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Veröffentlicht am 06.08.2019

Nur der Wind bleibt gleich

Mittagsstunde
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Nordfriesland, wie das Land, so die Leut. Hansen richtet unerbittlich ihr Brennglas ein halbes Jahrhundert auf Dorf, Stadt und Land und Leut. Dass sich das Landleben geändert hat und ändert: Landflucht, ...

Nordfriesland, wie das Land, so die Leut. Hansen richtet unerbittlich ihr Brennglas ein halbes Jahrhundert auf Dorf, Stadt und Land und Leut. Dass sich das Landleben geändert hat und ändert: Landflucht, technischer Fortschritt, vermeintlich Moderne und „back tot he roots“ ist allen Lesern geläufig, aber das WIE, wie es von Hansen in Wortform gegossen wird ist herausragend. Hansen seziert das Dorf, die Gesellschaft, die Menschen im Stile einer peniblen Gerichtsmedizinerin unbarmherzig und schonungslos, während andere Augen, Nase und Mund verschließen. Keine Spur von Sentimentalität oder nostalgisch romantische Verklärung, fast schmerzt die unfassbare Direktheit. Man hätte vielleicht einen verklärten Rückblick erwartet, aber nichts von dem. In jede Wunde wird nicht einen Finger gesteckt, sondern zwei. Fossilien fürs nächste JT.
Ich liebe Ingwer, getrocknet als Tee, nicht pur, sondern mit grünem Darjeeling. Ingwer hat etwas von mir - ich bin auch ein Fensterputzerfan. Wenn man Hansen heißt, dann muss man solche Bücher schreiben. Wie Thomas Bernhard. Meinen nächsten Urlaub mache ich in Nordfriesland.
„The Times They Are A-Changin' „, der neue Header. Elegie und Melancholie bis zum geht nicht mehr. Hansen schildert den Pflegealltag von Ingwer bei Ella und Sönke. Der Leser erschrickt wie treffend und pointiert die Realität beschrieben wird. Jeder Richter müsste Verständnis für einen Pfleger haben, wenn dieser „durchdreht“ – er muss ja nicht gleich zum Killer werden.
Ingwer (48 Jahre) sinniert während der Ganzkörperpflege von Sönke über sein Leben: Zweieinhalb Jahre in einer Dreier-WG mit Claudius und Ragnhild (50, rat gebende Kämpferin oder herrschende Göttin - sucht’s euch aus). Drei verlorene Seelen - fossilisiert. Ein Fressen für Psychologiestudenten, eine nichtteilnehmende Beobachtung mit „open end.“
Das „Platt“ hat die zweite Lautverschiebung nicht mitgemacht, die Gesellschaft hat sich verändert, der Wind ist immer noch der gleich, ein literarisches Meisterwerk.

Veröffentlicht am 29.07.2019

Rasanter spannender Thriller

The Fourth Monkey - Das Mädchen im Eis
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DAS MÄDCHEN IM EIS von J. D. Barker ist Band 2 der „4 Monkey Killer“-Serie (THE FIFTH TO DIE im Original). Der Originaluntertitel „It’s a family affair“ klingt nach leicht verdaulicher Familiengeschichte. ...

