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Veröffentlicht am 14.08.2020

Die Wahrheit

Zwei fremde Leben
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1973 will Ricarda in der Dresdner Frauenklinik ihr Kind entbinden. Da es bei der Geburt Probleme gibt, spritzt ihr der Arzt etwas und sie dämmert weg. Als sie wieder aufwacht wird ihr gesagt, dass das ...

1973 will Ricarda in der Dresdner Frauenklinik ihr Kind entbinden. Da es bei der Geburt Probleme gibt, spritzt ihr der Arzt etwas und sie dämmert weg. Als sie wieder aufwacht wird ihr gesagt, dass das Kind eine Totgeburt war. Das Brisante dabei ist, dass der Arzt ihr Vater und schon die ganze Zeit gegen das Kind gewesen ist. Ricarda bekommt den Leichnam ihres Babys nicht zu sehen und kann darum nicht an dessen Tod glauben. Sie ist überzeugt, dass ihr Vater ihr das Baby weggenommen hat und will das beweisen.

Zufällig erfährt der junge Kriminalpolizist Thomas Rust davon, dessen Frau wegen Schwangerschaftsproblemen auf der gleichen Station liegt. Ihm ist in der bewussten Nacht ein Auto mit Berliner Kennzeichen aufgefallen, das am Hinterausgang der Klinik wartete. Rust ist sehr ambitioniert und hat das Gefühl, dass da irgendetwas nicht stimmt. In Absprache mit seinem Vorgesetzten und dem seines Stasi-Führungsoffiziers beginnt er nachzuforschen und bringt damit sich, seine Frau und sein ungeborenes Kind in Lebensgefahr.

1989 versucht die 16jährige Claudia Behling mit einer Gruppe Gleichaltriger aus einer Laune und erster Verliebtheit heraus über die tschechische Grenze und Ungarn nach Österreich zu kommen. Sie wird erwischt und zu ihren Eltern zurückgebracht, danach erfährt sie, dass sie adoptiert wurde. „Es kam ihr vor, als wäre ihr bisheriges Leben nur eine Projektion, als wäre sie nur eine Statistin in einem Film. … Und sie war gefangen in dieser Familie, in diesem Haus, in dieser Welt.“ (S. 66) Als im Herbst die Grenze öffnet, packt sie ihre Sachen und verschwindet.

Frank Goldammer zeigt das schwierige Leben der Menschen in der DDR, das oft einem Balanceakt oder Versteckspiel gleicht, und wie es ihnen nach dem Mauerfall und der Wiedervereinigung ergeht. Sie werden abgewickelt, genau wie ihre ehemaligen Betriebe, und fühlen sich oft als Menschen 2. Klasse.
Man spürt den Schmerz, die Aussichtlosigkeit und Hoffnungslosigkeit seiner Figuren sehr direkt. Ich habe mit Ricarda, Claudia und Rust mit gefiebert und gelitten.
Vor allem die beiden Frauen taten mir unglaublich leid.

Obwohl Ricardas Eltern und ihr Mann ihr immer wieder versichern, dass es kein Kind gibt, verbringt sie die nächsten 20 Jahre mit der Suche nach ihm, zerstört damit ihre Ehe und verliert fast alle Freunde. „So eine Suche kann ganz schön einsam machen.“ (S. 317) Sie findet auch immer wieder Indizien, aber nie Beweise, nie das Kind, also glaubt ihr auch niemand. Im Gegenteil, man hält sie für verrückt und macht ihr das Leben schwer. Sie ist zu unbequem für den Staat und ihren Vorzeigevater, den berühmten Frauenarzt mit Veröffentlichungen und Reisen in den Westen.

Claudia geht es ähnlich. Sie hält den Leistungsdruck und die Enge zu Hause nicht mehr aus. Ihr Vater ist ein hoher Partei- und Stasifunktionär, die Anforderungen an sie sind extrem hoch. Vor allem ihre Mutter macht es ihr nie leicht. Um sie endgültig zu strafen, vernichteten ihre Eltern alle Adoptionsunterlagen, nachdem sie es ihr gesagt haben. Auch Claudia sucht jahrzehntelang erfolglos nach ihrer leiblichen Mutter und muss immer wieder Rückschläge einstecken. „Immer, wenn ich denke, ich bin einen Schritt weiter, laufe ich wieder nur ins Leere.“ (S. 329)
Thomas Rust ist eine sehr ambivalente Persönlichkeit, extrem wandelbar. Man ist sich nie sicher, auf welcher Seite er eigentlich steht und was er bezweckt. Zu Beginn ist er 100%ig von der DDR überzeugt, aber je tiefer er sich in den Nachforschungen verstrickt, desto mehr zweifelt er am System und an allem woran er bisher geglaubt hat. Trotzdem lässt er sich nie richtig in die Karten gucken – eine wirklich spannende Persönlichkeit.

