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Veröffentlicht am 28.01.2026

Liebe und Schaffen wie im Rausch

Liebesrausch
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Die Amerikanerin Anaïs Nin zog 1924 mit ihrem Ehemann, dem Bankangestellten Hugh Parker Guiler, nach Paris. Finanziell gut aufgestellt, unterstützte das Ehepaar avantgardistische Künstler und lernte so ...

Die Amerikanerin Anaïs Nin zog 1924 mit ihrem Ehemann, dem Bankangestellten Hugh Parker Guiler, nach Paris. Finanziell gut aufgestellt, unterstützte das Ehepaar avantgardistische Künstler und lernte so auch Henry Miller kennen. Anaïs und Henry stürzten sich in eine rauschhafte Liebesaffäre und trieben sich gegenseitig in ihrer literarischen Kunst an. Doch das wilde Leben im Paris der 30er Jahre fordert auch einen Preis: Anaïs ist zerrissen zwischen ihren Bedürfnissen und Gefühlen, die sie ihren Tagebüchern anvertraut, die einmal zu den Klassikern der Literatur gezählt werden…..

Die deutsche Autorin Charlotte von Feyerabend hat – zusätzlich zu ihrem Schaffen innerhalb DELIAs (Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautorinnen und -autoren) – wichtige Romanbiografien über starke Frauen veröffentlicht (Beate Uhse, Selma Lagerlöff, Caroline Märklin) und legt nun ihre Biografie über die skandalumwitterte Schriftstellerin Anaïs Nin vor, die insbesondere für ihr ausschweifendes Leben im Paris der 30er Jahre bekannt ist, und ihre Beziehung zu dem amerikanischen Schriftsteller Henry Miller, dessen damals entstandenes Buch „Im Wendekreis des Krebses“ lange Jahre indiziert war.

Nachdem Charlotte von Feyerabend auf einem Pariser Flohmarkt alte Ausgaben der Tagebücher Nins in die Hände gefallen worden, war klar, dass sie über die Frau schreiben muss – und hat absolut akribisch recherchiert. Herausgekommen ist eine gut lesbare Geschichte, die jedoch inhaltlich nicht ganz leicht verdaubar ist, wie ich finde, in vielerlei Hinsicht.

Erzählt wird „Liebesrausch“ aus den unterschiedlichen Perspektiven von Anaïs Nin in der Ich-Perspektive erzählt und Henry Millers durch einen personalem Erzähler, unterbrochen von Tagebucheinträgen der Schriftstellerin. Die Sprache ist teilweise sehr derb in der sexuellen Verbalerotik, aber durchaus auch immer wieder anspruchsvoll. Das mag nicht jedem gefallen, gehörte jedoch unabdingbar zu den beschriebenen Personen und folgt aus ihren Originaltexten.

Auf den ersten Blick geht es um eine alles verzehrende Liebesbeziehung zwischen zwei Künstlern in ihrer kreativen Schaffensphase, die sich gegenseitig zu immer größeren Höhen anspornen und dadurch Welt-Literatur erschaffen; doch haben beide auch weitere Affären und Anaïs’ Verhältnis zu June ist durch einen Spiegel ihrer selbst gekennzeichnet, in der sie eine eigene Welt durch ihre Sprache erschaffen wollen. Trotz aller Intellektualität wird – bereits schon im Elternhaus - eine eigene Wahrheit hervorgebracht.

Ein Kernthema von Anaïs ist – bewusst und unbewusst - die Selbstbestimmung von ihr als Frau, resultierend aus der Tatsache, dass jeder Mann, dem sie begegnet, sie besitzen will. Aus dem Gedanken, dass Frauen anders sind, sehnt Anaïs sich dann auch nach dem Gleichgeschlechtlichen. Doch nicht nur die sexuelle Selbstbestimmung (zu der Zeit vor 100 Jahren noch ein absolut abwegiger Gedanke), sondern auch der Wunsch, sich ausleben zu können, prägt ihr Handeln, mit dem sie auch ihrer Zeit weit voraus ist.

