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Pantoffeltier

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Veröffentlicht am 03.08.2025

Am amerikanischen Traum gescheitert

Der Kaiser der Freude
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Ehrlicherweise hätte ich dieses Buch ohne meinen Lesekreis nicht gelesen. Der Klappentext klang zu deprimierend. Wie gut, dass ich mich habe überzeugen lassen.

Protagonist ist Hai, der mit seinen Eltern ...

Ehrlicherweise hätte ich dieses Buch ohne meinen Lesekreis nicht gelesen. Der Klappentext klang zu deprimierend. Wie gut, dass ich mich habe überzeugen lassen.

Protagonist ist Hai, der mit seinen Eltern aus Vietnam in die USA kam. Statt, wie von seiner Mutter erhofft, den gesellschaftlichen Aufstieg zu schaffen, scheitert er am Studium und flüchtet sich in eine Medikamentenabhängigkeit. Als er Selbstmord begehen möchte, hält ihn eine ältere Dame auf. Sie bietet ihm an, dass er bei ihr wohnen kann, wenn er sich im Gegenzug um sie kümmert. Hai nimmt an, kümmert sich um Grazina, die sich mit der Zeit immer mehr in ihren Erinnerungen an den zweiten Weltkrieg verliert, und arbeitet in einem Fastfoodrestaurant.

Die Geschichte, die Ocean Vuong erzählt, ist tatsächlich traurig, aber trotzdem schafft er es, auch leichte, humorvolle Momente einzubauen. Die Hauptpersonen sind allesamt Verlierer, die hoffen ihr Leben verbessern zu können, aber meist scheitern. Trotzdem (oder gerade deswegen), unterstützen sie sich gegenseitig so gut sie können und flüchten sich in mehr oder weniger bewusst konstruierte Traumwelten.

Der Autor lässt viel von seinen eigenen Erfahrungen einfließen und das macht es noch einmal eindringlicher und es fühlt sich sehr realitätsnah an. Die Erzählweise ist episodenhaft und Vieles wird sehr subtil eingewoben (wie zum Beispiel die Queerness des Protagonisten) oder der Interpretation der Lesenden überlassen. Der Ausweglosigkeit des Schicksals der Protagonisten wird eine poetische Beschreibung der Natur und der heruntergekommen Stadt Gladness (die in der Übersetzung etwas verlorengehende „Freude“ aus dem Buchtitel) entgegengesetzt. Dafür passiert auf der Handlungsebene über weite Strecken nicht viel, was es zeitweise etwas mühsam macht. Ein paar Kriegserzählungen weniger hätten meiner Meinung nach nicht geschadet.

Trotzdem gebe ich volle Punktzahl, da mich die Erzählung sehr berührt hat und ich es beeindruckend fand, wie der Autor es schafft, auf dem schmalen Grad zwischen Poesie und Kitsch zu wandeln. Absolute lesenswertes Buch über die Verlierer, die nie den amerikanischen Traum leben werden und das Beste daraus machen.

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Veröffentlicht am 28.06.2025

Was tun, wenn man nicht mehr funktioniert

Der Schlaf der Anderen
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Sina wird von ihrem Arzt ins Schlaflabor geschickt, da sie nachts wachliegt und ihren Alltag als zweifache Mutter und Lehrerin kaum bewältigen kann. Dort trifft sie auf die ehemalige Krankenschwester Janis, ...

Sina wird von ihrem Arzt ins Schlaflabor geschickt, da sie nachts wachliegt und ihren Alltag als zweifache Mutter und Lehrerin kaum bewältigen kann. Dort trifft sie auf die ehemalige Krankenschwester Janis, die als Nachtwache eingeteilt ist. Janis wirkt auf den ersten Blick stabiler, doch auch sie ist unfähig ihre Probleme direkt zu lösen und versteckt sich vor Konfrontationen. Die gemeinsam verbrachte Nacht verbindet die beiden Protagonistinnen, bringt sie dazu darüber nachzudenken, was sie wirklich wollen und gibt ihnen den Anstoß, ihr Leben zu ändern.

Die Autorin beschreibt den verzweifelten Wunsch zu schlafen und somit auch in der Gesellschaft zu funktionieren sehr atmosphärisch mit beinahe poetischen Worten. Die meisten Menschen werden die Ruhelosigkeit, das Verdrängen von Konflikten und das Gefühl, nicht zu genügen, kennen. Es wird abwechselnd aus der Sicht der beiden unterschiedlichen Frauen erzählt, die jeweils auf ihre eigene Weise aus dem Alltag herausgefallen sind und wenig Verständnis erfahren. Vieles bleibt offen und wird nur angedeutet und lässt Raum für eigene Interpretationen.
Es ist ein nachdenklicher, leiser Roman, der mich berührt hat und den ich gern weiterempfehle.

