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Veröffentlicht am 25.07.2025

Ein aufrüttelnder Geniestreich über den "Brandbeschleuniger" Rassismus in Deutschland

Drei Kameradinnen
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Wie leben Menschen mit rassifizierten Merkmalen derzeit in Deutschland? In Deutschland gibt es doch gar keinen Rassismus... ach. Diese Personen sind doch einfach nur empfindlich, sollen sich mal nicht ...

Wie leben Menschen mit rassifizierten Merkmalen derzeit in Deutschland? In Deutschland gibt es doch gar keinen Rassismus... ach. Diese Personen sind doch einfach nur empfindlich, sollen sich mal nicht so haben, interpretieren da etwas rein.

So ist leider immer noch die weit verbreitete Meinung zum Thema (Alltags-) Rassismus in Deutschland. Aber so sieht die Realität nicht aus. Menschen, die anders aussehen, nicht weiß sind, müssen tagtäglich mit offenen und latenten Anfeindungen und Unverständnis leben. Was dies mit den Betroffenen macht, beschreibt Shida Bazyar grandios in ihrem neuen Roman. Hier kommen drei Freundinnen nach Jahren des getrennten Erwachsenenlebens wieder zusammen, um die Hochzeit einer Bekannten zu feiern. Minutiös fächert Bazyar die Geschehnisse bis zu einem verheerenden Brand, zu dessen Verursacherin eine der drei Frauen schon zu Beginn des Buches ausgemacht wird. Während die Zeitlinie über drei Tage hinweg bis zum Brand nachvollzogen wird, erfahren wir immer mehr über die Lebens- und damit auch Rassismuserfahrungen der drei Frauen durch Rückblenden und Erinnerungen an die gemeinsame Vergangenheit in einem sozialen Randgebiet der Stadt.

Literarisch arbeitet Bazyar auf höchstem Niveau. Dabei geht es nicht darum, dass die Sprache artifiziell oder hochgestochen wäre, nein der Aufbau des Romans, die Einbindung der Leserschaft durch Durchbrechen der Vierten Wand, das Ausarbeiten von soziokulturellen Theorien in den Plot und vor allem die direkte, ungeschönte Schilderung von vielen, vielen Rassismuserfahrungen macht dieses Buch zu einer Meisterleistung. Die Autorin nutzt die Metaebene, um die Lesenden auf Voreingenommenheiten und Scheinheiligkeiten aufmerksam zu machen. Sie scheint sich bewusst zu sein, dass diesen Roman wahrscheinlich eher links-liberale, weiße Leser*innen vor der weißen Nase haben, die sich informiert fühlen, aber hier trotzdem noch so einiges dazulernen können. Sie erklärt uns eben nicht, aus welchen Ländern die Eltern der drei Protagonistinnen kommen, welche Kriege sie durchlebt haben, in welchem Jahr sie geflüchtet sind, damit wir uns eben nicht zusammengooglen können, welchen Hintergrund die drei haben. Es ist nämlich irrelevant. Die Vorurteile, mit denen die Frauen zu kämpfen haben, bleiben dieselben. So wabern durch den Hinterkopf einer der Frauen "verschiedene Sprachen, die sie in Deutschland niemals brauchen und die ihr hier niemals als Kompetenz oder Qaulitätsmerkmal anerkannt werden würden." So soll eine Andere "aber trotzdem nur das machen, was für mich vorgesehen ist, und was für mich vorgesehen ist, darüber entscheide selbstverständlich nicht ich, sondern alle anderen."

An einer anderen Stelle, in der es darum geht, all diese Zusammenhänge der weißen Außenwelt zu erklären, heißt es: "...hör auf, es zu erklären, niemand dankt es dir. Niemand kriegt Applaus, weil er die Wahrheit sagt." Ich danke es Bazyar und sie kriegt sogar standing ovations von mir dafür. Diese nicht nur lehrreiche sondern auch hochspannende Story sollte von ausnahmslos jedem und jeder gelesen werden. Auch und gerade von den Personen, die sich für aufgeklärt, tolerant und informiert halten. Dieser Roman ist ein wahrer Zugewinn sowohl auf literarischer wie auch inhaltlicher Ebene. Ein grandioser Geniestreich. Ein kluges Jahres-Highlight 2021!

