blatt bald wenden.. Die Sapioner kosten ihre Herrschaft in den besetzten Gebieten voll aus, die Schwächeren müssen mit Folter, Vergewaltigungen und Spott ihr klägliches Dasein fristen. Sei es in einem Wasserbergwerk oder sogar im sapionischen Heer, ist man nicht Teil der herrschenden Kaste ist das Leben alles andere als leicht. Homosexuelle Männer werden als ‚Stummelweib‘ bezeichnet, Frauen sind nur dazu da, um Kinder zu bekommen. Ein menschenunwürdiges System, von dem die profitieren, die reich sind oder eine hohe Stellung haben.

Die Geschichte selbst beginnt mit einem Prolog, der schon gleich zu Beginn offenbart, welche Grausamkeiten den Leser erwarten. Bei dieser Storyline um die Blutgöttin Sapia, die sich von blonden Mädchen mit blauen Augen nährt, ist noch nicht wirklich erkennbar, wie sie sich in die anderen Handlungsstränge einfügen wird. Sie scheint übergeordnet zu den anderen und zeigt, von welchem Schlag das Reich Sapion ist, welches im Namen der Blutgöttin ihre Kriege führt. Anschließend folgen wir vier Charakteren, die mit unterschiedlichen Problemen zu kämpfen haben.

Alia war Bewohnerin Südfaruas, jetzt ein besetztes Reich. Sie wurde versklavt und hat ihren Dienst in einem Wasserbergwerk zu verrichten. Ihre Eltern verlor sie beim einem Unfall in jenem Bergwerk. Sie ist nun der Willkür der sapionischen Wächter ausgeliefert, wobei ein Trick ihrer Mutter ihr immer noch Schutz bietet. Sie hat einen starken Gerechtigkeitssinn und setzt sich für die Schwachen ein – wenn sie dabei auch sehr vorsichtig ist, riskiert sie doch mit jeder Handlung ihr Leben. Durch sie lernen wir das harte und grausame Leben in einer Sklavenkolonie kennen, erleben mit, wie Menschen in der prallen Hitze an den Pranger gestellt werden, einfach nur, weil sie zu schwach sind, weiterarbeiten zu können. Die Schilderungen sind teilweise richtig schlimm und nichts für Zartbesaitete. Alia plant natürlich die Flucht, doch sie hütet ein Geheimnis, das ihr alles bedeutet und sie noch zurückhält.

Dorgen ist Hauptmann im sapionischen Heer. Sein Handlungsstrang spielt nur anfangs im Soldatenlager, aber sein weiteres Schicksal würde hier zu viel verraten. Er hat sich seine Freundlichkeit gegenüber den Menschen bewahrt, sein Mitleid gegenüber den Schwächeren. Er versteckt es gut, denn diese Eigenschaften sind nichts, was man im Heer gerne sieht. Dorgen blieb für mich jedoch am unnahbarsten, ich als Leser hatte das Gefühl, ihn nie wirklich kennenzulernen.

Feyla ist als Sippenschweister Teil eines Systems, das so verabscheuungswürdig wie faszinierend ist. Alle drei Jahre kämpfen im Rahmen einer sogenannten ‚Auslese‘ sapionische Männer in einem bestimmten Alter gegeneinander. Die drei Gewinner der einzelnen Kasten dürfen dann eine Sippe heiraten, die aus 5 bis 7 (Halb-)Schwestern besteht, die das 12. Blutjahr erreicht haben. Wird die Sippenschwester innerhalb des ersten Ehejahrs nicht schwanger, hat der Ehemann sie in der Wüste auszusetzen. Die Mädchen sind also nichts als Brutkästen und haben als Frauen sowieso keinerlei Rechte. Feyla ist die Lieblingstochter ihres Vaters, als oberster Berater des Herrschers Rabanus Sapion zweitmächtigster Mann des Reiches, doch nicht in der Weise, in der man sich das vielleicht vorstellen mag.. Ihre Schwestern und Tanten mögen sie nicht und sie muss deshalb viel Häme, Spott und Verleumdungen ertragen. Sie erträgt sie stoisch und findet in einem Sklavenmädchen ihre einzige Freundin.

Schließlich folgen wir noch Tailin, der zu Beginn mit Dorgen Teil des Heeres ist. Doch als er zufällig von den Kriegsplänen seiner Heeresführung mitbekommt, desertiert er und möchte diejenigen warnen, die unter den Plänen am meisten zu leiden haben. Tailin entpuppt sich als der interessanteste Charakter seine Herkunft betreffend, auch wenn er zu Beginn noch unscheinbar wirkt. Durch ihn lernen wir die unbekannten Gegenden Ruanns kennen und man kann nachvollziehen, warum Sapion diese Länder unbedingt erobern möchte.

