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Veröffentlicht am 30.03.2019

Poetisch, tiefgründig und echt, aber nicht ganz rund

Dein fremdes Herz
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Die Ostsee – auch wenn ich noch nie dort oben an der Küste war, verkörpert sie für mich gleichzeitig Freiheit, aber auch irgendwie Schwermut. Weil eigentlich nur die trüben Tage sind, wenn sie in den Nachrichten ...

Die Ostsee – auch wenn ich noch nie dort oben an der Küste war, verkörpert sie für mich gleichzeitig Freiheit, aber auch irgendwie Schwermut. Weil eigentlich nur die trüben Tage sind, wenn sie in den Nachrichten ist, weil man immer dann von ihr spricht, wenn sie von schweren Unwettern und Stürmen heimgesucht wird. Und weil sie an allen anderen Tagen als so unbescholten und friedlich gilt, dass sie manchmal ganz aus dem öffentlichen Interesse verschwindet.
Auch aus Nelas Interesse und ihrem Herzen ist eines der wohl schönsten Gebiete auf deutschem Boden verschwunden, obwohl sie im hohen Nordosten aufgewachsen ist und das Meer mit all seiner Wild- und Freiheit einst sehr geliebt hat. Dieser Umstand hat einen schwerwiegenden Grund, der in „Dein fremdes Herz“ von Katharina Seck aufgedeckt wird. Auf behutsame, gleichzeitig sehr intensive Art und Weise.

Nela Harolds ist eine junge Frau, die als Rechtsanwaltsgehilfin in einer Nürnberger Kanzlei arbeitet. Und leider auch für sie, nur für sie. Es erreichen sie, die als sehr unsicher zu beschreiben ist, zu Beginn des Buches Briefe einer Frau, die eng mit ihr und damit auch ihrer Vergangenheit verbunden ist. Briefe, die alles verändern werden. Briefe, die Nela zurück ans Meer, an die Ostsee katapultieren werden. Weil sie erfährt, dass das Herz ihres Vaters, der sie als kleines Mädchen verlassen hat, in einem anderen Menschen schlägt.
Es wird eine sehr liebenswürdige, gleichzeitig nachdenkliche und in sich gekehrte, einsame und stoische junge Frau vorgestellt, die in Bildern denkt und kaum lebt, weil ihr mit dem für sie unerklärlichen Verlust ihres Vaters etwas widerfahren ist, das zwar schon lange her ist, sie aber nie losgelassen hat. Sich mit Nela zu identifizieren fällt nicht schwer, wird doch schon bald ein Teil ihrer Familiengeschichte offengelegt, der trauriger und eindrücklicher nicht sein könnte. Gemeinsam mit ihr beginnt eine Reise in ihre Vergangenheit, die schon bald auch ihre Gegenwart wird. Aus dem fremden Meer wird wieder ein Vertrauter – auch wenn ihr Vater, mit dem sie die Liebe zu ihm teilte, nicht mehr da ist und Nela dieser Umstand nach Jahren des Verdrängens an der rauen Küste so richtig bewusst wird. Das Meer, das die Autorin als Kulisse für ihre Geschichte wählt, könnte dabei nicht passender sein. Es werden Geheimnisse gelüftet, Anstöße zur Heilung gegeben – und Nela lernt, wieder zu atmen.