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Veröffentlicht am 23.07.2025

Großartiger Roman über die Sehnsucht nach Freiheit

Himmlischer Frieden
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Viele Menschen kennen den originalen Videoausschnitt des sog. „Tank Man“, der sich am Tag nach dem Massaker der kommunistischen Regierung Chinas auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking 1989 den ...

Viele Menschen kennen den originalen Videoausschnitt des sog. „Tank Man“, der sich am Tag nach dem Massaker der kommunistischen Regierung Chinas auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking 1989 den Panzern der Staatsmacht entgegenstellte. Dies ist ein Bild, welches sich ins kollektive Gedächtnis mehrerer Generationen gebrannt hat. Details zu den studentischen Protesten, die sich auf die arbeitende Bevölkerung Chinas in 1989 ausbreiteten, sind meist nicht präsent. Die chinesische Autorin Lai Wen macht sich nun mit ihrem autobiografischen Prosawerk daran, ein Bild von den 1980er Jahren in China, einer von der Kulturrevolution noch immer gebeutelten Nation, auf Ebene eines ganz durchschnittlichen Mädchens zu erzählen. Dies gelingt ihr auf jeder einzelnen Seite dieses Buches bravourös. Und nebenbei gibt sie ein komplett neues Bild des „Tank Man“, was einem die Kinnlade runterklappen lässt.

Lai Wen ist 1970 in Peking geboren und aufgewachsen. Als Studentin war sie direkt in den Studentenaufstand involviert, wenn auch nicht an vorderster Front dabei. Ihren 560 Seiten starken Roman beginnt sie in der Kindheit der autobiografischen Figur Lai. Ein Mädchen, welches schon im Grundschulalter die harte Hand des Staates zu spüren bekommen hat und fortan in ständiger Angst und zuvorkommendem Gehorsam lebt. Die Autorin nimmt sich genügend Zeit, um die Lebensumstände, familiäre Dynamiken und staatliche Einflussnahmen zu beschreiben, bevor sie eigentlich erst auf den letzten 150 Seiten zu den Protesten des Jahres 1989 kommt. An keiner Stelle ist jedoch der Roman langatmig. Dieses Herleiten eines beispielhaften Lebens unter der Diktatur der Kommunistischen Partei Chinas ist hoch interessant und fesselnd geschrieben. Es ist unglaublich erhellend zu lesen, wie dieser Staat den Spagat versuchte zwischen einer kommunistischen Parteiräson und einer Marktwirtschaft, die sich an dem westlichen Modell orientiert. Dass aber eine relativ freie Marktwirtschaft und die Öffnung gegenüber westlicher Popkultur, welche in anderen noch heute abgeschotteten Staaten wie z.B. Nordkorea vollkommen unterdrückt wird, trotzdem den Bürgern und Bürgerinnen des Landes noch nicht automatisch das Gefühl von Freiheit vermittelt, wird in diesem Roman mehr als deutlich.

Lai Wen schreibt zunächst sehr ruhig und im Verlauf der Geschehnisse um den Platz des Himmlischen Friedens jedoch immer drängender. So floss bei mir während dieser letzten 150 Seiten immer wieder auch die ein oder andere Träne, was wirklich sehr, sehr selten vorkommt. Aber die Autorin hat mich gepackt mit ihrer Geschichte. Sowohl ihrer eigenen Geschichte als auch der in Romanform verdichteten Geschichte der Figur Lai und ihrer Freunde. Das Ende des Buches hat mir dann noch komplett den Boden unter den Füßen weggezogen und dem Roman das Siegel des „Highlights“ verpasst.

Ich kann diesen Roman einfach nur uneingeschränkt empfehlen. Wer etwas mehr - als nur ikonische Bilder - über die Aufstände in Peking 1989 erfahren, eine Vorstellung von einer skrupellosen Staatsmacht bekommen möchte, die mit Schusswaffen und Panzern auf ihre eigene Bevölkerung losgeht, und auch sehen, was im schlimmsten Fall im gleichen Jahr auch in der DDR bei einem falschen Schachzug während der Proteste, die glücklicherweise als eine „friedliche Revolution“ in die Geschichte einging, hätte passieren können, sollte dringend zu diesem Roman greifen. Ich jedenfalls bin absolut begeistert davon.