DAS MÄDCHEN IM EIS von J. D. Barker ist Band 2 der „4 Monkey Killer“-Serie (THE FIFTH TO DIE im Original). Der Originaluntertitel „It’s a family affair“ klingt nach leicht verdaulicher Familiengeschichte. Familiengeschichte stimmt im weitesten Sinn, aber keineswegs leicht verdaulich. Vielleicht für die Kenner des Band 1 der „4 Monkey Killer“-Serie, nur für die Neueinsteiger bietet der Thriller Mord und Folter in ungeahnter Brutalität. In wahren Gewaltorgien reiht sich ein grausamer Mord an den anderen und eine bestialische Folter an die andere. Es müssen tatsächlich mörderische Psychopaten in der „Familie“ vorhanden sein. Das „Familienoberhaupt“ ist Anson Bishop AB, der 4 Monkey Killer, 4MK. Er liefert sich ein Psychoduell mit Detectiv Sam Porter vom Chicago PD. Bishop schein Parker immer einen Schritt voraus zu sein. Wegen seiner unkonventionellen Ermittlungsmethoden wird Porter „kaltgestellt“, verfolgt jedoch die Spur nach Bishop auf eigene Faust. Das FBI hat wenig Vertrauen in die Chicagoer Kollegen und reißt die Ermittlungen an sich. Einzig Special Agent Frank Poole kann sich in die Gedankenwelt Porters versetzten, vertraut ihm und hält gegen alle Widerstände zu ihm Kontakt. J. D. Barker lässt den Leser auf fast 700 mehrmals ins Leere laufen, wenn man glaubt bereits alle Puzzles zusammengefügt zu haben. Teile des Thrillers lesen sich wie ein Drehbuch für eine CSI-Serie.
Für Porter ist das Tagebuch von Bishop der Schlüssel, diesen zu finden. Ein Foto mit einer Frau im Vordergrund des Orleans Parish Prison, von der er vermutet, dass es die Mutter von Bishop sei und mit deren Anwältin Sarah Werner macht sich Porter auf den Weg. Nun zu dritt begeben sie sich - unter fernmündliche Anleitung von Bishop - in ein verlassenes Hotel zum Showdown: Freilassung der gefangengehaltenen Mädchen im Austausch mit Bishops Mutter. Nichts ist wie es scheint zu sein. Bishop spielt seinen letzten? Trumpf, ob er sticht erfährt der 4MK-Fan in Kürze, wenn Band 3 der „4 Monkey Killer“-Serie erscheint. Am Ende gibt das Tagebuch Bishops aufschlussreich Auskunft über dessen „familiäre Beziehungen“.

Veröffentlicht am 23.07.2019

Typischer Schwedenthriller

Opfer
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OPFER, gelungenes Thrillerdebüt von Bo Svernström. Bereits zu Beginn mit dem Psychogramm des Kriminalhauptkommissar Carl Edson und der Beschreibung des Zustandes des ersten Mordopfers wird deutlich, das ...

OPFER, gelungenes Thrillerdebüt von Bo Svernström. Bereits zu Beginn mit dem Psychogramm des Kriminalhauptkommissar Carl Edson und der Beschreibung des Zustandes des ersten Mordopfers wird deutlich, das ist ein typisch schwedischer Thriller. Die drei Komponenten, Plot, Schreib- und Erzählstil ergeben einen exzellenten Roman.
Während sich der Leser nach der ersten Seite noch fragt, wer denn der ICH-Erzähler sei und was er vorhat, sammeln sich im Fortgang über 10 zum Teil bestialisch zugerichtete Leichen.
Carl stellt während der Ermittlungen die entscheidende Frage:“ Wenn es sich um einen Racheakt handelt, musste es die richtige Botschaft sein, um die entsprechenden Leute zu erreichen. Um eine Art Zeichen zu setzen, um den Status des Täters zu etablieren.“ Der Rachefeldzug eines Serienmörders kristallisiert sich heraus. Rache wofür?
Die polizeilichen Ermittlungen und die Einblicke in das Privatleben der Protagonisten bilden eine perfekte Harmonie. Nicht ein einziger Satz stört oder ist überflüssig, was dem Leser sehr guttut.
Reizvoll sind die Dialoge der Kommissare mit Kriminaltechniker Lars-Erik und Rechtsmedizinerin Cecilia.
Einen umfangmäßig bedeutenden Teil des Plots nimmt Alexandra Bengtsson, Journalistin des „Aftonbladet“ ein: Wie kommt die Journalistin an brisante Informationen über (vermeintliche) Verbrechen? Welcher korrupte Mitarbeiter im Polizeiapparat gibt Insiderwissen weiter und wie werden diese Informationen medienwirksam verarbeitet? Die Besonderheit des Plots ist, dass Alexandra Bengtsson als der Racheengel offenbart wird. Der Autor gibt deshalb der Beschreibung ihres Verhaltens, ihrer Agitationen und ihrer Familiengeschichte, einerseits die besondere Beziehung zu ihrem Vater und ihrer Schwester und andererseits die zu ihrem Sohn David breiten Raum. Ein weiteres treffendes Zitat: „Wir alle haben einen ´Gehirntumor´, wir alle werden sterben, aber wir wissen nicht wann.“
Es entspannt sich ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen den Ermittlern Carl, Jodie und Simon und der Beschuldigten Alexandra. Wird die sympathische Killerin Alexandra davonkommen? Man wünscht es ihr. Alexandra gerät unvorsichtig in die Fänge der von ihr Verfolgten, muss um ihr Leben fürchten, wird auf „wunderbare Weise“ gerettet. Auch die Mordanklage wird fallengelassen, mit Hilfe der trickreichen Cecilia.
Das Ende ist überraschend und entspricht nicht der Logik herkömmlicher Krimis, das macht diesen Krimi zu einem Besonderen. Dem Leser ist es schlussendlich überlassen, die moralische Frage zu beantworten: „Rechtfertigt der Tod des Sohnes David einen tödlichen Rachefeldzug?“
„Rache ist ein Gericht, das am besten kalt serviert wird“ (klingonisches Sprichwort).

