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Veröffentlicht am 10.01.2021

Atmosphärischer, detailreicher, gut recherchierter historischer Roman über den Aufstieg Amsterdams zur Krone der Welt

Krone der Welt
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Im August des Jahres 1585 leiden Vincent Aardzoon, sein Vater - der Zimmermann Wim - sowie seine jüngeren Geschwister Ruben und Betje unter der Belagerung von Antwerpen durch die Spanier. Die Bevölkerung ...

Im August des Jahres 1585 leiden Vincent Aardzoon, sein Vater - der Zimmermann Wim - sowie seine jüngeren Geschwister Ruben und Betje unter der Belagerung von Antwerpen durch die Spanier. Die Bevölkerung Antwerpens quält schlimmen Hunger, Vincents Mutter ist bereits verstorben, seine kleine Schwester Betje krank. Der italienische Ingenieur und Sprengstoffexperte Federigo Giambelli versucht gemeinsam mit Vincents Vater Wim die Seebrücke der Spanier mittels eines Brandschiffes zu durchbrechen, da sie auf Hilfe von Königin Elisabeth von England hoffen. Als Aldegonde - der Bürgermeister von Antwerpen - mit Generalísmo Alessandro Farnese - dem Prinzen von Parma, der im Auftrag des spanischen Königs Philipp Antwerpen belagert hat, ein Abkommen schließt, fliehen Federigo Giambelli und Familie Aardzoon nach Vlissingen zu Giambellis Frau und von dort zieht Familie Aardzoon weiter bis nach Amsterdam.

In vier Teilen, die die Zeiträume 1585 - 1588, 1588 - 1591, 1594 - 1604 und 1609 - 1617 behandeln, ergänzt um einen Prolog und Epilog, die im Amsterdam des Jahres 1617 angesiedelt sind, erzählt Sabine Weiß vom Aufstieg Amsterdams zur "Krone der Welt". Mit jedem neuen Teil ist ein Zeitsprung von mehreren Jahren verbunden, wobei Sabine Weiß zu Beginn jedes Teils in gelungener Weise knapp die Geschehnisse der Zwischenzeit erläutert, so dass ich mich gut in jeden neuen Teil hineingefunden habe.

An der "Krone der Welt" haben mir besonders gut die detaillierten, gut recherchierten Beschreibungen von Sabine Weiß gefallen, die etwa im Prolog das Amsterdam des Jahres 1617 lebendig werden lassen, wenn man dem Architekten Vincent Aardzoon während des Ausbaus dieser Stadt zur Weltmetropole von den Grachten, entlang der Kanalstraße, bis hin zu den Schützenhäusern folgt. Auch der Bau von Brandschiffen und Festungsanlagen, von Packhäusern und Stadtvillen oder wenn Wim seinem Sohn Vincent erklärt, warum ein Haus mit geneigter Fassade erbaut wurde, scheinen mir sehr gut recherchiert zu sein, so weit ich dies beurteilen kann.
Zudem schildert Sabine Weiß im ersten Kapitel, das in Antwerpen im Jahre 1585 angesiedelt ist, eindringlich in düsteren, beklemmenden Beschreibungen, wie Vincents ganze Familie unter dem Elend der Hungersnot leidet, die die ganze Stadt während der Belagerung fest im Griff hat. Es geht einem nahe, wenn die kleine ausgemergelte Betje vor lauter Hunger eine Waffel aus Matsch isst, und wenn Vincents Familie droht obdachlos zu werden.

Darüber hinaus hat mich an der Erzählweise von Sabine Weiß die Einbindung historischer Persönlichkeiten - wie etwa des italienischen Ingenieurs und Sprengstoffexperten Federigo Giambelli - sehr angesprochen. In diesem Zusammenhang habe ich das dem Roman voran gestellte übersichtliche Personenverzeichnis als praktisch empfunden, in dem sich insbesondere vermerkt findet, welche Figuren tatsächlich historische Persönlichkeiten sind.