Charly von Feyerabend gelingt es außerordentlich bildhaft, den mehrdimensionalen Charakter und die innere Zerrissenheit der Anaïs Nin darzustellen; dass diese Hauptfigur mir dennoch fremd blieb, liegt aber gewiss nicht an den Ausführungen, sondern einer völlig anderen Lebenswelt und anderen Werten.

Spannend ist im Zusammenhang mit der Psyche der skandalträchtigen Schriftstellerin auch die objektive und subjektive Psychoanalyse. Doch auch hier bestätigt sich das Männerbild von Anaïs Nin: Ihr Analytiker gibt Hinweise, hält diese aber auch selbst nicht ein und überschreitet so ebenfalls Grenzen. Und die wiederkehrenden eigenen Grenzüberschreitungen bleiben ein Thema für Anaïs, bis hin zum Inzest – nicht leicht zu ertragen für mich beim Lesen.

Anaïs Nin ist und bleibt der Mittelpunkt dieser starken Romanbiografie. Die außerdem auftretenden Männer befriedigen dabei lediglich ihre Bedürfnisse: ihr Ehemann Hugo den nach Sicherheit, Henry literarisch, dieser und weitere Männer ihren Sexualtrieb und der Psychoanalytiker den Intellekt. Und immer wieder geht es darum, Grenzen zu überschreiten.

Im gesamten Verlauf der Biografie fiebert man mit, bis Anaïs schließlich zu sich selbst findet.

Abgerundet wird das Buch durch Karten von Paris, zusätzliche Informationen der Autorin, als „Épilogue“ tituliert mit Informationen über die Wegbegleiter von Anais Nin, wichtigen Anmerkungen der Autorin zu einzelnen Textstellen, Rezepten und einem umfassenden Literaturverzeichnis.

Wer mehr über die inzwischen fast vergessene skandalumwitterte Literatin Anaïs Nin erfahren möchte und über die wilde Künstlerszene im Paris der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts, ist mit der Romanbiografie absolut richtig beraten. Ich möchte allerdings eine Triggerwarnung aussprechen, da die Grenzüberschreitungen und die sexuellen Handlungen bis hin zum Verkehr Anaïs’ mit ihrem Vater nicht für jeden geeignet sind.

Wunderbar herausgearbeitet ist Anaïs’ Liebe zur Sprache, ihr Streben nach dem Perfekten, der Veröffentlichung, ihr Arbeiten im Wahn: Liebe und Rausch!
Ich vergebe fünf Sterne für dieses anspruchsvolle Werk, in dem ich mir bislang fast unbekannte Personen näher kennenlernen durfte und jetzt auch Lust bekommen habe den Klassiker von Henry Miller zu lesen.

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Veröffentlicht am 15.01.2026

Frauenleben in der Belle Epoque

Montmartre - Traum und Schicksal
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Paris 1889. Elise Lambert ist zum gefeierten Star des Moulin Rouge aufgestiegen, doch ihre ehemalige Freundin La Goulue wird neidzerfressen zu einer erbitterten Feindin. Valérie Dumas wird aus finanziellen ...

Paris 1889. Elise Lambert ist zum gefeierten Star des Moulin Rouge aufgestiegen, doch ihre ehemalige Freundin La Goulue wird neidzerfressen zu einer erbitterten Feindin. Valérie Dumas wird aus finanziellen Gründen von ihrer Familie in eine arrangierte Ehe gezwungen, in der ihr widerlicher Ehemann ihr eine selbstbestimmte Tätigkeit als Kunstmalerin mit brutaler Gewalt verbietet. Auch Elises Schwester Simone kann nicht selbstbestimmt leben, sondern wird von ihrem Ehemann in die Prostition gezwungen.

