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Veröffentlicht am 03.06.2022

Charmanter Cozy Crime voller schräger Charaktere im wunderschönen Perigord

Kalte Blüten
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Auf der Baustelle einer Walnussölmühle entdeckt der portugiesische Arbeiter Pedro Martinez bei Baggerarbeiten einen Schädel. Kommissarin Marie Mercier, die ihr Sabbatical vorzeitig beendet hat, um die ...

Auf der Baustelle einer Walnussölmühle entdeckt der portugiesische Arbeiter Pedro Martinez bei Baggerarbeiten einen Schädel. Kommissarin Marie Mercier, die ihr Sabbatical vorzeitig beendet hat, um die Leitung des Kommissariats der Region zu übernehmen, ermittelt in ihrem ersten Fall als Leitung. Denn Michel Leblanc - der bisherige Leiter des Kommissariats - ist befördert worden und mittlerweile Maries Freund, so dass die beiden nun eine Wochenendbeziehung führen. Die vier Barthes Schwestern betreiben den Hof, zu dessen Gelände die noch im Rohbau befindliche Walnussölmühle gehört, da ihre Eltern sich seit dem Verschwinden ihres Sohnes Antoine komplett zurückgezogen haben. Doch ist Antoine, der sich schon seit langem nicht einmal mehr mit einer Postkarte gemeldet hat, wirklich nach Australien ausgewandert? Und was verbirgt Antoines Schwester Nathalie, die so strikt dagegen gewesen ist, auf dem Grundstück eine Walnussölmühle bauen zu lassen?

"Kalte Blüten" ist nach "Trüffelgold" der zweite Fall, in dem Protagonistin Marie Mercier ermittelt und Autorin Julie Dubois ins wunderschöne Perigord entführt. Dass zu Beginn des Krimis kurz zusammengefasst wird, was seit dessen Vorgänger passiert ist, hat mir gut gefallen, da seit dessen Ende in etwa ein halbes Jahr vergangen ist.
An "Kalte Blüten" haben mir der flüssige Schreibstil und die abwechslungsreiche Erzählweise von Julie Dubois zugesagt, die die Ereignisse nicht nur aus Sicht von Kommissarin Marie Mercier schildert, sondern etwa auch aus Sicht des portugiesischen Arbeiters Pedro Martinez, der den Schädel bei Baggerarbeiten entdeckt hat, aus Sicht von Maries Großtante Léonie sowie aus Sicht von Inspektor Martin, mit dem Marie sich ein Büro in der Arbeit teilt.
Neben der patenten, sympathischen Protagonistin Marie Mercier haben es mir besonders die kauzigen Typen - allesamt schräge Originale - angetan, die die Welt der Perigord Krimis von Julie Dubois bevölkern und die sie ebenso schräg wie liebenswürdig zu charakterisieren weiß. Neben Georges, der sein Hängebauchschwein Agnes innig liebt, wäre da noch der rundliche Inspektor Martin - Maries häuslicher, nerdiger Kollege - zu nennen. Martin hat einen ausgeprägten Putzfimmel, der von seiner Vorliebe für Desinfektionsmittel ergänzt wird, und schätzt seine Excel To-Do Listen, Zahlen wie Logik. Und die morbide Verzückung von Gerichtsmediziner Fred Blanquer, die von hübschen Schädeln bis hin zu schönen Schrammen reicht, die womöglich sogar die Todesursache gewesen sind, ist gleichermaßen irritierend wie interessant.

Zudem bindet die Autorin gekonnt wunderschöne Beschreibungen des malerischen Perigord in ihren Cozy Crime ein und bringt einem auch die gute Küche des Perigord in vielen köstlichen Gerichten näher - wie etwa den traditionellen Gerichten des Perigord ala Großtante Leonie, deren Rezepte sich Marie in ein Heft notiert. Das beginnt bei einem Omelette á l`oseille mit Gänsefett, Knoblauch, Zwiebeln und Sauerampfer, reicht über Blanquette de veau - ein Kalbsragout in heller Sauce mit Morcheln anstelle von Champignons - bis hin zu Hachis-Parmentier de Canard - einem mehrschichtigen Auflauf aus Kartoffelpüree und Entenfleisch, um nur einige Beispiele zu nennen. Ein separater Teil, der Rezepte zu den genannten Gerichten und vielen weiteren enthalten würde, hätte ich als passende Ergänzung von "Kalte Blüten" empfunden.
Auch finde ich, dass es der Autorin gut gelungen ist, Unterschiede zwischen dem ländlichen Perigord und der Großstadt Paris auf humorvolle Weise einzuarbeiten, wie sich beispielsweise am Wagen der Friseurin zeigt, den die Pariser so gern fotografieren. Zudem sind die Unterschiede zwischen Frankreich und Deutschland interessant, die die Autorin immer wieder am Rande einfließen lässt, ob dies anders gelagerte Feiertagsreglungen oder Unterschiede zwischen der französischen und deutschen Sprache betrifft. Insbesondere welche Redewendungen sich nicht aus dem Deutschen ins Französische übersetzen lassen und vice versa, da es kein entsprechendes Pendant gibt, habe ich dabei als spannend empfunden. Da spielt Julie Dubois dann ihre Stärke aus, dass sie als deutsche Autorin mit französischen Wurzeln, beide Sprachen beherrscht.