Sowohl Nela, als auch die anderen beschriebenen Charaktere haben es leider nicht geschafft, dass ich ihre Handlungen vollkommen nachvollziehen konnte; dass sie schlüssig waren für mich und ich schon einige Zeilen vorher wusste, was sie tun oder sagen würden. Hier hat es meinem Empfinden nach leider vor allem an einer Beschreibung der Charaktere gefehlt, die nicht zu oberflächlich und themenbezogen bleibt und ein größeres Bild von ihnen zeichnet, als es im Buch geschieht. Gerade weil sie alle trotz ihrer Vergangenheit leben – oder es eben nicht tun – hätte es eine tiefergehende Beschreibung ihrer Lebensumstände, Meinungen und Lebensweisen gebraucht, die nicht nur auf ihre Verwicklung in das Thema des Buches abzielt. Weil Menschen nun mal nicht nur aufgrund eines Ereignisses, einer Geschichte in ihrem Leben so sind, wie sie sind. Ich tat mich sehr schwer damit, die wenigen „Fetzen“ in meinem Kopf zu schlüssigen Charakteren zu formen, deren Handlungen Sinn ergaben, obgleich ich mich gerade in den einführenden Kapiteln sehr mit Nela identifizieren konnte. Ebenso erging es mir infolgedessen mit den sich entspinnenden Beziehungen der Charaktere untereinander. Es mangelte für meinen Geschmack leider an der Einsicht in andere Charaktere, deren Handlungen und Überzeugungen ich allein durch die Beschreibungen, die in Bezug auf sie getroffen wurden, oft nicht verstanden habe. Für mich war die Verbindung der Charaktere untereinander ein wenig zu überhastet, erzwungen und gemessen an der Länge des Buches „zu viel des Guten“, weil sich ein wenig zu sehr bereits viel zu oft gelesenen Figuren bedient wurde und sämtliche der Charaktere gerade aufgrund mangelhafter Beschreibungen gedanklich in eine Rolle gedrängt werden konnten, die man bereits hier und da und manchmal auch oft gelesen, gehört oder gesehen hat und nicht wirklich zumindest der Versuch unternommen wurde, diese Rollen aufzubrechen. Jeder der Charaktere trägt gewisse Schatten der Vergangenheit mit sich – in der Handlungsgegenwart verschwanden für mich nicht alle, sodass ich leider finde, dass diese beiden Teile in manchen Beziehungen zu wenig miteinander verwoben wurden.
Die Handlung der Geschichte war an manchen Punkten – ähnlich wie die Charaktere selbst – ein wenig zu voraussehbar, als dass ich von mir behaupten könnte, vollkommen ans Buch gefesselt worden zu sein. Es sind bei dieser Einschätzung die vielzitierten Kleinigkeiten, die man gar nicht so ganz in Worte fassen kann. Eine der Kleinigkeiten, die ich allerdings benennen kann, ist etwas, das ich gleichzeitig in die Spalte meiner positiven Punkte packen möchte: der bildhafte Schreibstil. Leider empfand ich ihn, soviel sei gesagt, bevor ich einige weitere Gedanken dazu aufschreiben möchte, an manchen Stellen nicht der Dynamik der Situation angepasst. Wo schnelles Mitdenken gefordert war, weil gerade etwas Einschneidendes von einer gewissen Schnelligkeit passierte, wurde das leider hier und da durch zu langatmige, ausführliche Beschreibungen von Umgebung und Gedanken verhindert oder zumindest erschwert. Ebenso war da an manchen Stellen, an denen sich Nelas Denken und Handeln merklich veränderten, kein überspringender Funke bei mir - warum sich bestimmte Dynamiken veränderten, blieb mir des Öfteren verborgen, weil Dinge vom einen auf den anderen Moment anders beschrieben wurden – ohne jegliche Erklärung. Die Verwandlung, die gerade Nela an der Ostsee durchmacht, wurde zwar offensichtlich – das Warum jedoch oftmals nicht. Mir fielen während des Lesens leider darüber hinaus leider mehrere Logikfehler in der Handlung auf, die ich in den richtigen Kontext setzen und als das sehen kann, was sie sind: kleine Unebenheiten, über die man hinweglesen kann; nichtsdestotrotz stolperte ich leider mehrmals über sie, darunter beispielsweise, dass sich ein Protagonist ins Gras zu einem anderen setzte, dieser allerdings einige Zeilen zuvor als auf einer Bank sitzend beschrieben wurde.

