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Veröffentlicht am 14.08.2025

spannende Grundidee

All Better Now
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Mit „All better now“ veröffentlicht Neal Shusterman den ersten Teil einer Dilogie, in dem eine neue Corona-Variante namens „Crown Royale“ die Welt in Atem hält. Vier Prozent aller Infizierten sterben, ...

Mit „All better now“ veröffentlicht Neal Shusterman den ersten Teil einer Dilogie, in dem eine neue Corona-Variante namens „Crown Royale“ die Welt in Atem hält. Vier Prozent aller Infizierten sterben, doch die Genesen sind von einer einem tiefen Glückgefühl beseelt. Die Aussicht auf immerwährendes Glück ist verlockend – ist sie das Risiko einer Ansteckung wert? Diese Frage stellen sich auch Mariel und Rón, die verschiedener kaum sein könnten: Mariel lebt mit ihrer Mutter in einem kleinen Auto, beide kommen kaum über die Runden. Rón ist der Sohn des Milliardärs Blas Escobedo und fühlt eine große Leere in sich. Ein Zufall führt beide zusammen und schon bald müssen sie sich entscheiden, auf welcher Seite sie stehen, denn Genesene und Bekämpfer des Virus verfolgen unterschiedliche Missionen.

Die Idee des Romans hat mich sofort neugierig gemacht, weil ich das Gedankenspiel eines Glücks-Virus ethisch, soziologisch, ökologisch und ökonomisch hochinteressant finde. Welche Auswirkungen hätte ein solches Virus auf unsere Welt? Würden Not, Gewalt, Kriege und Umweltzerstörung ein Ende finden? Andererseits: Gäbe es ohne Konkurrenzdenken, dem Wunsch nach sozialem Aufstieg und dem Streben nach Erfolg überhaupt noch bahnbrechende Innovationen? Ich hatte mir von „All better now“ eine tiefergehende Auseinandersetzung mit derartigen Fragestellungen erhofft, wurde jedoch weitestgehend enttäuscht. Shusterman geht zwar auf ethische Konflikte ein, etwa, ob zum Wohle der Menschheit als Ganzes eine absichtliche Ansteckung Nicht-Infizierter durch Super-Spreader gerechtfertigt ist, und falls ja, unter welchen Voraussetzungen, doch weitere Überlegungen bleiben an der Oberfläche. Die Auswirkungen der Krankheit werden zudem nicht genauer spezifiziert. Sie die Genesenen wirklich glücklich (und was ist Glück überhaupt?), ist das Glück von Dauer? Auf mich wirken sie eher stumpfsinnig, als stünden sie unter dem Einfluss psychedelischer Drogen.

Die nicht klar umrissenen Veränderungen bei den Genesenen sind für mich das größte Manko des Buches, da es hierdurch inkonsistent und wenig glaubhaft wirkt. So suggeriert Shusterman, die Genesenen würden einen nachhaltigeren, weniger konsumorientierten Lebensstil führen. Gleichzeitig essen sie weiterhin Junk-Food und reisen vermehrt mit Autos und Flugzeugen durchs Land, der CO2-Abdruck interessiert sie schon mal nicht. Ein echtes Umdenken zum Wohl des Planeten sehe ich also nicht. Plötzlich bio-vegan lebende Menschen sind einer amerikanischen Leserschaft vielleicht auch nicht vermittelbar. Auf mich wirkt der ganze Roman diesbezüglich ein bisschen wie eine oberflächliche Behauptung ohne komplexeres Gesamtkonzept.

Auf die unvermeidliche Lovestory hätte ich gut verzichten können, sie ist aber vermutlich ein Zugeständnis an die jugendliche Zielgruppe. Der Schreibstil ist eher einfach gehalten, und streckenweise erinnert mich das Buch an einen Hollywood-Blockbuster, der eine durchaus spannende Handlung, aber wenig Tiefgang bietet.

Am interessantesten finde als Charaktere den Milliardär Blas Escobedo, der erfrischenderweise nicht den gängigen Klischees entspricht, und eine ältere Dame namens Glynis Havilland, deren gewitzte Aktionen für Überraschungen sorgen.