Nach einem ruhigeren Erzähltempo zum Einstieg in diesen Cold Case nimmt die Handlung dann im weiteren Verlauf an Fahrt auf, wenn die Taktung der Ereignisse nach dem langsameren Beginn von Julie Dubois erhöht wird. Bis zu seiner Auflösung, die für mich überraschend gewesen ist, da ich diese erst kurz vorher habe kommen sehen, vermochte mich dieser Perigord Krimi gut zu unterhalten. An seinem Ende hat mir besonders die Rolle von Kommissar Martin gefallen, die die Autorin ihm zugedacht hat, und die ich an dieser Stelle natürlich nicht in unnötiger Weise spoilern möchte.
Die besondere Stärke dieses Perigord Krimis liegt meiner Ansicht nach darin, dass Julie Dubois zumindest bei mir savoir-vivre hat aufkommen lassen. Das ging bei mir schon los, als Marie Mercier in ihrem alten Auto zur Arbeit fährt und dabei im Radio Songs wie der Gute-Laune-Ohrwurm "Le Sud" von Nino Ferrer laufen. Im Laden kauft man sich dann frisches Baguette und Croissants zum Frühstück. Auch diskutieren Großtante Leonie und Marie schon in der Früh, wie sich die morgens im Garten gefundenen Morcheln am besten zum Abendessen zubereiten lassen (Nudeln in einer Sahnesauce vs. Kalbsbries in Blätterteig als klassisches Gericht des Périgord).
Das einzige, was ich an diesem schönen Cozy Crime ein wenig zu kritisieren habe, ist dessen Handlung. Zwar gefällt mir die Geschichte, die diesem Krimi zugrunde liegt, wirklich gut. Leider bin ich jedoch der Ansicht, dass sich aus dieser spannenden Handlung, was insbesondere das Motiv für die Tat und weitere Zusammenhänge der Auflösung mit einschließt, weit mehr hätte heraus holen lassen können, wenn Julie Dubois diese Geschichte nicht als Cozy Crime, sondern als düsteres Familien Drama eingebettet in einen Kriminalroman oder sogar Thriller - ähnlich dem Thriller Drama "Before the Devil Knows You’re Dead" - erzählt hätte. Ich denke, dass die Geschichte dann einen stärkeren Sog hätte entfalten und wesentlich intensiver hätte wirken können.

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Veröffentlicht am 04.04.2022

Gelungener, ungewöhnlicher Auftakt für das Team Helsinki

TEAM HELSINKI
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Am Morgen des Mittsommertags wird vor der Villa der Lehmus-Stiftung eine Tote gefunden. Diese wurde bei vollem Bewusstsein in einem Container ertränkt, als dieser mit Meerwasser gefüllt wurde, was in etwa ...

Am Morgen des Mittsommertags wird vor der Villa der Lehmus-Stiftung eine Tote gefunden. Diese wurde bei vollem Bewusstsein in einem Container ertränkt, als dieser mit Meerwasser gefüllt wurde, was in etwa eine Stunde gedauert hat. Nur wer ermordet eine Frau auf ebenso grausame wie komplizierte Weise? Wer ist die Ermordete und was verbindet sie mit der wohlhabenden Familie Lehmusoja, der die Lehmusoja-Unternehmensgruppe sowie die daran angeschlossene Lehmus-Stiftung gehört? Welche Geheimnisse verbirgt die Familie Lehmusoja? Paula "Gwendoline" Pihjala und ihr Team nehmen die Ermittlungen in diesem ungewöhnlichen Mordfall auf.