Meiner Ansicht nach stellt die "Krone der Welt" auch ohne entsprechendes historisches Vorwissen ein großes Lesevergnügen dar, da man diesem Roman auch ohne solche Kenntnisse gut folgen kann. So wird beispielsweise die spanische Furie, die zeitlich vor den Geschehnissen dieses Romans angesiedelt ist, dem jungen Ruben von seinem älteren Bruder Vincent erklärt, da Vincent schon ein paar Jahre länger zur Schule geht. Dabei ist auch das Glossar am Ende des Romans hilfreich, das Begriffe von "Antwerpener Feuer" bis "Willkomm" verständlich und kompakt erklärt.

An den Charakteren haben mir neben den historischen Persönlichkeiten besonders Vincents Blick für die Schönheit gefallen. Im Prolog wird geschildert, wie Vincent als Architekt im Ausbau von Amsterdam im Jahre 1617 unter dem Falschen, dem Hässlichen der Baustellen anderer Baumeister leidet, jedoch die Schönheit in den säuberlich gestapelten Holzstämmen seiner eigenen Baustelle sieht. Aber schon als Elfjähriger hat Vincent diesen Blick, wenn er mit seinem Vater Wim über Perspektive und geometrischen Formen seiner Skizze der Festungsruine - der ehemaligen Zitadelle von Antwerpen - sowie der Stadtmauer diskutiert und sogar die Antwerpen belagernde Schiffbrücke mit ihren Fackeln des nachts von oben betrachtet mit einem mit Juwelen bestückten Geschmeide vergleicht.

Auch der Abwechslungsreichtum, den der Schreibstil von Sabine Weiß in zahlreichen Perspektivwechseln und mit verschiedenen Ortswechseln bietet, spricht mich sehr an. So wird die Belagerung von Antwerpen im Jahre 1585 nicht nur aus Sicht der Antwerpener um Familie Aardzoon, sondern auch aus Sicht der Spanier im Umfeld des Prinzen von Parma geschildert. Und neben Antwerpen, Vlissingen und Amsterdam, spielt die "Krone der Welt" auch in London u.a. im Nonsuch Palace am englischen Hof von Königin Elisabeth sowie nahe Madrid in Real Sitio de San Lorenzo de El Escorial im Umfeld König Philipps und an so vielen weiteren Orten.

Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung für die "Krone der Welt" von Sabine Weiß, die mich mit ihren atmosphärischen, detailverliebten, genau recherchierten Beschreibungen begeistert hat.

Dass der Antagonist Lazarus van de Hedecop nicht nur ein verlogener, manipulativer, auf seinen eigenen Vorteil bedachter Mörder ist, sondern zudem von Brandnarben entstellt wird und sich an unschuldigen Kindern vergeht, hat ihn auf mich leider zu überzeichnet und einseitig wirken lassen. Auf mich persönlich hätte Lazarus mit ein paar negativen Charaktereigenschaften weniger überzeugender gewirkt.

Auch der Prolog, der im Amsterdam des Jahres 1617 spielt, hat für mich leider nicht den großen Mehrwert dargestellt. Am Ende des Prologs hatte ich mich gefragt, ob es dem Widersacher Antonie gelingen würde, den Architekten Vincent in den bankrott zu treiben, wenn er seine Baustelle plündern und verwüsten lassen würde. Auch hatte ich gehofft, dass dabei Gerrit - dem alten liebenswürdigen Wächter der Baustelle - nichts zustoßen würde. Die Auflösung dazu ist wohl eher mau und kaum relevant.
Das eigentliche Finale der "Krone der Welt" hat mir hingegen sehr gut gefallen und war für mich ein würdiger Abschluss eines großartigen historischen Romans. Vermutlich hätte mir die "Krone der Welt" ohne den vorangestellten Prolog besser gefallen. Aber das sind nur kleine Kritikpunkte, die das Lesevergnügen, das dieser tolle historische Roman von Sabine Weiß bietet, nicht schmälern.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 03.01.2021

Spannender, aktueller Klimawandel Thriller von Tom Roth

CO2 - Welt ohne Morgen
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Im Thriller "CO2 - Welt ohne Morgen" werden die fünfzehnjährige Hannah aus Berlin und elf weitere Kinder aus einem Klima-Camp auf Heron Island in Australien entführt. Auch Nicolas Porté, der Organisator ...