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Veröffentlicht am 28.02.2025

Eine Zimmerpflanze macht sich selbstständig

Wild wuchern
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„Ich war dort, wo man mich hingepflanzt hat, wie ein Ziergewächs in einem Topf.
Jetzt bin ich hier und wuchere. Und niemand mehr da, der mich stutzt. Aber auch niemand, der mir Wasser gibt.“

Über den ...

„Ich war dort, wo man mich hingepflanzt hat, wie ein Ziergewächs in einem Topf.
Jetzt bin ich hier und wuchere. Und niemand mehr da, der mich stutzt. Aber auch niemand, der mir Wasser gibt.“

Über den Inhalt möchte ich nicht zu viel verraten, denn meiner Meinung nach macht es den Reiz des Buches aus, langsam immer mehr zu erfahren und sich seine eigenen Gedanken zu machen.

Marie ist äußerlich eine Goldmarie, hübsch anzusehen und immer bemüht, es allen recht zu machen. Johanna lebt auf einer Alm, ist wortkarg und zieht die Gesellschaft von Tieren der von Menschen vor. Als Marie eines Tages bei Johanna vor der Tür steht und auf keinen Fall zurück nach Wien will, müssen die beiden Frauen einen Weg finden, miteinander auszukommen.

In diesem Buch begleiten wir die Ich-Erzählerin Marie. Auch sprachlich nimmt die Autorin Maries Perspektive ernst. Der Satzbau ist der gesprochenen Sprache sehr nahe und hat es werden einige österreichische, vor allem Tiroler Dialektausdrücke verwendet. Dadurch hat man das Gefühl, ungefiltert Maries Gedanken zu lauschen.

Die Autorin hat die Fähigkeit, Alltagsszenen eindringlich zu beschreiben und dadurch die Persönlichkeit ihrer Protagonistinnen nachvollziehbar zu machen. So kann man sich als Leser*in viele eigene Gedanken machen. Die Nebenfiguren bleiben jedoch schemenhaft. Man lernt sie nur durch Erinnerungen kennen und der Fokus liegt immer auf den beiden Frauen, ihrer Beziehung und ihren Erlebnissen.

Mit der Zeit lernt man die beiden Frauen mit ihren unterschiedlichen Traumata, die sie mit sich herumschleppen, besser kennen und verstehen. Gut gefallen hat mir auch der immer wieder eingestreute schwarze Humor, der die schweren Themen erträglicher macht.

Man muss die sehr bildhafte und metaphernreiche Sprache mit den vielen, manchmal etwas plakativen Naturbeschreibungen mögen. Mir gefällt es sehr, dass ich mir die Handlung fast wie einen Film sehr bildhaft vorstellen kann und viel über die Handlung statt über Erklärungen gezeigt wird. Ein Lesehighlight für mich. Lässt sich auch gut in einer Leserunde diskutieren.

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Veröffentlicht am 27.02.2024

Eine von Gewalt durchdrungene Gesellschaft

Kinder der Gewalt
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Julian Hans war von 2013 bis 2018 Moskau-Korrespondent der "Süddeutschen Zeitung". Inzwischen arbeitet er als Redakteur für das Portal dekoder.org. Er beobachtet nun schon seit Jahrzehnten die russische ...

Julian Hans war von 2013 bis 2018 Moskau-Korrespondent der "Süddeutschen Zeitung". Inzwischen arbeitet er als Redakteur für das Portal dekoder.org. Er beobachtet nun schon seit Jahrzehnten die russische Gesellschaft.

In diesem Buch stellt er sich die Frage, warum der Angriffskrieg gegen die Ukraine von einem Großteil der russischen Zivilbevölkerung unwidersprochen hingenommen wird und warum er derartig brutal geführt wird.

Hans rollt dazu Kriminalfälle der letzten Jahre auf, die er als wichtig für das Verständnis der Stimmung in Russland ansieht und zieht daraus Schlüsse für den Zustand der russischen Gesellschaft. Denn fragt man nach Politik wird zur Sicherheit oft geschwiegen, aber aufsehenerregende Kriminalfälle können engagiert diskutiert werden.

Besonders die ersten Seiten sind harter Tobak. Es geht um einen Massenmord, mafiöse Verstrickungen von Polizei und Justiz, häusliche Gewalt, den Versuch der Aufarbeitung der Verbrechen der Vergangenheit und die Unterdrückung künstlerischer und zivilgesellschaftlicher Initiativen. Er erklärt wie das Glorifizieren des brutalen, echten russischen Mannes, der mit harter Hand über die Familie herrscht, zusammenhängt mit dem Bild von Putin als hypermännlichem Staatsführer, der sich (angeblich) nicht mit Politik abgibt, sondern einfach „tut was getan werden muss“. Warum es wichtiger ist den Familienzusammenhalt und auch gewalttätige Männer zu schützen als Frauen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, zu helfen. Er erklärt, warum junge Männer, die Morde an Polizisten verüben, als Helden gefeiert werden.