Hinter A.M. Ollikainen verbirgt sich das Schriftsteller Ehepaar Aki und Milla Ollikainen, das mit der Toten im Container den ersten Fall für das Team Helsinki abgeliefert hat. Dieses Team besteht aus der außergewöhnlich großen, sportlichen Paula "Gwendoline" Pihjala, dem erfahrenen, geschiedenen Kollegen Hartikainen, Karhu - einem Spezialisten für Wirtschaftsverbrechen, der neu in der Mordkommission ist - sowie Renko, der zum ersten Mal als Paulas Partner eingeteilt ist und der das jüngste Team Mitglied ist. Renko ist gerade Vater geworden und wird in seiner redseligen Art eher unterschätzt, obwohl er sich oft gut darin versteht mit Zeugen umzugehen, diese so zum Reden zu bewegen oder diese zu beschwichtigen, sofern dies erforderlich sein sollte. Da Paula, indem sie ausgesprochen viel Wert auf ihre Privatsphäre legt, nicht mit ihren Kollegen über ihr Privatleben spricht, hält sie so zu Beginn nicht nur ihre Kollegen auf Abstand, sondern auch den Leser. Dennoch haben mir von Anfang an Paulas Art an Mittsommer lieber joggen als feiern zu gehen sowie ihre ausgesprochen analytische, systematische Herangehensweise an ihre Arbeit gut gefallen.
Trotz der im Team vorherrschenden Gegensätze, da dieses sich aus recht verschiedenen Charakteren mit unterschiedlichen Hintergründen zusammensetzt, die in dieser Konstellation zum ersten Mal zusammenarbeiten, harmoniert dieses Team über weite Strecken erstaunlich gut. Denn die einzelnen Team Mitglieder ergänzen einander gut und die interessante, eher ungewöhnliche Dynamik, die sich aus dieser Team Zusammensetzung ergibt, behindert dessen Arbeit nicht, sondern lässt diese unerwartet reibungslos laufen.

Im weiteren Verlauf der "Toten im Container" werden in kurzen, seltenen Szenen nach und nach Einzelheiten aus dem Privatleben sowie der Vergangenheit von Paula, aber auch Hartikainen und Karhu enthüllt. Allerdings geschieht dies nur am Rande und das Privatleben der einzelnen Ermittler des Teams nimmt in diesem Krimi von A.M. Ollikainen - anders als in diversen anderen skandinavischen Krimis - keinen allzu großen Raum ein. Stattdessen fokussiert sich dieser Krimi - so wie auch dessen Protagonistin Paula - zwar nicht gänzlich, aber doch größtenteils auf die Ermittlungen in diesem Fall.
Auch wenn die Spannungskurve der "Toten im Container" über weite Strecken nicht so hoch sein mag, so hat A.M. Ollikainen mich dennoch mit seiner abwechslungsreichen Erzählweise in kurzen Kapiteln von angenehmer Länge überzeugt. So beginnt dieser Krimi mit recht verschiedenen Handlungssträngen, was etwa einen irritierenden Prolog mit einschließt, in der die Nacht, in der Hannes Lehmusoja - ein erfolgreicher Geschäftsmann - mit hohem Promille Gehalt im Blut erfroren ist. Zudem führt A.M. Ollikainen das ermittelnde Team in ungewöhnlicher Weise ein, in dem er die einzelnen Mitglieder im Rahmen eines Basketballspiels unter Polizisten vorstellt. Der düstere Höhepunkt des starken Auftakts der "Toten im Container" ist jedoch, wie das Ertrinken einer bis dato anonymen, in einem Container gefangenen Frau geschildert wird. Dass A.M. Ollikainen sein Handwerk beherrscht, zeigt sich daran, dass die verschiedenen Handlungsstränge von Beginn an nicht wie Fremdkörper wirken, sondern sich flüssig lesen lassen - auch wenn sich deren Zusammenhänge erst im weiteren Verlauf dieses Krimis nach und nach erschließen werden.

Der Schreibstil von A.M. Ollikainen gefällt mir ausgesprochen gut, da dessen Erzählweise von kurzen, prägnanten Sätzen geprägt ist, die die Handlung stets auf den Punkt gebracht schildern. Ausufernd wird dabei nur selten erzählt, da es längere Monologe höchstens von Aki Renko - dem redseligen, jüngsten Team Mitglied - zu hören gibt. Diese stellen sich dann aber eher als ein Rauschen im Hintergrund dar - so wie diese auch von seinen Team Kollegen wahrgenommen werden, die Renko selten gänzlich in seinen Ausführungen folgen.
Wiederholt wird lediglich die sich für längere Zeit hinziehende Identifikation der im Container aufgefundenen Toten. Denn da der Beginn der Ermittlungen auf Mittsommer fällt, gestaltet sich die Arbeit des Team Helsinki zunächst gleichermaßen langwierig wie kompliziert, weil an diesem Feiertag kaum einer arbeitet und so im Zuge der Ermittlungen erreichbar ist. In diesem Zusammenhang hat mir der Klappentext dieses Krimis nicht gefallen, da dieser leider zu viel verrät und die lange Zeit ausstehende Identifikation der Toten vorweg nimmt.