Im Thriller "CO2 - Welt ohne Morgen" werden die fünfzehnjährige Hannah aus Berlin und elf weitere Kinder aus einem Klima-Camp auf Heron Island in Australien entführt. Auch Nicolas Porté, der Organisator dieses Klima-Camps und Initiator von Life of Tomorrow, dessen Vater ein reicher Unternehmer ist, verschwindet. Die Entführer drohen, jede Woche ein Kind vor laufender Kamera sterben zu lassen, sofern sich die Weltgemeinschaft nicht auf extreme Klimaziele einigen kann. Während die Politiker auf diese Drohung taktierend und sich positionierend reagieren, suchen Ermittler verschiedenster Organisationen - u.a. Walter Gilman von der Australian Federal Police sowie Brad Walker vom FBI - in Australien mit Hochdruck nach den vermissten Kindern. Und auch Hannahs Onkel Marc - ein ehemaliger Kriegsreporter - macht sich auf die Suche nach seiner entführten Nichte.

An der Art von Tom Roth seine Geschichte zu erzählen, hat mir neben dem hohen Erzähltempo besonders der große Abwechslungsreichtum gefallen. So spielt "CO2 - Welt ohne Morgen" an verschiedenen Schauplätzen - wie etwa Heron Island in Australien oder auch Tofino, Vancouver Island. Man erlebt Taxifahrten in Kampala, Uganda und besucht Altbauwohnungen und einen Döner-Imbiss in Berlin Kreuzberg. Zudem wechseln die Perspektiven der kurzen Kapitel. So wird etwa die Entführung der Teenager aus dem Klima-Camp in Australien aus Sicht von Hannah geschildert und in den darauf folgenden Kapiteln erleben wir Hannahs Mutter sowie Hannahs Onkel, wenn sie von dieser Entführung sowie der Forderung der Entführer erfahren.
Darüber hinaus wird die Geschichte in geschickter Weise auf zwei Zeitebenen erzählt. Neben dem Hier und Jetzt der Entführung wird ein Teil der Geschichte als Rückblick aus dem Jahr 2040 geschildert, wenn Marc von der jungen Reporterin Susie Reynolds auf Nordfriesland besucht wird, die ihn zu der damaligen Entführung interviewen will, um die wahre Geschichte zu erfahren.

Die gelungenen, detaillierten Beschreibungen von "CO2 - Welt ohne Morgen" haben mich sehr angesprochen, wie ein Gesicht, in dem "schwer zu lesen ist, weil es wie eine Leinwand ist, die zu oft übermalt worden war". Und auch die wunderschönen Natur Beschreibungen - etwa der zerklüfteten Küste des Clayoquot Sound, wo Marc zu Beginn des Thrillers als Selbstversorger lebt - haben mir ausgesprochen gut gefallen.

Besonders stark finde ich "CO2 - Welt ohne Morgen", wenn der Klimawandel - wie der Clean Development Mechanism oder der Handel mit CO2-Zertifikaten - thematisiert wird. Auch wenn in der Danksagung betont wird, dass diese stark verkürzt und vereinfacht dargestellt werden, so finde ich deren Erklärung dennoch sehr interessant. Zudem merkt man Tom Roth, der sogar an der Universität zum Klimawandel und zu CO2-Zertifikaten geforscht hat, deutlich an, wie gut er sich mit diesen Themen auskennt. Und dass Korallen mittels in die Atmosphäre aufsteigender Schwefelverbindung ihr eigenes Wetter erzeugen können, fand ich sehr spannend und war mir neu.

Darüber hinaus finde ich "CO2 - Welt ohne Morgen" ausgesprochen gelungen, wenn die vierte Gewalt behandelt wird, weil man auch da dem Autor seine langjährige Erfahrung als Journalist deutlich anmerkt. Beispielsweise wird eindringlich geschildert, wie Marc sich an seine Zeit in Ost-Aleppo im Krieg erinnert und wie er Fotos von in Tüchern gewickelten Leichen nach einem Bombenanschlag gemacht hat. Ferner finde ich die Darstellung, wie die Medien mobilisiert werden, um Druck auf eine hinsichtlich Hannahs Entführung recht untätige Regierung auszuüben, sehr treffend.

Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung für den spannenden Thriller "CO2 - Welt ohne Morgen" von Tom Roth, den ich ab "Lorenzo 2 Tage" kaum noch aus der Hand legen konnte. Zudem hat mir die schlüssige, in sich stimmige Auflösung dieses Thrillers sehr zugesagt.
Auch liebe ich Sprichwörter und Redewendungen. Insofern waren für mich das Maori-Sprichwort: "Gehe in das Tal der Vorfahren. Lerne aus der Geschichte." sowie die chinesische Redewendung "Angst klopft an. Vertrauen öffnet. Keiner war draußen.", die ich beide noch nicht kannte, mir aber ausgesprochen gut gefallen, tolle Extras.
Ich persönlich hätte mir gewünscht, mehr über die charmante, charismatische, manipulative Seite des schwedischen Unternehmers Emil Sandberg, der mit seinem Start-up Brövägtull Handel mit CO2-Zertifikaten betreibt, zu erfahren. Und dafür dass sämtliche Personen in "CO2 - Welt ohne Morgen" frei erdacht und erfunden sind, erinnert mich die Kanzlerin in diesem Thriller leider zu stark an Angela Merkel - was mir persönlich leider nicht so gut gefallen hat. Da wären mir deutlichere Unterschiede - und eine größere Entfernung zur realen Vorlage - lieber gewesen. Aber das ist Kritik auf ganz hohem Niveau an einem wirklich gelungenen Thriller von Tom Roth.

  • Cover
  • Spannung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Handlung
Veröffentlicht am 29.11.2020

Spannender, düsterer Auftakt der Kate Marshall-Reihe

So blutig die Nacht
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Im Herbst 1995 arbeitet Detective Constable Kate Marshall zusammen mit ihrem Boss Detective Chief Inspector Peter Conway am Fall des Nine Elms Cannibal, als sein viertes Opfer gefunden wird. Nach der Rückfahrt ...

Im Herbst 1995 arbeitet Detective Constable Kate Marshall zusammen mit ihrem Boss Detective Chief Inspector Peter Conway am Fall des Nine Elms Cannibal, als sein viertes Opfer gefunden wird. Nach der Rückfahrt vom Tatort gelingt es Kate Peter Conway als Nine Elms Killer zu überführen, wobei sie jedoch fast von ihm getötet wird. 15 Jahre später ist Peter Conway in der psychiatrischen Anstalt Great Barwell inhaftiert. Kate lebt in einem Haus auf den Klippen und unterrichtet - unterstützt von ihrem jungen Assistenten Tristan - Kriminologie an der Universität Ashdean. Dort wird sie von Malcolm Murray kontaktiert, der sie bittet sich den Fall seiner Tochter Caitlyn, die vor 20 Jahren verschwunden ist, anzusehen - insbesondere im Hinblick auf einen Zusammenhang zu Peter Conway. Zudem wird Kate vom Rechtsmediziner Alan Hexham zu einem aktuellen Fall hinzugezogen, bei dem ein Nachahmungstäter des Nine Elms Cannibal sein Unwesen zu treiben scheint.

An "So blutig die Nacht" haben mir die atmosphärischen, düsteren, detailreichen Beschreibungen besonders gut gefallen. So kommt schon gleich im ersten Kapitel eine beklemmende Stimmung auf, wenn die Hilflosigkeit und Scham der Protagonistin Kate Marshall greifbar werden, als sie ein schmieriger Geschäftsmann in einer Bahnhofsunterführung anmacht, während sie auf ihren Boss Peter Conway wartet.

