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Veröffentlicht am 28.06.2017

Vater und Sohn

Vakuumsprung
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Irgendwann in der Zukunft. Die galaktische Gemeinschaft ist längst aus den Fugen geraten. Ein Krieg scheint unvermeidlich!
Der vierzehnjährige Ered und sein Kumpel Coff bekommen vom schwelenden Konflikt ...

Irgendwann in der Zukunft. Die galaktische Gemeinschaft ist längst aus den Fugen geraten. Ein Krieg scheint unvermeidlich!
Der vierzehnjährige Ered und sein Kumpel Coff bekommen vom schwelenden Konflikt auf dem abgelegenen Planeten Euclite nichts mit. Wie viele Jungen träumen sie, bei den Bodentruppen oder dem Sprungkommando des Bundes eingesetzt zu werden. Tatsächlich warten aber wohl vielmehr die Gruben der öden Gaskolonie auf sie. Ered schwelgt in Erinnerungen an seinen Vater. Lave Vhe’tiis, auf einem interstellaren Flug im äußeren Ring verunglückt. Inzwischen sind fünfeinhalb Jahre vergangen, seitdem er ihn zuletzt gesehen hat. Er kann sich kaum daran erinnern …
Wie vom Schicksal gelenkt, wird Ered nur wenige Augenblicke später Zeuge einer Aufzeichnung auf dem Terminal seiner Mutter. Sein Vater lebt! Man hatte ihn belogen. Hals über Kopf fasst Ered einen Entschluss. Die Sehnsucht nach seinem Vater treibt ihn an und weckt unvermutete Lebensgeister in ihm. Plötzlich ist da Zuversicht. Es ist riskant und wahrlich nicht einfach, aber er wird ihn wiedersehen!
Man sollte meinen, die Freude sei auf beiden Seiten immens, Vater und Sohn hätten sich viel zu erzählen. Stattdessen scheint Lave ständig beschäftigt und glänzt vor allem durch Abwesenheit. Als Ered die Hintergründe erkennt, ist seine Enttäuschung riesengroß!

Obwohl ich ein bekennender Querbeet-Leser bin, zieht die Science-Fiction bei mir oft den Kürzeren. Nicht so, als sich die Gelegenheit bot, in die Leseprobe von JENS-HENDRIK ARTSCHWAGERs Romandebüt VAKUUMSPRUNG hineinzuschnuppern. Die ersten Seiten des Titels machen zusammen mit dem Klappentext tatsächlich Lust auf mehr! Statt allzu viel Technik und Taktik, winkt ein emotionales Abenteuer. Und so kam es dann auch, dass ich den Titel mehr oder weniger ununterbrochen zur Lektüre in Händen hielt.

VAKUUMSPRUNG umfasst fünf Kapitel, erzählt in dritter Person Singular aus Sicht der jugendlichen Hauptfigur. Der Schreibstil ist für einen Autor am Anfang seines Schaffens überraschend flüssig und lebendig. Das hat mir richtig gut gefallen und beförderte mich mitten ins Geschehen. Das Kopfkino hat wunderbar funktioniert! Die Handlung ist zudem abwechslungsreich sowie hier und da recht spannend aufgebaut. Die Schauplätze wirken nahezu echt, auch diesen Part hat JENS-HENDRIK ARTSCHWAGER hervorragend umgesetzt. Bei der Einordnung der Geschichte, habe ich allerdings kleinere Probleme. An und für sich handelt es sich bei VAKUUMSPRUNG um ein Buch für Erwachsene. Ered ist nun aber mit seinen 14 Jahren recht jung. Der Charakter an sich ist dem Autor gut gelungen. Er ist aufgeweckt, mutig und handelt für einen Teenager durchaus nachvollziehbar. In Vanja Hvaed findet er schnell eine bewundernswerte Gleichgesinnte. Auch sie packt das Leben beim Schopfe und weiß sogar wie man ein Raumschiff fliegt. Die Action kommt nicht zu kurz. Schließlich bleibt auch eine kleine Romanze nicht aus. Alles in allem also der perfekte Plot für ein doch eher jüngeres Publikum. Dagegen sprechen dann allerdings Szenen brutaler Gewalt gegen Ende des Romans. Irgendwie erscheint mir dies insgesamt nicht ganz rund. Über ein paar Fehlerchen und die regelmäßige, leicht irritierende Verwendung des Ausdrucks „Pa“ sehe ich großzügig hinweg. Es hat meinen Lesefluss nicht gehemmt. Und um schließlich meiner Begeisterung für dieses durchaus unterhaltsame Debüt Ausdruck zu verleihen, bewerte ich mit 4.75 intergalaktischen Sternen, macht aufgerundet 5.

