Platzhalter für Profilbild

rflieder

aktives Lesejury-Mitglied
offline

rflieder ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit rflieder über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 08.06.2025

Ein starker Roman

Die Schrecken der anderen
0

Ein starker Roman mit einer faszinierenden bildhaften Sprache, der mich von Beginn an in den Bann gezogen hat. Er spielt in der Schweiz, wobei es die geographischen Bezeichnungen nicht wirklich gibt, er ...

Ein starker Roman mit einer faszinierenden bildhaften Sprache, der mich von Beginn an in den Bann gezogen hat. Er spielt in der Schweiz, wobei es die geographischen Bezeichnungen nicht wirklich gibt, er könnte sich überall im deutschsprachigen Teil der Schweiz abspielen. In einzelnen Kapiteln stellt die Autorin Martina Clavadetscher zunächst die Personen vor, die teilweise skurril wirken und handeln. Im Eis eines zugefrorenen Sees wird ein Toter gefunden, wodurch die Handlung in Gang gesetzt wird. Dessen Name McGuffin hat symbolische Bedeutung, er wurde in den Filmen Hitchcocks als Gimmick benutzt. Obwohl immer wieder darauf hingewiesen wird, dass alles miteinander verbunden ist, wird erst spät klar, was die reiche Familie Kern mit dem Toten zu tun hat. Da ist die fast hundertjährige Mutter, die mit einem Bein im Jenseits steht, mit dem anderen im Vorgestern und die eine Metapher für das Ewiggestrige ist. Sohn und Schwiegertochter werden von ihr tyrannisiert und dominiert. Sie wünschen sich vergeblich ein Kind oder besser, die alte Frau wünscht sich einen Enkel. Herr Kern, ein trotz seiner sozialen Stellung unsicherer Mann mit symbolischen „Sehstörungen“, ist Mitglied in einer obskuren Vereinigung von Honoratioren. Der Archivar Schibbig, die meistens als „die Alte“ bezeichnete merkwürdig erscheinende Rosa und ein „Herr Boll“ beobachten die Geschehnisse wie z.B. das Verhalten von Jugendlichen, Mitglieder einer Bande. Mystische Fabeln von Drachen wirken verstörend. Alles wird abwechselnd mit stakkatoartigen kurzen Sätzen, dann wieder langen Aufzählungen und ruhigen Passagen erzählt. Lange bleibt unklar, ob die Handlung absurd ist und wie alles miteinander verbunden ist. Doch dann werden die Zusammenhänge aufgelöst. Es gibt einen sehr realen aktuellen Hintergrund und die Geschichte nimmt zum dramatischen Ende hin Fahrt auf. Der dezente Humor, die symbolhafte Sprache, im zweiten Teil auch spannende Handlung machen das Buch sehr lesenswert.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 17.03.2025

Fantastischer Roman

Wenn die Tage länger werden
0

Schönes Cover, ansprechender Titel und besonders eine bekannte Bestsellerautorin sind viele Vorschusslorbeeren. Und Anne Stern liefert. Sie ist eine ausgezeichnete Beobachterin, die mit ihren Figuren und ...

Schönes Cover, ansprechender Titel und besonders eine bekannte Bestsellerautorin sind viele Vorschusslorbeeren. Und Anne Stern liefert. Sie ist eine ausgezeichnete Beobachterin, die mit ihren Figuren und deren Umfeld sehr liebevoll umgeht. Da ist zum Einen die alleinerziehende Musiklehrerin Lisa Fischer, die Probleme damit hat, ihren Tagesablauf zu organisieren, privates und berufliches Leben in Einklang zu bringen und der es an Selbstbewusstsein mangelt. Zum Anderen die an Krebs erkrankte Obstbäuerin Ute Allenstein, die mit ihrem Geigen bauenden Vater auf einem herunter gekommenen Hof lebt. Lisa verbringt die ersten drei Wochen der Sommerferien ohne ihren Sohn, der mit seinem Vater in dessen Heimatland Polen Urlaub macht. Dass sie durch eine spontane Eingebung ihre alte geerbte Geige zur Reparatur bringt, ist der Anlass, dass sie über ihr Leben, ihre Beziehungen, ihre Eltern und ihren Großvater nachzudenken beginnt. Es geht um die Erfahrungen und die Sprachlosigkeit der älteren Generation, um Befindlichkeiten, um die Rollen der Geschlechter bei der Bewältigung des Alltags und Vieles mehr.
Sprachgewaltig schildert Anne Stern die schönen und die schlechten Erfahrungen der Personen und entwickelt mit viel Verständnis und dezentem Humor Erklärungen für die Beziehungsprobleme, die wie ein roter Faden die Handlung durchziehen. Dazu die spannende Geschichte der Geige. Über allem steht das Zitat aus diesem Buch „Die Vergangenheit war da, sie verschwand nicht einfach, wenn man sie ignorierte“ (Seite 278) oder auch das bekannte Zitat von August Bebel „Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten“.
Ein Buch geeignet für die Shortlist zum Deutschen Buchpreis.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 07.10.2024

Ein beeindruckendes Buch

Suche liebevollen Menschen
0

Der Autor dieses Buchs, Julian Borger, britischer Auslandskorrespondent für den „Guardian“ in den USA, hat jüdisch Wienerische Wurzeln. Seinem Vater Robert „Bobby“ Borger gelang Anfang 1939 nach dem „Anschluss“ ...