5/5 Sterne

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Veröffentlicht am 24.12.2024

Ein sprachliches Highlight

Was vom Tage übrig blieb
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Mit diesem Roman über einen Butler, welcher von 1956 aus rückblickend über sein (Arbeits-)Leben als hochrangiger Vertreter seiner Zunft im Dienste einer englischen Lordschaft berichtet, konnte mich Kazuo ...

Mit diesem Roman über einen Butler, welcher von 1956 aus rückblickend über sein (Arbeits-)Leben als hochrangiger Vertreter seiner Zunft im Dienste einer englischen Lordschaft berichtet, konnte mich Kazuo Ishiguro vollends von seiner Schreibkunst überzeugen. Mr. Stevens war dabei, als nach dem Ersten Weltkrieg Geschichte geschrieben wurde; immer im Dienste des "moralisch Guten"; immer mit der nötigen Würde, um als einer der besten seines Fachs zu gelten. Zumindest sieht er das so.

Auf diesen subjektiven Blickwinkel kommt es in diesem Buch an, denn es handelt sich definitiv um einen unzuverlässigen Erzähler, wie man mit fortschreitender Lektüre bemerkt. Wir erfahren hier die eloquent ausformulierten subjektiven Erinnerungen einer Person. Etwas, was man durch den geschickten Schreibstil Ishiguros gekonnt untergejubelt bekommt. Die Verklärung selbst erlebter und historischer Ereignisse ist nicht nur prototypisch für die Zeitspanne um die beiden Weltkriege herum, sondern natürlich auch brandaktuell.

Diese unverkennbare Erzählstimme des Ich-Erzählers Mr. Stevens ist einfach nur grandios. Jedes einzelne Wort ist durchdacht und abgewogen. Mit ausschweifenden, hochtrabenden Formulierungen trifft der Autor exakt die Stimme, die sich die Lesende für einen würdevollen, englischen Butler nur vorstellen kann. An dieser Stelle ist die Übersetzung von Hermann Stiehl besonders hervorzuheben. Das Paket der mir vorliegenden Büchergildeausgabe macht dann noch die wunderschöne grafische Aufarbeitung des Romans durch Janna Klävers komplett.

Ein rundum hochwertiger Lesegenuss, der meinerseits eine uneingeschränkte Leseempfehlung zugesprochen bekommt. Wirklich ein Highlight der Weltliteratur!

Veröffentlicht am 24.12.2024

Die literarische Stimme einer Generation

Raumfahrer
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Ich muss zu meinem Bedauern zugeben: Das Erstlingswerk von Rietzschel "Mit der Faust in die Welt schlagen" habe ich bisher noch nicht gelesen. Nach der Lektüre von "Raumfahrer" wandert es jetzt aber ganz ...

Ich muss zu meinem Bedauern zugeben: Das Erstlingswerk von Rietzschel "Mit der Faust in die Welt schlagen" habe ich bisher noch nicht gelesen. Nach der Lektüre von "Raumfahrer" wandert es jetzt aber ganz weit nach oben auf der persönlichen Leseliste. Wenn es im Debütroman noch um die Radikalisierung ostdeutscher Jungendlicher ging, so beschäftigt sich der Autor im vorliegenden Werk mit einer schicksalhaft-verwobenen Geschichte zweier Familien, wie sie unterschiedlicher und gleichzeitig ähnlicher - durch die formell-staatlichen Umstände - kaum sein könnten. So verwebt der Autor die Geschichte von Jans Familie (Jan, 32 Jahre alt, noch kurz vor der Wende in Kamenz geboren) mit der des berühmten Malers Georg Baselitz (geboren 1938 in Deutschbaselitz, Nachbarort von Kamenz) und dessen Bruder Günter.