Seit dem „Angstmann“ bin ich ein großer Fan von Frank Goldammer und auch bei „Zwei Fremde Leben“ hatte er mich von der ersten Seite an gepackt. Er beschäftigt sich mit dem Thema Kindesentzug und Zwangsadoption in der DDR, gesteuert von der Stasi und der Regierung. Geschickt wechselt er zwischen den Zeitsträngen und Personen, heizt die Neugier des Lesers immer mehr an, fesselt ihn ans Buch. Ich hatte lange keine so große Sogwirkung mehr bei einem Roman und habe ihn an nur einem Tag am Stück gelesen – er war spannender als mancher Krimi!
Auch das Setting des Buches übt einen ganz besonderen Reiz auf mich aus, da ich als gebürtige Dresdnerin die beschriebenen Orte ganz genau kenne.

5 Sterne und meine Leseempfehlung für dieses Highlight!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 10.08.2020

„Was würde Emmerich tun?“

Das schwarze Band
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Kriminalinspektor August Emmerich kann sich einfach nicht anpassen und unterordnen. Für ihn sind Regeln dazu da, um gebrochen zu werden. Als er Johann Schober brüskiert, den Wiener Polizeipräsidenten und ...

Kriminalinspektor August Emmerich kann sich einfach nicht anpassen und unterordnen. Für ihn sind Regeln dazu da, um gebrochen zu werden. Als er Johann Schober brüskiert, den Wiener Polizeipräsidenten und neuen Bundespräsidenten, wird er zu einem Disziplinarkurs über gutes Benehmen und richtiges Auftreten verdonnert. Dabei ermitteln er und sein Assistent Ferdinand Winter gerade in einem Mord an 2 Prostituierten und Emmerich hat kein gutes Gefühl, Winter damit allein zu lassen. Zum Glück hält sich Winter an Emmerichs Tipp „Tu einfach das Gegenteil von dem, was du normalerweise tun würdest.“, wenn er nicht mehr weiterweiß. Außerdem bittet er Emmerichs alten Bekannte Veit Kolja und die Sekretärin Grete um Hilfe – letztere entdeckt eine Verbindung zu einem früheren Freund seines Vaters. Von ihm bekommt Winter den Schlüssel fürs Paradies – und landet in der Hölle.
Auch Emmerich durchlebt seine persönliche Hölle. Der „Benimm-Kurs“ findet in einer Kaserne statt, die ihn an das schreckliche Waisenhaus erinnert, in dem er aufgewachsen ist. Außerdem ist ausgerechnet sein Kontrahent Kriminalinspektor Peter Brühl einer der Lehrer. Überhaupt kommt Emmerich der Kurs immer eigenartiger vor – außer ihm gibt es nur wenige andere Teilnehmer, vieles wirkt unfertig und improvisiert. Als dann auch noch einer der Lehrer ermordet wird, kommen Emmerich und Winter einer Verschwörung auf die Spur, bei deren Aufklärung sie auf sich allein gestellt sind … „Wir können niemanden einweihen und Beweise haben wir auch keine. Alles was wir haben sind vier Zeitungen, eine alte Aktentasche und eine Vermutung.“

„Das schwarze Band“ ist bereits der 4. Band der Krimireihe von Alex Beer und mindestens genauso spannend und verzwickt wie seine Vorgänger. Ich habe bis zuletzt mitgeraten und gebangt, dass alles gut ausgeht.
Emmerich und Winter ermitteln im Frühsommer 1921. Es ist heiß, das Wasser wird knapp und die Unzufriedenheit der Bevölkerung wächst, denn obwohl der 1. Weltkrieg seit 2 Jahren vorbei ist, ist die Versorgungslage immer noch angespannt, Wohnungen und Arbeitsplätze fehlen. Zudem gibt es Bestrebungen, die Monarchie wieder einzuführen und Kaiser Karl I. zurück auf den Thron zu setzen. Außerdem wartet Österreich immer noch darauf, dass Ungarn ihm das heutige Burgenland übergibt, wie es im Vertrag von Trianon festgelegt wurde. Alex Beer lässt all dies geschickt in die Krimihandlung einfließen und zeichnet so ein sehr umfassendes und anschauliches Bild der herrschenden Verhältnisse.