Ich kannte, bevor ich „Dein fremdes Herz“ gelesen habe, kein Buch von Katharina Seck – und deshalb war ich auch nicht mit dem wunderschönen, behutsam-poetischen Schreibstil vertraut, zu dem ich mir schon in den ersten Kapiteln des Buches notiert hatte, dass die Autorin für mich die Meisterin des „Nichtschreibens“ ist. Sie erzählt in Bildern, sehr alltagsnahen Bildern, die Worte lebendig machen. Über ihre Sätze muss man manchmal einen Moment länger nachdenken, als man das vielleicht üblicherweise tut, weil man ihre vollkommene Bedeutung erst erfassen muss – lässt man sich allerdings auf das ein, was da steht; begreift man es, wird man mitten in die Geschehnisse hineinkatapultiert. Dann hat man die Chance, die Handlung aus nächster Nähe mitzuerleben, ein Teil von ihr zu sein. Katharina Secks Schreibstil ist in diesem Sinne gar kein Schreibstil, sondern ein Erzählstil. Auch, weil ihre Formulierungen nicht ins „Schriftdeutsche“ gehen, sondern stattdessen lebensnah sind und echt, situationsgetreu und authentisch. Daraus hervor gehen zahlreiche Sätze, die viel(e) Wahrheit(en) enthalten und leise, schöne Momente des Innehaltens hervorrufen. Das Innehalten – wer „Dein fremdes Herz“ liest, wird immer wieder sanft aber präzise dazu ermuntert.
Besonders schön fand ich die Briefe, die Nela erhält und liest. Sie unterscheiden sich deutlich von der Erzählweise der eigentlichen Handlungskapitel, die aus ihrer Sicht verfasst sind. Mit ihnen wurde parallel zur eigentlichen Handlung eine weitere Geschichte erzählt und das so intensiv, so präsent, dass der Bruch zwischen ihnen und der eigentlichen Haupthandlung nahezu körperlich schmerzte. Für mich ein äußerst gelungenes Mittel der Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart im Buch – gerade weil so viel Schmerz zwischen den Geschehnissen lag.
Weiterhin gefiel mir gut, wie wenig die Aspekte der Organspende beschönigt wurden. Man hätte „Dein fremdes Herz“ auch auf eine andere Weise schreiben können, aus einer anderen Sicht heraus. Das haben schon zu viele (Drehbuch-)Autoren getan. Da hätten die Fortschritte der Medizin gelobpreist werden können, dass man dank ihr Leben retten konnte. In „Dein fremdes Herz“ geht es allerdings um den Schmerz, der sich wie Fremde anfühlt, um das unmittelbare Davor und das Okay?, das immer in Verbindung mit der Entscheidung zur Organspende steht. Die Autorin schafft es, diesem für den Großteil der Bevölkerung surrealen Gefühl, dem Zwiespalt und der Dunkelheit Farben und Worte zu geben. Obwohl ich schon während des Buches nicht vollkommen überzeugt davon war, hatte ich an vielen Stellen einen dicken Kloß im Hals, der sich binnen weniger Sekunden immer wieder aufs Neue in pure Dankbarkeit wandelte, (noch) nicht in einer derartigen Situation gewesen zu sein.
Katharina Seck vermittelt mit ihrem Buch viele Botschaften, die sie in fast kostbare Sätze zu verpacken weiß – die wichtigste ist allerdings eine, die nahezu ins „Floskeltum“ übergegangen ist, die schon zu oft gehört wurde und trotzdem nicht oft genug gesagt werden kann: wir sollten dankbar sein. Für alles, aber gerade für unser Leben, das wild sein kann und manchmal so trügerisch friedlich ist. Wie das Meer, das uns vielleicht gerade deswegen so gut tut.

„Dein fremdes Herz“ ist ein leises, poetisches und gefühlvolles Buch, das die Brisanz, die emotionale Schmerzhaftigkeit und Tragik von Organspenden thematisiert und dabei aufrüttelt und gleichzeitig dankbar macht für das Leben, das jeder von uns nicht als ein sich selbst Fremder, sondern aus vollstem Herzen leben sollte. Leider gelingt es nicht, die schwierige Konstellation der Protagonisten zueinander so zu beschreiben und aufzulösen, dass die besondere Tiefe ihrer gemeinsamen Geschichte in der Vergangenheit ihren gegenwärtigen Fortgang findet und vollkommen rund wird. Nichtsdestotrotz kann man sich in Katharina Secks Schreibstil verlieren und Stunden „verlesen“. Und träumen. Und dankbar sein.

Ich durfte „Dein fremdes Herz“ innerhalb einer Leserunde lesen. :)

  • Cover
  • Geschichte
  • Erzählstil
  • Thema
  • Charaktere
Veröffentlicht am 17.02.2019

Ein berührendes und gleichzeitig fesselndes Buch

Wenn du mich siehst
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Ich war mir als großer Nicholas-Sparks-Fan nicht sicher, ob "Wenn du mich siehst" etwas für mich sein würde, als ich das Wort "Thriller" auf seinem Rücken fand. "Eine berührende Liebesgeschichte mit rasanten ...