VAKUUMSPRUNG kann als Taschenbuch oder E-Book erworben werden. Das Cover ist, kurz gesagt, minimalistisch gut. Harmonische Farbgebung und nur wenige Details. Die Inhaltsbeschreibung macht neugierig, verrät jedoch nicht zu viel. Passt!

Fazit:

VAKUUMSPRUNG ist ein emotionales sowie actionreiches Abenteuer in den unendlichen Weiten des Weltalls. Lebendig, unterhaltsam und zudem ein gelungenes Romandebüt. Weiter so, JENS-HENDRIK ARTSCHWAGER!

Veröffentlicht am 16.06.2017

Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose ist eine Rose

Faszination Englische Rosen
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„Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose ist eine Rose.“ (Sacred Emily – Getrude Stein, 1922)

Die Rose ist die Königin der Blumen, so sagt man. Sie ist ein Zeichen der Liebe und stets von edlem Charme. ...

„Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose ist eine Rose.“ (Sacred Emily – Getrude Stein, 1922)

Die Rose ist die Königin der Blumen, so sagt man. Sie ist ein Zeichen der Liebe und stets von edlem Charme. Allen voran die Englische Rose! Wer sich mit Rosen beschäftigt, kommt an DAVID AUSTIN nicht vorbei. Er ist Träger der Victoria Medal of Honour, der Dean Hole Medal und erhielt die Ehrendoktorwürde – allesamt für seine hervorragende Leistung im Bereich der Rosenzucht. FASZINATION ENGLISCHE ROSEN ist ein umfassendes Werk über DAVID AUSTIN UND SEINE LIEBLINGSSORTEN. Das Buch befasst sich mit seiner Vision, eine Rose zu erschaffen, die einen unübertroffenen Blütenflor, betörenden Duft, gesunden Wuchs und Krankheitsresistenz vereint.

Die nunmehr dritte, aktualisierte Ausgabe ist nach einem übersichtlichen Inhaltsverzeichnis und einem einnehmenden Vorwort in drei Teile gegliedert. Zunächst erfahren wir Grundlegendes über die Herkunft und Eigenschaften der Englischen Rose. Die Bedeutung der Rose als Gartenpflanze reicht mindestens ins dritte Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung zurück. Die Englische Rose umfasst positive Eigenschaften von Alten und Modernen Rosen in einer neuen Gruppe. Die Idee dieser Züchtung, Errungenschaften und Ausprägungen werden ausführlich in Wort und Bild erklärt.

Eine Galerie Englischer Rosen bildet im zweiten Teil das Herzstück des Buches: Alte-Rose-Hybriden, Englische Moschus-Rosen, Englische Alba-Hybriden, Englische Kletter- und Englische Schnittrosen, um nur einige zu nennen. Die doppelseitigen Porträts bestehen aus einer seitenfüllenden Abbildung und einer Beschreibung der Pflanze. Hier finden sich beispielsweise Charaktereigenschaften, Eignungsempfehlungen oder ein kurzer Bezug zur Namensgebung wieder. Sortenname, Codename, ggf. Patent-Nummer sowie das Jahr der Einführung dürfen natürlich nicht fehlen. Eine Auswahl älterer Englischer Rosen werden am Ende des Abschnitts ohne Bild aufgelistet. Bei all den vielen Möglichkeiten und Anregungen, Tipps und Tricks, zuckt der grüne Daumen, das Gelesene gleich im eigenen Garten umzusetzen. Man kann sich kaum sattsehen, an dieser Pracht!

