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Veröffentlicht am 05.07.2021

Interessanter, abwechslungsreicher, gut recherchierter zweiter Fall für die Ermittler Degenhardt und Liebisch

SCHULD! SEID! IHR!
3

Der ehemals auf einer Bohrinsel tätige Ingenieur Martin Stelter, der bei der Explosion eines Gasgrills seine Frau verloren und selbst schwere Verbrennungen erlitten hat, ist nun obdachlos. Als treuer Begleiter ...

Der ehemals auf einer Bohrinsel tätige Ingenieur Martin Stelter, der bei der Explosion eines Gasgrills seine Frau verloren und selbst schwere Verbrennungen erlitten hat, ist nun obdachlos. Als treuer Begleiter ist ihm nur sein Hund Bosko geblieben. Auf der Waldlichtung, auf der Martin Stelter sein Lager aufgeschlagen hat, wird er vom Gehängten konfrontiert und zum Selbstmord mit Strychnin gezwungen. Am Tatort hinterlässt der Gehängte die Tarotkarte EL COLGADO. Doch was hat Martin Stelter dem Gehängten getan, was ihm genommen? Was ist neunzehn Jahre zuvor geschehen? Und welche weiteren Opfer wird es noch geben?
Hauptkommissar Rolf Degenhardt und die ehemalige Praktikantin Jana Liebisch ermitteln in ihrem zweiten Fall nach "Das stumme Kind" - nun unterstützt von Kriminalrat Dirk Kaiser, der die Leitung des Zentralen Kriminaldienstes übernommen hat, nachdem sich Oberkommissar Jens Vorberg zu Beginn von "Schuld! Seid! Ihr!" zur Operativen Fallanalyse des Landeskriminalamts in Hannover verabschiedet hat.

An "Schuld! Seid! Ihr!" hat mir gut gefallen, dass die Handlung auf zwei Zeitebenen erzählt wird, die zum einen etwa zwanzig Jahre zuvor und zum anderen im hier und jetzt spielen. Darüber hinaus haben mir die Perspektivwechsel zugesagt, die für Abwechslungsreichtum sorgen und die die Ereignisse nicht nur aus Sicht der ermittelnden Kommissare, sondern zudem aus Sicht des Täters - genannt der Gehängte - sowie seiner Opfer also u.a. von Martin Stelter schildern. Interessant fand ich dabei besonders, dass die Geschichte über weite Strecken aus Sicht des Gehängten erzählt wird und ich dabei einen tieferen Einblick in dessen Gedanken erhalten habe.
Zudem sagt mir der ebenso ungewöhnliche wie strukturierte, fast schon analytisch zu nennende Aufbau von "Schuld! Seid! Ihr!" zu, der bis zum Schluss konsequent verfolgt wird. Dieser erinnert in seiner Einteilung in sechs Akte an ein Theaterstück und orientiert sich am systematischen Racheplan des Gehängten. Die einzelnen Akte wiederum sind in Kapitel unterteilt, die aus wechselnden Perspektiven erzählt werden ("Der Gehängte" vs. "Die Anderen"). Gut gefallen haben mir dabei die detaillierten Zeit- und Ortsangaben, mit denen jedes Kapitel eines Akts überschrieben ist.

An "Schuld! Seid! Ihr!" hat mich angesprochen, wie gut recherchiert dieser Krimi ist. So werden die einzelnen Akte mit interessanten Informationen zu Tarotkarten eingeleitet, die etwa die Geschichte der Tarotkarten - insbesondere zu deren Wurzeln und ersten Nachweisen wie den Visconti-Spielen, die die ältesten Tarotkarten der Welt im Besitz der Familie Visconti darstellen - betreffen. Denn der Täter, der in "Schuld! Seid! Ihr!"seine Rache sucht, ist selbst nach der Tarotkarte "der Gehängte" benannt.
Aber auch die intensiven wie gut recherchierten Beschreibungen wie die der Bayreuther Festspiele und des besonderen Orchestergrabens im Bayreuther Festspielhaus aus Sicht der Bratschistin Simone Distler haben mich überzeugt. Gleichermaßen eindringlich wie gelungen finde ich die Schilderung des nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmten Jürgen Großmann - des Vorgängers von Rolf Degenhardt - und wie er aufgrund seiner Lähmung zu kämpfen hat, um an einen Nachttischschrank neben seinem Bett zu gelangen.
Gefallen hat mir auch die Brisanz und Aktualität, die "Schuld! Seid! Ihr!" dadurch gewinnt, dass der Gehängte im Rahmen seines Racheplans geschickt sein Talent als Hacker einsetzt. Und so zeigt er etwa im Hacken medizinischer Geräte, wie angreifbar wir heute in unserer technisierten Welt geworden sind und uns dessen nur allzu oft gar nicht bewusst sind.