Ich war mir als großer Nicholas-Sparks-Fan nicht sicher, ob "Wenn du mich siehst" etwas für mich sein würde, als ich das Wort "Thriller" auf seinem Rücken fand. "Eine berührende Liebesgeschichte mit rasanten Thrillerelementen", so beschrieb eine Pressestimme das Buch. Für Ersteres liebe ich Sparks, da mir noch kein anderer Autor und keine andere Autorin über den Weg gelaufen ist, die oder der authentischer, leichtfüßiger und trotzdem bedeutungsschwer und tiefgründig über die Geschichte zweier Menschen schreiben könnte. Ich war mir jedoch bei weitem nicht sicher, ob sich die Dynamik von Thrillern mit seiner Art des Erzählens vereinen lassen würde, obwohl Bedrohungen in seinen Büchern schon oft eine Rolle gespielt haben. 569 Seiten später konnte ich nicht mehr richtig dran glauben, dass ich diesen Zweifel jemals hatte.

Behutsam und gleichzeitig mit allen Informationen, die man über die Protagonisten benötigt, führt Sparks gewohnt präzise und atmosphärisch dicht hin auf die sich entfaltende Geschichte. Ich habe auch nach den vielen Büchern, die ich von ihm gelesen habe, immer noch nicht ganz entschlüsselt, wie er dabei vorgeht. Nichtsdestotrotz verliere ich mich jedes Mal schon auf den ersten Zeiten in dem, was er beschreibt. Mit Maria und Colin werden zwei junge Menschen vorgestellt, die unterschiedlicher nicht sein könnten; deren Geschichten nicht unterschiedlicher sein könnten. Er, der eher einzelgängerisch durchs Leben geht und wohl härter als viele andere für seine Zukunft kämpfen müsste; sie, die in einem behüteten Elternhaus aufgewachsen ist und der das Leben gut mitgespielt hat. Langsam aber sicher bewegen sich ihre Handlungen aufeinander zu. Handlungen, die beide zusammenschweißen und gleichzeitig bedrohen - an dieser Stelle sei nicht mehr verraten. :)

Das "Thrillerhafte" entfaltet sich langsam – was, ohne ein großer Thrillerleser zu sein – für mich eindeutig mit der Definition dieses Genres übereinstimmt. Lange Zeit liest man über Unstimmigkeiten oder merkwürdige Begebenheiten hinweg, weil einem gar nicht in den Sinn kommt, dass sie merkwürdig sein könnten: erst ist da nichts, irgendwann ergeben beschriebene Situationen und Begebenheiten allerdings einen Sinn, dann stellt sich eine gewisse Dynamik ein. Gleichzeitig sind da sehr ruhige Momente, in denen es Sparks schafft, das Pendel wieder in Richtung einer Liebesgeschichte ausschlagen zu lassen – und genau dieses Hin und Her und manchmal parallel Passierende ist es, das „Wenn du mich siehst für mich ausmacht“; auch wenn es sich gar nicht so richtig von seinen zuvor verfassten Büchern unterscheidet. Da ist dieselbe Wärme in seinem Schreibstil, dasselbe behutsame Entfalten einer Liebesgeschichte, die auf ihre Weise besonders ist.

Auch in diesem Buch finden sich immer wieder kleine "Erzähllücken", die der Leser selbst schließen muss; Aspekte, die nicht beschrieben werden, die aber für den Verlauf der Geschichte wichtig sind und sich mit ein wenig Nachdenken erschließen - gerade dieses Nicholas Sparks so eigene Mittel empfinde ich in Bezug auf die Dynamik von "Wenn du mich siehst" als besonders passend. Als Leser wird man hierbei förmlich ans Buch gefesselt - ich habe mich mehrmals dabei erwischt, viel länger als geplant gelesen zu haben. Ein eindeutig gutes Zeichen für ein Buch, um zu einem Lieblingsbuch zu werden!

Was mir in vielen anderen Büchern oftmals verloren geht, ist die "Einflechtung" des Ortes, an dem die Handlung eines Buches angesiedelt ist. Es mögen viele Klischees darüber bestehen, wie es in einem Land zugeht; Klischees, die für viele Leser dann ein "Geschmäckle" haben. Nicholas Sparks hingegen schafft es, Dinerbesuche zu etwas werden zu lassen, das völlig zum einzelgängerischen Colin passt, Maria betreibt Stehpaddeln, um einen Ausgleich zu ihrem stressigen Berufsleben zu haben. Boxen, Tanzhallen, Touristenbars am Pier - das alles ist in "Wenn du mich siehst" nicht nur um des Habens willen in die Handlung eingeflochten: es gehört dazu, es muss so sein – und es ist genau richtig so, wie es beschrieben ist. Der Spielort ist keine Kulisse. Überhaupt „fließt“ die Geschichte auf die Art und Weise, die einen als Leser zu einem Teil des Ganzen werden lässt.