Die Zukunft der Englischen Rosen und ihre Kultivierung werden im dritten und letzten Teil des Titels angerissen. Was der Rosenzüchter einst als Hobby begann, genießt zwischenzeitlich weltweite Anerkennung und Respekt. Das Familienunternehmen von DAVID AUSTIN steht dank Sohn und Enkel mit gleicher Passion auf sicherem Fundament. Jedes Jahr werden sage und schreibe 150000 Pflanzen gekreuzt. Eines ist gewiss: Es wird niemals die perfekte Rose geben. Für unerfahrene Hobbygärtner gibt es dennoch einige gutgemeinte Ratschläge für ihr eigenes Rosenprojekt mit auf den Weg. Ein alphabetisch sortiertes Register zur gezielten Stichwortsuche, Warenzeichen und Bildnachweise runden den Bildband schlussendlich ab.

FASZINATION ENGLISCHE ROSEN erscheint als großformatiges Hardcover mit Schutzumschlag bei DVA. Das schwere Papier, der hochwertige Druck und die astreine Farbtreue sind von ausgezeichneter Qualität. In den zahlreichen Fotos von HOWARD RICE, ANDREW LAWSON und RON DAKER kann man sich regelrecht verlieren und fast schon den Rosenduft wahrnehmen.

Fazit:

FASZINATION ENGLISCHE ROSEN ist ein fantastisches Buch, das nicht nur besonders edle Pflanzen zeigt und erklärt, sondern auch die Leidenschaft und Freude der Rosenzüchter vermittelt. DAVID AUSTIN UND SEINE LIEBLINGSSORTEN sind pure Augenweide und Inspiration. Ein wunderschöner Bildband, der mich schier begeistert!

Veröffentlicht am 13.06.2017

Der Jäger und seine Beute

Murder Park
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Nach fast vierzig Jahren schlossen sich die Tore des beliebten Vergnügungsparks Zodiac Island inmitten des Atlantischen Ozeans. Er hat drei Frauen das Leben gekostet: Nancy C., Patricia T. und Sarah G. ...

Nach fast vierzig Jahren schlossen sich die Tore des beliebten Vergnügungsparks Zodiac Island inmitten des Atlantischen Ozeans. Er hat drei Frauen das Leben gekostet: Nancy C., Patricia T. und Sarah G. Die Taten wurden Jeff Bohner zugeschrieben, einem Serienmörder, der besonderes Augenmerk auf den Zeitpunkt des Todes und dessen Zeugen legte. Als Clyde Oberman wurde er schließlich gehängt. Verbrechen dieser Art haben Paul Greenblatt lange Zeit ungemein fasziniert. Eine morbide Obsession. Und auch heute noch, geht er ihnen als Reporter mit persönlichem Interesse nach. Nicht zuletzt deswegen gehört er zu den Auserwählten, die eine Einladung von Rupert Levin erhalten, einem besonderen Presse-Event beizuwohnen. Zwei Jahrzehnte nach Zodiac Island setzt der Unternehmer alles auf Anfang und eröffnet den Murder Park. Der Name ist Programm und soll den Besuchern das Fürchten lehren. Die Idee: Die Welt der Serientäter mitsamt ihren Sehnsüchten und Leidenschaften als Kulisse einer Kontaktbörse. Noch vor der offiziellen Eröffnung reisen insgesamt zwölf Journalisten, Berater und Experten auf die berüchtigte Insel, um den Spuren Jeff Bohners, Jack the Rippers, Charles Mansons und Konsorten zu folgen. Bei Sturm und Regen setzt die Fähre stilgerecht über. Gut gerüstet mit Pressemappe und allerlei Vorträgen, kann das Killer-Wochenende beginnen! Unterhaltung und Nervenkitzel, für Kinder ungeeignet. Doch plötzlich wird aus Fallstricken und Tricks bittere Realität. Die Insel des Todes fordert weitere Opfer …