Man merkt, dass die Protagonisten sehr unterschiedlich sind, sowohl vom Charakter her, als auch von der Gesellschaftsschicht. Sie durchleben jedoch alle große Entwicklungen und befreien sich nach und nach aus den Fesseln, die sie festhalten. Jeder der vier Protagonisten kennt nur seinen kleinen Teil des Reiches und wir als Leser lernen somit zusammen mit den Charakteren die Welt immer besser kennen. Das gefiel mir sehr gut, so hat man genug Zeit, alles aufzunehmen und zusammenzusetzen. Ich freue mich, wenn ich bald wieder in diese Welt eintauchen kann. 4 Sterne.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 14.08.2020

Ein toller Finalband, der den Abschied von der Reihe erschwert

Im Schatten des Drachen
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Mit ‚Im Schatten des Drachen‘ endet eine Reihe, die sich in meinen Augen von Band zu Band verbessert hat. Mochte ich Yumeko und das japanische Setting schon von Anfang an, hat sich die Geschichte langsam ...

Mit ‚Im Schatten des Drachen‘ endet eine Reihe, die sich in meinen Augen von Band zu Band verbessert hat. Mochte ich Yumeko und das japanische Setting schon von Anfang an, hat sich die Geschichte langsam entwickelt um im Finalband richtig zu fesseln. Da es sich also um die Rezension zum dritten und letzten Band handelt, sind Spoiler nicht zu vermeiden. Es sei nur vorab so viel gesagt: Wenn du japanische Mythologie magst, asiatische Settings und eine außergewöhnliche Geschichte, dann möchte ich dir Julie Kagawas ‚Shadow of the Fox‘-Reihe unbedingt ans Herz legen.
Die Reihe war meine erste von Julie Kagawa. Sie schreibt sehr detailreich und ausführlich, das kann schon mal zu etwas langatmigeren Passagen führen. Wie sie die japanischen Begrifflichkeiten in ihre Geschichte einwebt fand ich hingegen unglaublich toll. Das schafft eine ganz besondere Atmosphäre und wirkt sehr authentisch. Ich musste zwar immer mal wieder hinten im Glossar nachschlagen, was denn nun schon wieder Yokai bedeutet oder was gleich nochmal ein Kami war, aber irgendwann saßen die gängigsten Begriffe und haben den Lesefluss nicht mehr gestört.
Yumeko ist mir im Laufe der drei Bände sehr ans Herz gewachsen. Aus dem kleinen Bauernmädchen ist eine mächtige Kitsune geworden, die mich mit ihrem Kitsune-bi (dem Fuchsfeuer), ihrer Fuchsmagie und den Illusionen, die sie damit schafft, sehr fasziniert hat. Sie hat das Herz am rechten Fleck und würde für ihre Freunde sterben. Die Kapitel aus ihrer Sicht mochte ich schon immer am liebsten, das ist auch so geblieben. Vor allem, da sie nun mit ihrer Herkunft konfrontiert wird, die für einige Überraschungen sorgt, mit denen ich auf keinen Fall gerechnet hatte. Das finde ich immer genial, zeigt es doch, dass die Autorin im Hintergrund einen großen Plan hatte, dessen Fäden nun alle zusammenführen – und im besten Fall zu einem großen Aaaah! führen. Yumeko kämpft tapfer und wirkt dabei aber nicht wie die große Überkämpferin. Solche unbesiegbaren Charaktere stören mich in anderen Büchern oft, denn es ist so unspannend, wenn alles klappt wie am Schnürchen. Yumeko bekommt viel Hilfe, auch unerwartet, denn nichts weniger als das Schicksal des Kaiserreichs steht auf dem Spiel. Dafür kann man Zwistigkeiten schon mal hintan stellen.
Zweite Sichtweise der Kapitel ist wieder die von Tatsumi, der erfolgreich gegen Hakaimono ankämpft. Als dieser die Oberhand hatte, trugen die Kapitelüberschriften seinen Namen. Dass nun wieder Tatsumi über den Kapiteln steht, zeigt, mit wem Yumeko und ich als Leserin es nun zu tun haben. Er hat sich auch sehr gewandelt im Laufe der Geschichte, von einer nichts fühlenden Kampfmaschine zu einem mitfühlenden jungen Mann, der für sein Fuchsmädchen sterben würde. Hach, die beiden sind so süß und werden aber trotzdem von einem anderen süßen Paar übertrumpft, das ich fast noch mehr feiere. Aber ich möchte nicht zu viel verraten, obwohl es in Band 2 schon mit den beiden anfängt.
Sukis Sichtweise ist der dritte Erzähltstrang, der teilweise unabhängig von Yumekos und Tatsumis handelt. Hier ist für mich vor allem Lord Seigetsu mit seinen Zukunftsvisionen der große Unbekannte, den ich bis zum Schluss nicht einschätzen konnte. Welches Spiel spielt er? Auf wessen Seite steht er? So viel sei verraten: Er sorgt für einige Überraschungen.
Am Ende des zweiten Bandes ‚Im Schatten des Schwertes‘ ist Genno mit allen drei Schriftrollen auf und davon. Für unsere Freunde ist klar, dass sie ihn aufhalten müssen, um Iwagoto nicht ins Unglück zu stürzen. Ihr Weg führt sie wieder durch’s halbe Reich, ins Land des Mondclans. Dabei wissen sie nicht, was auf sie zukommen wird. Und das ist so einiges. Somit sind wir auch schon beim für mich größten Kritikpunkt des Buchs angekommen. Es ist zu viel. Zu viele Gegner, zu viele Endkämpfe. Hier ein Drache, da ein Gott, viele, viele Untote. Klar, das sorgt für Spannung und Action, war mir persönlich aber zu viel. Vor allem, da viele Kämpfe viele Opfer bedeuten und es schwer fällt, sich von liebgewonnen Charakteren zu verabschieden.. Der Vorteil vieler Gegner ist jedoch, dass die Autorin eine Vielfalt an Wesen und Figuren auferstehen lassen konnte. Ein Ideenreichtum, der mich beeindruckt hat. Bestimmt ist vieles an die japanische Mythologie angelehnt, aber die detailreichen Beschreibungen machen die Wesen dann doch zu Kagawas Unikaten.
So nehme ich schweren Herzens Abschied von einer tollen Reihe, die mich wirklich sehr unterhalten und wieder mal bestätigt hat, dass ich fremdländische Settings, wie hier das japanische, sehr gerne mag. Es ist ein bißchen wie gedanklich in fremde Länder reisen, mit einer tollen und fantastischen Geschichte und mit Charakteren, die man mit der Zeit immer besser kennenlernt und dadurch umso mehr mag. 4 Sterne für den Finalband.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 07.06.2020

