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Veröffentlicht am 27.09.2019

Kontroverse Themen mit wenig Tiefe

Dreck am Stecken
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Abtauchen in die Abgründe der Menschen. Manie und Depressionen, Sprachstörungen, Kriminalität, Alkoholsucht, Tod, Demenz, all das und mehr vertreten in Alexandra Fröhlichs Roman „Dreck am Stecken“.

"Familie ...

Abtauchen in die Abgründe der Menschen. Manie und Depressionen, Sprachstörungen, Kriminalität, Alkoholsucht, Tod, Demenz, all das und mehr vertreten in Alexandra Fröhlichs Roman „Dreck am Stecken“.

"Familie ist Leben, dein Leben."

Die vier Brüder Johannes, Jakob, Philipp und Simon haben es nicht leicht. Aufgewachsen in einem Elendsviertel Hamburgs mit einer manisch-depressiven Mutter ändert sich alles, als diese sich pünktlich mit der Volljährigkeit des Ältesten das Leben nimmt. Die Jungs kommen in die Obhut des Opas und so beginnen die Abenteuer dieser etwas anderen WG. Als schließlich auch der Alte stirbt und den Jungs ein altes Tagebuch vererbt, tun sich weitere Abgründe auf und die Vier graben sich durch bis zum Zweiten Weltkrieg, auf der Suche nach der Geschichte ihrer Familie.

"Unmittelbar oder mittelbar- Schuld ist Schuld."

Alexandra Fröhlich vereint hier so viele umstrittene Themen, die einen wirklich verstehen lassen, dass die Brüder mit einigen Problemen zu kämpfen hatten. Spannend zwar, aber mir zu hintergründig. Ich hätte mir gewünscht, dass Qualität über Quantität ginge und mehr auf die einzelnen Problematiken eingegangen wird. Simon beispielsweise hat seit seiner Kindheit krampfartige Anfälle, wenn er überfordert ist. Diese geschehen immer wieder, aber Hintergründe oder ähnliches werden nicht beleuchtet. Sein Bruder ist Arzt, bringt Medikamente und das war es. Es fehlt die Tiefe. Dies zieht sich durch den gesamten Roman. Die Jungs reisen nach Argentinien, aber für den Leser wäre es dasselbe, wenn sie einfach in einen anderen Stadtteil reisen. Das Drumherum fehlt komplett.

Die Sprache fand ich außergewöhnlich und besonders, teilweise grenzwertig, derb und nahezu vulgär, aber das passte sehr gut zum Roman und den Jungs, auch wenn es zu Beginn befremdlich ist. Auch die Auswahl des Settings und der Figuren ist etwas Neues, diese Randgruppe auszuwählen und so viele negative Aspekte einzubauen ist mutig und interessant.

Insgesamt mochte ich den Roman aufgrund des besonderen Ansatzes, aber mir fehlte schlicht die Tiefe in der Darstellung.

Veröffentlicht am 17.03.2019

Sorgsam durchdachtes Drama trifft slapstickhaften Roadtrip

Das Gewicht eines Pianos
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Mit Chris Canders Roman „Das Gewicht eines Pianos“ geht der Leser auf die große Reise eines ganz besonderen Klaviers.

Los geht es mit der Russin Katya, die als junges Mädchen ihre Liebe zur klassischen ...

Mit Chris Canders Roman „Das Gewicht eines Pianos“ geht der Leser auf die große Reise eines ganz besonderen Klaviers.

Los geht es mit der Russin Katya, die als junges Mädchen ihre Liebe zur klassischen Musik entdeckt und daher ein Blüthner, ein deutsches Klavier, vererbt bekommt. Während sie sich im Laufe der Jahre zu einer talentierten Frau entwickelt, begleitet das Blüthner sie wohin sie auch geht. Bis eines Tages ihr Ehemann beschließt Russland zu verlassen. Doch wie soll eine Flucht gelingen mit diesem Gepäck?
Währenddessen begleiten wir auch Clara, die auf einem etwas anderen Roadtrip ihre persönliche Verbindung zum Blüthner, das sie als Mädchen von ihrem Vater bekam, auf die Probe stellt.
Beide verbindet das Klavier, doch trennt sie die Zeit.