Zudem finde ich die sorgfältigen Charakterisierungen von Robert Brynzda sehr gelungen. Dies würde nicht nur die authentische, starke Protagonistin Kate und den psychopatischen Antagonisten Peter betreffen, sondern insbesondere auch den sympathischen Gerichtsmediziner Alan Hexham sowie Peters abstoßende Mutter Enid mit einschließen. An Kate hat mich besonders angesprochen, dass sie ein interessanter wie komplexer Charakter ist - weit entfernt von jeglicher Eindimensionalität. So hat mich etwa die anschauliche, realistische Schilderung von Kates Umgang mit ihrem Trauma überzeugt, wie sie sich nach ihrer Alkoholsucht wieder gefangen hat und weiter kämpft. Teil ihrer täglichen Therapie ist, jeden Morgen gleich bei welchem Wind und Wetter im Meer schwimmen zu gehen und zudem regelmäßig Treffen der anonymen Alkoholiker zu besuchen - unterstützt von ihrer Nachbarin und Sponsorin Myra. Auch Peter Conways psychopathische Züge werden bereits vor seiner Entlarvung als Nine Elms Killer von Robert Brynzda in geschickter Weise angedeutet - etwa als Peter nach dem Fund einer grausam zugerichteten Leiche, die alle anderen Anwesenden schockiert, zum ersten Mal im Angesicht der drohenden Gefahr schmutziger Autositze Unbehagen zeigt.

Zudem hat mir an Robert Bryndzas spannendem wie fesselndem Schreibstil das hohe Erzähltempo ausgesprochen gut gefallen. Damit meine ich nicht nur die interessante Ausgangssituation und das fulminante Finale, sondern insbesondere auch den Mittelteil, den ich persönlich in Thrillern leider oft als ein wenig lang geraten empfinde, wenn der Leser auf viele falschen Fährten gelockt wird und die Handlung auf der Stelle tritt. Nicht so bei Robert Bryndza, der mit der Entführung von Layla Gerrard in Kapitel 23 deutlich das Tempo anzieht. Dieser Eindruck wird noch verstärkt durch den folgenden geschickten Kunstgriff: Zunächst behandelt jedes Kapitel nur eine einzige Person. So folgt man in einem Kapitel etwa entweder Kate bei ihren Ermittlungen oder begleitet Peter bei seinem Aufenthalt in der Psychiatrie. Erst in Kapitel 32 wechselt man mitten im Kapitel von Kate zu Peter, was den Eindruck erweckt, dass Opfer und Täter sich nun deutlich näher kommen.

Auch hat mir an "So blutig die Nacht" sehr gut gefallen, dass zwar in stereotyper Weise ein männlicher weißer Serientäter junge Frauen ermordet, sonst aber angenehm oft von dieser stereotypen Sicht abgewichen wird. So ist den Serientätern die geballte Frauenpower in Gestalt von Kate Marshall sowie der leitenden Ermittlerin Varia Campbell auf der Spur. Zudem ist Kates Assistent Tristan das Objekt der Begierde etwa eines älteren Zeugen, der Tristans Bauchmuskeln bewundert, oder auch von einem Junggesellinnenabschied. Generell finde ich die wenigen lustigen Stellen, die diesen düsteren Thriller ein wenig auflockern, durchweg sehr gelungen. Da wären etwa Kates Facebook Profilbild oder auch Kates Auseinandersetzung mit ihrem Dekan Laurence Barnes zu nennen.

Von mir gibt es eine uneingeschränkte Kaufempfehlung für diesen spannenden, düsteren, blutigen Thriller von Robert Bryndza, dessen einziges kleines Manko der Nachahmungstäter ist. Peter Conway hätte als Antagonist vielleicht das Zeug zum Hannibal Lecter oder zumindest zum Dr. Martin Whitley alias "der Chirurg" gehabt. Der Nachahmungstäter fällt da jedoch leider - gerade im Vergleich zu Peter - deutlich ab.

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Veröffentlicht am 03.06.2021

Abwechslungsreicher Krimi - erzählt in diversen Perspektivwechseln und vielen kurzen, knappen Kapiteln

Dein böses Herz
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Kriminalhauptkommissarin Sandra Rehbein, die als alleinerziehende Mutter in der Betreuung ihres kleinen Sohns Tim auf die Unterstützung ihrer Eltern angewiesen ist, und ihr Team ermitteln in einem brutalen ...