Auch das private Umfeld der Ermittler ist sehr aufregend. Emmerich ist inzwischen alleinerziehender Vater der 3 Kinder seiner ermordeten Lebensgefährtin und in ständiger Sorge um sie. Ferner sucht er immer noch nach seiner Mutter. Er hat einen neuen Hinweis bekommen, für den er teuer bezahlen muss. Ich mag seine bärbeißige, unangepasste Art, seinen Wiener Schmäh und seine Intelligenz – schlussendlich ist er immer schlauer als seine Gegner.
Winter ist vom Adelsaufhebungsgesetz betroffen, hat sich mit der Situation aber gut arrangiert. Er blüht durch die Verantwortung für den Fall richtig auf und wird Emmerich immer ebenbürtiger, nur mit den Frauen hapert es noch. Ich bin gespannt, ob er je bemerkt, dass Grete ihn mag.

Wie schon die Vorgängerbände wurde auch dieser wieder grandios von Cornelius Obonya eingelesen. Er schafft es, jeder Figur eine ganz eigene Stimme zu geben und die charakterlichen Merkmale herauszuarbeiten. Das ist ganz großes Hör-Kopf-Kino.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 07.08.2020

Eine etwas andere Kreuzfahrt

Die Kreuzfahrt
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Die aufstrebende Violinistin Carla verbringt mit ihrer Familie den Sommer 1936 in Berlin und besucht die Olympischen Spiele. Carla ist schüchtern, keine auffällige Schönheit, darum versteht sie auch nicht, ...

Die aufstrebende Violinistin Carla verbringt mit ihrer Familie den Sommer 1936 in Berlin und besucht die Olympischen Spiele. Carla ist schüchtern, keine auffällige Schönheit, darum versteht sie auch nicht, was Baron Harald von Breden, ein Erbe großer Ländereien in Ostpreußen und Redakteur eines Berliner Wochenblatts, ausgerechnet an ihr findet. Ihre Mutter, eine ehemalige russische Balletttänzerin, drängt auf eine schnelle Hochzeit. Doch als Carla ein gut gehütetes Familiengeheimnis entdeckt und es Harald erzählt, trennt sich dieser sofort von ihr. Um Carla zu trösten organisiert ihr Vater eine spontane Mittelmeerkreuzfahrt nach Ägypten und Palästina.
Auf dem Schiff umwirbt ein aufstrebender Ufa-Regisseur Carla und auch Harald ist plötzlich wieder da, will sie nun plötzlich doch heiraten: „Ich verschaffe dir eine völlig neue Identität, aber dafür muss die Vergangenheit sterben.“ (S. 199) Carla kommt das sehr suspekte vor, denn auch ihr Vater verhält sich irgendwie merkwürdig und hat sich verändert.
Als auf dem Schiff dann auch noch ein Mord passiert und die Weiterreise gefährdet, ist eigentlich jeder verdächtig …

Carla lebte bisher nur für die Musik, selbst auf der Reise wird sie von ihrem Violinen-Lehrer begleitet. Doch das entdeckte Geheimnis lastet schwer auf ihr, sie muss wichtige Entscheidungen für ihr weiteres Leben treffen, genießt aber auch die Reise und aus dem naiven Mädchen wird dabei nach und nach eine emanzipierte Frau.
Ihr Vater ist echter ein Selfmade-Man. Begonnen hat er mit einer Apotheke, inzwischen gehört ihm eine Arzneimittelfirma. Er will nur das Beste für seine Familie und ihm gefallen die Entwicklungen in Deutschland nicht. Außerdem hat er nicht nur ein Geheimnis vor seiner Familie, wie Carla bald feststellen muss.
Auch Baron Harald von Breden ist sehr undurchsichtig und spielt ein ganz eigenes Spiel.

„Die Kreuzfahrt!“ von Guido Dieckmann ist eine orientalisch angehauchte Mischung aus historischem Abenteuer-, Spionage-, Reise- und Liebesroman. Ich mag die die Idee hinter der Geschichte, dass 1936 ein Kreuzfahrtschiff in See sticht und jüdische Emigranten versuchen, damit nach Jerusalem zu kommen – zumal es das Schiff und die Fahrt zu dem Zeitpunkt wirklich gegeben hat. Die beginnenden Judenvertreibung in Deutschland und die verschiedenen politischen Entwicklungen und Machspiele in Europa und im Mittelmeerraum als Rahmenhandlung sind gut gewählt. Zudem bilden die Reiseziele eine abwechslungsreiche, aufregende und farbenprächtige Kulisse.
Leider war mir aber Handlung zum Teil etwas zu berechenbar und es fehlte Spannung bzw. wurde es zu mystisch. Zudem waren mir auch etwas zu viel Liebe und zu viele günstige Zufälle im Spiel.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 05.08.2020

„Bitte, nennen Sie mich Grace.“

Miss Kelly und der Zauber von Monaco
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1955 dreht sich in Cannes alles um das Film-Festival. Die Journalisten jagen Promis wie z.B. Grace Kelly für das perfekte Foto. Auch James Henderson soll im Auftrag seines Redakteurs Bilder von ihr liefern ...

