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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 24.10.2025

Raffiniert erzählter zeitgeschichtlicher Roman

Lebensbande
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Mein erster Roman von Mechthild Borrmann und sicher nicht der letzte.
Raffiniert erzählt sie in einer ersten Zeitebene vom Leben der Menschen von 1931 bis 1948 in der westdeutschen Provinz an der Grenze ...

Mein erster Roman von Mechthild Borrmann und sicher nicht der letzte.
Raffiniert erzählt sie in einer ersten Zeitebene vom Leben der Menschen von 1931 bis 1948 in der westdeutschen Provinz an der Grenze zu den Niederlanden. Die Bauerntochter Lene verliebt sich in einen niederländischen Fabrikarbeiter. Ihre Eltern unterbinden die Beziehung und treiben Lene in eine unglückliche Ehe. Als ihr erster leicht behinderter Sohn in die Mühlen der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie gerät, lernt sie die Krankenschwester Nora kennen. Die vielen überwiegend schrecklichen Ereignisse werden sehr dicht chronologisch im Perfekt beschrieben.
In einer zweiten Zeitebene erzählt die Autorin im Präsens von Nora, die es nach dem Krieg in die ehemalige DDR verschlagen hat. Die aus der Wende 1989 folgenden Veränderungen veranlassen sie, ihre dramatische, teilweise geheimnisvolle Lebensgeschichte aufzuschreiben. Daher erfährt der Leser die in großen Teilen schrecklichen Geschehnisse der Zeit nach 1931 aus zwei Blickwinkeln. Das gefällt mir gut, ebenso wie der Wechsel der Zeitformen.
Borrmann hat historische Tatsachen und die Schicksale von Zeitzeugen geschickt verarbeitet. Neben den vielen schrecklichen Ereignissen gibt es immer wieder Hoffnung und so etwas wie ein Happy End. Der Roman berührt und die wesentlichen Personen werden mit viel Empathie beschrieben. Der letzte Teil ist sehr dramatisch und führt zu einer überraschenden Wende, die aber wie der ganze Roman durchaus stimmig ist. Ein rundum gelungenes Buch.

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Veröffentlicht am 12.09.2025

Toller Roman

Die Farbe des Schattens
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Schon als ich Susanne Tägders ersten Kriminalroman „Das Schweigen des Wassers“ gelesen hatte, habe ich mich auf das nächste und hoffentlich nicht letzte Buch gefreut. Sie schreibt einfach fantastisch. ...

Schon als ich Susanne Tägders ersten Kriminalroman „Das Schweigen des Wassers“ gelesen hatte, habe ich mich auf das nächste und hoffentlich nicht letzte Buch gefreut. Sie schreibt einfach fantastisch. Was sie schon auf Seite 132 über Uwe Johnson schreibt, gilt auch für sie: „Jede Beobachtung, jede Erinnerung, jedes Wort scheint sehr genau gesetzt.“ Sie beobachtet und beschreibt die Personen, egal ob Opfer, Täter, Ermittler, gründlich und realistisch. Anders als viele andere Krimiautoren nimmt sie die Handelnden ernst. Da ist der nachdenkliche gründliche Kommissar Groth, dem die Fälle extrem nah gehen. Da sind die eher oberflächlichen Kollegen, die den schnellen Erfolg vor die Wahrheit stellen. Der neue Staatsanwalt aus dem Bundesgebiet, arrogant und der Meinung, die verdienten ostdeutschen Ermittler lieferten eine schlechtere Arbeit ab als die Wessies. Ohne dass sein Verhalten wie in vielen Krimis üblich ins Lächerliche gezogen wird. Und natürlich die Eltern und die Brüder des kurz nach der Wende vermissten Jungen, deren Sorgen, Denk- und Verhaltensweisen nachdenklich machen. Es gibt auch Situationen zum Schmunzeln, aber das Schmunzeln bleibt dem Leser oft im Halse stecken.
Neben den aufzuklärenden Taten stehen die Befindlichkeiten der Ostdeutschen nach der Wende im Vordergrund. Helden sucht man in diesem Buch vergeblich. Eher ist es so, dass es fast nur Opfer gibt, die sich aber mit ihrer Situation arrangieren und das Beste daraus machen. Ich freue mich auf Band 3.