Ein weiteres schlagendes Argument für das Buch sind darüber hinaus definitiv unerwartete Wendungen; tragische, aber auch schöne. Nicholas Sparks machte sich solche schon in früheren seiner Bücher zu eigen, nichtsdestotrotz werden sie mir aufgrund der Verblüffung und des gebannten Weiterlesens, das sie bei mir ausgelöst haben, gerade bei diesem Buch noch lange in Erinnerung bleiben. Sie verdeutlichten eine Erkenntnis, die einer der Protagonisten als eine Art lebenslanges Mantra für sich beschreiben würde - und dieses werde auch ich ab sofort in meinem Herzen tragen: man hat immer eine Wahl; man kann sein Leben immer verändern. Immer.

Thriller und Nicholas Sparks, diese Paarung ist seit "Wenn du mich siehst" für mich absolut stimmig. Ein großartiges Buch – einmal mehr. Nicholas Sparks ist und bleibt der Meister der Liebesgeschichten! So sehr ich es auch versucht habe, etwas zu finden: die Contra-Seite auf meiner Liste bleibt leer. Ein fesselndes und gleichzeitig berührendes Buch, das ich jedem empfehlen kann, der Nicholas Sparks (noch nicht) kennt - das bleibt.

Veröffentlicht am 21.01.2019

Toll erzählt - aber nichts, das länger im Gedächtnis bleibt

Ich, Eleanor Oliphant
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Mit „Ich, Eleanor Oliphant“ hat man ein Buch vor sich, das eines dieser Sorte ist, in das man schnell hineinfindet. Es wird von der im Titel Genannten erzählt, eine junge Frau, in Glasgow lebend. Sie geht, ...

Mit „Ich, Eleanor Oliphant“ hat man ein Buch vor sich, das eines dieser Sorte ist, in das man schnell hineinfindet. Es wird von der im Titel Genannten erzählt, eine junge Frau, in Glasgow lebend. Sie geht, wie die meisten Menschen ihres Alters, einer geregelten Arbeit nach, wohnt in einer kleinen Wohnung und ihr Leben findet – dieser Gedanke kommt wohl so manchem hier und da – einzig zwischen Einkaufen, Bus, Arbeit und ihrem Zuhause statt. Ziemlich normal, möchte man glauben, aber tatsächlich lassen einen schon auf den ersten Seiten Kleinigkeiten erahnen, dass es ganz und gar nicht so ist. Dass nicht dieses „Normal“, über das man gar nicht mehr so richtig nachdenkt, ihr „Normal“ ist.

Gail Honeyman hat einen sehr erfrischenden, mit unterschwelligem Humor versehenen Schreibstil, und auch wenn das wohl mehr eine Floskel als eine wirkliche Feststellung ist, schreibt sie tatsächlich eigen. Was mir hauptsächlich einfallen würde, müsste ich ihren Schreibstil charakterisieren, sind scharfe, kleine Beobachtungen, die sie einbindet, auch solche, die man gar nicht mehr zu machen gedenkt, weil man – ohne dieser Tatsache etwas Negatives anhaften zu lassen – sich nur auf die wichtigen Dinge konzentriert. Von einem „abgefrorenen Hintern“ ist da die Rede, während sich die Protagonistin fragt, warum man denn nicht klipp und klar sagt, dass man kalte Hände hat; dass das Tanzen zu Musik heute kaum mehr als „unchoreografiertes Herumhüpfen“ ist. Da sind aber auch Bemerkungen, die eindeutig drauf schließen lassen, mit diesem negativen Aspekt, den ich zuvor nicht beimessen wollte, dass etwas nicht so richtig zu „stimmen“ scheint mit Eleanor. An vielen Stellen des Buches führt dieser Umstand meiner Meinung nach darauf zurück, dass die Autorin hier versucht, ungute Emotionen in das Gegenteil zu verwandeln, und ich glaube nicht, dass es Mitleid mit der Protagonistin sein soll. Vielmehr möchte sie durch die Einsicht, etwas ziemlich Unfaires zu denken, ein Be- und Umdenken anregen, das über das Buch gesehen definitiv passieren kann, wenn man nur offen dafür ist.