Ich bin Fan von Romanen mit zwei Erzählsträngen, speziell wenn einer der beiden in der Vergangenheit liegt, deswegen hat mich das Buch erstmal angesprochen. Allerdings muss ich in diesem Rahmen auch leider beide Teile separat bewerten.

Katya ist von Beginn an eine interessante Erscheinung. Ihre Liebe zur Musik, die enorme Bindung zu diesem Piano und ihr großes Herz wirkt sofort sympathisch. Gerade die Tatsache, dass ihr Leben alles andere als leicht ist und sie mit vielen Schwierigkeiten kämpfen muss, seien es die Flucht aus Russland oder ihr gewalttätiger Ehemann, machen sie interessant und die Geschichte spannend.

Clara ist für mich leider der Schwachpunkt des Romans. Sie ist nicht besonders tiefschürfend dargestellt. Während man mit Clara durch das Death Valley fährt und ihr Blüthner verfolgt, ist es mir nahezu unmöglich gewesen eine Verbindung zu ihr aufzubauen. Ihre Handlung ist langweilig und führt ins nichts und ihr Charakter ist mir zu schwach ausgearbeitet. Deshalb bleibt Clara mir bis zum Schluss als langweilige, nichtssagende, egozentrische Frau im Kopf, die pausenlos nichts anderes tut, als sich selbst an erste Stelle zu setzen und ihr Umfeld nahezu unverschämt zu behandeln. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal eine Figur so wenig mochte.

Insgesamt haben mir Katyas Passagen also gut gefallen, wurden aber durch Clara zwischendrin immer wieder gestört. Zwischendrin war mir auch der Schreibstil Canders oft zu distanziert und analytisch, wo ich mir mehr emotionale Tiefe und Einfühlungsvermögen gewünscht hätte.


Obwohl mich einer der Handlungsstränge nicht überzeugen konnte, war es dank Katya doch ein nettes Buch für zwischendurch, das ich trotz allem ganz gern gelesen habe.

Veröffentlicht am 27.07.2022

Nichts Halbes und nichts Ganzes

Wer wird denn gleich an Liebe denken
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Die gebeutelte Künstlerin Trix hat nichts zu lachen. Der Alltag im harten Londoner Wettbewerb ist nicht für jeden. Daher schickt Nina May sie in ihrem Roman „Wer wird denn gleich an Liebe denken“ nach ...

Die gebeutelte Künstlerin Trix hat nichts zu lachen. Der Alltag im harten Londoner Wettbewerb ist nicht für jeden. Daher schickt Nina May sie in ihrem Roman „Wer wird denn gleich an Liebe denken“ nach Kent. Auf Schlosstour. Wer weiß, vielleicht lässt sich dort ein reicher Erbe erobern und alle Probleme sind vergessen. Doch wider Erwarten ist nicht alles Gold was glänzt und ein Schloss noch kein Zeichen für Protz und Prunk.

Leider gab es in diesem Roman doch einige Baustellen für mich und damit meine ich nicht das alte Schloss.

Von Anfang bis Ende fiel es mir schwer mit den Charakteren warm zu werden. Gerade Trix ist mir zu flach. Insgesamt sind so ziemlich alle Figuren ein aufgewärmtes Klischee nach dem anderen (ich will an dieser Stelle nicht zu viel Vorweg nehmen, daher keine genauere Ausführung).