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Veröffentlicht am 08.06.2025

Ein starker Roman

Die Schrecken der anderen
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Ein starker Roman mit einer faszinierenden bildhaften Sprache, der mich von Beginn an in den Bann gezogen hat. Er spielt in der Schweiz, wobei es die geographischen Bezeichnungen nicht wirklich gibt, er ...

Ein starker Roman mit einer faszinierenden bildhaften Sprache, der mich von Beginn an in den Bann gezogen hat. Er spielt in der Schweiz, wobei es die geographischen Bezeichnungen nicht wirklich gibt, er könnte sich überall im deutschsprachigen Teil der Schweiz abspielen. In einzelnen Kapiteln stellt die Autorin Martina Clavadetscher zunächst die Personen vor, die teilweise skurril wirken und handeln. Im Eis eines zugefrorenen Sees wird ein Toter gefunden, wodurch die Handlung in Gang gesetzt wird. Dessen Name McGuffin hat symbolische Bedeutung, er wurde in den Filmen Hitchcocks als Gimmick benutzt. Obwohl immer wieder darauf hingewiesen wird, dass alles miteinander verbunden ist, wird erst spät klar, was die reiche Familie Kern mit dem Toten zu tun hat. Da ist die fast hundertjährige Mutter, die mit einem Bein im Jenseits steht, mit dem anderen im Vorgestern und die eine Metapher für das Ewiggestrige ist. Sohn und Schwiegertochter werden von ihr tyrannisiert und dominiert. Sie wünschen sich vergeblich ein Kind oder besser, die alte Frau wünscht sich einen Enkel. Herr Kern, ein trotz seiner sozialen Stellung unsicherer Mann mit symbolischen „Sehstörungen“, ist Mitglied in einer obskuren Vereinigung von Honoratioren. Der Archivar Schibbig, die meistens als „die Alte“ bezeichnete merkwürdig erscheinende Rosa und ein „Herr Boll“ beobachten die Geschehnisse wie z.B. das Verhalten von Jugendlichen, Mitglieder einer Bande. Mystische Fabeln von Drachen wirken verstörend. Alles wird abwechselnd mit stakkatoartigen kurzen Sätzen, dann wieder langen Aufzählungen und ruhigen Passagen erzählt. Lange bleibt unklar, ob die Handlung absurd ist und wie alles miteinander verbunden ist. Doch dann werden die Zusammenhänge aufgelöst. Es gibt einen sehr realen aktuellen Hintergrund und die Geschichte nimmt zum dramatischen Ende hin Fahrt auf. Der dezente Humor, die symbolhafte Sprache, im zweiten Teil auch spannende Handlung machen das Buch sehr lesenswert.

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Veröffentlicht am 17.03.2025

Fantastischer Roman

Wenn die Tage länger werden
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Schönes Cover, ansprechender Titel und besonders eine bekannte Bestsellerautorin sind viele Vorschusslorbeeren. Und Anne Stern liefert. Sie ist eine ausgezeichnete Beobachterin, die mit ihren Figuren und ...

Schönes Cover, ansprechender Titel und besonders eine bekannte Bestsellerautorin sind viele Vorschusslorbeeren. Und Anne Stern liefert. Sie ist eine ausgezeichnete Beobachterin, die mit ihren Figuren und deren Umfeld sehr liebevoll umgeht. Da ist zum Einen die alleinerziehende Musiklehrerin Lisa Fischer, die Probleme damit hat, ihren Tagesablauf zu organisieren, privates und berufliches Leben in Einklang zu bringen und der es an Selbstbewusstsein mangelt. Zum Anderen die an Krebs erkrankte Obstbäuerin Ute Allenstein, die mit ihrem Geigen bauenden Vater auf einem herunter gekommenen Hof lebt. Lisa verbringt die ersten drei Wochen der Sommerferien ohne ihren Sohn, der mit seinem Vater in dessen Heimatland Polen Urlaub macht. Dass sie durch eine spontane Eingebung ihre alte geerbte Geige zur Reparatur bringt, ist der Anlass, dass sie über ihr Leben, ihre Beziehungen, ihre Eltern und ihren Großvater nachzudenken beginnt. Es geht um die Erfahrungen und die Sprachlosigkeit der älteren Generation, um Befindlichkeiten, um die Rollen der Geschlechter bei der Bewältigung des Alltags und Vieles mehr.
Sprachgewaltig schildert Anne Stern die schönen und die schlechten Erfahrungen der Personen und entwickelt mit viel Verständnis und dezentem Humor Erklärungen für die Beziehungsprobleme, die wie ein roter Faden die Handlung durchziehen. Dazu die spannende Geschichte der Geige. Über allem steht das Zitat aus diesem Buch „Die Vergangenheit war da, sie verschwand nicht einfach, wenn man sie ignorierte“ (Seite 278) oder auch das bekannte Zitat von August Bebel „Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten“.
Ein Buch geeignet für die Shortlist zum Deutschen Buchpreis.