In "Schuld! Seid! Ihr!" nimmt das Privatleben von Rolf Degenhardt relativ viel Raum ein. Geschildert werden seine privaten Problemen, die die Trennung von seiner Frau Ulrike, aber auch seine Tochter Alexandra, die im weiteren Verlauf von "Schuld! Seid! Ihr!" bei Rolf Degenhardt einzieht, betreffen. Zudem leidet er unter psychischen Problemen, die auch mit den Ereignissen eines früheren Falls, der in "Das stumme Kind" geschildert wird, zusammenhängen. In diesem Zusammenhang wird in "Schuld! Seid! Ihr!" auch auf den ersten Krimi dieser Reihe Bezug genommen. Um der Ermittlung den Gehängten betreffend in diesem zweiten Krimi folgen zu können, ist es jedoch nicht erforderlich "Das stumme Kind" gelesen zu haben, da beide Fälle voneinander unabhängig sind.
Relativ viel Raum nimmt in "Schuld! Seid! Ihr!" auch die Auseinandersetzung zwischen Rolf Degenhardt und dem unsympathischen Karrieristen Dirk Kaiser ein, der nun leider der neue Vorgesetzte von Degenhardt ist. Denn gleich bei ihrer ersten Begegnung geraten die beiden aneinander, da jeder von ihnen die Stelle von Jens Vorberg nachbesetzen will. Dieser erste Konflikt setzt sich bei einem durch Rolf Degenhardt abgebrochenen Anruf von Dirk Kaiser, aber auch in den Nachforschungen, die Dirk Kaiser zu den Ereignissen "Das stumme Kind" betreffend anstellt, fort und verstärkt sich im weiteren Verlauf von "Schuld! Seid! Ihr!" noch.

"Schuld! Seid! Ihr!" ist ein ebenso interessanter wie ungewöhnlicher, zudem gut recherchierter und komplexer Krimi, den ich sehr gerne gelesen habe. Allerdings muss ich zugeben, dass das Ende zwar konsequent ist, aber doch ein wenig abrupt gekommen ist und dabei dann doch die ein oder andere Frage für mich unbeantwortet geblieben ist.

  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Spannung
Veröffentlicht am 03.06.2021

Abwechslungsreicher Krimi - erzählt in diversen Perspektivwechseln und vielen kurzen, knappen Kapiteln

Dein böses Herz
2

Kriminalhauptkommissarin Sandra Rehbein, die als alleinerziehende Mutter in der Betreuung ihres kleinen Sohns Tim auf die Unterstützung ihrer Eltern angewiesen ist, und ihr Team ermitteln in einem brutalen ...

Kriminalhauptkommissarin Sandra Rehbein, die als alleinerziehende Mutter in der Betreuung ihres kleinen Sohns Tim auf die Unterstützung ihrer Eltern angewiesen ist, und ihr Team ermitteln in einem brutalen Mordfall. Dirk Lettorf, der Filialleiter bei der Sparkasse ist, wurde auf einem Parkplatz tief in der Nacht erstochen und die Witwe von Dirk hat eine Videoaufnahme seines Seitensprungs mit der jungen, auffällig tätowierten Prostituierten Nicki erhalten. Doch wer ist die mysteriöse Lorena, die Dirk das Herz herausgeschnitten hat und die Nicki so großzügig für ihre Dienste bezahlt, und was verbindet Dirk und weitere Männer mit ihr?