Ich habe lange überlegt, wie ich „All better now“ bewerten soll. Auch wenn ich mir mehr Tiefe und komplexere Charaktere gewünscht hätte, möchte ich hier bei einem Jugendbuch, das auch unterhalten und eine breite Leserschaft erreichen soll, nicht zu strenge Maßstäbe anlegen. Zudem bietet das Buch viel Stoff für interessante Diskussionen und regt zum Nachdenken an, und die Grundidee ist wirklich gut. Ich vergebe daher knappe 4 Sterne.

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Veröffentlicht am 14.08.2025

ein starkes Debüt!

Wohin du auch gehst
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Bijoux ist zwölf Jahre alt, als sie 1993 zu Beginn des Studentenaufstandes aus Kinshasa zu ihrer Tante Mira nach London geschickt wird. Mira ist schweigsam, unnahbar, und auch zwölf Jahre später haben ...

Bijoux ist zwölf Jahre alt, als sie 1993 zu Beginn des Studentenaufstandes aus Kinshasa zu ihrer Tante Mira nach London geschickt wird. Mira ist schweigsam, unnahbar, und auch zwölf Jahre später haben die beiden noch keinen Draht zueinander gefunden. Als sich Bijoux in eine Frau verliebt, muss sie ihre Liebe geheim halten, denn Homosexualität gilt in der evangelikalen Kirchengemeinde, die den Mittelpunkt des Lebens der strengreligiösen Tante bildet, als „unafrikanisch“ und widernatürlich.

Christina Fonthes erzählt abwechselnd und auf verschiedenen Zeitebenen aus der Perspektive von Mira und Bijoux. Bijoux‘ Kapitel zeigen eindrücklich ihre Zerrissenheit zwischen Familie und Tradition einerseits und ihrem Wunsch, als lesbische Frau frei und selbstbestimmt leben zu können. Miras Geschichte, die im Jahr 1974 beginnt, offenbart Schritt für Schritt, wie aus dem einst fröhlichen und ausgelassenen Mädchen eine vermeintlich unerbittliche, strenge und gefühlskalte Frau wurde.

Ich liebe Romane mit Zeitsprüngen und Perspektivwechseln, und erzählerisch hat mir „Wohin Du gehst“ sehr gut gefallen. Bijoux und Mira sind glaubwürdige und vielschichtige Charaktere, in die ich mich gut hineinversetzen konnte und deren Handeln aus dem Kontext heraus für mich nachvollziehbar war, obwohl ich einen völlig anderen kulturellen Hintergrund habe.

Inhaltlich waren einige Entwicklungen für mich jedoch vorhersehbar, und der Schluss war mir ein bisschen zu dick aufgetragen. Sprachlich hat mich „Wohin Du gehst“ nicht ganz überzeugt, da sich einige Satzmuster recht oft wiederholten. So wird ein bestimmtes Parfum ganze siebenmal als „Mischung aus Vetiver, Lavendel und Moschus“ beschrieben, die honigfarbenen Augen zwei Personen werden neunmal hervorgehoben, Bijoux`“Zerfallen“ beim Liebesspiel achtmal. Auch die häufige Beschreibung diverser Kleidungsstücke, Frisuren und Gerüche hätte ich nicht gebraucht. Zum Ende hat sich noch ein kleiner Fehler eingeschlichen, da ein bestimmter medizinischer Test im Jahr 1982 erwähnt wird, der erst 1984 entwickelt wurde.

Fazit: Abgesehen von kleineren Kritikpunkten ein sehr lesenswertes Debüt!

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Veröffentlicht am 03.08.2025

Kompakt und informativ

Die Altersformel
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In „Die Altersformel“ erläutert Prof. Martin Middeke kompakt und allgemeinverständlich die wichtigsten Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und zeigt auf, wie wir durch unsere Lebensweise aktiv ...