Leider so aktuell wie zum Erscheinungstag. Lest es!

The Hate U Give
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Kann ein Buch die Welt verändern?

Als Angie Thomas ‚The Hate U Give‘ 2017 veröffentlicht hat, wurde der Roman für seine Aktualität gelobt, für seine so authentische Wiedergabe der amerikanischen Gesellschaft. ...

Kann ein Buch die Welt verändern?

Als Angie Thomas ‚The Hate U Give‘ 2017 veröffentlicht hat, wurde der Roman für seine Aktualität gelobt, für seine so authentische Wiedergabe der amerikanischen Gesellschaft. Die Autorin hat sich dabei von zwei Ereignissen inspirieren lassen. Als Kind wurde sie Zeugin einer Schießerei zwischen Drogendealern und als der 22jährige Oscar Grant an Neujahr 2009 von Polizisten getötet wurde, hat sich Angie Thomas hingesetzt und ihre Wut und ihre Frustration von der Seele geschrieben. Sie schreibt über Khalil, der ein bißchen wie Oscar ist. Und über Starr, die ein bißchen wie sie selbst ist. Über die Jahre, die zeigten, dass Oscar Grant kein Einzelfall ist und inspriert von der ‚Black Lives Matter‘-Bewegung hat sie ihre ursprünglich als Short Story angelegte Geschichte zu einem Roman ausgebaut. Und dieser ist leider auch elf Jahre nach Oscar Grants Tod immer noch traurige Wahrheit und so aktuell wie zum Erscheinungstermin.

Angie Thomas erzählt die Geschichte der 16jährigen Starr, die in zwei Welten aufwächst, die unterschiedlicher nicht sein können. Sie lebt in einem schwarzen Viertel, in dem Gangs das Sagen haben und Drogendeals an der Tagesordnung stehen. Durch ein prägendes Erlebnis in Starrs Kindheit werden sie und ihre Geschwister auf eine Privatschule geschickt, die überwiegend weiße Schüler besuchen. Als Khalil, ihr bester Freund aus Kindheitstagen, von einem Polizisten erschossen wird, steht sie vor der Entscheidung: hat sie den Mut, für ihren Freund die Stimme zu erheben? Hat sie den Mut für alle Schwarzen, die ungerecht behandelt, gedemütigt und wie Menschen zweiter Klasse behandelt werden, aufzustehen und zu kämpfen?