An diesem zweiten Thriller von Paul Bruderath haben mir sein flüssiger, gut lesbarer Schreibstil sowie die vielen wechselnden Perspektiven, aus denen "dein böses Herz" erzählt wird, zugesagt. So wird die Handlung nicht nur aus Sicht von Kommissarin Sandra Rehbein geschildert, sondern ebenfalls aus Sicht des ersten Mordopfers Dirk Lettorf, der jungen Prostituierten Nicki sowie der Täterin Lorena.
Zudem finde ich an "dein böses Herz" sehr gelungen, wie geschickt Paul Buderath sein umfangreiches Figurenarsenal einführt, das aus Kommissarin Sandra Rehbein und ihrem Team inklusive dem Gerichtsmediziner sowie ihrer Familie besteht und zudem die Mordopfer, deren Angehörige, weitere Zeugen, die junge Prostituierte Nicki sowie die Täterin Lorena umfasst. Und trotz dieser vielen verschiedenen Personen habe ich beim Lesen doch stets gut den Überblick behalten können.

An "dein böses Herz" haben mir die atmosphärischen, oft düsteren und bisweilen sogar ein wenig unheimlichen Beschreibungen gut gefallen. So finde ich etwa die Schilderung des verlassenen Parkplatzes in eisiger Nacht, der als unheimlicher Tatort des ersten Mordes an Dirk Lettorf dient, sehr gelungen. Auch denke ich, dass "dein böses Herz" aufgrund des in diesem Thriller vorherrschenden eisigen Wetters die perfekte Lektüre für lange, kalte Herbst- und Winternächte ist.
Darüber hinaus haben mich aber auch die ungewöhnlichen Beschreibungen wie die einer Messe nach traditioneller Liturgie aus Sicht der Mörderin sowie die schönen, malerischen Beschreibungen wie die des verträumten Dortmunder Stadtgartens an einem verschneiten Wintertag überzeugt. In den insgesamt 71 Kapiteln, die so sehr kurz, fast schon knapp geraten sind, bleibt in "dein böses Herz" leider nicht allzu viel Raum für solche Beschreibungen, von denen es für meinen Geschmack gerne mehr hätten sein dürfen.

Die leitende Ermittlerin - Kommissarin Sandra Rehbein - hat mir gut gefallen. Sandra ist eine ebenso fähige wie engagierte Polizistin, von der ich gerne weitere Fälle lesen würde. Zudem werden ihre Probleme als alleinerziehende Mutter des achtjährigen Tim, die zugleich Leiterin der Mordkommission ist, glaubwürdig geschildert.
Von den Nebencharakteren haben mir besonders Sandras Mitarbeiter Werner Dietkarz sowie der Rechtsmediziner Dr. Feliakis gefallen. Da ich Werner so sympathisch finde, hat mir zugesagt, wie er mit seiner gewissenhaften, kompetenten Arbeit die Ermittlungen entscheidend voranbringt, indem er neue, relevante Zeugen findet. Zudem ist Werner ein echter Fels in der Brandung - auch für Sandra und das trotz seiner eigenen, schwerwiegenden, persönlichen Probleme aufgrund der Krebserkrankung seiner Frau Friderike. Dr. Feliakis hatte leider nur wenige, kurze Auftritte in "dein böses Herz", bei denen er mich jedoch so überzeugt hat, dass ich wirklich gerne mehr von ihm gelesen hätte.
Sandras Zusammenarbeit mit Ronny Schäfer - dem stellvertretenden Leiter der Mordkommission - hingegen ist von Konflikten geprägt, da Ronny "sich zu Höherem berufen fühlt, als die zweite Geige zu spielen – noch dazu unter einer Frau". Und auch wenn Sandras und Ronnys berufliches Verhältnis im Verlauf von "dein böses Herz" ein bisschen besser wird, hat mir Ronny insgesamt doch leider weniger gut gefallen. Denn primär fällt Ronny durch seine dummen Sprüche auf und Sandra, die Ronny stets Bambi nennt, ist froh, wenn er einfach mal seine Arbeit richtig macht, ohne sich quer zu stellen.