„Ich, Eleanor Oliphant“ ist ein lebensnahes Buch, flüssig geschrieben und angenehm zu lesen, nichtsdestotrotz schien es mir gleichzeitig das genaue Gegenteil zu sein. Obwohl die angewandte Erzählperspektive aus Sicht Eleanors absolut schlüssig ist und für mich eine kleine Meisterleistung darstellt, hat es die Autorin doch geschafft, sich für mein Gefühl perfekt in jemanden wie ihre Protagonistin hineinzuversetzen. Das Thema, das Gail Honeyman behandelt, ist einem irgendwo fremd, weil man es nicht sieht, weil Menschen die Eigenschaft, die mit dem Hauptthema des Buches verbunden ist, nicht öffentlich zeigen, sondern im Verborgenen damit leben. Gleichzeitig, obwohl ich während des Lesens keine Abscheu gegen es empfunden habe, wurde ich das Gefühl nicht los, etwas zur Belustigung zu lesen, belustigt sein zu sollen über das Leid einer liebenswerten jungen Frau. Diese Tatsache kann – wahrscheinlich ist es so – genau so von der Autorin gewollt gewesen sein, so offensichtlich gemacht, dass man sich über die darin liegende Absurdität klar wird und, wie schon zuvor erwähnt, ein Denkprozess angestoßen wird. Allerdings fand ich das, was Eleanor umtreibt, hier und da zu sehr romantisiert, zu sehr als etwas dargestellt, das Außenstehende mit selbstgefälliger Ader gut und gerne ein Grinsen ins Gesicht bringen kann.

Handlungstechnisch bin ich leider der Meinung, dass der Spannungsbogen etwas fehlt, ich habe rückblickend das Gefühl, nur von Eleanors tragischer Geschichte gelesen zu haben, nicht von ihrer Zukunft. Immer dieselben Szenen, Begegnungen mit einem Arbeitskollegen, dessen Mutter und anderen schmiegen sich unbedeutend und nicht wirklich mit einer Veränderung, die die Geschichte maßgeblich weiterbringt, aneinander. Auch wenn eine Handlung besteht, wurde der Roman für mich dadurch zu etwas Langatmigem. Es fehlt der Aha- oder Wow-Effekt, der es besonders macht, ihm etwas Eigenes verleiht, das man, zumindest glaubt, noch nie gesehen zu haben. Der Schreibstil, gespickt mit Wörtern, die trotz aller Rechtfertigung und Schönheit der Sprache niemand heute so nutzen würde, aber wahrhaftig zu Eleanors Sichtweise passen, kann diesen Umstand leider nicht wettmachen. Darüber hinaus empfinde ich die Charaktere als nicht stark – klischeehafte, übliche Charaktere sind es; der gutmütige Greis, der etwas schmuddelige, ungepflegte IT-Spezialist, das Modepüppchen, das sich offenbar Männer am laufenden Band anlacht und in einem Friseursalon arbeitet. Sobald die Charaktere im Buch eingeführt wurden, hatte ich von Anfang an ein zu klares Bild von ihnen im Kopf, in Bezug auf das ich leider im weiteren Verlauf nicht mehr zum Umdenken gezwungen wurde. Schade finde ich auch, dass man als Dritter, als Leser, irgendwie dazu verleitet wird, seine eigenen Diagnosen abzugeben und sich über eine negative Abgrenzung von Eleanor zu distanzieren; dieser Punkt lässt den Roman manchmal zu einer Art Krankheitsfalldiagnose verkommen.

Wie sich das Buch über die 525 Seiten aufbaut, muss ich resümierend leider sagen, dass ich nicht finde, dass Anfang und Ende zusammenpassen, beziehungsweise mich zufrieden zurücklassen. Was zu einem sehr großen Teil, wenn nicht sogar vollkommen, dafür verantwortlich ist, dass Eleanors Leben sich so gestaltet, wie es sich gestaltet, wird für mich nicht befriedigend aufgelöst, erklärt, mit einem Ende beendet, das Hoffnung birgt, was im Kontext der Story aber sehr wichtig wäre. Bis zum Ende des Buches ist für mich keine ersichtliche Wendung passiert, die aus der Protagonistin selbst kommt, wo sie doch eine unverwechselbare sein soll, wie Jojo Moyes über das Buch gesagt haben soll. Viele Fragen bleiben unbeantwortet und während die Autorin mit ihrem Ende wohl das vielzitierte offene haben wollte, ist es für mich eines mit zu vielen offenen Fragen, die ein regelrecht überhastetes Finale ergeben, das dem Buch nicht gerecht wird und es mir nicht möglich macht, es uneingeschränkt weiterzuempfehlen.