Von mir gibt es eine klare Empfehlung für "Die Tote im Container", da diese mich neben dessen intensivem Auftakt wie überraschendem Ende besonders mit dem prägnanten Schreibstil der Autoren überzeugt hat. Trotz des dramatischen, brutalen Beginns sowie des spannungsgeladenen Finales ist dieser Fall des Team Helsinki über weite Strecken mehr Wirtschaftskrimi als Thriller und damit weniger spannend, sondern eher komplex erzählt. Wer auf der Suche nach einem Krimi mit hohem Spannungspotential oder eher leicht bekömmlicher Krimi Kost ist, dem möchte ich von der "Toten im Container" abraten.
Mich jedoch haben die in diesem Krimi aufgegriffenen Themen wie etwa die der Entwicklungshilfe und der finnischen Missionarsarbeit in Namibia interessiert, auch da die Autoren kritisch die finnische Vergangenheit in Afrika und insbesondere Namibia aufgearbeitet haben. Zudem haben mir kleine Einblicke in die Kunstwelt gefallen, da diese weniger mit einer Diskussion moderner Kunst, sondern vielmehr mit philosophischen Fragen nach Ethik und Moral verbunden sind, die bei einer Austellung mit dem Titel "Mitgefühl" relevant sind.
Darüber hinaus hat mich die intelligente Auseinandersetzung mit Vorurteilen, die zumindest in meinem Kopf herumspuken und deren ich mir nicht einmal bewusst gewesen bin, bis mir die Autoren mit einem genialen Twist People of colour betreffend diesbezüglich den Spiegel vorgehalten haben, überzeugt. Den Twist möchte ich an dieser Stelle selbstverständlich nicht verraten, um die Handlung nicht in unnötiger Weise zu spoilern.
Ich freue mich schon auf den nächsten Fall des Team Helsinki, den ich mit Sicherheit lesen werde - auch da zwar die Ermittlungen im Falle der im Container aufgefundenen Toten abgeschlossen sind, Fragen Paulas Vergangenheit und das Privatleben ihrer Familie betreffend jedoch noch offen geblieben sind und wohl erst im nächsten Band der Reihe um das Team Helsinki von A.M. Ollikainen beantwortet werden.

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Veröffentlicht am 28.02.2022

Spannender zweiter Fall für Kate Marshall, nicht ganz so stark wie der Vorgänger

So eiskalt der Tod
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Am 28. August 2012 überrascht der junge Simon Kendal, der bei Shadow Sands - in einem künstlich angelegten Stausee - mit einem Freund zelten ist, einen Mörder, als dieser gerade dabei ist eine Leiche im ...

Am 28. August 2012 überrascht der junge Simon Kendal, der bei Shadow Sands - in einem künstlich angelegten Stausee - mit einem Freund zelten ist, einen Mörder, als dieser gerade dabei ist eine Leiche im Stausee zu entsorgen. Simon wird grausam von ihm umgebracht. Zwei Tage später entdecken Kate Marshall und ihr Sohn Jake die Leiche von Simon zufällig bei einem Tauchgang im Stausee. Doch der hinzugerufene Detective Chief Inspector Henry Ko interessiert sich mehr für Kate wie Jake und legt Simons Todesfall nur wenige Wochen später zu den Akten. Da Simons Mutter Lyn Kendal nicht glauben kann, dass Simon als Leistungsschwimmer beim nächtlichen Schwimmen im Stausee ertrunken ist, wie die Polizei ihr weiß machen will, sucht sie Kate auf, um sie als Privatdetektivin mit der Untersuchung der Umstände von Simons Tod zu beauftragen.

"So eiskalt der Tod" ist nach "So blutig die Nacht" der zweite Fall, in dem Robert Bryndza Kate Marshall und ihren Assistenten Tristan als Privatdetektive ermitteln lässt. Zeitlich sind die Ereignisse von "So eiskalt der Tod" etwa zwei Jahre nach dem Vorgänger angesiedelt. In "So blutig die Nacht" wird geschildert, wie Kate in ihrer Zeit bei der Polizei den Nine Elms Cannibal, der Jakes Vater ist, überführt hat und später dann auch noch dessen Nachahmungstäter gestellt hat. Und auch wenn "So eiskalt der Tod" einen zweiten, unabhängigen, da in sich abgeschlossenen Fall von Kate erzählt, empfiehlt es sich meiner Ansicht nach doch, zunächst "So blutig die Nacht" zu lesen. Zwar fasst Robert Bryndza die aus dem ersten Thriller wichtigen Ereignisse zu Beginn von "So eiskalt der Tod" kurz zusammen. Den ersten Thriller der Kate Marshall Reihe zuvor gelesen zu haben, lässt die gesamte Entwicklung von Kate und Tristan zu Privatdetektiven jedoch nachvollziebarer werden. Andernfalls könnte es eher ein wenig befremdlich wirken, wie Kate und Tristan in der ein oder anderen Szene von "So eiskalt der Tod" als Privatdetektive agieren, indem sie sich auf in diesem Umfang irritierende Weise in die Ermittlungen der Polizei einmischen.