Die Kapitel, die in "dein böses Herz" aus Sicht der Täterin Lorena erzählt sind, fand ich sehr interessant, da ich beim Lesen so doch ein wenig näher dran an der sonst wohl eher verquer wirkenden Sichtweise der Mörderin gewesen bin. Dabei haben mir auch die Zeitsprünge gefallen, die zumindest in ein, zwei kurzen Kapiteln Ereignisse aus der Vergangenheit von Lorena schildern. Und da in diesem Krimi von Paul Bruderath recht früh klar ist, wer die Mörderin ist und somit das sonst in einem Krimi so übliche miträtseln und mitraten den Täter betreffend entfällt, hätte ich stattdessen gerne noch mehr zum Hintergrund von Lorena und ihrer Vergangenheit, was insbesondere ihre Zeit in einer freikirchlichen Sekte mit einschließt, erfahren.

  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Spannung
Veröffentlicht am 29.05.2021

Jugendbuch Thriller von Mel Wallis de Vries trotz interessanten Aufbaus und guter Ansätze mit Schwächen

Himmel oder Hölle?
2

Danielle, die unter der Scheidung ihrer Eltern leidet und von ihrem Ex-Freund - dem BWL-Studenten Stan - gestalkt wird, fährt in ihren Schulferien mit ihren Freundinnen Madelief, Loulou und Robin für einen ...

Danielle, die unter der Scheidung ihrer Eltern leidet und von ihrem Ex-Freund - dem BWL-Studenten Stan - gestalkt wird, fährt in ihren Schulferien mit ihren Freundinnen Madelief, Loulou und Robin für einen Skiurlaub nach Gerlos in Österreich. Dort lernt Danielle den attraktiven Amsterdamer Medizinstudenten Dante kennen und sie kommen sich näher. Wieder zurück aus dem Skiurlaub in Amsterdam verbringen Danielle und Dante nach einem Abendessen die Nacht zusammen, nachdem sie sich in einem Supermarkt beim Einkaufen wieder begegnet sind. Doch ist dieses Treffen im Supermarkt wirklich Zufall gewesen? Und welches Geheimnis verbirgt Dante?

An diesem Thriller des ONE-Verlags hat mir der flüssige, gut lesbare Schreibstil von Mel Wallis de Vries sehr zugesagt. Zudem hat mir gut gefallen, dass die Handlung von "Himmel oder Hölle?" in Perspektivwechseln sowie auf zwei Zeitebenen erzählt wird. So schildert das erste Kapitel an TAG 0 aus Sicht des Täters, wie er die sich in seiner Gewalt befindende Danielle mit der Kamera seines Handys aufnimmt, dabei sein Selbstbewusstsein wächst und sich Dunkelheit in ihm regt, wenn er sich vorstellt, was er der gefesselten Danielle antun wird.
Danach setzt die eigentliche Handlung 17 Tage zuvor in Gerlos in Österreich ein, wo die Amsterdamer Freundinnen Loulou, Robin, Madelief und Danielle ihre Ferien verbringen. Von da an erzählt Mel Wallis de Vries ihre Geschichte an diesen vorherigen Tagen im Wechsel mit Tag 0 und bewegt sich dabei auf diesen Tag 0 zu, um in einem Epilog, der 122 Tage später spielt, zu enden. Dieser Aufbau von "Himmel oder Hölle?" hat mir insgesamt zugesagt. Dabei haben mich besonders die düsteren Tag 0 Kapitel überzeugt, die Einblick in die Gedankenwelt des Täters bieten, da sie aus seiner Sicht geschildert sind.

