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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 13.02.2021

Kein Thriller, aber gut

Die Experten
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Dieses Buch als "Thriller" zu bezeichnen, das ist wirklich gewagt, denn es ist eher eine Mischung aus politischer Zeitgeschichte der 1960er Jahre, Familienroman und einigen kleinen Spannungselementen. ...

Dieses Buch als "Thriller" zu bezeichnen, das ist wirklich gewagt, denn es ist eher eine Mischung aus politischer Zeitgeschichte der 1960er Jahre, Familienroman und einigen kleinen Spannungselementen. Es segelt da unter ziemlich falscher Flagge und weckt Erwartungen, die nicht erfüllt werden können.
Der Flugzeugingenieur Friedrich Hellberg geht 1959 mit seiner Frau Ingrid und seiner jüngsten Tochter Petra nach Ägypten, denn dort bieten sich ihm gute Aussichten in seinem Beruf erfolgreich zu arbeiten. Der ägyptische Staatspräsident Nasser möchte eine eigene Flugzeug- und Raketenindustrie aufbauen. In Deutschland dagegen werden alle, die früher für die Nazis auf diesem Gebiet tätig waren, geschnitten und so sammeln sich Flugbegeisterte wie Hellberg, aber auch Altnazis we der KZ-Arzt Dr. Eisele in einer deutschen Community in Kairo. Als Rita Hellberg in Deutschland vom Internat fliegt, wird sie auch nach Kairo geholt und bekommt hier einen Job als Sekretärin. Dabei erhält sie tiefe Einblicke in die Machenschaften der Deutschen und wird zum begehrten Zielobjekt für BND und Mossad.
Die Familiengeschichte der Hellbergs ist angelehnt an die wahre Geschichte der Familie von Stefanie Schulte Strathaus, Merle Kröger hat sie frei interpretiert, stützt sich aber weitgehend auf Erzählungen und Dokumente aus der Zeit. Dabei wird auch deutlich, wie viele Altnazis wir Globke oder Kiesinger in der noch jungen Bundesrepublik Karriere machen konnten. Als ab 1968 die Studenten mehr über die Vergangenheit wissen wollen und es zu Konflikten mit Israel kommt, wird die Situation in Ägypten für die Deutschen gefährlich.
Das Buch ist gut zu lesen, wenn auch manchmal in der Vielzahl der Personen etwas verwirrend, aber auch spannend. Nur - ein Thriller ist das nicht!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 25.01.2021

Tiefschürfend

Sprich mit mir
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Nachdem mir die letzten Bücher von Boyle nicht hundertprozentig gut gefallen haben, ist dieses Buch wieder genau nach meinem Geschmack. Es hat mich von Anfang an fasziniert und ich hätte mir gewünscht, ...

Nachdem mir die letzten Bücher von Boyle nicht hundertprozentig gut gefallen haben, ist dieses Buch wieder genau nach meinem Geschmack. Es hat mich von Anfang an fasziniert und ich hätte mir gewünscht, dass es nicht enden würde, denn man ahnte bald, dass es nicht gut ausgehen würde.
Die junge Studentin Aimeé studiert gelangweilt vor sich hin, ohne Antrieb und Zufriedenheit. Das ändert sich erst, als sie in das Schimpansenprojekt von Guy Schermerhorn einsteigen kann und den jungen Schimpansen Sam betreut. Es ist Liebe auf den ersten Blick bei beiden, Sam ist bei ihr folgsam und lernwillig. Schon bald können sie sich in einer Art Gebärdensprache unterhalten. Doch dann will Guys selbstherrlicher und brutaler Chef Donald Moncrief (Ist der Vorname zufällig? Ich glaube nicht!) das Projekt beenden und Sam an ein Labor verkaufen. Das kann Aimeé nicht zulassen.
Das Buch ist aus der Sicht unterschiedlicher Personen erzählt. Hauptsächlich wird Aimeés Blickwinkel geschildert, aber auch Sam und einige andere Personen bekommen eine Stimme. Sams Beiträge sind dadurch gekennzeichnet, dass die Worte, die er gebärden kann, in Großbuchstaben erscheinen.
Da sich Boyle immer sehr tief in seine Bücher einarbeitet und bekannt ist für seine hervorragende Recherchearbeit, ist es wahrscheinlich, dass Sams Fähigkeiten auf Tatsachen beruhen. Mehrfach beruft er sich auf die Primatenforscherin Jane Goodall. Sam hat angeblich die sozialen und kognitiven Fähigkeiten eines vierjährigen Kindes, aber er wächst später im Buch darüber hinaus, als er eine irgendwie geartete Vorstellung von Liebe und Gott hat. Wie weit das wirklich so ist, bleibt vage.
Faszinierend ist, wie weit Boyle sich besonders in Sams Passagen in das Tier einfinden kann, da verschwimmen oft genug die Grenzen zwischen Mensch und Tier und Sam lebt in einer Grauzone zwischen den Spezies. Auch ist das Buch emotionaler als andere seiner Bücher, Sarkasmus fehlt völlig.
Das Buch ist zusätzlich auch noch so spannend, dass man es kaum aus der Hand legen kann.
Endlich einmal wieder ein perfektes Buch von Boyle!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 18.12.2020

Brutal

Der erste Tote
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Der irische Journalist Andrew und sein Freund und Fotograf Carlos sind in der Erdölstadt Poza Rica in Mexiko unterwegs, um für einen Artikel zu recherchieren. Als sie nach Mexico City zurückfahren wollen, ...

Der irische Journalist Andrew und sein Freund und Fotograf Carlos sind in der Erdölstadt Poza Rica in Mexiko unterwegs, um für einen Artikel zu recherchieren. Als sie nach Mexico City zurückfahren wollen, finden sie eine ganz übel zugerichtete Leiche und können gerade noch ein paar Fotos machen, bevor die Gardia Civil die Leiche fortschafft. Carlos will die Hintergründe ermitteln und entdeckt, dass es ein junger Umweltaktivist war, der getötet wurde. Kurze Zeit später ist auch Carlos tot, er wurde schwer gefoltert. Andrew will zum Andenken an seinen Freund nach den Tätern und ihren Hintermännern suchen und bringt sich dabei selbst in höchste Gefahr.

Wer die Mexikotrilogie von Don Winslow gelesen hat, weiß, dass es in Mexiko brutal zugeht. Drogenkartelle haben die Aufgaben des Staates weitgehend übernommen, sorgen für Schulbücher und Medikamente, um damit die Basis für ihre Drogen- und Waffengeschäfte in der Bevölkerung zu festigen. Menschenleben zählen nicht, wer das Pech hat zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, geht mit drauf und landet in einem Betongrab oder im Meer.

Auch dieses Buch ist teilweise grausam bis zur Schmerzgrenze und nichts für schwache Nerven. Dabei ist es gut geschrieben und liest sich flüssig. Die Vielzahl von Personen und die teilweise nicht übersetzten spanischen Ausdrücke machen allerdings dem Leser manchmal das Leben schwer.

Deshalb gilt meine Leseempfehlung nur für Menschen, die auch die grausamen Szenen verkraften können und davon keine Alpträume bekommen.

  • Cover
  • Erzählstil
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Veröffentlicht am 29.09.2020

Endlich kommt die Auflösung

Funkenmord
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Nachdem ich vom Schluss des letzten Klufti-Krimis ("Kluftinger") ziemlich enttäuscht war, weil der Fall nicht aufgeklärt wurde, kommt in diesem Band endlich die Lösung.

Noch immer will Kluftinger den ...

Nachdem ich vom Schluss des letzten Klufti-Krimis ("Kluftinger") ziemlich enttäuscht war, weil der Fall nicht aufgeklärt wurde, kommt in diesem Band endlich die Lösung.

Noch immer will Kluftinger den Mord an der Lehrerin Karin Kruse aufklären, für den er den falschen Täter verhaftet hat. Zugleich muss er sich um seine Frau und den Haushalt kümmern, denn seine Erika ist krank und die Taufe des kleinen Enkels steht kurz bevor. Und dann wird er noch zum kommissarischen Leiter der Polizeidienststelle ernannt und der Tod eines Kollegen will auch verarbeitet sein... Viele Gelegenheiten also für die Autoren ihre kleinen Slapsticknummern einzubauen, die die Kluftingerkrimis immer so lustig machen. Dazu trägt auch die neue Kollegin Lucy Beer bei, die aus Augsburg nach Kempten abgeordnet wird und in der "Männerwirtschaft" für ziemlich viel Wirbel sorgt. Auch die Spannung kommt nicht zu kurz!

Insgesamt ist das wieder ein ordentlicher Krimi von Klüpfel und Kobr, sie sind ja ein eingespieltes Team. Nicht allzu albern und manchmal sogar ganz ernsthaft, aber das typische Kluftingerflair geht nicht verloren.

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Veröffentlicht am 28.09.2020

Fakten, die berühren

Bis wir uns wiedersehen
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Hatte ich von der Aufmachung her eher einen auf historischen Fakten basierenden Roman erwartet, so wurde ich mit einem Sachbuch überrascht, dass die Geschichte der jungen Fey von Hassell und der Männer ...

Hatte ich von der Aufmachung her eher einen auf historischen Fakten basierenden Roman erwartet, so wurde ich mit einem Sachbuch überrascht, dass die Geschichte der jungen Fey von Hassell und der Männer des Widerstands gegen Hitler und ihrer Familien nachzeichnet. Also ein Sachbuch auf hohem Niveau!
Fey von Hasell hat als noch relativ junges Mädchen den italienischen Adeligen Detalmo Pirzio-Biroli geheiratet, das Paar hat zwei kleine Söhne. Fey ist erst 24 Jahre alt, als sie von ihrem Mann getrennt wird, der in Rom der neuen Regierung im schon befreiten Teil Italiens angehört, während das Landgut der Familie im Friaul noch unter faschistischer Herrschaft ist. Dort lebt Fey mit ihren Söhnen und der deutschen Besatzung. Als ihr Vater, der Diplomat und Nazikritiker Ulrich von Hassell, in das Attentat vom 20. Juni 1944 verwickelt ist und inhaftiert wird, verrät ein deutscher Offizier Fey und sie wird mit ihren Kindern nach Innsbruck verschleppt. Dort nimmt man ihr die Kinder weg und sie kommt wie so viele Angehörige der Widerstandskämpfer in Sippenhaft, als Geisel Heinrich Himmlers. Dieser erhofft sich einen Austausch der Geiseln gegen freien Abzug, falls die Deutschen den Krieg verlieren. Fey und ihre Mitgefangenen werden deshalb relativ gut behandelt, sie sind aber nicht mehr als Tauschware. Trotzdem leiden sie an den verschiedenen Stationen unter Krankheiten, Hunger und Kälte. Fey leidet aber besonders unter der Trennung von ihren Kindern, deren Schicksal vollkommen ungewiss ist.
Catherine Bailey hat eine Unmenge von Fakten, Briefen, Gesprächen und Fotos ausgewertet, um dieses Buch zu schreiben, es gibt dazu einen ausführlichen Anhang. Sie schreibt sehr sachlich und trotzdem berührt das Schicksal der verzweifelten Menschen die Leser ganz tief. Man erfährt viel über die historischen Hintergründe und den geschichtlichen Kontext. Dabei liest sich das Buch teilweise wie ein Thriller, obwohl Bailey sich einzig und allein auf Fakten bezieht und nichts hinzu erfindet.
Ergänzt wird das Buch durch Fotos, ein Personenregister und Landkarten, damit wird das Geschehen noch plastischer und deutlicher.
Ein wirklich lesenswertes Buch!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere