Marnie hat genug von Beziehungen. Sie ist 28 und hat das letzte Jahrzehnt damit verbracht, zu versuchen, den Richtigen für eine Langzeitbeziehung zu finden. Doch damit ist sie fulminant gescheitert, wieder ...
Marnie hat genug von Beziehungen. Sie ist 28 und hat das letzte Jahrzehnt damit verbracht, zu versuchen, den Richtigen für eine Langzeitbeziehung zu finden. Doch damit ist sie fulminant gescheitert, wieder und wieder wurde sie verlassen. Dabei hat sie in den Beziehungen sich selbst verloren, sich jeweils wie ein Chamäleon dem Mann und seinen Hobbys und Interessen angepasst, seine Ansichten und seinen Freundeskreis übernommen, und bei einer Trennung alles davon wieder verloren.
So steht sie mit Ende 20 unglücklich und alleine da, arbeitet unambitioniert als Kellnerin in einem Café und fragt sich, wohin ihr Leben führen soll und wer sie überhaupt ist. Sympathisch ist, dass Marnie einen spritzigen Humor und eine Menge Selbstironie hat, das hat mich am Anfang des Buches sehr begeistert und bei der Stange gehalten. Gefallen hat mir auch Marnies Beziehung zu ihrer älteren Schwester, die verheiratet ist und ein kleines Kind hat. Hier wird humorvoll und gleichzeitig realistisch der Alltag einer jungen Mutter mit allen Höhen und Tiefen aufgezeigt, sodass deutlich wird, dass auch hier nicht alles nur rosarot ist. Auch eine recht schöne Freundschaft zu einer Mitbewohnerin baut Marnie auf.
Die Frauen und ihre Beziehungen zueinander, das ist eindeutig für mich eines der Highlights dieses Buches und das waren auch die tiefgründigen und nachdenklich machenden Stellen für mich.
Tja, und dann gibt es Isaac. Er ist... Achtung, Klischee! - natürlich sehr groß, sehr attraktiv und arbeitet im Finanzbereich. Besonders hell wirkt er auf mich nicht, sympathisch auch nicht wirklich. Und er ist in einer Beziehung, flirtet aber mit Marnie, und diese freundet sich mit ihm an, eigentlich platonisch, aber natürlich mit der Hoffnung auf Mehr. Am Anfang gibt es durchaus coole, spritzige und lustige Dialoge zwischen den beiden, die auf einer Wellenlänge zu sein scheinen. Aber letztendlich hat mich die Weiterentwicklung dieser Geschichte, ohne hier Details spoilern zu wollen, nur genervt, und letztendlich fand ich sie flach und oberflächlich. Insbesondere in der zweiten Hälfte hat mich das Buch deshalb inhaltlich etwas verloren. Auch die Identitätssuche und Selbstfindung Marnies ist mir insgesamt deutlich zu kurz gekommen.
Fazit: eine gute Idee, aus der man mehr machen hätte können. Ein humorvoller, spritziger Schreibstil. Ein Buch, das unterhält und sich leicht und schnell liest. Aber leider weniger Tiefgang und Entwicklung, als ich mir gewünscht hätte.
Wenn ein Buch über 600 Seiten lang ist, spricht das nicht von Vornherein gegen die Lektüre. Schon oft habe ich lange und sehr gute Bücher gelesen, bei denen man keine Seiten missen wollen würde. Hier war ...
Wenn ein Buch über 600 Seiten lang ist, spricht das nicht von Vornherein gegen die Lektüre. Schon oft habe ich lange und sehr gute Bücher gelesen, bei denen man keine Seiten missen wollen würde. Hier war das für mich nicht der Fall: 600 Seiten braucht für mich schon einiges an wirklich interessantem Inhalt und Tiefgang... eine Geschichte, die so ein langes Buch auch tragen kann. Und das war diese Geschichte für mich persönlich nicht, weshalb es für mich persönlich einige Längen aufwies und ich damit gekämpft habe, das Buch zu beenden.