Danielles ebenso warmherzige wie freundliche und hilfsbereite Freundin Madelief ist die einzig nette Person in Danielles Umfeld. So konfrontiert Mel Wallis de Vries schon zu Beginn von "Himmel oder Hölle?" den Leser damit, wie Danielles "Freundin" Loulou auf ihr herumhackt, weil sie ein heruntergekommenes Apartment für den Skiurlaub gebucht hat, als sie sich von geschönten Fotos der Wahrheit hat täuschen lassen. Zudem macht Loulou sich in gehässiger Weise über die noch unerfahrene Skifahrerin Danielle, die erst im letzten Jahr Skifahren gelernt hat, lustig. Danielles "Freundin" Robin ist da kaum besser.
Und Danielles Ex-Freund Stan, mit dem sie einst ihre Traurigkeit verbunden hat, weil sie unter der Scheidung ihrer Eltern gelitten hat so wie Stan unter dem Verlust seiner Mutter, die an Krebs gestorben ist, zeigt seit Danielles Trennung von ihm Stalking ähnliche Verhaltensweisen. So ruft Stan Danielle etwa täglich an, schreibt ihr ständig, beobachtet, wann sie online geht, und steht nachts vor ihrem Haus. Zudem zeigt der attraktive Medizinstudent Dante, der aus schwierigen Verhältnissen stammt, da er seit seinem neunten Lebensjahr in einer Pflegefamilie groß geworden ist, nachdem sein Vater nach dem Krebs Tod seiner Mutter verschwunden ist, ein Danielle gegenüber kontrollsüchtiges und gelinge gesagt ziemlich irritierendes Verhalten.
Für den weiteren Verlauf von "Himmel oder Hölle?" hätte ich mir gewünscht, dass Danielle mehr Selbstvertrauen und Durchsetzungsstärke entwickeln würde, dass sie weniger versuchen würde es allen Recht zu machen, sondern stattdessen lernen würde, klare Grenzen zu setzen und sich aus schwierigen Beziehungen zu lösen. Doch leider ist diese Entwicklung nicht erfolgt. Darüber hinaus spricht Mel Wallis de Vries in diesem Thriller zwar eine Vielzahl weiterer gleichermaßen schwieriger wie relevanter Themen an - wie etwa Bodyshaming, Selbstverletzung oder auch psychische Erkrankungen. Aber auch bei diesen Themen ist eine kritischere Auseinandersetzung leider nicht in "Himmel oder Hölle?" erfolgt, wie ich sie mir insbesondere bei einem Jugendbuch gewünscht hätte.

Obwohl man bedingt durch den Aufbau von "Himmel oder Hölle", da man als Leser durch die eingeschobenen Tag 0 Kapitel nach und nach weitere Informationen zum Täter erhält, die ganze Zeit miträtselt, wer Danielle da an Tag 0 in seiner Gewalt hat, errät wohl keiner die Auflösung, die Mel Wallis de Vries schließlich liefert. Dass die Enthüllung des Täters ebenso überraschend wie unerwartet kommt, hat mir einerseits gefallen. Andererseits geht diese leider ein wenig zu lasten der Glaubwürdigkeit und Nachvollziehbarkeit des Täters, wie ich finde. So hätte ich mir mehr Informationen zum Hintergrund des Entführers von Danielle - wie insbesondere zu seiner wohl schwierigen Vergangenheit - gewünscht. Womöglich hätten auch ein paar weniger falsche Fährten und ein etwas kleinerer Kreis an Verdächtigen diesem Thriller von Mel Wallis de Vries gut getan. Danielle hat nun wirklich keinen Mangel an aufgrund ihres stalkenden, mobbenden oder auch kontrollsüchtigen Verhaltens schwierigen Personen in ihrem Umfeld. Denn gerade aufgrund der vielen falschen Fährten, die dann letztlich doch ins Leere laufen, und des wirklich umfangreichen Kreises an Personen, die Danielle womöglich Schaden zufügen wollen, hat "Himmel oder Hölle" bisweilen schon seine Längen und ist gerade in seiner ersten Hälfte über weite Strecken eher weniger spannend für einen Thriller, da dafür dann doch einfach zu wenig passiert.

  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Spannung
Veröffentlicht am 10.05.2021

Ungewöhnlicher Roman von Angelika Jodl mit skurrilen Charakteren und Georgien als heimlichem Star

Laudatio auf eine kaukasische Kuh
1

Olga Eugenidis ist als Tochter georgischer Gastarbeiter in München groß geworden. Nun absolviert sie nach ihrem Medizinstudium ihr praktisches Jahr in der Klinik in Bonn und verbringt ihre Freizeit mit ...