Auch an "So eiskalt der Tod" gefällt mir, was die Thriller von Robert Bryndza auszeichnet, wie ich finde. Seine Thriller, die ebenso spannend wie brutal sind, werden von einem hohen Erzähltempo geprägt, das mich bei der Lektüre kaum zu Atem kommen lässt. So beginnt "So eiskalt der Tod" mit einem starken Prolog, in dem Simon Kendal einen Mörder bei der Entsorgung einer Leiche im Stausee Shadow Sands überrascht. Als britischer Regionalmeister im Schwimmen flüchtet Simon intuitiv ins Wasser. Das stellt sich letztlich als fataler Fehler heraus, der zu seiner brutalen Ermordung führt, da er dem Boot des Mörders nicht zu entkommen vermag. Dabei stellt Robert Bryndza in gekonnter Weise die tödlichen Seiten des Elements Wasser zur Schau.
Neben dem spannenden, flüssigen Schreibstil und hohen Erzähltempo haben mich an diesem Thriller auch die atmosphärischen Beschreibungen von Robert Bryndza überzeugt. So hat der Autor etwa mit dem Shadow Sands Stausee und der darin versunkenen Ruine der alten Dorfkirche, die Kate und Jake bei ihrem Tauchgang erkunden, eine ebenso unheimliche wie stimmungsvolle Kulisse für einen Leichenfund geschaffen. Mir scheint diese vom Dorf Graun inspiriert worden zu sein, das im Reschensee in Südtirol im Jahr 1950 versunken ist. Die gelungenen atmosphärischen Beschreibungen ziehen sich dann durch den weiteren Verlauf dieses Thrillers, da der Serienmörder rund um den Shadow Sands Stausee zuschlägt, wenn dieser dicht in tiefen Nebel gehüllt ist.

Die Charakterisierungen von Kate und Tristan haben mir schon im ersten Band der Reihe zugesagt. Gut gefallen hat mir, dass Tristan in diesem Thriller nun mehr Raum und Profil bekommt - etwa indem man Tristans Schwester und deren Verlobten kennenlernt, aber auch indem man als Leser mehr darüber erfährt, was Tristan in seinem Privatleben belastet. Dass gerade Kate dann für Tristan da ist und ihn unterstützt, fand ich nur konsequent in der Entwicklung der Beziehung von diesen beiden. Unter den Charakterisierungen sticht zudem das letzte, äußerst wehrhafte Opfer des Serienmörders hervor, dessen Namen ich an dieser Stelle nicht verraten möchte, um die Handlung nicht in unnötiger Weise zu spoilern. Denn dass dieses sich als derart starke Persönlichkeit entpuppt, die nicht nur tough, sondern auch ausgesprochen erfinderisch ist, womit sie nicht nur den Täter, sondern auch den Leser mehrfach überrascht, hätte ich so wirklich nicht erwartet.
Das tröstet mich dann auch ein wenig darüber hinweg, dass der Täter letztlich ziemlich blass ausfällt. Das ist schon schade, da ich gerade die Charakterisierung der Antagonisten und allen voran von Peter Conway als Nine Elms Cannibal als große Stärke des Vorgängers empfunden habe. Denn in "So blutig die Nacht" hat mich der Autor mit seinem besonderen Talent für die Charakterisierung von abgründigen, zutiefst verstörenden Serienmördern, was auch deren perfekt gepflegte, charmante Fassade mit einschließt, überzeugt.
Doch leider bleibt in "So eiskalt der Tod" selbst ein Besuch von Kate im Gefängnis bei Peter ziemlich blass und substanzlos. Man merkt deutlich, dass diese Szene später aufgrund der Wünsche von vielen Lesern von Robert Bryndza ergänzt worden ist, wie der Autor selbst in seinem Nachwort beschreibt. Da hätte ich mir doch gewünscht, dass Peter eine andere Rolle zukommt - eher vergleichbar mit der eines Hannibal Lecter im "Schweigen der Lämmer".