Inhaltlich geht es um zwei große Themenfelder: eine Frauenfreundschaft aus jungen Jahren, bei der es zu einem scheinbar unkittbaren Bruch kam, woraufhin Jahrzehnte ohne Kontakt zwischen den beiden Frauen folgten... bis mit Anfang 40 Jana von Mond, die als Kabarettistin im Fernsehen Karriere gemacht hat, auf einmal im Bestattungsinstitut von Sonja "Sonne" Meling auftaucht und vehement darauf besteht, ihren verstorbenen Ehemann und dessen schwangere Geliebte von der ehemaligen Freundin in einem gemeinsamen Grab beerdigen zu lassen. Gegen Sonjas großen, aber letztendlich erfolglosen Widerstand schafft es Jana, einen immer größeren Platz im Leben der ehemaligen Weggefährtin einzunehmen, zieht bei dieser ein, verzieht deren Sohn und misshandelt die Schildkröte und begeht auch in vielen weiteren Bereichen Verrat an den Werten und Prinzipien der Jugendfreundin. Und das, nachdem schon damals ihr Handeln zum Ende der gemeinsamen Freundschaft geführt hatte.
Nein, eine Sympathieträgerin ist Jana von Mond tatsächlich nicht. Sowohl als junge Frau als auch heute verhält sie sich überwiegend gedankenlos bis rücksichtlos oder sogar manipulativ. Was hat die zwei jungen Frauen damals in ihrer Jugend miteinander verbunden? Dass sie beide ein oder beide Elternteile tragisch verloren hatten? Was verbindet sie heute? Das wurde für mich auch nach der Lektüre des umfangreichen Buches nicht klar, es ist mehr Hassverbindung als sonst etwas für mich gewesen.
Sonja Meling war mir als Charakter deutlich sympathischer als Jana, auch wenn sie klar ihre emotionalen Wunden in sich trägt, die sie hinter der Fassade einer toughen Geschäftsfrau und alleinerziehenden Mutter, die keinen Mann nötig habe, versteckt, während sie emotionale Briefe an ihren langjährigen Mitarbeiter und treuen Freund Samuel schreibt. Ebenfalls eine in sich zutiefst belastete Persönlichkeit.
Wäre dieses Buch anspruchsvolle Literatur, dann hätte ich mir eine deutlich stärkere Charakterentwicklung der beiden Frauen und ihrer Beziehung zueinander gewünscht, als sie in diesem Buch vorkommt. So sind es für mich zwei unreife Protagonistinnen, die auch Jahrzehnte nach den ursprünglichen Ereignissen nur wenig erwachsener geworden sind, das gilt insbesondere für Jana. Getragen wird das Buch von vielen Szenen, die im Bestattermilieu spielen, deren Authentizität und Glaubwürdigkeit ich aber mangels genauerer Kenntnis dieses Berufsfeldes nicht im Detail beurteilen kann. Manche davon sollen wohl lustig sein, ich persönlich habe vieles davon makaber gefunden, etwa eine rasante Autofahrt mit dem Leichenwagen, bei der der transportierten Leiche - ursprünglich eine alte Frau, die sehr darauf bedacht war, respektvoll beerdigt zu werden - post mortem noch einmal das Genick gebrochen wird. Manche mögen darüber lachen, für mich, die ich mit der Figur der Verstorbenen mitgefühlt habe, war es einfach nur makaber.
An dieser Stelle auch eine Triggerwarnung für alle, die vom Thema Suizid und insbesondere Schienensuizid im näheren Umfeld betroffen sind: ein solcher kommt im Buch vor und wird explizit und mit grauslichen, drastisch geschilderten Szenen, die mich als Betroffene immer noch bildlich in meinem Kopf verfolgen, beschrieben. Das geschieht in einer Ausführlichkeit, die meiner Meinung nach nichts zur Handlung dieses Buches beiträgt - ob das auch Teil des seltsamen Humors des Autors ist, der in diesem Buch, das ich Trauerdistanzierungsbuch nennen möchte, laut Nachwort die Trauer über den Tod seiner geliebten Lebensgefährtin verarbeiten möchte, kann ich nicht sagen.