Olga Eugenidis ist als Tochter georgischer Gastarbeiter in München groß geworden. Nun absolviert sie nach ihrem Medizinstudium ihr praktisches Jahr in der Klinik in Bonn und verbringt ihre Freizeit mit ihrem Freund Felix van Saan, der ebenfalls angehender Arzt ist, aus einer Kieler Ärzte Familie stammt und gerne segeln geht.
Jack Jennerwein ist ein Lebenskünstler und Ghostwriter für Abschlussarbeiten Münchner Studenten. Als Jack Olga zufällig mit ihrem Vater am Bahnhof in München sieht, verliebt er sich in sie. Fortan versucht Jack sie jeden Tag wiederzusehen. Und als Olga dann auf dem glatten Bahnsteig stürzt, hilft er ihr, steigt anschließend in ihren Zug und folgt ihr von München aus bis zu ihrem Studentenwohnheim nach Bonn.
Als Olgas Mutter befürchtet an Schilddrüsenkrebs zu leiden, möchte sie mit der ganzen Familie nach Tiflis reisen, um dort zu sterben. Und Jack, der sich in der Zwischenzeit in Olgas Familie eingeschlichen hat und den sie auf der Feier anlässlich des Namenstages ihres Vaters Achilleas wiedersieht, rät Olga mit ihrer Familie nach Georgien davonzufliegen, wo sie einige Abenteuer erleben wird.

An der "Laudatio auf eine kaukasische Kuh" haben mir neben den kurzen Kapiteln, die interessante Überschriften wie "Tabak und weitere Wunder", "Taisias Salon" oder auch "Medeas Ende" tragen, die Perspektivwechsel gut gefallen. So schildert Angelika Jodl die Handlung nicht nur aus Sicht von Olga, sondern auch aus Sicht von Jack.
Glaubwürdig finde ich dabei Olgas Konflikt zwischen den zwei Welten, in denen sie lebt, geschildert. Auf der einen Seite ist Olga die angehende deutsche Ärztin im praktischen Jahr samt Mediziner Freund Felix van Saan, der sein praktisches Jahr in der Onkologie des Klinikum Großhadern in München absolvieren wird. Auf der anderen Seite ist Olga die "Tochter seltsamer Fremdlinge". In ihrer Familie, die ursprünglich aus dem Kaukasus stammt, wird Ponti - ein archaischer griechischer Dialekt - gesprochen. Olgas Vater Achilleas ist nur Gastarbeiter in Deutschland, obwohl er eigentlich Ingenieur ist, und Olgas Mutter Chrysanthi hat ihr Geld mit Putzjobs verdient.
In gelungener Weise schildert Angelika Jodl, wie Olga mit und zwischen diesen beiden Welten lebt und das sowohl in Deutschland als auch auf ihrer Reise nach Georgien, bis schließlich diese beiden Welten, die Olga so gerne getrennt voneinander halten würde, miteinander kollidieren.

An der "Laudatio auf eine kaukasische Kuh" hat mir besonders Angelika Jodls ungewöhnliche Art zu erzählen gefallen, die sich etwa in ihren außergewöhnlichen Beschreibungen - wie denen von Georgien - zeigt. Als Olga in Georgien im Mercedes des Manns ihrer Tante Taisia unterwegs ist, wird dieser von "Schafen, Kühen, Pferden umspült wie schäumendes Wasser einen Felsen". Zudem haben mir die gelungenen, bisweilen ungewöhnlichen Beschreibungen zugesagt, die Angelika Jodl dafür findet, wie Olga sich in ihrem praktischen Jahr im Krankenhaus fühlt. So sieht Olga sich etwa als "am Ende einer Staffel großer, weißer Schreitvögel", da sie ohne begleitenden Arzt keine Untersuchungen durchführen darf bzw. als "weiß gewandeten, beruhigend intensiv desinfizierter Vampir", weil sie ihre ganze Zeit ausschließlich mit Blut abnehmen verbringt.
Viele der skurrilen, ungewöhnlichen Nebencharaktere haben mir gut gefallen - wie etwa Sandro, der erst sechsjährige Sohn von Olgas Tante Taisia, der es schafft Satan, Kämpferseele und einen mit Turnschuhen werfenden Tarzan in sich zu vereinen, oder Hamed, der nicht nur Olgas Kommilitone, sondern zugleich auch ihr überaus sympathischer Mitbewohner ist. Daneben sind jedoch die meisten Deutschen ohne Migrationshintergrund - abgesehen von Jack - leider ein wenig blass geraten oder ihre Charakterentwicklung ist für mich leider nur schwer nachvollziehbar.