In „Die Altersformel“ erläutert Prof. Martin Middeke kompakt und allgemeinverständlich die wichtigsten Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und zeigt auf, wie wir durch unsere Lebensweise aktiv unsere Durchblutung beeinflussen können. Bücher zu dieser Thematik gibt es einige, aber hier gefällt mir besonders gut, dass Prof. Middeke kurz und präzise auf den Punkt kommt und fundiert die für Laien wesentlichen Informationen vermittelt. Sehr positiv finde ich, dass der Autor hierbei auch immer wieder auf die Unterschiede zwischen Männern und Frauen eingeht. Einziger Kritikpunkt ist die etwas altbacken wirkende optische Aufmachung von Textsatz und Diagrammen.

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Veröffentlicht am 25.07.2025

sehr hochwertig ausgestatteter und liebevoll illustrierter Mix aus Roman und Comic

Aristide Ledoux – Meisterdieb wider Willen
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Der Waisenjunge Aristide Ledoux lebt Anfang des 19. Jahrhunderts in Paris. Tagsüber ein unscheinbarer Junge, verwandelt er sich nachts in einen wahren Meisterdieb, der im Auftrag eines mysteriösen Unbekannten ...

Der Waisenjunge Aristide Ledoux lebt Anfang des 19. Jahrhunderts in Paris. Tagsüber ein unscheinbarer Junge, verwandelt er sich nachts in einen wahren Meisterdieb, der im Auftrag eines mysteriösen Unbekannten die wertvollsten Juwelen entwendet. Eines Nachts gerät er in eine Falle, und die Kutsche, die ihn normalerweise zu den Tatorten bringt, wird in die Seine geworfen. Aristide wird von dem Taschendieb Julien gerettet, doch er leidet an Amnesie und erinnert sich an nichts mehr. Zusammen mit Julien und dessen Freundin Leontine, der Tochter des berüchtigten Chefs des Geheimdienstes Sûreté, macht sich Aristide auf die Suche nach seiner Identität und den Leuten, die hinter seinem Leben her sind…

Die Geschichte ist als eine Mischung aus Roman und Comic konzipiert, bei dem sich Text und Graphic Novel-Elemente abwechseln. Dieser Mix ist hervorragend gelungen und hält auch kleine Lesemuffel bei der Stange. Eine tolle Idee sind auch die immer wieder eingefügten Zeitungsseiten, die über die Diebstähle bzw. den Fortgang der Ermittlungen berichten, sowie die Kapitelnummerierung mittels der Uhrzeit auf einer Taschenuhr. Der Illustrator Maleek hat hierbei ein kleines Schmuckstück geschaffen, und die in kräftigen Blautönen und gelbgold gehaltenen Zeichnungen sind eine echte Augenweide. Mit präzisen Strichen entwirft er ausdrucksstarke Bilder, die mit liebevollen Details aufwarten, und auch die Mimik der Gesichter ist toll getroffen. Vor- und Nachsatzpapier zeigen eine Ansicht von Paris bei Nacht bzw. Tag. Das kräftige weiße Papier, die Fadenheftung und das liebevoll illustrierte Cover mit Spotlackelementen vervollständigen den hochwertigen Eindruck.

Die Geschichte entwickelt sich spannend und mit viel Tempo, und gerade gegen Ende hätte ich sie mir ausführlicher gewünscht. Hier überschlagen sich die Ereignisse, und die Logik bleibt leider etwas auf der Strecke. Das Ende ist sehr abrupt und recht verwirrend, und ich kann mir gut vorstellen, dass junge Leser:innen hier etwas überfordert oder ratlos sein könnten. Mir ist nicht ganz klar, warum der Autor Frank Maria Reifenberg hier nicht einige Seiten mehr spendiert hat und wesentliche Stellen des Abenteuers offen lässt. Insgesamt hätten der Handlung und der Figurenzeichnung 50 Seiten mehr gutgetan. Das Ende des Buches lässt ein Türchen offen für eine mögliche Fortsetzung.