Die ersten paar Seiten hatte ich ein paar Probleme mit der Umgangssprache, die verwendet wird. Im Buch selbst wird sie als „Ghetto-Slang“ bezeichnet, den Starr nur in ihrer „Hood“ benutzt. Denn um in ihrer Schule nicht als „Ghetto-Bitch“ abgestempelt zu werden, achtet sie dort sehr auf ihre Worte und deren Aussprache. Doch mit der Zeit gewöhne ich mich an die vielen jugendlichen Ausdrücke, haben es doch einige auch in die Sprache deutscher „Kids“ geschafft.

Und auch wenn ich mir schon von Anfang an gedacht habe, in welche Richtung das Buch gehen wird, hat es mich so unglaublich gefesselt, berührt und bewegt. Ich habe die Ohnmacht gespürt, die Starr und ihre Familie fühlten, als über die Ermordung Khalils Lügen erzählt wurden, als die Wahrheit so verdreht wurde, dass Khalil nicht mehr das unschuldige Opfer ist, das er war. Ich habe den Atem angehalten, als Polizisten gegenüber Starrs Vater ihre Macht demonstrieren. Und ich habe traurig den Kopf geschüttelt, als die Entscheidung des Geschworenengerichts verkündet wird.

‚The Hate U Give‘ ist aber nicht nur ein Buch über einen Mord an einem jungen Mann und die Ungerechtigkeit, die daraus resultiert. Es ist auch die Geschichte einer jungen Frau, die erwachsen wird und für ihre Ideale und Überzeugungen eintritt. Die mehr denn je merkt, wie ungerecht das Leben ist, wie unfair und schwierig. Aber auch, dass ihre Stimme eine Waffe ist und sie sich nicht für ihre Herkunft schämen muss.

Und es ist ein Buch, das den Alltag in einer Familie zeigt, deren Mitglieder gerne rappen, singen und tanzen, Basketball und Videospiele spielen, albern sind, sich streiten und wieder versöhnen, Scheiße bauen und sich dafür entschuldigen, blöde Sprüche reißen und eifersüchtig sind, Zukunftsträume haben und auch mal fluchen. Ganz normal also oder?

Ich verstehe nun noch besser, warum Menschen auf die Straße gehen. Warum sie mit solcher Vehemenz darauf aufmerksam machen, dass schwarze Leben zählen. Denn es ist nötig. Nicht nur in den USA, auch bei uns in Deutschland werden Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, aber auch aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Religion beschimpft, geschlagen, getötet. Und ich frage mich: Wie kann das sein? Wie kommt man auf die Idee, andere Menschen als minderwertig zu betrachten? Wer hat ihnen das eingeredet? Wer hat ihnen gesagt, dass sie andere Menschen so behandeln dürfen? Fragen, die ich nie werde beantworten können. Aber was ich tun kann, ist darauf aufmerksam machen. Was ich tun kann ist, zu sagen: Lest dieses Buch. Es wird zwar nicht die Welt verändern. Aber vielleicht kann es zum richtigen Zeitpunkt zum Nachdenken anregen und dadurch die Welt ein bißchen besser machen. 5 Sterne.

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Veröffentlicht am 07.06.2020

Unterhaltsam, spannend und zum Nachdenken anregend: wer entscheidet, dass manche mehr wert sind als andere?

Uprising (Die Legende der Assassinen 1)
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Es ist der 19. Mai 2020. Ich schlendere gerade durch Regensburg und erhalte eine Nachricht von Amy Erin Thyndal, ob ich denn auch Rezensionsexemplare annehme und eines ihrer Bücher rezensieren würde? Was ...

Es ist der 19. Mai 2020. Ich schlendere gerade durch Regensburg und erhalte eine Nachricht von Amy Erin Thyndal, ob ich denn auch Rezensionsexemplare annehme und eines ihrer Bücher rezensieren würde? Was für eine Frage: Ja klar! Ich kann es immer noch nicht fassen, dass eine Autorin möchte, dass ich ihr Buch lese. Was für eine Ehre, die mir durch Amy zum allerersten Mal zuteil wurde.
Ich habe mich aber nicht nur deswegen sehr auf ‚Uprising – Die Legende der Assassinen 1‘ gefreut, der Klappentext verspricht nämlich ein dystopisches Setting im New York der Zukunft. Und ich liebe New York! ‚Uprising‘ ist der Auftakt zu einer Dilogie und ich kann schon so viel verraten: Ich will unbedingt weiterlesen!


