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Veröffentlicht am 05.02.2023

"Einsamkeit ist keine Farbe und auch nie nur ein Moment."

Saubere Zeiten
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Einer der Sätze aus dem Roman „Saubere Zeiten“ von Andreas Wunn, die mich mit am meisten beeindruckt haben. Und einsame Menschen findet man in dem Roman genügend: den Erzähler Jakob Auber, dem die Mutter ...


Einer der Sätze aus dem Roman „Saubere Zeiten“ von Andreas Wunn, die mich mit am meisten beeindruckt haben. Und einsame Menschen findet man in dem Roman genügend: den Erzähler Jakob Auber, dem die Mutter schon als kleines Kind verloren ging und der damit auch den Vater irgendwie verloren hat, der seine Beziehung verliert und auch seine zwei ältesten Freunde, Ben und Theresa. Und auch sie wirken sehr einsam in ihrem Leben. Er findet – auf der Spurensuche nach seiner Familiengeschichte – Bella, die auch sehr einsam in Brasilien lebt, sie hat ihren Sohn verloren und lange Zeit zuvor schon ihre Eltern und ihre Heimat. Und kaum hat er sie gefunden, da verliert er auch sie schon wieder. Diese Einsamkeit scheint sich von Generation zu Generation zu vererben. Ob es Jakob gelingt, seinen eigenen Sohn davor zu bewahren?
Als sein Vater stirbt, hinterlässt er dem Erzähler ein Zimmer voller Erinnerungen, voller Tagebücher des Großvaters und voller eigener Tonbandaufnahmen. So erfährt Jakob Hintergründe zu Aufstieg und Niedergang seines Großvaters, dem großen Waschpulvererfinder von „Auber macht sauber“, von der Jugend seines Vaters Hans und von Bella, die auf vielfältige Weise mit den Aubers verbunden ist. Er beginnt diese Geschichte aufzuschreiben, um auch die eigene Geschichte besser zu verstehen.
Zweimal nennt der Erzähler seinen eigenen Vater einen guten Erzähler mit dem Blick für das Detail. „Zwar verzichtete er auf Adjektive und jede Art von Ausschmückung, aber wenn er zum Beispiel von Bella erzählte, gelang es ihm, sie vor meinen Augen erstehen zu lassen.“ Mit diesem Satz lässt sich auch der Erzählstil des Autors gut beschreiben. Er erzählt schlicht und leise, aber sehr nachdrücklich. Er lässt viel Platz für die eigenen Gedanken und Gefühle des Lesers und erschafft mit seiner Geschichte einen Sog, dem sich der Leser kaum entziehen kann. Er begibt sich mit dem Erzähler tief in die Geschichte seiner Familie und erlebt sie mit ihm, er lernt viel über ihn und über sich, aber vor allem, dass es kein Waschmittel gibt, dass, auch wenn es noch so sauber macht, die Geschichte reinwaschen kann und dass diese Geschichte, die Menschen prägt, ob sie von ihr wissen oder nicht, seil sie -wie Bella sagen würde – in ihren Körpern ist: „Alles, was wir tun, und alles, was wir sehen, und alles, was wir hören ist in unserem Körper. Das Leid und die Freude. Die Liebe und da Glück. Und auch das Grauen. Es ist alles in uns drin. Es bleibt alles in uns drin. Und wir müssen lernen, damit umzugehen. Und auch mal was rauszulassen.“

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Veröffentlicht am 21.12.2022

Ein Leben spannender als im Film

Agent Sonja
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Manchmal kann man sich nicht vorstellen, was Leute für Leben führen. Woher nehmen sie den Mut, die Leidensbereitschaft, aber auch die Skrupellosigkeit, Dinge zu erdulden oder Dinge zu tun, die ein Normalsterblicher ...