Auch die Handlung an sich ist nicht ganz stimmig. Der Leser macht gefühlt 100.000 Dinge im Schnelldurchlauf mit, aber keins so ganz. Ich habe immer das Gefühl, dass hier einfach wahnsinnig viele Ideen da waren, die alle umgesetzt werden wollten. Nur Platz und Zeit gibt man ihnen nicht. Mehr Fokus darauf, wie das alte, verwaiste Schloss wieder zu neuem Leben erweckt werden kann, wäre wünschenswert gewesen. Dafür blieb leider keine Zeit.

Es ist wirklich ein süßes Buch und nett und witzig zu lesen, aber streckenweise leider unstimmig. Das gewisse Etwas fehlt.

Alles in allem war die Story ganz okay, leider nicht mehr. Schade, es wäre viel Potential da gewesen mit dem tollen Thema und der unterhaltsamen Sprache - wäre da nicht dieses unausgereifte Storytelling.

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Veröffentlicht am 12.08.2019

Einige Schwächen, wenige Highlights

Als wir im Regen tanzten
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Eine Zeit zwischen den Kriegen, eine Zeit voller Konflikt, voller Elend. Gesellschaftlicher Wandel, Antisemitismus, Radikalisierung. Viele Romane widmen sich der grauenvollen Zeit ab Hitlers Machtergreifung, ...

Eine Zeit zwischen den Kriegen, eine Zeit voller Konflikt, voller Elend. Gesellschaftlicher Wandel, Antisemitismus, Radikalisierung. Viele Romane widmen sich der grauenvollen Zeit ab Hitlers Machtergreifung, doch Michaela Saalfeld zeigt in ihrem Roman „Als wir im Regen tanzten“ die schockierenden Entwicklungen vorab.

Die schöne Recha wird als Stummfilmstar langsam von der Leinwand verdrängt und muss sich zunehmend dem Antisemitismus ihrer Kollegen stellen. Ihr Ehemann Willi hat die Ereignisse aus dem Ersten Weltkrieg noch nicht verarbeitet und hat auch als Regisseur seinen Weg noch nicht gefunden. Rückläufige Einnahmen, mittelmäßige Geschichten, der wachsende Druck von Seiten der judenfeindlichen Mitglieder der Filmgesellschaft, der unerfüllte Kinderwunsch. Nach und nach entfernen sich beide nicht nur von ihrem alten Erfolg, sondern auch voneinander.

Willis Schwester Felice, die erste Anwältin der Weimarer Republik, hat derweil mit ganz anderen Sorgen zu kämpfen. Sie soll ihre Pflegekinder nach zehn Jahren an deren Mutter, ihre aus dem Gefängnis entlassene Schwester Ille, zurückgeben und kämpft verzweifelt für Recht, das noch nicht geschrieben ist.

Wohin man tritt stößt man auf Geschichten, hatte Quintus einmal gesagt. Man ist nur meistens zu beschäftigt mit der eigenen, um ihnen nachzuspüren.

Mich hat an diesem Roman allem voraus die außergewöhnliche Auswahl der Zeitspanne begeistert. Zweite Weltkriegs – Romane gibt es wie Sand am Meer und auch der Erste Weltkrieg erfährt viel rückwirkende Aufmerksamkeit, aber hier geht es um die Zeit dazwischen. Mit viel Liebe zum Detail sind der politische und gesellschaftliche Wandel so in die Geschichte verwebt, dass es Spaß macht mehr zu erfahren. Man spürt das Know How der Autorin auf jeder Seite.

Ich brauchte einige Seiten Eingewöhnungszeit, bis ich mich an den etwas umständlichen Schreibstil und die doch recht zahlreichen Ausschweifungen gewöhnt hatte. Je mehr ich las, desto weniger konnte ich das Buch aber zur Seite legen und genoss die nahezu kunstvolle, geistreiche Sprache immer mehr.