Amy Erin Thyndal weiß, wie man den Leser ans Buch fesselt. Der Schreibstil ist flüssig, einnehmend und zumindest am Anfang sehr auf Tempo bedacht. Wir werden ziemlich schnell in die Situation geführt, die im Klappentext beschrieben wird: Die Rebellion der Assets, genmodifizierte Menschen, die eigentlich dazu da sind, den Menschen zu dienen und sie zu beschützen. Dadurch sind sie sehr gewaltbereit, stark, erhöht aggressiv, sehr loyal und angeblich auch vermindert intelligent. Doch was, wenn sie merken, dass sie eigentlich die überlegene Art sind?


Vor allem vor dem Hintergrund der aktuellen Proteste gegen Rassismus kann man dieses Buch mit anderen Augen lesen und auf die Menschheit übertragen. Welche Unterschiede gibt es zwischen Menschen und Assets, die der gleichen Art angehören, jedoch nie die gleichen Möglichkeiten hatten? Warum meint die eine Art, die andere beherrschend zu dürfen, sie für Tests zu missbrauchen und zu versklaven? Wer gibt den Menschen das Recht, andere zu degradieren, nur weil sie anders sind? Die Assets zumindest sehen sich als den Menschen sehr ähnlich, da sie menschlich geboren werden und nur ihre Gene verändert wurden. Spannend ist es dabei, an den Gedanken von Protagonistin Esme teilzuhaben, einem Menschen, die von einem Asset gefangen gehalten wird. Sie lernt die vermeintlich böse Seite kennen, lebt unter den Assets und merkt, dass nicht alles nur schwarz und weiß ist, dass es auf beiden Seiten Gut und Böse gibt.


Wir als Leser folgen Esme, die aus der Ich-Perspektive erzählt, erleben ihre Gefangenschaft, ihre Zerrissenheit, aber auch ihre Naivität, mit der sie bisher durch die Welt gegangen ist und immer noch geht. Die Assets, auch „ihr“ Assets Astair, haben Menschen getötet, um die Herrschaft an sich zu reißen. Doch Astair passt nicht in das Bild, das Esme sich von den Assets zurecht gelegt hat. Er ist beschützend, einfühlsam und verständnisvoll. Doch wie kann sie anderes als Hass für ihn empfinden? Hier komme ich auch zu einem kleinen Kritikpunkt: Die erste Hälfte des Buches hat Esme sich eigentlich nur mit Astairs Bauchmuskeln beschäftigt und damit, wie hübsch er doch ist. Sex und sexuelle Anziehung bzw. Attraktivität standen so im Vordergrund, dass es mir etwas zu viel war. Denn auch wenn ich weiß, dass das Imprint für romantische Fantasygeschichten steht, wäre es schade gewesen, ‚Uprising‘ lediglich darauf zu reduzieren. Doch Gott sei Dank ist das nicht der Fall, die Handlung nimmt wieder Fahrt auf und wir erhalten noch mehr Einblick in die Kluft zwischen Menschen und Assets und stehen vor der Frage, was einen Menschen eigentlich menschlich macht. So blieb mir eine Stelle im Gedächtnis, an der man gemerkt hat, wie man Esme und natürlich auch den anderen Menschen von Kindesbeinen an eingetrichtert hat, dass die Menschen den Assets in vielerlei Hinsicht überlegen sind und die Assets nichts wert. Denn als es um ein Krebsforschungszentrum geht und darum, dass Assets dort für Experimente gehalten werden, muss ich hart schlucken über Esmes naive und grauenvolle Gedanken: „Laborratte oder Asset – wo liegt der Unterschied?“ Und das schlimmste dabei: Es gibt tatsächlich Menschen, die diese Einstellung haben, diese Zwei-Klassen-Denke, dieses „Wir sind mehr wert“. Eigentlich unglaublich, aber leider traurige Wahrheit.


Und während des Lesens stellt sich mir immer wieder die Frage: Ist gewaltsame Rebellion der richtige Weg? Gleiches mit gleichem zu vergelten und nicht besser zu sein als die Unterdrücker vor ihnen? Doch wie will man sich Gehör verschaffen, wenn die Menschen taub sind?
Ich muss an Esmes Worte denken, daran, ob die Assets nicht sehen, dass die neue Zivilisation, die sie aufbauen wollen, auf Blut und Tod basiert? Hier musste ich kurz auflachen ob der Naivität, denn auf was genau basiert denn unsere Zivilsation? Richtig, auf Blut und Tod der Jahrhunderte des Kolonialismus, der Kriege, der Sklaverei und Unterdrückung. 4 Sterne für ‚Uprising‘, das mich unterhalten und vor allem auch zum Nachdenken angeregt hat.

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