Besonders gut gefallen hat mir der Teil der "Laudatio auf eine kaukasische Kuh", der in Georgien spielt. Diesen besonderen Schauplatz stellt Angelika Jodl samt seiner Sitten und Bräuche vor. Damit meine ich nicht nur die Schilderung einer traditionellen, georgischen Hochzeit samt lange Balladen rezitierendem Tamada, kriegerischen Trinksprüchen und dem als Räuberhauptmann verkleideten Bräutigam, sondern insbesondere auch die überschwängliche Gastfreundschaft im Salon sowie die Sitte bei den Toten auf dem Friedhof zu speisen. Dass Angelika Jodl zudem nicht nur georgische Kunst - etwa in Gestalt des Kunstmalers Niko Pirosmani - vorstellt, sondern einem auch den Wein und die Küche dieses Landes näherbringt, hat mir sehr gut gefallen. So lernt man insbesondere die Khinkali und deren besondere Art der Zubereitung kennen. Khinkali sind u.a. mit Fleisch, Dill, Koriander, Knoblauch, Kümmel, rotem Pfeffer und Salz gefüllte Teigtaschen, die eine gezwirbelte Spitze - den Nabel - aufweisen.

Im Kern erzählt die "Laudatio auf eine kaukasische Kuh" eine ziemlich gewöhnliche Liebesgeschichte zwischen Olga, Felix und Jack mit insofern auch recht vorhersehbarem Ende. Auf dem Weg dorthin bezaubert dieser Roman von Angelika Jodl jedoch mit vielen Nebencharakteren voll skurrilem, eigenwilligem Charme, besonderen Schauplätzen in Georgien und Angelika Jodls ganz eigener Art zu erzählen, die sich etwa in vielen ebenso ungewöhnlichen wie gelungenen Beschreibungen zeigt.

  • Handlung
  • Erzählstil
  • Chraktere
  • Cover
  • Thema
Veröffentlicht am 03.05.2021

Unterhaltsamer zweiter Krimi mit Penelope Kite für eine kurze Auszeit in der Provence

Mord auf Provenzalisch
1

Die Britin Penelope (Penny) Kite verbringt ihre Zeit mit der fortschreitenden Renovierung des von ihr erworbenen Bauernhofs, bei der wiederentdeckten Leidenschaft des Cello Spielens sowie im Kreis ihrer ...

Die Britin Penelope (Penny) Kite verbringt ihre Zeit mit der fortschreitenden Renovierung des von ihr erworbenen Bauernhofs, bei der wiederentdeckten Leidenschaft des Cello Spielens sowie im Kreis ihrer neuen französischen Freunde - wie etwa der Immobilienmaklerin Clémence Valencourt. Als Penny mit Laurent Millais - dem ebenso charmanten wie gutaussehenden Bürgermeister von St Merlot - die Eröffnung einer neuen Ausstellung in der Galerie Gilles de Bourdan in Avignon besucht, bricht plötzlich der Maler Don Doncaster, ein Landsmann von Penny und ehemaliger Staatsanwalt, zusammen. Und als Don kurz darauf im Krankenhaus verstirbt, nimmt die zuvor in der Gerichtsmedizin in London tätige Penny - wie schon in ihrem ersten Fall in der Provence "Tod in Saint Merlot" - wieder die Ermittlungen auf.

Das Autorenduo, das hinter Serena Kent steckt, fängt in diesem Krimi das provenzalische Lebensgefühl - etwa das besondere Licht, das schon seit Jahrhunderten Maler und Malerinnen in die Provence zieht - in ganz wunderbarer Weise ein und entführt so für eine kurze Auszeit in die Provence. So gefallen mir neben der Gestaltung des Covers, das die Schönheit von Lavendel-Feldern abbildet, auch die bezaubernden Beschreibungen der wunderschönen Provence - wie die des saphirblauen Himmels über den Bergrücken des Luberon oder der darauf lastenden majestätischen, einer Kathedrale gleichenden Stille - sehr.
Ebenso malerisch wird die Nebenroute nach Nizza geschildert, die Penny entlangfährt, als sie Gilles auf seine Einladung hin in seiner dortigen Galerie zu besuchen gedenkt. Und das auf steilen Klippen über Cap Ferrat thronende mittelalterliche Dorf Èze hat mich beeindruckt. Zudem habe ich mit Penny sehr die gute französische Küche genossen. Neben den köstlichen Backwaren haben es mir dabei vor allem die Desserts - wie etwa der Birnenkuchen mit geschlagener Vanillecreme - angetan.