Ich kann leider nicht mit Überzeugung behaupten, dass mir „Ich, Eleanor Oliphant“ länger im Gedächtnis bleiben wird, dafür fehlen mir Stellen, an die ich mich bewusst erinnern würde, wenn ich mir den Titel oder das Cover vor Augen halte.

Veröffentlicht am 01.12.2018

Von Schuld und zweiten Chancen

Das Glück an Regentagen
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Eigentlich sind Buchtitel nur und manchmal auch nie ein Bruchteil dessen, was man in einem Buch dann finden wird. Mit dem Titel dieses Buches verhielt es sich für mich aber anders. „Das Glück an Regentagen“ ...

Eigentlich sind Buchtitel nur und manchmal auch nie ein Bruchteil dessen, was man in einem Buch dann finden wird. Mit dem Titel dieses Buches verhielt es sich für mich aber anders. „Das Glück an Regentagen“ drückt etwas Melancholisches aus, dem gleichzeitig aber eine gewisse Sanftheit und Kostbarkeit beiwohnen. Ich hatte auf gewisse Weise eine Geschichte erwartet, wie ich sie zwischen dem Umschlag dann gefunden habe, auf eine andere Art fand ich aber auch nicht das, was ich gedacht hatte zu finden. Und dieser Umstand passt für mich perfekt in jenes von Marissa Stapley geschriebenes Buch. Da ist etwas, aber da ist eben auch nichts.

Mae steht vor einer dieser Wendungen, die einen manchmal für lange Zeit davon abhalten, das Leben als schön zu empfinden und es zu leben, weil man am Ende des Tages nun mal nur eines davon hat. Eine Trennung, die sie in ihren Grundfesten erschüttert hat, zwingt sie dazu, an den St.-Lorenz-Strom zurückzukehren, wo sie aufgewachsen ist und eine solche nicht nur ein-, sondern bereits zwei Mal hat erleben müssen. Bei ihren Großeltern aufgewachsen, regnete es schon früh in ihrem Leben und das Grau dieses Regens verschwand nie so ganz von ihrem Horizont. Wenn man die große Liebe verliert und dazu noch einen weiteren Schicksalsschlag erfahren hat, ist das womöglich nur logisch.

Die Geschichte, die sich schon auf den ersten Seiten des Buches mit voller Wucht entfaltet, ist genauso schwer, wie die Vorstellung an triste, graue, leise Regentage, an denen die Welt irgendwie stillzustehen scheint, weil sie unter denjenigen Dingen, auf die die Tropfen bei ihrem Auftreffen deuten, ächzt. Ächzt und schmerzt. Marissa Stapley schafft es mit einem sehr pointierten und vor allem eindrücklich-authentischen Schreibstil, den Leser sofort in die Geschehnisse eintauchen zu lassen. Nicht nur, weil die Autorin aus allen erdenklichen Tempi den Präsens ausgewählt hat, wirkt alles, als geschähe es direkt vor dem Auge des Lesenden, sondern auch, weil der Erzählstil in kurzen Sätzen gehalten ist, die nicht zu verschachtelt sind, nicht zu viele Informationen enthalten, die das Ganze zu sehr ins Erzählende abdriften lassen. Sie sind präzise. Eindrücklich. Einnehmend. Eine Gabe, die die Autorin hat, ist es, für diejenigen Personen, aus deren Sicht die Kapitel unregelmäßig wechselnde erzählt sind, einige Besonderheiten im Erzählstil zu verbauen. Lilly schwelgt in Melancholie und gleichzeitig dem Stolz auf ihr erlebtes Leben, Mae ist zweifelnd und Gabe schuldbeladen – ich bin mir sicher, dass man diese Eigenschaften der Charaktere auch erfassen könnte, würde man das Buch erst zur Mitte beginnen.