Von mir gibt es eine klare Empfehlung für "So eiskalt der Tod", da mich dieser Thriller von Robert Bryndza mit seinem fesselnden Schreibstil sowie seinen atmosphärischen Beschreibungen überzeugt hat. Leider ist dieser zweite Band der Reihe nicht ganz so stark wie dessen Vorgänger ausgefallen, was wohl im deutlich schwächeren Antagonisten begründet liegt. Dennoch hoffe ich auf einen weiteren Band der Kate Marshall Reihe, den ich gerne lesen werde.

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Veröffentlicht am 21.11.2021

Spannender, abwechslungsreich erzählter Thriller mit überraschenden Wendungen

Teufelsnetz
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Lisa Yamamoto und Jason Nervander, die zu den beliebtesten Social-Media Influencern und Lifestyle-Bloggern Finnlands zählen, sind nach einer Party anlässlich der Veröffentlichung des neuen Albums Spider’s ...

Lisa Yamamoto und Jason Nervander, die zu den beliebtesten Social-Media Influencern und Lifestyle-Bloggern Finnlands zählen, sind nach einer Party anlässlich der Veröffentlichung des neuen Albums Spider’s Web des Rappers Kex Mace’s verschwunden. Ist deren Verschwinden noch zunächst als PR-Aktion abgetan worden, wird ein Verbrechen vermutet, nachdem irritierende neue Einträge auf dem Instagram Account von Lisa aufgetaucht sind. Ein Foto des Leuchtturms von Söderskär, indem Lisa von Eis und Schnee bedeckt ein stilles Grab tief drunten im Meer gefunden haben soll, legen ein Verbrechen nahe. Und so nimmt Kommissarin Jessica Niemi mit ihrem Team die Ermittlungen in diesen Vermisstenfällen auf.

Teufelsnetz ist nach Hexenjäger der zweite Fall, in dem Max Seeck Kommissarin Jessica Niemi ermitteln lässt. Jessica ist eine starke, interessante Protagonistin, die eine gewisse Neigung beitzt, aus der Reihe zu tanzen und eher zu Alleingängen neigt statt Anweisungen und Befehlen Folge zu leisten. Jessicas Mutter ist eine berühmte, finnische Schauspielerin gewesen, die es bis nach Hollywood geschafft hatte.
In Hexenjäger - dem vorigen Band dieser Reihe - ist Erne Mikson, der nicht nur Jessicas Vorgesetzter, sondern vor allen Dingen auch ihr guter Freund gewesen ist, an Krebs gestorben. Zu Beginn von Teufelsnetz schildert Max Seeck nun, wie Jessica unter diesem Verlust gelitten hat, den sie erst verarbeiten konnte, als sie das Laufen - so wie bei Forrest Gump - quasi als Therapie für sich entdeckt hat. Auch zählen für mich die Erinnerungen von Jessica an die letzten Monate von Erne, in denen sie ihn bei sich zu Hause gepflegt hat und die Max Seeck im weiteren Verlauf einstreut, zu den starken, emotional berührenden Momenten von Teufelsnetz.
Mit ihrer neuen Vorgesetzten Hauptkommissarin Helena Lappi - genannt Hellu, die nun das Gewaltdezernat leitet, tut sich Jessica hingegen sehr schwer. Denn Hellus von Präzision, Disziplin und Bürokratie geprägte pedantische Arbeitsweise kollidiert mit dem Vorgehen von Jessica.

An Teufelsnetz haben mir neben der Länge der kurzen Kapitel auch der flüssige, gut lesbare Schreibstil von Max Seeck gefallen. Abwechslungsreich wird die Geschichte dieses Thrillers aus wechselnden Perspektiven erzählt, was mir zugesagt hat. So werden die Ereignisse nicht nur aus Sicht der ermittelnden Kommissarin Jessica Niemi, sondern etwa auch aus Sicht von einem der Opfer - der prominenten Bloggerin Lisa Yamamoto - sowie von einem der Täter - dem unheimlichen Akifumi - geschildert.
Mit der Beschreibung der irritierenden Gedankengänge von Akifumi, die gleich eine düstere, unheimliche Stimmung aufkommen lassen, liefert Max Seeck einen starken Auftakt für diesen Thriller. Dabei wirken Akifumis Gedanken zunächst nur befremdlch, wenn er sich etwa extrem an einer dunkleren Stelle einer Silbergabel stört. Diese gipfeln jedoch schließlich darin, dass er sich vorstellt, wie er die junge Asuna nach dem Oralverkehr zu töten gedenkt. Ebenso glaubwürdig schildert Max Seeck jedoch etwa auch das oberflächliche, von einem hohen Drogenkonsum geprägte Leben der prominenten Instagram Influencerin und Halbjapanerin Lisa Yamamoto, als diese zu Beginn von Teufelsnetz die Party anlässlich der Veröffentlichung des neuen Albums Spider’s Web von Rapper Kex Mace’s besucht.
Die wechselnden Perspektiven kommen auch dem Mittelteil dieses Thrillers zugute. Dieser ist insbesondere auch durch die Einblicke, die er in das Privatleben aller Mitglieder des Ermittler Teams um Jessica Niemi liefert, wenn diese ihre Arbeit auch in den Feierabend hineintragen, kurzweilig gestaltet und lässt dabei keine Längen aufkommen.

