Profilbild von Karin1910

Karin1910

Lesejury Star
offline

Karin1910 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Karin1910 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 24.08.2025

Was wir aus elektromagnetischer Strahlung über das Universum lernen können

Wellenreiten im Weltall
0

Ich bin mir nicht sicher, was die eigentliche Zielgruppe dieses Buches ist. Da die Leser mit „Du“ angesprochen werden, hätte ich es zuerst für ein Kinder/Jugendbuch gehalten. Inhaltlich dürfte es sich ...

Ich bin mir nicht sicher, was die eigentliche Zielgruppe dieses Buches ist. Da die Leser mit „Du“ angesprochen werden, hätte ich es zuerst für ein Kinder/Jugendbuch gehalten. Inhaltlich dürfte es sich aber auch an Erwachsene richten. Empfehlenswert ist es sicherlich für jede Altersgruppe.
Die Astronomin und angehende Astronautin Suzanna Randall unternimmt hier eine unterhaltsame Reise durch das Universum, immer auf den Spuren der dort vorhandenen elektromagnetischen Strahlung. Dafür hat sie das elektromagnetische Spektrum in sieben Bereiche eingeteilt, die anhand der sieben Farben des Regenbogens veranschaulicht werden. Radiowellen, Mikrowellen, Infrarotstrahlung, Sichtbares Licht, UV-Licht, Röntgenstrahlung und Gammastrahlung werden nacheinander betrachtet.
Denn während die Menschheit bei der Beobachtung des Kosmos Jahrtausende lang auf den winzigen Bereich an Wellenlängen beschränkt war, den das sichtbare Licht ausmacht, steht der Wissenschaft heute beinahe das ganze Spektrum zur Verfügung. Zu verdanken ist dies modernen Teleskopen, auf der Erde wie auch im Weltraum, durch die insgesamt ein immer vollständigeres Bild darüber entsteht, was da alles an Strahlung durch das All saust und von welchen Objekten diese jeweils ausgeht. Schön daher, dass hier auch diese Teleskope im Mittelpunkt stehen und es zahlreiche Einblicke in die praktische Arbeit der Astronomen gibt.
Erzählt wird von all dem in einem lockeren Tonfall, in die Ausführungen fließen immer wieder persönliche Bemerkungen und Anekdoten aus dem Leben der Autorin ein. Dennoch werden auch anspruchsvolle Konzepte und Theorien (wenn auch oft stark vereinfacht) präsentiert.
So entsteht ein Überblick über den aktuellen Stand der Astronomie und man erhält auch eine Ahnung davon, zu welchen weiteren Entdeckungen und Überraschungen die Untersuchung diverser Wellen noch führen könnte.

Veröffentlicht am 24.08.2025

Animiert zum kreativen Umgang mit Sprache

Sag es einfach
0

Der Sprachwissenschaftler und Journalist Oliver Stöwing zeigt hier, welche Wirkungen Sprache (im positiven wie im negativen Sinn) haben kann. Im Zuge dessen gibt er zahlreiche Tipps, wie die Sprache klarer ...

Der Sprachwissenschaftler und Journalist Oliver Stöwing zeigt hier, welche Wirkungen Sprache (im positiven wie im negativen Sinn) haben kann. Im Zuge dessen gibt er zahlreiche Tipps, wie die Sprache klarer wird, wie sie unnötige Konflikte vermeidet, aber auch dazu beiträgt, den eigenen Standpunkt deutlicher zu machen, wie sie zu mehr Selbstbewusstsein führen und die Erreichung diverser Ziele fördern kann etc.
Das klingt jetzt nach sehr viel. Tatsächlich sind es jedoch meist nur kleine Änderungen in einzelnen Wörtern und Satzkonstruktionen, die der Autor vorschlägt. Anders als in der Ratgeberliteratur sonst oft üblich, kommen seine Tipps dabei wirklich nur als Vorschläge daher. Er tritt nicht mit erhobenem Zeigefinger auf, will nicht belehren, wie man „richtig“ spricht oder bestimmte Wörter oder Ausdrucksweisen verbieten.
Die in amüsanten Tonfall gehaltenen und oft mit witzigen Geschichten oder Anekdoten aus dem Leben des Autors veranschaulichten Ausführungen regen vielmehr zum Nachdenken darüber an, was Sprache alles kann und wo die eigene Kommunikation verbessert werden könnte.
Ich werde nicht alle Empfehlungen umsetzen (Beispielsweise bezweifle ich, dass es tatsächlich einen Unterschied macht, ob eine Frage mit „Warum“ oder „Weshalb“ eingeleitet wird.), bin aber sicher, dass jeder hier Tipps finden wird, die zum eigenen Sprachstil passen.