Die Handlung schiebt sich in einem gemächlich-schweren und gleichzeitig überrumpelnden Rhythmus weiter, in sich logisch und geschlossen, aber leider für mich unrund beendet. Das Buch endet, wie ich finde, typisch – mit einem Ende, das gut ist und einem Epilog, der vom noch Besseren erzählt – aber eigentlich, gerade aufgrund der Geschichte, die die Protagonisten verbindet, hätte ich mir gewünscht, den Prozess des Glücklichseins an Regentagen genauer beschrieben zu bekommen, ihn nachvollziehen und erleben zu können. Dieser ist mit dem Abschluss der Geschichte leider noch nicht abgeschlossen. Das Glück an Regentagen ist nun mal keine alltägliche Sache – man muss es erst finden.

Ein schönes Buch, das überrascht und nachdenklich stimmt – allemal fehlt mir allerdings jenes besondere Quäntchen, das es von anderen Büchern seiner Art unterscheidet. Das Buch enthält alles, was es braucht, um daraus eine besondere Geschichte zu spinnen – und gleichzeitig nichts, weil es manchmal in seiner Schwere zu versinken scheint. Vier Sterne und der Wunsch nach mehr!

Veröffentlicht am 01.05.2017

Spannung bis zum Schluss

Das Geheimnis von Chaleran Castle
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Wichtig bei Romanen ist für mich, dass sie von Anfang an fesselnd sind. Am besten gelingt das, wenn etwas Mysteriöses geschieht, bei dem man noch nicht ahnen kann, was das mit der Geschichte zu tun hat. ...

Wichtig bei Romanen ist für mich, dass sie von Anfang an fesselnd sind. Am besten gelingt das, wenn etwas Mysteriöses geschieht, bei dem man noch nicht ahnen kann, was das mit der Geschichte zu tun hat. Genau so einen Handlungsbeginn hat "Das Geheimnis von Cheleran Castle". Ich wurde von diesem Roman vom Prolog an gefesselt. Ich wollte unbedingt wissen, was es mit dem entführten Mädchen auf sich hat. Natürlich hatte ich irgendwann mitten im Buch eine Vermutung, die ich aber immer wieder aufgab, da es für mich nicht plausibel klang, dass Finlay und Felicia Geschwister sein sollten. Ich war von der ersten Begegnung davon überzeugt, dass Finlay und Felicia ein Paar werden würden und dass der Gärtner Scott nur eine Nebenrolle sein würde. "Das Geheimnis von Cheleran Castle" hat mich aber des Öfteren überrascht und so kamen Felicia und Scott zusammen. Auch war ich anfangs davon überzeugt, dass Logan und Sophia ein Paar werden würden und Logan sie nach Cheleran Castle mitnehmen würde. Da aber Amelia sagte, als sie die Box mit den Briefen und Aufschrieben von ihren Vorfahren Felicia übergab, dass die Geschichte der beiden furchtbar traurig war, war mein Vermutung vom Ausgang der Geschichte nicht mehr sinnvoll. Mit solchen Wendungen überraschte mich dieser Roman oft und hat mich deshalb auch immer am Lesen gehalten. Oft habe ich nicht gemerkt, wann der Abschnitt, der in einer Woche zu lesen war, zu Ende war, den ich lesen sollte und so habe ich unbeabsichtigt weitergelesen. Ich wollte stets wissen, wie es weitergeht...
Sehr gut hat mir auch gefallen, dass durch die Geschichte von Logan und Sophia das südländische Aussehen von Felicia Sinn machte. Allgemein äußerliche Beschreibungen zu den Charakteren und zur Landschaft in Schottland sind sehr gelungen. Vor allem die Landschaftsbeschreibung macht Laune auf eine Reise nach Schottland.
Der einzige kritische Punkt den ich aufführen kann, ist die Gefühle, die Finlay für Poppy hegte, erkannte man nicht und so kam es für mich eher so herüber, als ob Finlay sich mit Poppy über Felicia hinwegtröstet. Das ist jedoch auch nur ein kleiner Kritikpunkt, die eventuell nur meiner Auffassung entspricht.
Zusammenfassend kann ich sagen, dass "Das Geheimnis von Cheleran Castle" ein Roman ist, den man jeder romantikbesetzten, geheimnisliebenden und überraschungsfreudigen Leserin beziehungsweise Leser weiterempfehlen kann und werde. Dieser Roman wurde zu einem meiner Lieblingsromanen, während ich ihn las.

  • Cover
  • Charaktere
  • Atmosphäre
  • Lesespaß
  • Erzählstil