Manchmal kann man sich nicht vorstellen, was Leute für Leben führen. Woher nehmen sie den Mut, die Leidensbereitschaft, aber auch die Skrupellosigkeit, Dinge zu erdulden oder Dinge zu tun, die ein Normalsterblicher nur aus Romanen oder Filmen kennt?
Ein solches Leben führte Ursula Kuczynski. Schon als junges Mädchen weiß sie, was sie will und was sie nicht will. Sie ist eine glühende Anhängerin des Kommunismus und lässt sich weder durch die Worte ihres Vaters noch durch die Brutalität ihrer politischen Gegner davon abbringen. Als Spionin für die Russen unternimmt sie mehrere gefährliche Aktionen, gegen die Nazis, aber auch später im Kalten Krieg gegen die Amerikaner. Sie spürt den Geheimnissen des Atombombenbaus nach und liefert den Russen wertvolle Informationen für den Bau einer eigenen Bombe – um ein Kräftegleichgewicht zu schaffen und einen weiteren Krieg zu verhindern. Nach außen hin erahnt niemand, mit wem er es bei Ursula Kuczynski, Codename „Agent Sonja“ zu tun hat: sie ist liebende Mutter, fürsorgende Ehefrau und berühmt für ihre Scones.
Ähnlich wie die Protagonistin führt auch das Buch quasi ein Doppelleben. Bereits das Cover changiert zwischen typischer Krimiaufmachung und historischer Monographie aus dem englischsprachigen Raum: dicke rote Lettern vor grauen Hintergrund, der schwarze Umriss einer weiblichen Silhouette von hinten. Und auch vom Inhalt her glaubt der Leser, es eher mit einem Spionagethriller zu tun zu haben, wüsste er nicht, dass dies die Biographie einer unglaublichen Frau und die Darstellung eines spannenden Kapitels der Geschichte der Spionage im 2. und im Kalten Krieg ist. Packend, kenntnisreich und mitreißend erzählt! Unbedingt lesenswert!

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Veröffentlicht am 04.11.2022

Wie eine Familie

Zwischen heute und morgen
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Wie eine Familie

„Zwischen heute und morgen“ ist der zweite Teil von Carmen Korns Drei-Städte-Saga. Und zwischen heute und morgen“ passiert viel in Hamburg, Köln und San Remo, wo die Familien wohnen, ...

Wie eine Familie

„Zwischen heute und morgen“ ist der zweite Teil von Carmen Korns Drei-Städte-Saga. Und zwischen heute und morgen“ passiert viel in Hamburg, Köln und San Remo, wo die Familien wohnen, um die es geht und die durch verschiedenste Bande miteinander verknüpft sind. Die Weltgeschichte der 60er Jahre – Adenauer, APO, Armstrong auf dem Mond … - und die jeweiligen Lebensarten im nördlichen Hamburg, im jecken Köln und im südländischen San Remo bilden lediglich den dezenten Rahmen dafür. Ich mag den Schreibstil der Autorin, die mit kurzen Sätzen und einfachen Worten so tiefgehende Gefühle inszenieren kann. Ich habe die kleineren und größeren Alltagsgeschichten sehr gerne, die sie da vor sich hin perlen lässt ohne Pathos und großen dramatischen Spannungsbogen, aber doch mitreißend und vertraut, sodass der Leser sich selbst in den Geschichten wiederfinden kann. Und ich liebe ihre Figuren, natürlich insbesondere die ruhigen, die feinen, die unaufgeregten, die unprätentiösen, doch auch bisweilen angefochtenen, die den Dreh- und Angelpunkt der Familiengeschichten darstellen, wie Gerda und Margarethe und Heinrich, Kurt und Jules.
So ist die einzige Trübsal dieses Buches, dass es zu Ende geht und dass es das letzte der Reihe ist.

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Veröffentlicht am 22.09.2022

Gediegen

Das neunte Gemälde
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Der Kunstexperte Lennard Lomberg wird aufgrund seines Fachwissens über Beutekunst im 3. Reich in die Geschichte eines Gemäldes hineingezogen, dessen Existenz Rätsel aufgibt, das durch Zufälle die Bilderverbrennung ...