Artischockenhaft entblättert der Autor die Zusammenhänge und schicksalhaften Zusammentreffen der Familien über einen Zeitraum vom Kriegsende 1945 bis hin in eine Zeit 30 Jahre nach der Wende. Das alles schafft er auf nur schmalen 288 Seiten mit einer herunterdestillierten Sprache, die aber gekonnt das jeweilige Lebensgefühl der Protagonisten aufleben lässt. Die Sprache entspricht vollständig dem "ostdeutschen Sprachgefühl" und liest sich unglaublich leicht runter. Noch nie habe ich mich im Schreibstil eines Autoren/einer Autorin so passgenau wiedergefunden. Klasse! Wie lakonisch der Autor die Landflucht in der ostdeutschen Provinz durch wenige Worte dingfest macht. Wie gekonnt er Parallelen zwischen historischen und psychologischen Zuständen heraufbeschwört. Diese Passage über das Werk Baselitz' in den 60ern und 90ern sowie der Befindlichkeiten der Menschen in diesen Abschnitten der Geschichte ist eine der unzähligen nennenswerten Stellen des Buches: "Nachkriegszeit und Nachwendezeit. Trümmer beseitigen, nicht nur Brocken und Steine eingestürzter Häuser. Nicht nur die Fundamente suchen und ihnen nachweinen. Gebäude ließen sich abtragen und aufbauen, Erinnerungen nicht. Schmerzen nicht. Ob tatsächlich empfunden oder eingebildet. Schmerzen wie Steine, weitergereicht in einer Menschenkette von Hand zu Hand, um sie abzuklopfen und eventuell wiederzuverwenden." Das Ganze gespickt mit einer Andeutung von trangenerativen Traumata. Wie gesagt: Klasse!

Und Lukas Rietzschel scheint ein Allround-Talent zu sein, denn auch das Gemälde auf dem Cover stammt von ihm. Klassisch ostdeutsche Straßenlaternen erhellen die Kartoffeläcker des Arbeiter- und Bauernstaates vor dem Hintergrund einer aussterbenden Provinzstadt. (So meine Deutung). Ich bin vom Gesamtpaket überzeugt und ab jetzt ein Fan von Rietzschel.

Veröffentlicht am 24.12.2024

East of West

Wie viel von diesen Hügeln ist Gold
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Was, im Wilden Westen gab es Tiger? Und auch Chinesen? Davon hat man doch noch nie gehört. Genau das ist auch der Punkt. C Pam Zhang macht sichtbar, was bisher in Romanen und Filmen, die im Wilden Westen ...

Was, im Wilden Westen gab es Tiger? Und auch Chinesen? Davon hat man doch noch nie gehört. Genau das ist auch der Punkt. C Pam Zhang macht sichtbar, was bisher in Romanen und Filmen, die im Wilden Westen der USA verortet sind, kaum Beachtung gefunden hat. Hier darf kaum etwas zur Handlung verraten werden, da die Spannung des Buches zu großen Teilen aus den (falschen) Erwartungen der Lesenden hervorgeht. Ein verwaistes Geschwisterpaar macht sich auf den Weg, eine passende Ruhestätte für den verstorbenen Vater, der Goldgräber war, zu finden. Das Besondere sind hier nicht nur die kindlichen Protagonisten in diesem Setting, sondern auch deren ethnische Zugehörigkeit. Sie sehen nämlich asiatisch aus und bekommen dadurch den Stempel des "Exotischen" im Westen der USA Mitte des 19. Jahrhunderts.

Dieser Roman ist dermaßen facettenreich sowohl in seiner unerwarteten Handlung als auch dem Schreibstil, dass es eine Freude ist, diesem literarischen Talent C Pam Zhang beim Entwerfen einer bisher zu wenig beleuchteten Welt zuzusehen. Spannung entsteht hier nicht in einem klassichen Bogen, sondern eher aus Rückblicken und stilistischen Kniffen heraus. Nicht zuletzt schafft es die Autorin immer wieder, den Lesenden den Spiegel der eigenen Voreingenommenheit vorzuhalten. Sie lässt ihre Leser*innen immer wieder in Denkfallen tappen, die dem Erkenntnisgewinn beim Lesen dadurch nur Vorschub leisten. Toll! Mit einer poetischen aber auch durchaus brutalen Sprache vermittelt die Autorin einen Eindruck von sowohl der Schönheit der Natur und auch der Grausamkeit deren Zerstörung. Hier kann man sich auf nichts verlassen, alles ist möglich. Der Clou an der Geschichte ist letztendlich das Setting der Landschaft des US-amerikanischen Westens mit den vielen Glückssuchern und unglücklich Vertriebenen wie z. B. den native americans.

Abschließend kann ich sagen, dies ist ein Buch, wie ich es so noch nie gelesen habe. Selbst wenn man aufgrund des Klappentextes glaubt, eine Vorstellung davon zu haben, um was es in diesem Buch geht, wird man doch in jedem Kapitel aufs Neue überrascht. Meines Erachtens ein augenöffnendes - übrigens grandios von Eva Regul übersetztes - Leseerlebnis!