Thriller lese ich vor allem um der Spannung willen. Ein bibliophiles Abenteuer mit Nervenkitzel und Rätselspaß. Genau darum geht es auch beim Erlebniswochenende im MURDER PARK. Zugegeben, das Setting, ein vermeintlicher Originaltatort mit nachgestellten Szenen, echten Ausstellungsobjekten verschiedener Straftäter und insgesamt großer Detailtreue, ist schon etwas fragwürdig, wenn nicht gar makaber. Für erprobte Leser dieses Genres hingegen ist diese Grundlage perfekt und Spekulationsmöglichkeiten sind garantiert. JONAS WINNER macht sich den düsteren Nervenkitzel zunutze, seine Leserschaft in insgesamt zwölf Video-Aufzeichnungen, abwechselnd mit dreiundvierzig Kapiteln aus Sicht der Hauptfigur, bis zum Ende an der Nase herumzuführen. Die Ereignisse werden aus der Perspektive Paul Greenblatts in dritter Person Singular wiedergegeben. Seinen Gedanken und Handlungen lässt sich gut folgen. Die Video-Interviews werden von dem Psychiater Dr. Sheldon Lazarus geführt. Die Kandidaten erzählen über sich, ihre Erlebnisse in der Vergangenheit und ihren Bezug zu Zodiac Island. Denn tatsächlich verknüpfen alle zwölf Personen persönliche Erfahrungen rund um die alte Touristenattraktion. Dies führt dazu, die Teilnehmer neben Greenblatt besser kennenzulernen. Trotz manchem Hinweis und psychologischer Finesse, lassen sie sich dennoch nicht zweifelsfrei einschätzen. Übrigens ebenso wenig wie der Reporter selbst. Man ahnt, dass der Schauplatz selbstredend ein Konzept verfolgt und über die Murderabilia-Ausstellung hinaus entsprechend ausstaffiert ist. Durch Reaktionen und Überlegungen von Paul Greenblatt, wirken Geräusche, Schatten und dergleichen dennoch mysteriös. Seine Emotionen sind größtenteils nachvollziehbar. Als die ersten Opfer zu beklagen sind, geht der Rätselspaß für die Leserschaft richtig los. Eingangs könnte im Grunde jeder dahinterstecken. An Alternativen mangelt es wahrlich nicht. Nach und nach scheiden Möglichkeiten aus. Bis kurz vor Schluss hielt ich selbst an zwei Kandidaten fest, von denen es einer dann auch war. Mir wäre der andere als Bösewicht lieber gewesen, aber das ist Geschmackssache. An Aufbau der Geschichte, Schreibstil, Schauplatz und Figuren habe ich grundsätzlich nichts auszusetzen. Mein erster, aber sicherlich nicht letzter Titel von JONAS WINNER!

MURDER PARK erscheint als Paperback im Heyne Verlag. Das Cover zeigt passend zum Romaninhalt die klassische Silhouette eines Erlebnisparks mit Fahrgeschäften wie Achterbahn und Riesenrad. Schwarz-weiß in Negativoptik wirkt die Kulisse in gewisser Weise bedrohlich. Im Kontrast hierzu sind Autorenname und Buchtitel in gelbem Spotlack gehalten. Die Softtouch-Oberfläche macht das Buch obendrein zum haptischen Erlebnis. Im Anhang informiert eine Liste über die zwölf Inselbewohner.

Fazit:

JONAS WINNER versteht sein Handwerk: MURDER PARK ist ein durch und durch spannendes Buch mit sehr viel Spekulationspotenzial. Abwechslungsreich, düster und gefährlich – ein ereignisreiches Abenteuer, das es in sich hat!

Veröffentlicht am 12.06.2017

Von Liebe, Sehnsucht und Schuldgefühlen

Museum der Erinnerung
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Seit nunmehr vier Jahren lebt Cathy zusammen mit ihrem Verlobten, Tom, in einer Zweizimmerwohnung in Neukölln. Beide arbeiten im Berliner Museum für Naturkunde. Sie genießen das Leben, einander und alles ...

Seit nunmehr vier Jahren lebt Cathy zusammen mit ihrem Verlobten, Tom, in einer Zweizimmerwohnung in Neukölln. Beide arbeiten im Berliner Museum für Naturkunde. Sie genießen das Leben, einander und alles scheint gut. Bis zu jenem Morgen, als Cathy ein Paket mit einer kleinen Besonderheit erhält: Ein Kissing Beetle, eine in Bernstein eingeschlossene Raubwanze. Obwohl weder Absender noch Anschreiben zu finden sind, ahnt die junge Frau, wem sie die Sendung zu verdanken hat. Ihre Vergangenheit hat die Gegenwart eingeholt und wirft Schatten auf die Zukunft! Tom ahnt von alledem nichts. Auch nicht von Cathys Museum der Erinnerung, bestehend aus über zweihundert Gegenständen, die sie in guten wie in schlechten Zeiten gesammelt und insgeheim aufbewahrt hat. Ihre Narben und Makel kann sie hingegen nicht vor seinen Augen verbergen, allerdings allerlei Ausreden für sie erfinden. Die wahre Geschichte ihres Lebens steht unter Verschluss. Nach Daniel hat sich Cathy neu erfunden. Sie hatte ihn verraten und dachte, sie sei frei. Doch sechs Jahre nachdem sie ihn in einer Nacht- und Nebelaktion verlassen hat, ist er wieder da. Nur einen Steinwurf entfernt …