Der Autor dieses Buchs, Julian Borger, britischer Auslandskorrespondent für den „Guardian“ in den USA, hat jüdisch Wienerische Wurzeln. Seinem Vater Robert „Bobby“ Borger gelang Anfang 1939 nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich und nach den Pogromen vom 9. November 1938 die Flucht nach Wales. Über die Umstände der Flucht und das Leben danach wurde in der Familie nicht gesprochen. Der Vater war offenbar traumatisiert und verdrängte alles, was seiner engeren Familie (die gerettet wurde) und den Freunden und der weiteren Familie, die viele Opfer zu beklagen hatten, widerfahren war.
Der Suizid des Vaters im Jahr 1983, Julian Borger war erst 22 Jahre alt, konnte von ihm nicht eingeordnet werden. Erst im Jahr 2018 erfuhr er zufällig von den Umständen der Flucht des Vaters und begann zu recherchieren, wie es ihm und anderen Wiener Juden ergangen ist und was die Flucht, der Verlust vieler Angehöriger und das Leben danach bei ihnen ausgelöst hat.

In diesem bewegenden Buch beschreibt er die Fluchtumstände und den Werdegang seines Vaters und sieben weiterer Kinder, die von ihren Eltern über Zeitungsanzeigen im „Guardian“ in britische Pflegefamilien vermittelt wurden (bzw. werden sollten). Die Erzählungen zum Leben seiner eigenen Familie in Großbritannien sind eher emotional und mit Anekdoten durchsetzt. Zum Beispiel schildert Borger mit britischem Humor (oder ist es Sarkasmus?) den Versuch, mithilfe der Kleidung und des Essens das Wiener Leben nach Großbritannien hinüber zu retten.

Sachlich und weniger emotional sind die Ausführungen über die historischen Entwicklungen und die Erfahrungen der anderen Kinder. Einst zum Füllen der Kriegskassen vom österreichischen Kaiser nach Wien geholt, wo sie in gutbürgerlichen Verhältnissen lebten (z.B. waren über 60% der Rechtsanwälte und 50% der Ärzte Juden), mussten die Juden nach 1938 ihr Leben retten. Schafften sie es ins Ausland, so mussten sie ihr vertrautes Umfeld aufgeben, sich trotz Sprachschwierigkeiten anpassen und mit einfachen Arbeiten ihr Überleben finanzieren. Einige dieser Kinder reisten weiter in die USA, ein Mädchen gelangte ins von den Japanern besetzte Schanghai.

Neben diesen acht Einzelfällen erfährt der Leser viele historische Fakten über die Entwicklung der jüdischen Gemeinde in Wien, den „Anschluss“ Österreichs und das Verhalten der österreichischen Politiker und Bevölkerung, die Schwierigkeiten, Länder und Menschen zu finden, die bereit waren, Juden aufzunehmen, was sich mit dem Kriegsbeginn und dem Kriegseintritt der Briten und später der USA verschärfte und wie es anderen Juden erging, die nicht so viel Glück hatten wie Robert Borger.

Es ist bewundernswert, mit welchem Engagement der Autor recherchiert hat und mithilfe unzähliger Menschen in vielen Archiven tatsächlich herausgefunden hat, was aus den Kindern der Zeitungsannoncen geworden ist.
Auch wenn das Lesen des Buchs teilweise viel Konzentration erfordert, da die vielen Namen gelegentlich verwirren und da Unmengen an Fakten eingestreut werden, kann ich es gerade in der heutigen Zeit der Zunahme populistischer und rechter Gesinnungen nur empfehlen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 29.04.2024

Ein beeindruckender Roman

Wären wir Vögel am Himmel
2

Dieser beeindruckende Roman beruht (wie ich beim Lesen schon vermutet habe, was aber erst im Anhang ab Seite 404 bestätigt wird) auf Erzählungen der Urgroßmutter, der Großeltern und anderer Verwandter ...