Insgesamt ist das Buch durchaus unterhaltsam erzählt, hat allerdings viele Cliffhanger: immer, wenn es richtig spannend wird, wird die Handlung unterbrochen und es geht über dutzende Seiten mit einem völlig anderen Themenstrang, oft im Bestattermilieu, weiter. Manche Leserinnen und Leser mögen das schätzen, weil es für sie die Spannung erhöht, mich hat es in dieser Häufung nur genervt.
Empfehlen kann ich das Buch nur jenen, die einen sehr speziellen, teils makabren Humor zum Thema Tod schätzen, sich auf ein eher langes Buch einlassen möchten und keine hohen Ansprüche an Charakterentwicklung, Tiefe und Authentizität stellen. Meine Art von Humor war es nicht, vieles grenzte für mich an Respektlosigkeit im Umgang mit dem Thema Tod. Diese Einschätzung ist aber wohl individuell und muss jede/r für sich treffen.
Das kurze Büchlein "Badjens" von Delphine Minoui ist schnell gelesen, doch wirkt mit seiner Wucht tief nach. Die Autorin hat selbst eine französische Mutter und einen iranischen Vater. Dieser Roman ist ...
Das kurze Büchlein "Badjens" von Delphine Minoui ist schnell gelesen, doch wirkt mit seiner Wucht tief nach. Die Autorin hat selbst eine französische Mutter und einen iranischen Vater. Dieser Roman ist den Heldinnen der "Frau, Leben, Freiheit"-Bewegung gewidmet, die nach dem gewaltsamen Tod von Mahsa Amini im Iran für mehr Freiheit und Frauenrechte demonstrierten.
Das Buch beginnt mit einer Szene, in der Zahra, von ihrer Mutter "Badjens" genannt (das steht dafür, aufmüpfig und frech zu sein) in der Öffentlichkeit auf eine Mülltonne klettert, sich das Kopftuch herunterreißt und dieses mit einem Feuerzeug anzündet. Wir sind mitten in den Protesten nach der Ermordung Mahsa Aminis. Danach erzählt Zahra in der Ich-Perspektive aus ihrem Leben. Hineingeboren wird sie in eine Familie, die väterlicherseits streng konformistisch und erzkonservativ ist.
Der Großvater väterlicherseits möchte am liebsten, dass das Kind abgetrieben wird, sobald der Ultraschall zeigt, dass es ein Mädchen ist. Es wird nur davon abgesehen, weil das der Familie doch zu teuer ist, doch das Mädchen wächst als "Fehler" auf, wird vom Vater ignoriert und kritisiert, bekommt von ihm niemals irgendein Zeichen liebevoller Zuwendung, während der drei Jahre jüngere Brüder aufs Äußerste verwöhnt wird, nur weil er der ersehnte Junge ist.
Die Mutter liebt ihre Tochter zwar, ist aber selbst sehr unterdrückt und spricht nur, wenn der Vater nicht anwesend ist. So wächst Zahra in einem Land auf, in dem Frauen nicht sehr geschätzt werden und "nicht einmal die Hälfte zählen", muss als älteres Mädchen dann ebenfalls ihre Körperformen verbergen und ein Kopftuch tragen, wird von der Sittenpolizei gemaßregelt und von ihrem Cousin sexuell missbraucht. Viele trostlose Szenen sind es, die sich da zeigen, und doch wächst Zahra zu einer unerschrockenen Widerstandskämpferin heran, die selbst an einen Gott, der Frauen unterdrückt, nicht glauben kann und will und sich zunehmend mehr gegen das Regime auflehnt.