Der Einstieg ins MUSEUM DER ERINNERUNG fällt dank ANNA STOTHARDs Schreibstil ausgesprochen leicht. Sie erzählt ruhig und besonnen, dafür umso tiefsinniger von Liebe, Sehnsüchten und Schuldgefühlen. Nach einem kurzen Ausblick auf die Zukunft, begleiten wir Cathy in der Gegenwart, erleben sie durch Rückblicke und Erinnerungen aber auch immer wieder in Kindheit und Jugend. Kann man sich als Außenstehender zuerst kein rechtes Bild machen, ihr verschlossenes Wesen kaum verstehen, bröckelt mit fortlaufender Handlung mehr und mehr ihrer mühsam errichteten Fassade. In ihrer Vergangenheit gibt es schöne, aber eben auch viele schmerzvolle Momente. Beispielsweise hat sich ihre Mutter schon früh von der Familie abgewandt, der Vater war alkoholkrank und die Freundschaft zu Jack nahm ein abruptes Ende. Jener Jack hat sie mit Daniel verbunden. Und auch er hat Jacks Verlust nicht überwunden. Das karge Leben in Lee-Over-Sands nahm dennoch seinen Lauf. Seite an Seite, bis Cathy die Reißleine zog. Der Schaden, den Daniel angerichtet hatte, war schließlich nicht mehr tragbar. Zu schwer wog auch die seelische Last. Wider Erwarten steht allerdings nicht die häusliche Gewalt im Mittelpunkt des Geschehens, auch wenn sie schlussendlich zur Trennung führte. So werden auch diese Momente aus Cathys Leben recht unaufgeregt widergegeben. Und Daniel zeigt retrospektiv Verletzlichkeit, wo man sie nicht vermutet hat. Tom steht währenddessen mehr oder weniger abseits des Geschehens, ist aber eine sehr wichtige Person in Cathys Leben. Er hat einen gänzlich anderen familiären Hintergrund, war stets umsorgt und geliebt worden. Ein Glückskind, wie er, hat ungeheuer viel Selbstvertrauen. Natürlich möchte er wissen, was Cathy vor ihm verbirgt, selbstverständlich möchte er sie besser kennenlernen. Dennoch wahrt er Zurückhaltung und liebt Cathy bedingungslos, ganz genau so, wie sie nun einmal ist. Tom ist ihr Fels in der Brandung, ihr Anker im Leben. Ein Mann, wie man ihn Cathy nach all ihren Erlebnissen nur wünschen kann …

MUSEUM DER ERINNERUNG erscheint als Paperback bei Diogenes. Das verlagstypische, minimalistische Covermotiv passt hervorragend zu den leisen Tönen des Romans. Rückseite und Innenklappen halten Informationen zu Inhalt und Autorin bereit.

Fazit:

MUSEUM DER ERINNERUNG ist ein leises Buch über Flucht mit schwerem Gepäck. ANNA STOTHARD erzählt eine melancholische Geschichte um Verdrängung sowie tiefe Emotionen und verleiht ihr dennoch zum Abschluss einen Funken Hoffnung im Zauber des Augenblicks. Bewegend, traurig und dennoch alles in allem einfach schön!

Veröffentlicht am 12.06.2017

Wenn dir das Liebste genommen wird …

Du stirbst nicht allein
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Im Mai 2010 finden die so genannten Kenwood-Morde im Nordwesten Londons ihren Ursprung. Das erste Opfer ist die siebenjährige Megan Purvis. Zwei Jahre darauf trifft es Tilly Reid, vierzehn Monate später ...