Kriminalhauptkommissarin Sandra Rehbein, die als alleinerziehende Mutter in der Betreuung ihres kleinen Sohns Tim auf die Unterstützung ihrer Eltern angewiesen ist, und ihr Team ermitteln in einem brutalen Mordfall. Dirk Lettorf, der Filialleiter bei der Sparkasse ist, wurde auf einem Parkplatz tief in der Nacht erstochen und die Witwe von Dirk hat eine Videoaufnahme seines Seitensprungs mit der jungen, auffällig tätowierten Prostituierten Nicki erhalten. Doch wer ist die mysteriöse Lorena, die Dirk das Herz herausgeschnitten hat und die Nicki so großzügig für ihre Dienste bezahlt, und was verbindet Dirk und weitere Männer mit ihr?

An diesem zweiten Thriller von Paul Bruderath haben mir sein flüssiger, gut lesbarer Schreibstil sowie die vielen wechselnden Perspektiven, aus denen "dein böses Herz" erzählt wird, zugesagt. So wird die Handlung nicht nur aus Sicht von Kommissarin Sandra Rehbein geschildert, sondern ebenfalls aus Sicht des ersten Mordopfers Dirk Lettorf, der jungen Prostituierten Nicki sowie der Täterin Lorena.
Zudem finde ich an "dein böses Herz" sehr gelungen, wie geschickt Paul Buderath sein umfangreiches Figurenarsenal einführt, das aus Kommissarin Sandra Rehbein und ihrem Team inklusive dem Gerichtsmediziner sowie ihrer Familie besteht und zudem die Mordopfer, deren Angehörige, weitere Zeugen, die junge Prostituierte Nicki sowie die Täterin Lorena umfasst. Und trotz dieser vielen verschiedenen Personen habe ich beim Lesen doch stets gut den Überblick behalten können.

An "dein böses Herz" haben mir die atmosphärischen, oft düsteren und bisweilen sogar ein wenig unheimlichen Beschreibungen gut gefallen. So finde ich etwa die Schilderung des verlassenen Parkplatzes in eisiger Nacht, der als unheimlicher Tatort des ersten Mordes an Dirk Lettorf dient, sehr gelungen. Auch denke ich, dass "dein böses Herz" aufgrund des in diesem Thriller vorherrschenden eisigen Wetters die perfekte Lektüre für lange, kalte Herbst- und Winternächte ist.
Darüber hinaus haben mich aber auch die ungewöhnlichen Beschreibungen wie die einer Messe nach traditioneller Liturgie aus Sicht der Mörderin sowie die schönen, malerischen Beschreibungen wie die des verträumten Dortmunder Stadtgartens an einem verschneiten Wintertag überzeugt. In den insgesamt 71 Kapiteln, die so sehr kurz, fast schon knapp geraten sind, bleibt in "dein böses Herz" leider nicht allzu viel Raum für solche Beschreibungen, von denen es für meinen Geschmack gerne mehr hätten sein dürfen.

Die leitende Ermittlerin - Kommissarin Sandra Rehbein - hat mir gut gefallen. Sandra ist eine ebenso fähige wie engagierte Polizistin, von der ich gerne weitere Fälle lesen würde. Zudem werden ihre Probleme als alleinerziehende Mutter des achtjährigen Tim, die zugleich Leiterin der Mordkommission ist, glaubwürdig geschildert.
Von den Nebencharakteren haben mir besonders Sandras Mitarbeiter Werner Dietkarz sowie der Rechtsmediziner Dr. Feliakis gefallen. Da ich Werner so sympathisch finde, hat mir zugesagt, wie er mit seiner gewissenhaften, kompetenten Arbeit die Ermittlungen entscheidend voranbringt, indem er neue, relevante Zeugen findet. Zudem ist Werner ein echter Fels in der Brandung - auch für Sandra und das trotz seiner eigenen, schwerwiegenden, persönlichen Probleme aufgrund der Krebserkrankung seiner Frau Friderike. Dr. Feliakis hatte leider nur wenige, kurze Auftritte in "dein böses Herz", bei denen er mich jedoch so überzeugt hat, dass ich wirklich gerne mehr von ihm gelesen hätte.
Sandras Zusammenarbeit mit Ronny Schäfer - dem stellvertretenden Leiter der Mordkommission - hingegen ist von Konflikten geprägt, da Ronny "sich zu Höherem berufen fühlt, als die zweite Geige zu spielen – noch dazu unter einer Frau". Und auch wenn Sandras und Ronnys berufliches Verhältnis im Verlauf von "dein böses Herz" ein bisschen besser wird, hat mir Ronny insgesamt doch leider weniger gut gefallen. Denn primär fällt Ronny durch seine dummen Sprüche auf und Sandra, die Ronny stets Bambi nennt, ist froh, wenn er einfach mal seine Arbeit richtig macht, ohne sich quer zu stellen.