Teufelsnetz hat mir als spannender, abwechslungsreich erzählter Thriller mit tollen, atmosphärischen Beschreibungen gefallen, der mich besonders mit seinen überraschenden Wendungen überzeugt hat. Das schließt vor allen Dingen die Auflösung, wer denn nun eigentlich der bereits zu Beginn eingeführte Täter Akifumi ist, mit ein, die ich so nicht habe kommen sehen.
Im Gegensatz zum Vorgänger Hexenjäger ist in Teufelsnetz Jessicas eigene Vergangenheit und Schizophrenie nur am Rande von Bedeutung und für den geschilderten Fall quasi nicht relevant. Das hat den Vorteil, dass sich Teufelsnetz meiner Ansicht nach auch ohne den Hexenjäger gelesen zu haben, verstehen lässt. Denn Teufelsnetz beinhaltet einen eigenständigen, in sich abgeschlossenen Fall. Das nimmt der Reihe um Jessica Niemi in diesem zweiten Band jedoch leider gerade ein wenig das, was den Vorgänger Hexenjäger in meinen Augen so besonders gemacht hat. Insofern hoffe ich, dass dies im nächsten Fall, in dem Jessica Niemi ermittelt, wieder mehr in den Fokus rücken wird.

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Veröffentlicht am 07.09.2021

Starkes, emotional berührendes Debüt von Abi Daré mit wichtiger Botschaft

Das Mädchen mit der lauternen Stimme
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Das Mädchen mit der lauteren Stimme ist geprägt von kurzen Kapiteln, in denen Abi Daré ihre junge Protagonistin Adunni ihre Geschichte in einer ganz eigenen, ungewöhnlichen Sprache erzählen lässt. So heißt ...

Das Mädchen mit der lauteren Stimme ist geprägt von kurzen Kapiteln, in denen Abi Daré ihre junge Protagonistin Adunni ihre Geschichte in einer ganz eigenen, ungewöhnlichen Sprache erzählen lässt. So heißt der Fernseher etwa Fernseh, die Fernbedienung Fernbediener und DVD heißt Devaude.
So schildert Abi Daré etwa eindringlich, wie Adunni den alten Morufu mit dem Ziegenbockgesicht nicht heiraten will, was niemand in ihrem Dorf verstehen kann. Sogar Adunnis beste Freundin Enitan freut sich für die junge Braut, der sie bei ihrem Hochzeits Makeup helfen möchte. Nur als Leser teilt man natürlich Adunnis Sichtweise und hofft, dass sie sich ihren Traum von einer weiterführenden Schulbildung wird verwirklichen können. Denn Adunni hat von ihrer zu früh verstorbener Mutter Idowu gelernt, dass nur Schulbildung gegen die Zwänge und Unterdrückung der Mädchen und Frauen in Nigeria hilft, um insbesondere nicht in zu jungen Jahren gegen seinen Willen verheiratet zu werden.

Adunni ist ein sympathisches, aufgewecktes und wissbegieriges Mädchen, das schon als kleines Kind davon geträumt hat, später Lehrerin zu werden. Denn Adunni hat einen guten Kopf zum Lernen, wie jedem in ihrem Heimatdorf bekannt ist. Adunnis Hingabe für die Schule und ihre Liebe zu Büchern finde ich ebenso rührend wie inspirierend.
Adunnis Neugierde treibt sie dazu viele Fragen zu stellen. Auch kann Adunni ziemlich vorlaut sein und einem manchmal sogar ein wenig auf die Nerven gehen. Aber gerade diese Ecken und Kanten, die Abi Daré ihrer Protagonistin zugesteht, lassen ihre Charakterisierung glaubwürdig und authentisch werden. Und wenn Adunni einmal wieder eines ihrer selbst ausgedachten Lieder singt, dann ist sie einfach nur das Mädchen, das sie mit ihren erst vierzehn Jahren noch ist.