Veröffentlicht am 09.08.2025

Kurzweilige Reise durch das Mittelalter

Mittelalter. 100 Seiten
0

Das ganze Mittelalter auf nur 100 Seiten unterzubringen, ist keine leichte Aufgabe, die der Autor aber hervorragend erfüllt. Anstatt zu versuchen, sämtliche irgendwie wichtigen Begebenheiten zu erwähnen, ...

Das ganze Mittelalter auf nur 100 Seiten unterzubringen, ist keine leichte Aufgabe, die der Autor aber hervorragend erfüllt. Anstatt zu versuchen, sämtliche irgendwie wichtigen Begebenheiten zu erwähnen, konzentriert er sich auf wesentliche Ereignisse, Persönlichkeiten und Entwicklungslinien, und lässt auch immer wieder interessante oder überraschende Details einfließen. Außerdem schlägt er einen lockeren Ton an, sodass er nicht belehrend wirkt und die Lektüre sich unterhaltsam gestaltet.
Vieles musste dabei natürlich unter den Tisch fallen. Karl der Große kommt etwa kaum vor, die Pest wird in ein paar Nebensätzen abgehandelt.
Ein umfassender Überblick über diese Epoche wird daher nicht gegeben, dies kann aber auch nicht das Ziel eines solchen Formats sein. Es gelingt jedoch sehr gut, die Begeisterung für das „echte“ Mittelalter (jenseits von Historienfilmen und Mittelaltermärkten) zu wecken und auch aufzuzeigen, wie es bis heute nachwirkt - sei es in Institutionen wie der Stadt oder der parlamentarischen Demokratie, sei es in Wörtern, geographischen Bezeichnungen oder Redewendungen.
Obwohl ich schon viele andere (und ausführlichere) Bücher zum Thema gelesen habe, konnte ich hier doch noch etwas Neues erfahren.

Veröffentlicht am 09.08.2025

Faszinierende Theorie zum Ursprung der Besonderheit Westeuropas

Die seltsamsten Menschen der Welt
0

Zur Frage, warum gerade es Europa bzw die europäischen Ableger in Nordamerika geschafft haben, ab dem 15. Jahrhundert eine weltweite Vormachtstellung einzunehmen und warum gerade hier die industrielle ...