Im Mai 2010 finden die so genannten Kenwood-Morde im Nordwesten Londons ihren Ursprung. Das erste Opfer ist die siebenjährige Megan Purvis. Zwei Jahre darauf trifft es Tilly Reid, vierzehn Monate später Leila Botsford. Vier Jahre, in denen der Täter nicht dingfest gemacht werden kann. Jetzt taucht ein neues Opfer auf: Poppy Glover wird entkleidet und mit der Visitenkarte des Killers in der Heath Extension aufgefunden. Nach einer Pressekonferenz im Gebäude von Scotland Yard bereiten Opferschutzbeamte sämtliche involvierte Familien auf die neue Situation vor. Ein Kind zu verlieren, ist für Eltern schon schlimm genug. Mit jedem neuen Opfer wird obendrein alles wieder aufgewühlt. Vor allem die Presse ist hierbei nicht zu unterschätzen. Auf Sally Freeland, die Königin der Exklusivinterviews vom Chronicle, ist Verlass! Sie ist sofort am Ort des Geschehens, steckt ihre Nase überall rein und stellt unbequeme Fragen. Detective Chief Inspector Desmond und sein Team hat alle Hände voll zu tun, der Öffentlichkeit, den Familien der Opfer und natürlich der Aufklärung des Falls gerecht zu werden. Da die Abstände der Morde augenscheinlich immer kürzer werden, weiß niemand, wann der Täter das nächste Mal zuschlagen wird. Die Zeit sitzt ihnen im Nacken …

Mit ihrem ersten Psychothriller WÄHREND DU STIRBST hat sich TAMMY COHEN in die Bestsellerlisten geschrieben. Dementsprechend hoch ist nun die Erwartungshaltung der Leserschaft um den Nachfolger DU STIRBST NICHT ALLEIN. Bereits die kurze Einleitung lässt Unheil erahnen. Dreiundfünfzig Kapitel spiegeln das Geschehen in größtenteils dritter Person Singular aus unterschiedlichen Perspektiven wider. Die Familien der Opfer, vor allem Mütter und Geschwister, die ermittelnde Beamtin Leanne Miller, die Journalistin Sally Freeland und selbst ein mutmaßlicher Täter kommen zu Wort. Ihre Überlegungen und Taten machen einen Großteil der Handlung aus. Werden junge Mädchen ermordet, liegt der Gedanke an Pädophilie ebenso wenig fern wie die Annahme, dass eventuell ein Elternteil an der Tat beteiligt ist. Möglichkeiten, die auch die Autorin nutzt, die Spekulation der Leser ein wenig anzuheizen. Was man ihr definitiv zugutehalten muss, ist die Tatsache, dass sie die Morde weder plakativ und sensationslüstern in den Mittelpunkt stellt noch bei Beschreibungen allzu sehr ins Detail geht. Auf der anderen Seite wirken die Ereignisse, konzentriert auf die psychologischen Komponenten von beispielsweise Angehörigen und vermeintlichen Tätern recht fad. Ein Thriller sollte Spannung erzeugen. Das gelingt TAMMY COHEN in diesem Buch nur leidlich. Die Erzählung ist keinesfalls uninteressant, verschiedene Handlungsstränge sind grundsätzlich gut initiiert, Emotionen wie Mitleid und Abscheu sowie Ungeduld hinsichtlich der Auflösung bleiben allerdings weitestgehend auf der Strecke. Die Opferschutzbeamtin Miller samt Einblicken in ihr Leben, Denken und Fühlen hat mir noch am ehesten zugesagt. Da hat leider auch die Überraschung zum Abschluss des Romans das Ruder nicht mehr rumreißen können.

DU STIRBST NICHT ALLEIN erscheint als handliche Klappenbroschur bei Blanvalet. Habe ich mich eingangs noch über den Titel gewundert, macht er nach der Lektüre zweifelsohne Sinn und ist prima gewählt. Besonders ansprechend ist in meinen Augen die Schreibschrift als erhabener, glänzender Spotlack. Es gibt dem Motiv einen persönlichen Zug. Das Herz gefällt mir in diesem Zusammenhang, auch bezogen auf den Inhalt, ebenfalls gut.!

Fazit:

DU STIRBST NICHT ALLEIN ist ein unterhaltsamer Roman, der leider an der Bezeichnung Psychothriller vorbeischrammt. Mit wenig Spannung und relativ großer Distanz zu den Ereignissen, ist mir die Geschichte um vier tote Mädchen insgesamt zu eintönig geblieben. TAMMY COHEN hat viele gute Ansätze gezeigt, schlussendlich aber auch viel Potenzial verschenkt. Meine Erwartungen hat das Buch nur rudimentär erfüllt. Schade!