Veröffentlicht am 20.07.2019

Politthriller, der unter die Haut geht

Tödliche Schuld
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Beachtenswerter Ansatz der Autorin, die ihre journalistischen Berufserfahrungen mit dem politischen System in der Ukraine Anfang des 21. Jahrhunderts zu einem aufweckenden Politthriller verbindet. Das ...

Beachtenswerter Ansatz der Autorin, die ihre journalistischen Berufserfahrungen mit dem politischen System in der Ukraine Anfang des 21. Jahrhunderts zu einem aufweckenden Politthriller verbindet. Das korrupte politische System, die Anbiederung deutscher Unternehmer, die große Diskrepanz zwischen Arm und Reich und das Leben auf dem Lande werden thematisiert.
Katharina Iswestja, eine 25jährige Ukrainerin, als 5jähriges Kind mit ihrer Mutter nach Deutschland geflohen erhält einen Rechercheauftrag ihrer Hamburger Zeitung in der Ukraine. Katharina erzählt ihre dramatischen Ereignisse in Kiew und der Ukraine in ICH-Form.
Es beginnt eine Investigation der dunkelsten Seite der ukrainischen Politik mit Katharinas Auseinandersetzung eigener Vergangenheit. Geschickt wechselt die Autorin vom Kiew 2003/04 in das Kiew 1993, denn dort hatte die „tödliche Schuld“ ihren Ursprung.
Katharina wird mit den ukrainischen „Besonderheiten“ bereits mit dem Eintritt in das Land ab dem Flughafen konfrontiert. Von der naiven, schreckhaften und der ohne Kenntnis der Vergangenheit ihres Vaters Grigorij Iswestja, von Beruf Journalist in Kiew herumirrenden Katharina wird eine Powerfrau, die ihre stahlbewehrten Stiefel einsetzt und eine Killerin.
Katharina wird auf Schritt und Tritt beobachtet und verfolgt von Boris, dessen Absichten und Auftraggeber ihr zunächst zweifelhaft erscheinen. Mandelow, der engste Mitarbeiter von Grigorij stirbt ausgerechnet in den Armen von Katharina, die darauf hin verhaftet wird und sich ab diesem Zeitpunkt in der „Obhut“ von Igor Wolkow, dem Staatsanwalt befindet.
Victor Abramow, ukrainischer Oligarch und Präsidentschaftskandidat Alexander Karkow planten 1993 die Beseitigung Tatjana Setschenka, Inhaberin mehrerer Printmedien und eine Konkurrentin um das Amt des Präsidenten der Ukraine. Ein „begabter Zögling“, der später noch eine zentrale Rolle spielen sollte wird mit der „Beseitigung“ von Setschenka, nicht ohne Aussicht auf Karriere, Reichtum und Macht betraut. Setschenka wird nach dem Fick ihres Lebens mit ihrem Bodyguard Karl von diesem in ihrem SUV im Dnjepr versenkt. In Zusammenhang mit diese diesem Mord soll es ein Video geben, das im Besitz von Grigorij Isvestja vermutet wird. Auftraggeber dieses Mordes möchten unbedingt in den Besitz dieses kompromittierenden Videos gelangen und schrecken dabei vor Einschüchterungen, Entführung und Mord nicht zurück.
Katharina trifft ihren Vater, beide fliehen in die Ostukraine werden aber ständig verfolgt. In Donezk in einem Bergwerk von Abramow kommt es zum Showdown. Katharina tötet Abramow.
Igor Wolkow, der Staatsanwalt bekundet nicht ohne Grund ein besonderes Interesse an dem Video und lässt Katharina und ihren Vater nach Kiew zurückfliegen. Igor präpariert das ihm übergebene Video, um seine weiße Weste zu demonstrieren. Doch Grigorij, später von Häschern ermordet hat eine Kopie vom Original gemacht, die Igor als den „begabter Zögling“ entlarvt.
Es ist nur dem großen Herz der Autorin zu verdanken, dass sie einen unblutigen Schluss wählt: Katharina rächt sich nicht an Igor und tötet ihn nicht. Es folgt ein Diskurs mir Igor über das politische System in der Ukraine, mit welchen Maßstäben die Handlungen der korrupten Mächtigen in der Ukraine zu beurteilen sind.
Die vielen Puzzles, die entstehen werden in gutem Erzähl- und Schreibstil am Ende zusammengefügt, lassen aber den Leser in besonderer Besinnung - von der Autorin bewusst gewünscht - zurück.