Der größte Kritikpunkt liegt für mich aber in der Geschichte selbst. Die Figuren bleiben weitgehend eher farblos, wenig nachvollziehbar und unsympathisch. Schade. Lediglich die leidenschaftliche Kämpferin Felice, ihr charmanter Mann Quintus und deren zuckersüße Kinder, allen voran der kleine Luftschifffanatiker Anton, sind mir ans Herz gewachsen. Die eigentliche Nebenhandlung war für mich daher wesentlich spannender, als die Geschichte um den deutschen Film, die hier groß angekündigt wurde und für mich schlecht umgesetzt war. Es ging kaum um die deutsche Filmgeschichte allgemein, sondern immer wieder nur um einen fiktiven Film, das habe ich anders erwartet und war daher enttäuscht. Recha und Willi sind zu verschlossen und unnahbar um eine Beziehung zu ihnen aufbauen zu können, obwohl ihre persönlichen Erlebnisse trotzdem spannend sind. Hier wäre so viel Potential für eine herzergreifende Story gewesen, aber leider konnte die Autorin die Emotionen nur schlecht vermitteln. Entwickelte sich ein Ereignis in eine spannende Richtung wurde das Ganze zumeist von einer widersprüchlichen Charakterentwicklung und fehlender Logik begleitet.

Wichtig zu erwähnen ist auch, dass es sich hier um den zweiten Teil einer Reihe handelt, deren Bücher auch unabhängig voneinander gelesen werden können. Ich kannte den ersten Teil nicht. Dennoch war das Buch für mich interessant und spannend und auch wenn es seine Schwächen hatte.

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Veröffentlicht am 16.03.2020

Leider eine Enttäuschung

Das eiserne Herz des Charlie Berg
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„Das neue „Parfum“!“ – So wurde mir der Debütroman „Das eiserne Herz des Charlie Berg“ von Sebastian Stuertz empfohlen. Leider eine gnadenlose Fehlinterpretation.



Charlie hat es nicht leicht. Der Vater ...

„Das neue „Parfum“!“ – So wurde mir der Debütroman „Das eiserne Herz des Charlie Berg“ von Sebastian Stuertz empfohlen. Leider eine gnadenlose Fehlinterpretation.



Charlie hat es nicht leicht. Der Vater ein kompromissloser Künstler, dem der nächste Trip wichtiger ist als seine Kinder, die Mutter lange über alle Berge und dann geschieht das Unbegreifliche, das Charlie nur noch tiefer in den Abgrund zu stürzen scheint. Bei einem Jagdausflug trifft ein Schuss den Falschen und nicht nur der ersehnte Hirsch muss sein Leben lassen, sondern ebenso Charlies Opa.



Nach dem Klappentext zu urteilen habe ich verworrene Familienverhältnisse, einen Mord und eine missglückte Liebesbeziehung erwartet – spannend, kontrovers, überraschend. Eine epische Finte, denn das Einzige, das den Leser hier erwartet ist gähnende Langeweile, unergründliche Figuren und eine sehr dünne Story, der 300 Seiten weniger sicherlich gutgetan hätten. Ich konnte über hunderte Seiten zu keiner einzigen Romanfigur eine Beziehung aufbauen, die bleiben allesamt sehr unsympathische Charaktere, denen man einzig und allein Distanz und Desinteresse entgegenbringen kann. Die Idee dieser konfliktbeladenen Familie - der freigeistige, verantwortungslose Vater, die autistische Schwester und Charlie, dem nichts im Leben zu glücken scheint – fantastisch, die Umsetzung recht schwach.

Die Story fängt actiongeladen an. Charlie und sein Opa sind im Wald. Schüsse knallen. Auf einmal drei Tote. Doch als Charlie die Lichtung kurze Zeit verlässt verschwindet der Mörder seines Opas spurlos und eine rasante Verfolgungsjagd scheint zu beginnen. Allerdings verfliegt die belebte Atmosphäre schnell und verläuft sich in einem Sumpf aus Gulasch kochen, Drogen und schlechter „Kunst“.



Gern hätte ich besser zu dem Roman geurteilt, da wirklich eine Menge Potential in der Idee steckt, leider konnte mich Sebastian Stuertz aber nicht überzeugen.

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