Besonders stark ist das Mädchen mit der lauteren Stimme meist dann, wenn Adunni einmal die engen vier Wände des Zuhauses, indem sie als Drittfrau bzw. Hausmädchen leben muss, verlassen darf. Leider gibt es viel zu wenig Kapitel wie die, in denen Adunni ihre neue Freundin und Englischlehrerin Ms Tia auf den großen Markt in Lagos begleiten darf, um für sie das Feilschen zu übernehmen, oder Adunni für einen Tag im prächtigen Geschäft von Big Madam in Lagos auszuhelfen darf, das ihr wie ein Palast vorkommt. Nigeria und insbesondere Lagos, in dem Abi Daré selbst aufgewachsen ist, so durch die staunenden Augen eines Kindes entdecken und erleben zu dürfen, hat mir ausgesprochen gut gefallen - und ist ein starker, gelungener Kontrast zu den Qualen und dem Leid, das Adunni sonst zu ertragen hat.

Das Mädchen mit der lauteren Stimme ist ein ziemlich starkes Debüt von Abi Daré, das jedoch leider auch seine Schwächen hat:
Abi Daré schildert die Ereignisse in ihrem Roman ausschließlich aus Sicht von Adunni und Adunni ist mit ihren erst vierzehn Jahren noch recht kindlich und sehr naiv. Das äußert sich nicht nur in der gewöhnungsbedürftigen Sprache, die mit Sicherheit nicht jedermanns Sache sein wird, sondern auch darin, dass Adunni viele Worte nicht kennt bzw. nicht richtig versteht.
Erst mit Adunnis fortschreitender Bildung wird dies ein klein wenig besser. Aber da das Mädchen mit der lauteren Stimme zwar den ein oder anderen kleinen Zeitsprung von wenigen Monaten enthält, wird insgesamt leider nur eine zu kurze Zeitspanne aus Adunnis Leben erzählt, als dass sich wirklich eine größere Entwicklung Adunnis beobachten ließe. Gegen Ende dieses Romans ist Adunni natürlich ein bisschen weniger naiv, stattdessen gebildeter und selbstbewusster - aber auch dann kennt Adunni viele Worte nicht bzw. versteht diese höchstens im Kontext. So hätte es mir weit besser gefallen, eine deutlichere Entwicklung Adunnis in diesem Roman verfolgen zu können, die etwa durch größere Zeitsprünge und somit die Erzählung eines längeren Abschnitts aus Adunnis Leben gegeben wäre.
Da die anderen Charaktere im Mädchen mit der lauteren Stimme ausschließlich aus Sicht von Adunni betrachtet werden, fällt deren Darstellung leider recht einseitig aus - abhängig davon, ob Adunni diese Personen mag bzw. diese freundlich zu ihr sind - wie etwa Morufus zweite Frau Khadija oder auch ihre Freundin in Lagos Ms Tia - oder eben nicht. So sind Morufu, Morufus erste Frau Labake und auch Big Daddy in Adunnis Augen einfach nur böse. Einzig der Big Madam, für die Adunni als Hausmädchen in Lagos tätig ist, wird zum Schluss dieses Romans eine gewisse Ambivalenz zugestanden, wenn Adunni erkennt, dass diese große Frau nicht einfach nur böse und gemein ist, obwohl sie nie ein nettes Wort für Adunni übrig hat und sie schlägt, sondern dass Big Madam selbst geschlagen wird und unter ihrem Mann zu leiden hat.

Von mir gibt es eine klare Empfehlung für das Mädchen mit der lauteren Stimme, da Abi Daré in ihrem beeindruckenden, berührenden Debütroman mit der authentisch geschilderten Geschichte der noch so jungen Protagonistin Adunni, die eine lautere Stimme erlangen möchte, ein eindringliches Plädoyer dafür verfasst hat, wie nur mehr Bildung Mädchen und Frauen in Nigeria in ihren schwierigen, von Unterdrückung geprägten Verhältnissen helfen und diese für sie verbessern kann. Damit ist Abi Daré ein Stück Literatur gelungen, dass sich vor allen Dingen durch seine so wichtige Botschaft auszeichnet.
Zuletzt möchte ich eine Warnung aussprechen, dass das Mädchen mit der lauteren Stimme nichts für ganz Zartbesaitete ist. Denn auch wenn dessen grausame Szenen - so wie etwa Adunnis Vergewaltigung durch Morufu - nicht sonderlich explizit geschildert werden, wirken diese Szenen viel intensiver und brutaler, da Adunni erst vierzehn Jahre alt ist, was einem als Leser aufgrund ihrer kindlichen Sprache und naiven Sichtweise stets präsent ist.

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