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Veröffentlicht am 07.10.2024

Ein beeindruckendes Buch

Suche liebevollen Menschen
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Der Autor dieses Buchs, Julian Borger, britischer Auslandskorrespondent für den „Guardian“ in den USA, hat jüdisch Wienerische Wurzeln. Seinem Vater Robert „Bobby“ Borger gelang Anfang 1939 nach dem „Anschluss“ ...

Der Autor dieses Buchs, Julian Borger, britischer Auslandskorrespondent für den „Guardian“ in den USA, hat jüdisch Wienerische Wurzeln. Seinem Vater Robert „Bobby“ Borger gelang Anfang 1939 nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich und nach den Pogromen vom 9. November 1938 die Flucht nach Wales. Über die Umstände der Flucht und das Leben danach wurde in der Familie nicht gesprochen. Der Vater war offenbar traumatisiert und verdrängte alles, was seiner engeren Familie (die gerettet wurde) und den Freunden und der weiteren Familie, die viele Opfer zu beklagen hatten, widerfahren war.
Der Suizid des Vaters im Jahr 1983, Julian Borger war erst 22 Jahre alt, konnte von ihm nicht eingeordnet werden. Erst im Jahr 2018 erfuhr er zufällig von den Umständen der Flucht des Vaters und begann zu recherchieren, wie es ihm und anderen Wiener Juden ergangen ist und was die Flucht, der Verlust vieler Angehöriger und das Leben danach bei ihnen ausgelöst hat.

In diesem bewegenden Buch beschreibt er die Fluchtumstände und den Werdegang seines Vaters und sieben weiterer Kinder, die von ihren Eltern über Zeitungsanzeigen im „Guardian“ in britische Pflegefamilien vermittelt wurden (bzw. werden sollten). Die Erzählungen zum Leben seiner eigenen Familie in Großbritannien sind eher emotional und mit Anekdoten durchsetzt. Zum Beispiel schildert Borger mit britischem Humor (oder ist es Sarkasmus?) den Versuch, mithilfe der Kleidung und des Essens das Wiener Leben nach Großbritannien hinüber zu retten.

Sachlich und weniger emotional sind die Ausführungen über die historischen Entwicklungen und die Erfahrungen der anderen Kinder. Einst zum Füllen der Kriegskassen vom österreichischen Kaiser nach Wien geholt, wo sie in gutbürgerlichen Verhältnissen lebten (z.B. waren über 60% der Rechtsanwälte und 50% der Ärzte Juden), mussten die Juden nach 1938 ihr Leben retten. Schafften sie es ins Ausland, so mussten sie ihr vertrautes Umfeld aufgeben, sich trotz Sprachschwierigkeiten anpassen und mit einfachen Arbeiten ihr Überleben finanzieren. Einige dieser Kinder reisten weiter in die USA, ein Mädchen gelangte ins von den Japanern besetzte Schanghai.

Neben diesen acht Einzelfällen erfährt der Leser viele historische Fakten über die Entwicklung der jüdischen Gemeinde in Wien, den „Anschluss“ Österreichs und das Verhalten der österreichischen Politiker und Bevölkerung, die Schwierigkeiten, Länder und Menschen zu finden, die bereit waren, Juden aufzunehmen, was sich mit dem Kriegsbeginn und dem Kriegseintritt der Briten und später der USA verschärfte und wie es anderen Juden erging, die nicht so viel Glück hatten wie Robert Borger.

Es ist bewundernswert, mit welchem Engagement der Autor recherchiert hat und mithilfe unzähliger Menschen in vielen Archiven tatsächlich herausgefunden hat, was aus den Kindern der Zeitungsannoncen geworden ist.
Auch wenn das Lesen des Buchs teilweise viel Konzentration erfordert, da die vielen Namen gelegentlich verwirren und da Unmengen an Fakten eingestreut werden, kann ich es gerade in der heutigen Zeit der Zunahme populistischer und rechter Gesinnungen nur empfehlen.

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