Insgesamt bin ich hinsichtlich der Bewertung etwas zwiegespalten. Die grafische Gestaltung durch Maleek ist ein echtes Highlight und erhält volle 5 Sterne. Die Geschichte schöpft ihr Potential hingegen leider nicht voll aus und konnte mich nicht wirklich überzeugen, so dass ich hier leider nur 3 Sterne vergeben kann, was zu einer Gesamtbewertung von 4 Sternen führt.

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Veröffentlicht am 19.07.2025

spannend erzählter psychologischer Roman

Schattengrünes Tal
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Lisa, 39, lebt zusammen mit ihrem Mann Simon, einem Förster, in einem kleinen Dorf im Schwarzwald. Neben ihrem Job in der Touristeninformation hilft sie im Hotel ihres Vaters Carl mit, das inzwischen ziemlich ...

Lisa, 39, lebt zusammen mit ihrem Mann Simon, einem Förster, in einem kleinen Dorf im Schwarzwald. Neben ihrem Job in der Touristeninformation hilft sie im Hotel ihres Vaters Carl mit, das inzwischen ziemlich in die Jahre gekommen ist. Im Dorf ist Lisa gut vernetzt, sie ist eine feste Größe im Chor und packt überall mit an.

Eines Tages checkt überraschend Daniela als Dauergast im Hotel ein. Sie wirkt verunsichert, und Lisa nimmt sie bereitwillig unter ihre Fittiche. Daniela knüpft überraschend schnell Kontakte, blüht regelrecht auf, und dringt immer tiefer in Lisas Lebensumfeld ein. Als bei Lisa die Alarmglocken läuten und ihr klar wird, dass Daniela ganz eigene Ziele verfolgt, ist es bereits zu spät…

Nach „In blaukalter Tiefe“ war „Schattengrünes Tal“ mein zweiter Roman von Kristina Hauff, und wieder erwartete mich ein spannender, psychologisch ausgefeilter Plot. Die Erzählform ist personal, wobei die Perspektive kapitelweise zwischen den Figuren wechselt.

Von Anfang an haben mich die zwischenmenschlichen Konflikte in diesem Buch fasziniert: Da ist Carl, der seit Jahren eine Affäre mit Margret hat, die ihn umsorgt und faktisch das Hotel führt, vom ihm jedoch wie eine Servicekraft behandelt wird. Auch gegenüber seiner Tochter Lisa kennt Carl keinen Dank. Für ihn zählt nur sein abwesender Sohn Felix, Lisas unermüdlichen Einsatz nimmt er als selbstverständlich an. Die Ehe von Lisa und Simon verliert sich in Routine, und auch zwischen Lisa und ihrer besten Freundin Johanna gibt es unterschwelliges Konfliktpotential. Und dann kommt plötzlich die geheimnisvolle Daniela ins Dorf. Wie Kristina Hauff diese Figur ausarbeitet, hat mir besonders gut gefallen. Daniela hat ein untrügliches Gespür für die wunden Punkte ihrer Mitmenschen und die Schwachstellen von Beziehungen und versteht es, diese gezielt zu nutzen.

Auch das dörfliche Setting, der heraufziehende Herbst mit den länger werdenden Schatten im tiefen Tal mit den Waldhängen passt hervorragend zur Stimmung des Buches.

Während mich die ersten beiden Drittel des Buches wirklich gefesselt haben, hätte ich mir einen etwas anderen, auf gewisse Weise konsequenteren Schluss gewünscht. Da ich nicht spoilern möchte, kann ich hier nicht näher darauf eingehen. Simon kam mir als Figur insgesamt etwas zu kurz und blieb charakterlich schwer greifbar, obwohl ihm eigentlich eine wichtige Rolle zukommt. Die Figur von Carl empfand ich als nicht ganz stimmig, und man merkte ihr meiner Ansicht nach am deutlichsten an, dass die Autorin nicht aus dem Süden kommt und mit der hiesigen Mentalität nicht so vertraut ist.

Unabhängig davon hat es mir sehr viel Freude gemacht, das Buch zu lesen, der Schreibstil ist eingängig und packend, und bis zum Schluss bleibt die Spannung hoch. Wer gerne psychologische Romane liest, wird hieran seine Freude haben!

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