1955 dreht sich in Cannes alles um das Film-Festival. Die Journalisten jagen Promis wie z.B. Grace Kelly für das perfekte Foto. Auch James Henderson soll im Auftrag seines Redakteurs Bilder von ihr liefern und verfolgt sie dafür bis in die kleine Parfümerie von Sophie Duval. Diese versteckt Grace im Hinterzimmer, woraus sich eine lebenslange Freundschaft der beiden Frauen entwickelt und ein Flirt zwischen James und Sophie. Aber haben sie auch eine gemeinsame Zukunft?

James ist ein Getriebener, der seine Erlebnisse als Soldat im 2. WK nicht vergessen kann. Er ist geschieden und Vater einer kleinen Tochter, darf sie aber nur selten sehen. Obwohl er lieber Landschaftsaufnahmen machen würde, hält er sich mit den Fotos von Berühmtheiten über Wasser.

Auch Sophie hat es nicht leicht. Ihr Vater war Parfümeur und hat sie bis zu seinem frühen Tod selbst ausgebildet. Er ist ihr großes Vorbild, sie eifert ihm in allem nach und träumt davon, einen neuen Duft zu entwickeln. Ausgerechnet Grace Kelly und James inspirieren sie zu einer ganzen Serie.
Sophie ist mit dem millionenschweren Lebemann Lucien liiert, der sie lieber heute als morgen als Ehefrau an seiner Seite sehen würde. Ihr Bestreben, eine neue Duftlinie zu entwickeln und damit die Schulden des Unternehmens zu tilgen, belächelt er nur.
Außerdem muss sie sich um ihre spiel- und alkoholsüchtige Mutter kümmern, die auf den Verkauf des Unternehmens drängt.

„Miss Kelly und der Zauber von Monaco“ erzählt die nicht unkomplizierte Liebesgeschichte von Sophie und James abwechselnd aus ihrer beider Sicht. Zeitungsartikel über Grace Kelly lockern die Handlung auf und zeichnen ein prächtiges Bild der zukünftigen Fürstin. Man erfährt alles über ihre Roben, das Kennenlernen und die Hochzeit mit Fürst Rainier inkl. der aufwendigen Vorbereitungen. Aber ist sie nur der Rahmen bzw. das Bindeglied zwischen Sophie und James und nicht die Hauptperson, wie ich nach dem Lesen des Klappentextes gedacht hatte.

Die Autorinnen schildern ihre Protagonisten sehr lebendig und lassen den Leser auch an deren Innenleben teilhaben. Ich konnte mir auch die feudale Kulisse der Côte d'Azur, die rauschenden Feste und das Leben der Schönen und Reichen zur damaligen Zeit sehr gut vorstellen und wäre gern dabei gewesen. Sie gestatten aber auch einen Blick hinter die Kulissen – wie aufreibend die Berichterstattung der Presse zur Hochzeit war. Die Journalisten mussten um jedes Foto oder Interview kämpfen, es kam zu regelrechten Schlachten unter ihnen und mit der Polizei. Auch Grace konnte sich kaum noch frei bewegen, wurde auf Schritt und Tritt beobachtet.

Mein Fazit: Eine schöne Kombination aus Liebesgeschichte und biografisch angehauchtem Roman mit interessanten Details über die Arbeit eines Parfumeurs, Grace Kelly und die Pressearbeit bzgl. ihrer Hochzeit.

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Veröffentlicht am 21.07.2020

Zeitenwende

Das Brauhaus an der Isar: Im Sturm der Zeit
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München 1919: Nachdem ihr Bruder kurz nach dem Krieg an der Grippe gestorben ist, soll Clara das Brauhaus Bruckner von ihren Eltern Melchior und Antonia übernehmen. Aber Clara kann den Schmerz über den ...