Neben den wunderschönen Beschreibungen der Provence haben mir der Humor sowie die Rolle, die der Musik und insbesondere dem Cello in diesem Provence Krimi zugestanden werden, sehr zugesagt. So hat mich besonders angesprochen, mit welcher Hingabe Penny sich wieder dem Cello Spielen widmet und welch berührende, gefühlvolle Schönheit sich dabei in der Musik - wie etwa in Schumanns berühmtem Cellokonzert - entdecken lässt.
Auch der Humor in "Mord auf provenzalisch" hat mir gut gefallen - sei es moderne Kunst betreffend, die ich oft genug wohl einfach nur nicht verstehe, sowie hinsichtlich der kulturellen Unterschiede zwischen Engländern und Franzosen. Diese treten etwa deutlich bei dem typisch englischen Essen, das Penny ihren französischen Freunden serviert, zutage.
Unterhaltsam finde ich Pennys Freundin Frankie, die ein richtiges Original ist. In einer Verfilmung wäre Frankie vermutlich das, was man einen Szenedieb nennt. So zieht Frankie in jeder Szene, in der sie auftritt, die Aufmerksamkeit voll und ganz auf sich - auch da sie stets etwas Originelles sagt oder Unerwartetes tut. Und dass Frankie Penny bei ihrem Besuch in der Provence tatkräftig bei den Ermittlungen unterstützt und sogar einiges zur Aufklärung dieses Falls beizutragen weiß, hat mir gut gefallen.
Einige der weiteren Nebencharaktere in "Mord auf provenzalisch" sind für mich sonst jedoch leider ein wenig blass geblieben. Das mag zumindest teilweise daran liegen, dass ich leider noch nicht den ersten Provence-Krimi "Tod in Saint Merlot" dieser Reihe gelesen habe.

Auch wenn ich die Stärken von "Mord auf provenzalisch" weniger in seiner Krimi Handlung als vielmehr in seinem Humor, den schönen Beschreibungen der malerischen Provence, der guten französischen Küche sowie des wunderbaren Cellospiels sehe, so hat mir dennoch gut gefallen, dass ich in diesem Provence Krimi gut miträtseln und mitraten konnte. Die Überraschungen zum Schluss dieses Krimis haben mir größtenteils zugesagt. Einige kriminelle Verstrickungen bzw. Beteiligungen an den Morden hatte ich zuvor so schon vermutet. Ein Beteiligter - dessen Namen ich nicht nennen mag, um die Handlung nicht in unnötiger Weise zu spoilern - war für mich jedoch total unerwartet. Und auch wenn mir der Überraschungseffekt dabei gut gefallen hat, so hätte ich mir da doch weitere Ausführungen zum Hintergrund dieses Täters und Erläuterungen zu dessen Motivation gewünscht. So lässt mich das Ende von "Mord auf provenzalisch" zumindest an dieser Stelle leider ein wenig unbefriedigt zurück.

Insgesamt bin ich in "Mord auf provenzalisch" gut unterhalten worden. Die 380 Seiten lange Geschichte hätte man vielleicht an der ein oder anderen Stelle ein wenig straffer erzählen können. Aber für diese Längen bin ich mit einer kleinen Auszeit in der Provence, deren Lebensgefühl und Schönheit das Autorenduo, das hinter Serena Kent steckt, in wunderbarer Weise einfängt und vor dem inneren Auge des Lesers lebendig werden lässt, entschädigt worden. Insofern gibt es von mir eine klare Empfehlung für "Mord auf provenzalisch" für alle Liebhaber der Provence. Und auch wenn dieser zweite Provence Krimi so eigenständig ist, dass es für dessen Verständnis nicht zwingend erforderlich ist, den ersten Band "Tod in Saint Merlot" gelesen zu haben, so möchte ich doch jedem dazu raten. Denn sonst bleiben leider ein paar der Nebencharaktere eher blass und wirken ziemlich oberflächlich.

  • Cover
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