Der Kunstexperte Lennard Lomberg wird aufgrund seines Fachwissens über Beutekunst im 3. Reich in die Geschichte eines Gemäldes hineingezogen, dessen Existenz Rätsel aufgibt, das durch Zufälle die Bilderverbrennung entarteter Kunst im besetzten Paris durch die Nazis überstand, damit auch zu einem dunklen Flecken der Familiengeschichte Lombergs selbst wurde und letztlich zu einem Mord führt. Verwickelt in die Aufklärung dieses Mordes wird Lennard Lomberg nicht zur zum Ermittler in Sachen Kunst und der Herkunft des neunten Gemäldes, sondern auch hinein gesogen in die eigene Familiengeschichte, in Fragen der Schuld, der Rache, der Verantwortung, der Auflehnung und der Wiedergutmachung. Der Roman spielt auf drei Ebenen: 1940 im besetzten Paris, 1966, als Lombergs Vater in der jungen BRD zum Bundesgeneralanwalt aufsteigt, und 2016, als die ganze Geschichte Lomberg selbst einholt.
Gediegen war das erste Wort, was mir in den Sinn kam, als ich die Einführung in das Leben eines Kunstexperten namens Lennard Lomberg las. Zuhause in London, aber auch in Bonn, in den Kunst- und Akademikerkreisen, auf einem französischen Weingut sowie der Finanzwelt, für die er zwecks Versicherung Kunstwerke begutachtet, führt er ein gediegenes Leben in Hinsicht auf Lifestyle, Mobiliar, Essen, Kleidung und Automobil. Aber auch die Sprache des Krimis ist gediegen, passend zum Ambiente. Und der Plot selbst ist insofern gediegen, als der Leser sehr genau aufpassen muss, nicht die Übersicht zu verlieren über das Personal, die Zeitebenen und die vielen Verwicklungen untereinander und den verschiedensten Schauplätzen: Bonn, London, Paris, ein Weingut in der Provence, ein Bahnhof in Avignon, Spanien, Mallorca, Berlin, die DDR. Immer verwickelter wird die Handlung, die sich aber zunehmend auch mit vielen interessanten Wendungen und Drehs entwickelt und im letzten Drittel zu fulminanten Lösungen führt. Es liegt kein klassischer Krimi vor, es geht weniger um die Suche nach einem Mörder, die immer mehr an den Rand gerückt wird. Es ist vielmehr ein intelligentes Verwirrspiel mit politisch-historischem und kunsthistorischem Tiefgang. Anhand der vielschichtigen Personen und ihrer dramatischen Schicksale zeigt der Autor auf, dass die Kategorien von Schwarz und Weiß der Frage nach Opfer und Täter, nach Schuld und Sühne nicht gerecht werden. So einfach ist es nicht. Ein kluges Lesevergnügen mit Geschmack, gediegen eben.

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Veröffentlicht am 10.09.2022

Ein tolles Buch

So federleicht wie meine Träume
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Ein tolles Buch

So leicht lässt sich der Lesestoff in Worte fassen. Alina ist eine junge, aufstrebende Ballerina, bis ein Unfall ihre Träume zunichte macht. Jetzt muss sie als ganz „normales“ Mädchen ...

Ein tolles Buch

So leicht lässt sich der Lesestoff in Worte fassen. Alina ist eine junge, aufstrebende Ballerina, bis ein Unfall ihre Träume zunichte macht. Jetzt muss sie als ganz „normales“ Mädchen und Schülerin wie jede andere zurück an die Eagle View. Und nimmt auf einmal war, dass es noch anderes gibt neben dem Ballett. Da sind zum einen Margot, Ethan und Jude, ihre neuen Freunde. Und da ist das Musical, die Schulaufführung, auf die eine Menge SchülerInnen der Eagle View hinfiebern. Wird Alina neue Träume träumen können?
Das Buch nimmt den Leser gleich von Seite 1 mit in den Sog der Geschichte. Aus Sicht Alinas taucht der Leser ab in die Welt der Highschools und hier der einer bunten Truppe an SchülerInnen mit all ihren Träumen, Hoffnungen und Wünschen. Die Charaktere sind sehr vielfältig und auf ihre Weise liebenswert. Alle haben ihre eigenen Sorgen und Probleme, die die Autorin einfühlsam beschreibt und mit denen sie die Figuren nie allein lässt. Obwohl es fasst ausschließlich ums Tanzen und Musik geht, kommt auch ein Nichttänzer auf seine Kosten und die Geschichte ist nie langweilig. Interessant ist auch der Aspekt des Rassismus in der Welt des Balletts, ein Thema, das mir so noch nicht bewusst war.
Die Geschichte ist sehr atmosphärisch geschrieben und lässt den Leser in die Welt der Freundesclique gänzlich abtauchen.
Das Buch ist insbesondere für junge LeserInnen, aber nicht nur, eine anregende Lektüre und ein guter Freund, wenn ihm eine Margot, ein Ethan oder ein Jude gerade mal fehlen!

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