Die Kapitel, die in "dein böses Herz" aus Sicht der Täterin Lorena erzählt sind, fand ich sehr interessant, da ich beim Lesen so doch ein wenig näher dran an der sonst wohl eher verquer wirkenden Sichtweise der Mörderin gewesen bin. Dabei haben mir auch die Zeitsprünge gefallen, die zumindest in ein, zwei kurzen Kapiteln Ereignisse aus der Vergangenheit von Lorena schildern. Und da in diesem Krimi von Paul Bruderath recht früh klar ist, wer die Mörderin ist und somit das sonst in einem Krimi so übliche miträtseln und mitraten den Täter betreffend entfällt, hätte ich stattdessen gerne noch mehr zum Hintergrund von Lorena und ihrer Vergangenheit, was insbesondere ihre Zeit in einer freikirchlichen Sekte mit einschließt, erfahren.

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Veröffentlicht am 10.05.2021

Ungewöhnlicher Roman von Angelika Jodl mit skurrilen Charakteren und Georgien als heimlichem Star

Laudatio auf eine kaukasische Kuh
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Olga Eugenidis ist als Tochter georgischer Gastarbeiter in München groß geworden. Nun absolviert sie nach ihrem Medizinstudium ihr praktisches Jahr in der Klinik in Bonn und verbringt ihre Freizeit mit ...

Olga Eugenidis ist als Tochter georgischer Gastarbeiter in München groß geworden. Nun absolviert sie nach ihrem Medizinstudium ihr praktisches Jahr in der Klinik in Bonn und verbringt ihre Freizeit mit ihrem Freund Felix van Saan, der ebenfalls angehender Arzt ist, aus einer Kieler Ärzte Familie stammt und gerne segeln geht.
Jack Jennerwein ist ein Lebenskünstler und Ghostwriter für Abschlussarbeiten Münchner Studenten. Als Jack Olga zufällig mit ihrem Vater am Bahnhof in München sieht, verliebt er sich in sie. Fortan versucht Jack sie jeden Tag wiederzusehen. Und als Olga dann auf dem glatten Bahnsteig stürzt, hilft er ihr, steigt anschließend in ihren Zug und folgt ihr von München aus bis zu ihrem Studentenwohnheim nach Bonn.
Als Olgas Mutter befürchtet an Schilddrüsenkrebs zu leiden, möchte sie mit der ganzen Familie nach Tiflis reisen, um dort zu sterben. Und Jack, der sich in der Zwischenzeit in Olgas Familie eingeschlichen hat und den sie auf der Feier anlässlich des Namenstages ihres Vaters Achilleas wiedersieht, rät Olga mit ihrer Familie nach Georgien davonzufliegen, wo sie einige Abenteuer erleben wird.

An der "Laudatio auf eine kaukasische Kuh" haben mir neben den kurzen Kapiteln, die interessante Überschriften wie "Tabak und weitere Wunder", "Taisias Salon" oder auch "Medeas Ende" tragen, die Perspektivwechsel gut gefallen. So schildert Angelika Jodl die Handlung nicht nur aus Sicht von Olga, sondern auch aus Sicht von Jack.
Glaubwürdig finde ich dabei Olgas Konflikt zwischen den zwei Welten, in denen sie lebt, geschildert. Auf der einen Seite ist Olga die angehende deutsche Ärztin im praktischen Jahr samt Mediziner Freund Felix van Saan, der sein praktisches Jahr in der Onkologie des Klinikum Großhadern in München absolvieren wird. Auf der anderen Seite ist Olga die "Tochter seltsamer Fremdlinge". In ihrer Familie, die ursprünglich aus dem Kaukasus stammt, wird Ponti - ein archaischer griechischer Dialekt - gesprochen. Olgas Vater Achilleas ist nur Gastarbeiter in Deutschland, obwohl er eigentlich Ingenieur ist, und Olgas Mutter Chrysanthi hat ihr Geld mit Putzjobs verdient.
In gelungener Weise schildert Angelika Jodl, wie Olga mit und zwischen diesen beiden Welten lebt und das sowohl in Deutschland als auch auf ihrer Reise nach Georgien, bis schließlich diese beiden Welten, die Olga so gerne getrennt voneinander halten würde, miteinander kollidieren.