Zur Frage, warum gerade es Europa bzw die europäischen Ableger in Nordamerika geschafft haben, ab dem 15. Jahrhundert eine weltweite Vormachtstellung einzunehmen und warum gerade hier die industrielle Revolution ihren Ausgang genommen hat, wurden schon viele verschiedene Theorien aufgestellt.
Der Anthropologe Joseph Henrich verfolgt hier einen (zumindest für mich) neuen und faszinierenden Ansatz.
Zunächst beginnt er aber mit der Feststellung, dass die sonderbarsten Menschen der Welt nicht in entlegenen Regionen Amazoniens oder Neuguineas oder unter steinzeitlichen Jägern und Sammlern leben, sondern in den westlichen Industriestaaten. „Sonderbar“ ist hier das Wort, mit dem die Übersetzer das englische Akronym WEIRD (western, educated, industrialized, rich und democratic) wiedergeben. Jahrzehntelang und meist auch heute noch handelte es sich beim Großteil der Versuchspersonen in psychologischen Studien um solche sonderbaren Leute. (In der Regel um Studenten aus den USA oder Westeuropa.). Dass deren Psychologie nicht annähernd repräsentativ für die Menschheit als Gesamtes ist, zeigt der Autor in den ersten Kapiteln anhand zahlreicher Beispiele. Dazu gehören unter anderem größere Selbstbezogenheit, weniger Ehrfurcht vor Älteren/ Traditionen, analytisches vor ganzheitlichem Denken oder auch mehr Vertrauen, Fairness und Ehrlichkeit gegenüber Fremden und unpersönlichen Institutionen (wie Staaten).
Als Ursache für all dies identifiziert er das Ehe- und Familienprogramm der katholischen Kirche. Denn während davor (und im Rest der Welt noch lange danach) das Leben der Menschen in auf Verwandtschaft basierenden Großfamilien und Clans organisiert war, wurden diese Strukturen zerstört, als die Kirche Eheschließungen zwischen Verwandten oder Verschwägerten immer weiter einschränkte. Dies zog eine ganze Reihe von Folgen nach sich, insbesondere das Entstehen von auf Freiwilligkeit basierenden Zusammenschlüssen wie freien Städten, Zünften oder Universitäten.
Wie diese Änderungen der Familienstrukturen im Lauf der Jahrhunderte immer weitere Kreise zogen und schließlich in Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und wirtschaftlichem Aufschwung mündeten, wird hier sehr anschaulich beschrieben und mit einer Vielzahl an wissenschaftlichen Studien belegt, in die tatsächlich Populationen aus allen Teilen der Welt einbezogen waren. Dabei gibt es auch so manche unerwartete Erkenntnis. So zeigt sich etwa, dass die heutige politische und wirtschaftliche Situation verschiedener Regionen Europas noch davon beeinflusst wird, wo vor 1500 Jahren die Grenzen des fränkischen Reiches verliefen oder wo vor 1000 Jahren Zisterzienser-Klöster existierten.
Der Autor betrachtet die Vergangenheit und Gegenwart Europas und der Welt also aus einer ungewöhnlichen Perspektive und ich finde seinen Ansatz sehr aufschlussreich.
Trotzdem denke ich, dass auf diese Weise nicht alles erklärt werden kann bzw die Betrachtungen weiter gefasst hätten werden müssen. Wenn beispielsweise (auf Seite 578) konstatiert wird, dass die Einführung partizipativer oder repräsentativer Formen des Regierens im China des 16. Jahrhunderts (im Gegensatz zu Europa) undenkbar gewesen wäre, dann trifft das zwar eben auf China zu. Es würde allerdings nicht für das antike Griechenland gelten, wo bereits 500 Jahre vor Christi Geburt die Demokratie „erfunden“ wurde. (Natürlich hat das antike Verständnis von Demokratie nicht allzu viel mit unserem heutigen zu tun. Dasjenige der ersten Aufklärer aber ebenfalls nicht – da wie dort waren beispielsweise Frauen und Sklaven vom Wahlrecht ausgenommen.) Gewisse Vorläufer der sonderbaren Psychologie könnten also eventuell schon älter sein als die katholische Kirche. Was aber natürlich kein Widerspruch, sondern eher eine Ergänzung zu der in diesem Buch aufgestellten These wäre.
Außerdem kommt für mich eine Untersuchung der Psychologie von Jäger-und-Sammler-Stämmen zu kurz. Aber das hätte wohl zu weit geführt.
Ein weiterer Kritikpunkt der sich jedoch an die deutsche Übersetzung richtet, ist die Art des Genderns, die darin besteht, wahllos mal die männliche, mal die weibliche Form zu verwenden. Natürlich ist, wenn etwa von „Psychologinnen“ gesprochen wird, klar, dass hier Personen beiderlei Geschlechts gemeint sind. Wenn aber beispielsweise beschrieben wird, dass „Mapuche-Bäuerinnen“ befragt worden seien, dann ist nicht eindeutig ersichtlich, ob hier tatsächlich nur Frauen als Versuchspersonen fungierten. Es wäre besser gewesen, (zumindest) in solchen „Zweifelsfällen“ von „Bauern und Bäuerinnen“ zu sprechen – bei einer Gesamtlänge des Buches von über 900 Seiten (darunter ca 710 Seiten Haupttext und ca 110 Seiten Anmerkungen) wäre es auf die paar zusätzlichen Worte wohl auch nicht angekommen.
Schon allein aufgrund der Länge ist für die Lektüre trotz des lebendigen Stils eine gewisse Kondition erforderlich. Man hätte an manchen Stellen etwas kürzen bzw etwas weniger verschiedene Studien zitieren oder manche Wiederholungen vermeiden können.
Dennoch kann ich dieses Buch nur empfehlen. Selbst wenn die hier präsentierte Theorie nicht als alleinige Erklärung der europäischen Besonderheiten ausreicht, bietet sie doch eine Vielzahl interessanter Denkanstöße.

Veröffentlicht am 09.08.2025

Interessante Gedanken und Theorien rund um Denken und Intelligenz

A Thousand Brains
0

Jeff Hawkins, Wissenschaftler und Gründer mehrerer Unternehmen, behandelt hier einige interessante Themen:
Zunächst stellt er seine Theorie über die Funktionsweise des Gehirns, insbesondere des Neokortex, ...

Jeff Hawkins, Wissenschaftler und Gründer mehrerer Unternehmen, behandelt hier einige interessante Themen:
Zunächst stellt er seine Theorie über die Funktionsweise des Gehirns, insbesondere des Neokortex, vor. Er geht dabei von der Annahme aus, dass der menschliche Neokortex aus Hunderttausenden an sich identischen Einheiten, den sogenannten kortikalen Säulen, besteht, die alle auf die gleiche Weise funktionieren und sich nur darin unterscheiden, womit sie verbunden sind. Damit erklärt er, wie wir durch Bewegung lernen und dass es für jedes Objekt Tausende von Modellen gibt, deren Zusammenspiel dazu führt, dass der Neokortex ein Modell der Welt lernt.
Danach befasst er sich mit den Möglichkeiten künstlicher Intelligenz, zeigt auf, warum die heutige KI nicht wirklich intelligent ist und beschreibt auch die Gefahren dieser Technologien, die er meiner Ansicht nach jedoch zu klein redet.
Abschließend wendet es sich der gegenwärtigen Situation der Menschheit zu, behandelt die Risiken des Zusammenspiels von altem Gehirn und falschen Überzeugungen und plädiert schließlich dafür, dass wir eine Art Nachlassplanung für die Zeit nach unserem Aussterben betreiben sollten.
So werden hier zahlreiche spannende Gedanken und Theorien rund um Denken und Intelligenz, den Weg zum Erkenntnisgewinn sowie Gegenwart und Zukunft der Menschheit vorgestellt. Die Argumente werden Schritt für Schritt aufgebaut und sind überwiegend leicht nachvollziehbar. Ich kann nicht beurteilen, wie wissenschaftlich fundiert die Thousand-Brains-Theorie ist. Sie wird aber jedenfalls mit einigen Literaturempfehlungen und Hinweisen auf Forschungsergebnisse untermauert.
Was die Meinungen des Autors betrifft, muss man ihm sicher nicht überall zustimmen. Auch sie regen aber zum Nachdenken an und eröffnen neue Perspektiven.
Gestört hat mich allerdings sein ständiges Selbstlob. Er erweckt den Eindruck, als seien er und sein Team die einzigen, die auf diesem Gebiet in den letzten Jahren nennenswerte Fortschritte erzielt hätten.
Außerdem wirkt die deutsche Übersetzung stellenweise etwas holprig.