Hans zeigt auf, dass das romantische Stereotyp die Russen seien besonders leidensfähig und schicksalsergeben, eigentlich aus einem überwältigenden Gefühl der Hilflosigkeit gegenüber dem Staat kommt. Viele Menschen haben die Erfahrung gemacht, […] dass Gewalt zum Alltag gehört, dass das Recht des Stärkeren gilt und die Mächtigen sich alles nehmen können, auch meinen Körper. Dass jeder Widerstand zermalmt wird und Verbrechen belohnt. Dass Staatsorgane Täter schützen und Opfer verfolgen.“ (S.54)

Am Anfang werden in jedem Kapitel einzelne Kriminalfälle beschrieben, zum Ende hin wird es etwas weniger strukturiert und es werden eher Themenkomplexe besprochen. Die Analyse und Beschreibung der Geschehnisse vermischen sich. Das fand ich etwas schade, denn dadurch geht Struktur verloren. Man merkt, dass der Autor sehr engagiert und betroffen ist, erhält aber nicht mehr so viel Unterfütterung für seine Thesen.
Sicherlich liegt das aber auch an der Schwierigkeit überhaupt an Informationen zu kommen und auch an der Aktualität des Themas. Der Tod des Oppositionellen Nawalnys beispielsweise reiht sich nahtlos in die beschriebene Logik der Gewalt ein.

Eine harte, traurige Lektüre, die nur kleine Hoffnungsschimmer anbietet. Sehr lesenswert für diejenigen, die sich mit der russischen Gesellschaft und Gewalt in diktatorischen Regimes befassen möchten.

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Veröffentlicht am 15.10.2023

Sehr persönliche Coming-of-Age-Geschichte, erzählt in 10 Essays über Wasserkreaturen.

So weit das Licht reicht
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(Sabrina Imbler benutzt die Pronomen they/them. Ich versuche das in diesem Text auch.)

Es handelt sich um 10 Essays über verschiedene Wasserkreaturen, die Sabrina Imbler ihren eigenen Erfahrungen/Gedanken ...

(Sabrina Imbler benutzt die Pronomen they/them. Ich versuche das in diesem Text auch.)

Es handelt sich um 10 Essays über verschiedene Wasserkreaturen, die Sabrina Imbler ihren eigenen Erfahrungen/Gedanken gegenüberstellt. Jedes Essay hat als Thema ein Tier und einen Lebensabschnitt/Themenkomplex. In kurzen Abschnitten springt es abwechselnd hin und her und es werden Verbindungen gezogen. Das war zunächst gewöhnungsbedürftig, entfaltet aber auch interessante Parallelen und Möglichkeiten selbst zu reflektieren.

Sabrina Imbler ist queer, wird manchmal weiblich, manchmal männlich gelesen. Da their Mutter Chinesin ist, sieht they asiatisch aus, wuchs aber in den USA auf. Damit passt they nicht in gängige Kategorien und hadert damit einen eigenen Weg zu finden. Die Beschäftigung mit Wasserkreaturen spendet Imbler Trost. Denn auch Wasserkreaturen entziehen sich den von Menschen als logisch empfundenen Strukturen und Schubladen.

Goldfische wachsen beispielsweise ein Leben lang und nur wenn sie in einem Glas gehalten werden, passen sie sich dieser Beschränkung an. Manche Fische können im Verlauf des Lebens ihr Geschlecht wechseln, manche sterben sobald sie Nachwuchs hervorbringen, manche Lebewesen schließen sich zu Schwärmen zusammen, bei denen es schwer fällt Individuen auszumachen, manche Lebewesen haben eine so große Regenerationskraft, dass sie als unsterblich gelten...

Besonders die poetischen Beschreibungen haben mir sehr gefallen. Die Themen sind jedoch auch durchaus ernst. Es geht um Essstörungen, vorsichtig formuliert schlechte sexuelle Erfahrungen mit unklarem Konsens, Rassismus, Umweltzerstörungen und Artensterben genauso wie um Selbstfindung und queere Safe Spaces.

Als Leser*in ist man immer etwas im Unklaren gelassen über die Personen. Die meisten Namen sind abgekürzt und die meisten Pronomen they. Das ist natürlich zunächst anstrengend, ich habe mich aber schnell daran gewöhnt.

Man sollte auf jeden Fall vor Lektüre des Buches wissen, dass es eher eine Coming-of-Age-Geschichte ist und die Tiefseekreaturen „nur“ im Zusammenhang damit beschrieben werden. Wenn man sich darauf einlassen möchte, wird man mit einer poetischen, sehr persönlichen Geschichte belohnt und bekommt jede Menge Fun/Sad Facts über Wasser-/Tiefseekreaturen dazu.

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