Der Roman ist also ein eindrückliches Portrait einer tapferen jungen Frau. Er liest sich leicht und schnell, ist in einer poetischen Sprache geschrieben und ist in seiner Botschaft sehr berührend. Ich habe mich beim Lesen sehr verbunden mit Zahra gefühlt und mit ihr und ihren Mitkämpferinnen gehofft, dass es bald zu einem Regimewechsel im Iran und zu mehr Freiheit für die jungen Menschen dort kommen würde.
Insgesamt bin ich mir aber trotzdem nicht sicher, wie authentisch die geschilderte Familie und Frauenfigur ist. In so gut wie allen auf echten Tatsachen beruhenden Memoirs und Sachbüchern aus dem Iran wurden die vorkommenden Familien wesentlich differenzierter geschildert als in diesem Buch: zwar gibt es dort sicherlich viel an Unterdrückung und Frauenverachtung, aber dass mit dem ignoranten Vater, dem verwöhnten Bruder, dem die Abtreibung fordernden Großvater und dem missbrauchenden Cousin sämtliche männlichen Familienmitglieder ausschließlich bösartig sind, kommt mir in Summe doch etwas undifferenziert und unwahrscheinlich vor. Hier hätte ich mir insbesondere in einem fiktiven Roman wie diesem eine etwas differenziertere Betrachtungsweise und Charakterentwicklung gewünscht.
"Sohn ohne Vater" von Feridun Zaimoglu ist auf der Longlist für den diesjährigen Deutschen Buchpreis gelandet. Das macht neugierig auf das Buch und lässt ein tiefsinniges und interessantes Werk erwarten. ...
"Sohn ohne Vater" von Feridun Zaimoglu ist auf der Longlist für den diesjährigen Deutschen Buchpreis gelandet. Das macht neugierig auf das Buch und lässt ein tiefsinniges und interessantes Werk erwarten.
In diesem Buch verarbeitet der Autor den Tod seines Vaters, der lange als Gastarbeiter in Deutschland gelebt hat und nun mit knapp 90 Jahren in der Türkei verstorben ist. Die Mutter ruft ihn an, um ihn über den Tod zu informieren und bittet ihn, zu kommen. Da der Sohn aber unter Flugangst leidet, bleibt nur lange Weg mit dem Auto, über 5000 Kilometer und über viele Länder.
Es ist ein ruhiges, nachdenkliches Buch, so wie es zu dem Thema Tod und Trauer passt. Abwechselnd erleben wir einzelne Episoden in der Gegenwart auf dem Weg in die Türkei, unterbrochen von Erinnerungen an den Vater, an die Familiengeschichte und an andere Personen. Wie einem inneren Bewusstseinsstrom an Gedanken und Gefühlen folgend erleben wir beim Lesen diese Szenen mit. Nicht alle davon haben mich als Leserin gefühlsmäßig ergriffen, nicht alle waren interessant für mich, nicht allen konnte ich gut folgen.
Dennoch gibt es viel Lesenswertes an dem Buch. Gedanken darüber, inwiefern man in die Fußstapfen des Vaters treten könnte oder sollte oder auch nicht. Metaphern für den Tod und das Sterben. Schon am Anfang ganz eindringlich die Worte der Mutter für dieses Ereignis: "Dein Vater ist tot. Er ist zum Gerechten geschritten." Aber auch einzelne Sprachbilder, mit denen ich nicht so viel anfangen konnte, wie z.B. "Ich habe Augenrauschen." Der Vater wird vielschichtig und differenziert porträtiert, fernab von Klischees.
Es findet sich also an einzelnen Stellen einiges Besonderes an diesem Buch. Dennoch hat es mich insgesamt nicht sehr begeistert und mitgerissen: vielleicht fehlte mir ein bisschen der rote Faden und der Rahmen, der die einzelnen Erinnerungen für mich noch einmal stärker miteinander verbunden hat, vielleicht waren es zu viele für mich nicht anschlussfähige Metaphern, vielleicht sind auch die Maßstäbe, die ich an ein Buch zu diesem Thema habe (ich habe schon einige gelesen, die sich damit beschäftigen und die sehr beeindruckend waren), besonders hohe. Insgesamt ist es für mich ein durchaus bemerkenswertes und lesenswertes Buch für Menschen, die gerade die innere Ruhe in sich haben, es tief auf sich wirken zu lassen.