An der "Laudatio auf eine kaukasische Kuh" hat mir besonders Angelika Jodls ungewöhnliche Art zu erzählen gefallen, die sich etwa in ihren außergewöhnlichen Beschreibungen - wie denen von Georgien - zeigt. Als Olga in Georgien im Mercedes des Manns ihrer Tante Taisia unterwegs ist, wird dieser von "Schafen, Kühen, Pferden umspült wie schäumendes Wasser einen Felsen". Zudem haben mir die gelungenen, bisweilen ungewöhnlichen Beschreibungen zugesagt, die Angelika Jodl dafür findet, wie Olga sich in ihrem praktischen Jahr im Krankenhaus fühlt. So sieht Olga sich etwa als "am Ende einer Staffel großer, weißer Schreitvögel", da sie ohne begleitenden Arzt keine Untersuchungen durchführen darf bzw. als "weiß gewandeten, beruhigend intensiv desinfizierter Vampir", weil sie ihre ganze Zeit ausschließlich mit Blut abnehmen verbringt.
Viele der skurrilen, ungewöhnlichen Nebencharaktere haben mir gut gefallen - wie etwa Sandro, der erst sechsjährige Sohn von Olgas Tante Taisia, der es schafft Satan, Kämpferseele und einen mit Turnschuhen werfenden Tarzan in sich zu vereinen, oder Hamed, der nicht nur Olgas Kommilitone, sondern zugleich auch ihr überaus sympathischer Mitbewohner ist. Daneben sind jedoch die meisten Deutschen ohne Migrationshintergrund - abgesehen von Jack - leider ein wenig blass geraten oder ihre Charakterentwicklung ist für mich leider nur schwer nachvollziehbar.

Besonders gut gefallen hat mir der Teil der "Laudatio auf eine kaukasische Kuh", der in Georgien spielt. Diesen besonderen Schauplatz stellt Angelika Jodl samt seiner Sitten und Bräuche vor. Damit meine ich nicht nur die Schilderung einer traditionellen, georgischen Hochzeit samt lange Balladen rezitierendem Tamada, kriegerischen Trinksprüchen und dem als Räuberhauptmann verkleideten Bräutigam, sondern insbesondere auch die überschwängliche Gastfreundschaft im Salon sowie die Sitte bei den Toten auf dem Friedhof zu speisen. Dass Angelika Jodl zudem nicht nur georgische Kunst - etwa in Gestalt des Kunstmalers Niko Pirosmani - vorstellt, sondern einem auch den Wein und die Küche dieses Landes näherbringt, hat mir sehr gut gefallen. So lernt man insbesondere die Khinkali und deren besondere Art der Zubereitung kennen. Khinkali sind u.a. mit Fleisch, Dill, Koriander, Knoblauch, Kümmel, rotem Pfeffer und Salz gefüllte Teigtaschen, die eine gezwirbelte Spitze - den Nabel - aufweisen.

Im Kern erzählt die "Laudatio auf eine kaukasische Kuh" eine ziemlich gewöhnliche Liebesgeschichte zwischen Olga, Felix und Jack mit insofern auch recht vorhersehbarem Ende. Auf dem Weg dorthin bezaubert dieser Roman von Angelika Jodl jedoch mit vielen Nebencharakteren voll skurrilem, eigenwilligem Charme, besonderen Schauplätzen in Georgien und Angelika Jodls ganz eigener Art zu erzählen, die sich etwa in vielen ebenso ungewöhnlichen wie gelungenen Beschreibungen zeigt.

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