München 1919: Nachdem ihr Bruder kurz nach dem Krieg an der Grippe gestorben ist, soll Clara das Brauhaus Bruckner von ihren Eltern Melchior und Antonia übernehmen. Aber Clara kann den Schmerz über den Verlust ihres Bruders nicht überwinden, außerdem gehört sie einer Strömung an, die ein Leben mit Freikörperkultur und Sport und ohne Alkohol- und Fleischkonsum führen will. Trotzdem ordnet sie sich dem Willen ihrer Eltern unter und lässt sich in das Brauwesen einarbeiten, studiert sogar Chemie und drückt dem Familienunternehmen ihren eigenen Stempel auf – sie braut alkoholfreies Malzbier und lässt mit Wasser verdünnten Saft ausschenken, um mit den Männern auch deren Familien ins Gasthaus zu locken.

Clara ist eine starke Persönlichkeit mit Herz, Verstand und Schnauze. Sie muss sich den Respekt ihrer Angestellten und das Vertrauen ihrer Eltern erst verdienen. Zum einen, weil sie „nur“ eine Frau ist, und zum anderen, weil die Arbeiter Angst haben, dass sie die Produktion komplett auf alkoholfreies Bier umstellt und deswegen Leute entlassen wird. Doch deswegen einfach einen passenden Mann zu heiraten und ihm die Firma zu übergeben, ist für Clara keine Option. „Die Welt stand ihr offen. Und ihre Aufgabe war es nicht, den richtigen Mann zu finden. Sondern die Frau zu sein, die sie sein wollte.“ (S. 196)
Ihre Freundin Magdalena hingegen wählt diesen Weg. Sie muss nach dem Tod des Vaters die Malzfabrik der Familie leiten und wünscht sich einen starken Partner an ihrer Seite. Dass ihre Wahl dabei auf Alfred fällt, der mit Hitler sympathisiert, passt Clara gar nicht. Kann sie die Freundin vor ihm retten?

Außerdem fühlt sie sich zu zwei Männern hingezogen. Der Journalist René hat im Krieg Furchtbares erlebt. Er sucht ständig die Gefahr und den Nervenkitzel als Beweis dafür, dass er noch lebt. „Bei ihm habe ich das Gefühl zu leben, als wäre nie Krieg gewesen. Er hat so eine Leichtigkeit, ganz gleich, was um ihn herum geschieht.“ (S. 160) Aber ist er auch ein Mann fürs Leben?
Dann ist da noch der undurchsichtige Ferdinand Schwabinger. Ein Mann mit Ambitionen, von dem niemand weiß, wie er zu seinem Geld gekommen ist. Er will mit aller Macht die Monarchie zurück, hat Interesse am Brucknerbräu und könnte Clara die Welt zu Füßen legen ...

Der zweite Teil der Münchner Brauhaus Saga von Julia Freidank dreht sich vor allem um Clara und ihr Leben in einer Zeit, die ständig im Wandel scheint und sehr unruhig und gefährlich ist. „Der Krieg ist vorbei, aber es schwelt in der Stadt. Ein Funke genügt und alles brennt wieder lichterloh.“ (S. 59) Die Räterepublik versucht nach der Absetzung des Königs den Freistaat Bayern als sozialistischen Staat zu etablieren, es kommt zu Straßenkämpfen zwischen der Reichswehr und der „Roten Armee“. Die Reparationszahlungen lösen eine Hyperinflation aus, dazu kommen Arbeiteraufstände, Kreise, die die Monarchie wieder einführen wollen, und Hitler, der immer mehr Anhänger um sich schart. Außerdem wollen die Brauer unbedingt das Oktoberfest wiederbeleben, brauchen aber einen Schirmherrn oder Sponsoren.

Julie Freidank lässt eine interessante Zeit lebendig werden, in der es zumindest kurz so aussah, als wären Frauen genau so viel wert wie Männer. Durch die vielen Gefallenen oder als Invaliden Heimgekommenen sorgen oft die Frauen für den Unterhalt der Familien. Sie können studieren, die Frisuren und Röcke werden kürzer und man heiratet nicht gleich, nur weil man sich liebt, muss dann aber auch mit dem Gerede der Leute leben. Doch schon bald wollen die Kirche und die Nazis Frauen wieder auf ihren angestammten Platz verweisen – ins traute Heim mit einer Schaar Kinder um sich, sich ihrem Mann komplett unterordnend.

„Das Brauhaus an der Isar – Im Sturm der Zeit“ ist wieder sehr spannend, aber zum Teil etwas langatmig. Ich hätte mir an einigen Stellen etwas weniger Politik und dafür mehr Clara gewünscht.

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