Dieser beeindruckende Roman beruht (wie ich beim Lesen schon vermutet habe, was aber erst im Anhang ab Seite 404 bestätigt wird) auf Erzählungen der Urgroßmutter, der Großeltern und anderer Verwandter der amerikanischen Autorin Erin Litteken. Die Familie stammt aus der Ukraine, die zum Teil unter polnischer, zum anderen Teil unter sowjetischer Besatzung stand und im Sommer 1941 von der deutschen SS und der Wehrmacht besetzt wurde.
Wesentliche Teile der Handlung werden aus Sicht der Jugendlichen Lilija erzählt, die wie auch die anderen Personen nicht wirklich existiert hat. Trotzdem bekommt der Leser den Eindruck, dass alles so gewesen sein könnte. Litteken schildert das tägliche Leben der Betroffenen, ihre Gefühle, die Hoffnung, dass durch den Rückzug der vorher grausam herrschenden Roten Armee alles besser wird, was sich als tragischer Irrtum erweist. Sie beschreibt den verzweifelten Versuch, sich mit den Gegebenheiten zu arrangieren und je nach ethnischer Herkunft bzw. politischer Einstellung für die eine oder andere Seite zu arbeiten und zu kämpfen, teilweise im Untergrund. Wird jemand beim Sabotageakt erwischt, werden zur Strafe Häuser und ganze Dörfer abgebrannt. Wie verworren die Verhältnisse sind, zeigt Lilijas Familie. Der Bruder wird von Russen erschossen, die Mutter von Deutschen und der Vater von Polen, so dass sie bei ihrem Onkel und ihrer Tante auf einem kleinen Bauernhof aufwächst.
Lilija verliebt sich ausgerechnet in einen Polen, wird aber wie über zwei Millionen ukrainische junge Frauen, Männer und Kinder zusammen mit ihrem Cousin als Zwangsarbeiterin im Viehwaggon nach Leipzig deportiert. Unterwegs lernt sie die Dreizehnjährige Halya kennen, und die Drei versuchen mehr schlecht als recht, das schreckliche Leben mit täglich 14 Stunden Waffenproduktion bei schlechter Verpflegung und der ständigen Gefahr, umgebracht zu werden, zu überstehen.
Nach Kriegsende folgen fast vier weitere Jahre in Lagern, bis es immerhin für Lilija zu einem Happy End kommt.
Neben der bewegenden Handlung gefällt mir, wie Litteken mit viel Empathie die handelnden Personen beschreibt mit ihren Wünschen, Ängsten, Zweifeln, Fehlern, ...
Zudem glaube ich besser nachvollziehen zu können, was aktuell in der Ukraine (und anderen Krisengebieten) passiert und was die Menschen dort bewegt.

  • Einzelne Kategorien
  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Thema
Veröffentlicht am 04.01.2026

Tragische historische Ereignisse und der Versuch ihrer Aufarbeitung

Zurück unter Mördern
0

Weniger Krimi, mehr zeitgeschichtlicher Roman, in dessen Mittelpunkt das (reale!) tragische Schicksal einer säkularisierten jüdischen Hamburger Kaufmannsfamilie in der Nazidiktatur und die Aufarbeitung ...

Weniger Krimi, mehr zeitgeschichtlicher Roman, in dessen Mittelpunkt das (reale!) tragische Schicksal einer säkularisierten jüdischen Hamburger Kaufmannsfamilie in der Nazidiktatur und die Aufarbeitung oder auch „Nichtaufarbeitung“ der Nazigräuel nach Kriegsende steht. Der (fiktive) durch den Verlust seiner Frau und seinen Einsatz an der Front ebenfalls betroffene Jurist und Privatdetektiv Henry Mahler soll im in großen Teilen zerstörten Hamburg herausfinden, ob der Überlebende Oswald Lasally einen Teil seines Vermögens zurück erhalten kann und ob sein Vater Suizid begangen hat wie die Polizei damals behauptete oder ob er umgebracht wurde.
Die Handlung wird in zwei Zeitebenen geschickt erzählt. Der Autor Michael Jensen hat ausgezeichnet recherchiert und beschreibt viele Hintergründe der damaligen Vorkommnisse. Wie der Titel schon besagt, haben es nach dem Krieg viele Mitläufer und Täter in verantwortungsvolle Positionen geschafft und behindern die Aufklärung, notfalls mit Gewalt.
Im letzten Teil wird das Buch doch noch zum Thriller. Nach meinem Empfinden nimmt die Beschreibung von körperlicher Gewalt Überhand. Ich mag es nicht, wenn ich den Eindruck bekomme, dass sich ein Autor daran berauscht. Auch gefallen mir einige Formulierungen nicht, wie man sie zugegeben in vielen Thrillern findet. Deshalb lese ich z.B. nicht Bücher von Fitzek, eins hat mir gereicht.
Insgesamt hat mir das Buch trotz der vielleicht subjektiven Einschränkungen gut gefallen, besonders die historischen Geschehnisse und Zusammenhänge fand ich interessant.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere