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Veröffentlicht am 29.09.2021

Dramatische Geschichte über eine traumatisierte Frau in Montreal

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Die 16-jährige Sally wird in Paris brutal überfallen, entführt, misshandelt und beinahe vergewaltigt. Als sie aus dem Koma erwacht, kann sie sich an viele Einzelheiten zunächst nicht mehr erinnern. Der ...

Die 16-jährige Sally wird in Paris brutal überfallen, entführt, misshandelt und beinahe vergewaltigt. Als sie aus dem Koma erwacht, kann sie sich an viele Einzelheiten zunächst nicht mehr erinnern. Der Vorfall wirkt sich auf ihr ganzes weiteres Leben aus, welches auch in ihrer Heimatstadt Montreal nie wieder in Ordnung kommen wird. Sie ist überzeugt, dass der Täter immer noch nach ihr sucht.

Die Autorin deutet im Vorwort bereits die Hauptthemen des Romans an und gibt den Lesern Hintergründe für ihre Motivation und Recherche (Trauma durch Misshandlung, die #MeToo Bewegung sowie politische Konflikte in Kanada zwischen französisch- und englischsprachigen Kulturen). Ich fand die Ausführungen eigentlich interessant und eine gute Ergänzung zu der fiktiven Geschichte. Allerdings wurden die Themen im Roman nur bedingt aufgegriffen.

Die Protagonistin Sally kommt anfangs sehr sympathisch rüber, wirkt aber auch distanziert. Es ist besonders schrecklich und bedrückend, wie sehr sich die versuchte Vergewaltigung auf Sallys weiteres Leben auswirkt und sie im Alltag ständig einbremst. Sogar die einfachsten Alltagssituationen werden zur täglichen Herausforderung. Ihr Tage sind durchzogen von Ängsten, Panikattacken und ständigem Verfolgungswahn. Der Autorin gelingt es nachvollziehbar darzustellen, dass für die Protagonistin Sally ein normales Leben nie wieder möglich sein wird. Das Trauma wirkt sich auf alle Lebensbereiche und auch ihre Familie und Freunde aus.

Der Roman hat mich anfangs gefesselt, mich aber mittendrin irgendwann verloren. Ich war an vielen Stellen verwirrt bzw. sprachlos aufgrund der Reaktionen und Handlungen der Protagonistin und konnte ihre Entwicklung nicht mehr nachvollziehen. Ich möchte über die Handlung nicht zu viel verraten und gehe deswegen nicht näher darauf ein. Für mich war vieles nicht logisch, was zum einen mit ihrer Persönlichkeit und zum anderen mit ihren Traumata zusammenhängt. Sie hätte dringend psychische Hilfe benötigt – das lehnt sie jedoch durchgehend ab. Leider gab es in Sallys Entwicklung einige Sprünge, die ziemlich schnell abgehandelt wurden.

Gut gefallen hat mir der Schreibstil der Autorin. Das Buch ist flüssig geschrieben und liest sich sehr leicht. Lediglich die französischen Sätze hätte man zumindest in Fußnoten übersetzen können, da es den Lesefluss etwas stören kann, wenn man zwischendurch nach Übersetzungen suchen muss.

Das Ende ist kontrovers und anders, insbesondere im Hinblick auf die Täter-Opfer-Rolle – keinesfalls ein Abschluss, den ich erwartet hatte. Aber irgendwie passt es auch zu den vorherigen Entwicklungen. Die Thematik zu der politischen Situation in Québec blieb leider nur ein Randthema. Ich hatte erwartet, dass die Autorin die konfliktreiche Situation zwischen der französisch- und englischsprachigen Bevölkerung im Laufe der Geschichte noch weiter ausbaut und miteinfließen lässt. Leider wird das Thema nur gestreift und wirkt sich nicht weiter auf die Geschichte aus. Es ist ein Roman, der einem nahe geht und den Leser fesselt, aber auch des Öfteren kopfschüttelnd zurücklässt.

Fazit: ein tragischer Roman über eine misshandelte und traumatisierte Frau, die auch Jahre später nicht in ein normales Leben zurückfinden kann. Aufgrund der schwer verdaulichen Thematik sicher nichts für jeden Leser. Leider konnte mich das Buch nicht restlos überzeugen und ich bin etwas zwiegespalten. Viele Entwicklungen und Handlungen der Figuren sowie die Täter-Opfer-Beziehung konnte ich nicht nachvollziehen.

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