Von Daniela Dröscher habe ich schon die autofiktionalen Werke "Lügen über meine Mutter" sowie "Zeige deine Klasse" gelesen, die mir beide auf ihre Art sehr gut gefallen haben. So war ich sehr neugierig ...
Von Daniela Dröscher habe ich schon die autofiktionalen Werke "Lügen über meine Mutter" sowie "Zeige deine Klasse" gelesen, die mir beide auf ihre Art sehr gut gefallen haben. So war ich sehr neugierig auf ihr neuestes Buch "Junge Frau mit Katze", in dem das Kind Ela aus dem Mutter-Buch nun eine erwachsene Frau ist.
Die Lektüre des Buches lässt mich mit zwiespältigen Gefühlen zurück. Worum geht es? Ela plagt sich seit fünf Jahren mit ihrer Promotion in Literaturwissenschaften herum. Ansonsten lebt sie ein sehr vergeistigtes, stressiges und von ihrem Körper abgespaltenes Leben alleine in einer kleinen Wohnung mit ihrem Kater. Eine weitere wichtige Rolle in ihrem Leben spielt ihre gute Freundin Leo, für deren 5-jährige Tochter Ela immer wieder mal die Babysitterin spielt.
Ansonsten gibt es noch, in deutlicherer Distanz, den im Ausland lebenden schwulen Bruder, der seine Hochzeit plant, einige entferntere Freunde und Bekannte, einen wissenschaftlichen Kollegen, mit dem sie ihr kleines Zimmer am Institut teilt, den Doktorvater und die Zweitprüferin, eine Psychotherapeutin sowie, nochmal weiter weg, die Schatten aus der Vergangenheit: die Mutter Elas, mit der sie regelmäßig telefoniert, die sie aber kaum sieht, und den Vater, zu dem nur mehr wenige Male im Jahr Kontakt besteht. So weit zu Elas sozialer Einbettung.
Ansonsten konzentriert sich Ela auf den Abschluss ihrer Promotion. Unbedingt will sie dabei die Bestnote erzielen, denn sie ist sehr ehrgeizig und außerdem fürchtet sie, sich nur so eine der wenigen begehrten Postdoc-Stellen sichern zu können. Eine solche hat ihr der Doktorvater schon in Aussicht gestellt und lange sieht Ela die Fortführung der wissenschaftlichen Karriere hin zur ersehnten Professur als einzige erstrebenswerte berufliche Möglichkeit für sich. Das macht natürlich enorm Druck.
So hat es mich als Leserin nicht verwundert, dass Ela - die bisher ihrem Körper wenig Beachtung geschenkt hat und sich in Abgrenzung zu ihrer Mutter und den abwertenden Blick des Vaters auf diese mit übernehmend als attraktiv und dünn und damit vermutlich automatisch auch als gesund angesehen hat - diverse scheinbar unzusammenhängende körperliche Symptome entwickelt: beginnend mit einer anhaltenden Entzündung im Hals ohne klar erkennbare Ursache über Herzrhythmusprobleme bis hin zu heftigen allergischen Hautreaktionen.
So beginnt eine Odyssee zu Ärzten und Ärztinnen, Heilpraktikerinnen und Energetikern, die meiste Zeit im Hintergrund begleitet von einer Psychotherapie sowie von ihren Ängsten und Neurosen. Ela muss sich damit konfrontieren, möglicherweise den geplanten Promotionstermin nicht einhalten zu können und nicht mehr so leistungsfähig zu sein wie bisher, was ihr anfangs sehr schwer fällt. Immer noch ist sie extrem darauf bedacht, ein gewisses Bild nach außen zu wahren, so versucht sie etwa, innerhalb von sechs Wochen Japanisch von null auf Konversationsniveau zu lernen, nachdem aufgrund eines Missverständnisses, das sie nicht den Mut hat aufzuklären, am Institut vermutet wird, sie beherrsche diese Sprache.
Es zeigt sich das Bild einer enorm getriebenen, kopflastigen und leistungsorientierten jungen Frau, die immer noch sehr mit ihrem Herkunftsmilieu kämpft und dessen Schatten nicht loswird.
Sprachlich ist es ein unterhaltsam und gut geschriebenes Buch, Daniela Dröscher beherrscht ihr Handwerk, wie sie ja auch schon in ihren vorigen Büchern gezeigt hat. Inhaltlich hat mich das Buch aber eher enttäuscht: die vielen Arztbesuche nehmen einen enormen Anteil des Buches ein, bei dem sich für mich erst spät eine Weiterentwicklung und ein relevanter Erkenntnisgewinn gezeigt hat.
Das alleine hätte mich aber noch nicht so sehr gestört wie etwas anderes: der weitgehend unreflektiert negative Blick der Tochter und des Sohnes auf die Mutter allein aufgrund von deren Figur sowie für mich kleinlich anmutende Schuldzuweisungen an diese aufgrund vermeintlicher Fehler. Es ist ein sehr ungnädiger Blick der erwachsenen Kinder auf die Mutter, der sich hier offenbart.
Die Tochter meint, ihr Bruder würde die Mutter am liebsten von seiner eigenen Hochzeit ausladen, weil er so ein Faible für Schönes hätte und sich für deren Übergewicht schämen würde. Sie selbst definiert sich in Abgrenzung zur Mutter: "So ungefähr, dachte ich immer, verhält es sich mit uns. Meine Mutter ist dort, ich bin hier, sie ist die sehr Dicke, ich bin die Dünne. Oder in den Worten meines Vaters: Ich bin die Schöne, sie ist die Hässliche." (S. 9)
Als die Mutter nach der Trennung von ihrem abwertenden Ehemann neu ihr Glück findet, einen liebevollen und freundlichen neuen Partner an ihrer Seite hat, unternehmungslustig mit diesem durch die Welt reist, fitter wird und abnimmt, kann ihr die Tochter dieses Glück auch kaum gönnen, sondern beklagt, dass sie als junge Frau mit ihren Krankheiten kämpfe, während die Mutter herumreise, obwohl es nach ihrem Gerechtigkeitsempfinden eher umgekehrt sein solle.
Ein autofiktionaler Roman ist keine Biographie und somit soll und kann man Ela sicher nicht komplett mit Daniela Dröscher gleichsetzen, zum Glück. Denn die Ela aus diesem Roman empfinde ich als ziemlich undankbar, abwertend, um sich selbst kreisend und wenig reflektiert. Aus einem grundsätzlich sehr privilegierten Leben mit vielseitiger Unterstützung in eine temporäre, aber am Ende lösbare, gesundheitliche Krise geworfen, bemitleidet sie sich selbst und hat wenig Mitgefühl für andere.
Das wird auch nicht ganz kompensiert durch die kurzen Minikapitel zwischendurch, bei denen es um die Mutter und deren in den Augen der Tochter ungelebtes Leben geht. Am interessantesten am Buch war für mich noch der Aspekt, ob und auf welche Weise es durch die langwierige Krankheitsgeschichte zu einem Perspektivenwechsel Elas auch in Bezug auf ihre beruflichen Möglichkeiten und ihre Prioritäten kommt.
Insgesamt ist es für mich das bisher schwächste mir bekannte Buch dieser sonst von mir durchaus geschätzten Autorin. Dass die Autorin viele Themen sehr wohl vielseitiger und kritischer reflektieren kann, hat sie in ihren anderen Büchern bewiesen, hier zeigt es sich mir zu wenig. Deshalb empfehle ich dieses Buch eher nur Fans der Autorin, die sich für einen weiteren Aspekt der bekannten Geschichte interessieren. Wer die Autorin hingegen noch nicht kennt und sie neu entdecken möchte, dem rate ich eher zu einem ihrer anderen Werke.