Veröffentlicht am 12.07.2019

Wir alle tragen eine Maske - rein metaphorisch

Die Maske der Gewalt
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Jennifer B. Winds Thriller „DIE MASKE DER GEWALT“ ist der erste Band der Richard Schwarz-Serie. Der Titel lässt dem Leser viel Spielraum für Interpretationen, offensichtlich fühlt sich der LKA-Ermittler ...

Jennifer B. Winds Thriller „DIE MASKE DER GEWALT“ ist der erste Band der Richard Schwarz-Serie. Der Titel lässt dem Leser viel Spielraum für Interpretationen, offensichtlich fühlt sich der LKA-Ermittler Richard Schwarz nur im Zirkus mit Maske, die seine verbrannte Gesichtshälfte verbirgt als Mister Domino wohl. Grenzüberschreitender Kriminalfall zwischen München und Wien. Diesmal funktioniert die Zusammenarbeit problemlos.
Der Plot ist im wahrsten Sinn des Wortes vielschichtig: Den Wiener Part übernehmen Richard und Paul vom LKA Wien mit Kollegen und Emily, der Rechtsmedizinerin. Theres, Psychiaterin und Psychologin wird geschickt in die Handlung eingebaut, wird sie doch eine wichtige Rolle im zweiten Band einnehmen. Ein ehemaliger Patient von Theres, den sie identifizieren kann tötet in Serie mit besonderen Messerstichmustern. In mehreren „Intermezzi“ lässt die Autorin den Leser Einblick gewinnen in die verquere Gedankenwelt des Serienmörders.
Parallel dazu ermittelt die Münchner Polizei mit Albert im Entführungsfall Sarah, die „Schwester“ von Richard, die den Zirkus in München leitet. Sarah, das Entführungsopfer wird als Druckmittel gegen Richard eingesetzt, entweder das der Drogenbande geschuldete Geld oder den „Schuldner“ Oliver, Sarahs Verlobter zu übergeben. Durch rastlose Ermittlungen und geschicktes Agieren gelingt es Richard mit Unterstützung seiner Zirkusfamilie, Sarah aus den Klauen der brutalen Entführer zu befreien.
Es gelingt der Autorin geschickt Problematiken als besondere Anliegen wie Computerspielsucht und Gewalt gegen Frauen in die Krimihandlung einzubauen. Der Mörder wird zwar zur Strecke gebracht, hinter ihm lauert jedoch das noch zu verfolgende Böse.
Schreib- und Erzählstil sind auf hohem Niveau, witzig, ironisch, die Spannung reißt nie ab und das unverkennbare österreichische Idiom fördert die Lesebereitschaft.