Marie Lacrosse, Pseudonym der deutschen Bestseller-Autorin Marita Spang für ihre historischen Romane, legt mit "Montmartre - Traum und Schicksal" den zweiten Band ihrer Dilogie um die beiden künstlerisch begabten jungen Frauen Elise und Valérie vor, die im Paris zum Ende des 19. Jahrhunderts ihren Träumen nachjagen und sich doch ihrem Schicksal ergeben müssen. Was für ein passend gewählter Titel für die wunderbare Fortsetzung!

NIcht umsonst hat sich Marie Lacrosse für die beiden Frauen Elise und Valérie als Hauptfiguren entschieden, die zwar am gleichen Tag von derselben Hebamme entbunden wurden, die aber perfekt für die sozialen Gegensätze und damit einem Kernthema der Belle Epoque stehen. Elise, in bitterer Armut aufgewachsen, und Valérie, aus einer wohlhabenden Familie stammend, sind beide künstlerisch talentiert und träumen von einer Karriere als Tänzerin bzw. Kunstmalerin - und für beide scheinen sich ihre Träume zu erfüllen. In der dargestellten Zeit der kulturellen Blüte findet sich - von der Autorin wunderbar erzählt - eine faszinierende Künstlerszene mit berühmten Künstlern wie Henri de Toulouse-Lautrec, Vincent van Gogh oder Edgar Degas und die schillernde Scheinwelt der Cabarets, allen voran das berühmt-berüchtigte Moulin Rouge.
Trotz moderner Tendenzen und neuen Fragen der sozialen Gerechtigkeit herrschten weiterhin konservative Meinungen vor; Frauen waren dem Manne untergeordnet und ihrem Streben nach Anerkennung wurde abfällig ("Malweiber") bis gewaltbereit begegnet.

Die Autorin hat genauestens recherchiert und entführt ihre LeserInnen in ein Paris, das bildgewaltig vor dem inneren Auge entsteht. Das geschilderte Treiben im weltbekannten Moulin Rouge, auch der Bau der Basilika Sacré-Cœur, die Gebäude der Haussmann-Ära (im Gegensatz zu den Slums am Montmartre) und die Vorkommnisse beim Bau des Panama-Kanals stehen im Zusammenhang mit klangvollen Namen, die mit Leben gefüllt werden. DIe gesellschaftspolitischen Umstände spiegeln sich in den Handlungen wieder und ziehen die LeserInnen tief in die Welt des Montmartre.

Brillant ausgearbeitet mit psychologisch genauem Blick sind auch die Figuren, und zwar nicht nur die, die wie Elise und Valérie im Mittelpunkt der Handlung stehen, sondern auch die zahlreichen Nebenfiguren. Sie sind mehrdimensional, entwickeln sich weiter und bleiben absolut authentisch. Zu jedem Zeitpunkt habe ich mit den zahlreichen starken Frauen, die in der realen Geschichte leider zu oft untergehen, mitgefiebert und mitgelitten und konnte das Buch nicht aus der Hand legen, bevor sich für alle eine zufriedenstellende Lösung ergeben hatte.
Großes Können beweist die Autorin auch dabei, die fiktiven Figuren und ihre Handlungen in die reale Geschichte einzufügen und historische Persönlichkeiten darin ebenso schlüssig handeln zu lassen.

Der Roman ist in vier Teile gegliedert, die Kapitel werden in personaler Erzählweise aus der Sicht der Frauen erzählt, die die Leser*Innen emotional mitreißend auf ihrer Suche nach einem selbstbestimmten Leben begleiten. Eine Karte des Montmartre Ende des 19. Jahrhunderts, aussagekräftige Zitate, ein Personenverzeichnis, in dem Historische Persönlichkeiten ausdrücklich gekennzeichnet sind, befinden sich am Anfang des Buches sowie eine Abgrenzung von Wahrheit und Fiktion durch die Autorin (was ich besonders hervorheben möchte!), Informationen zu Stilrichtungen der Malerei, eine Liste der erwähnten Kunstwerke und ein Quellenverzeichnis am Ende runden das Gesamtwerk ab.

"Montmartre - Traum und Schicksal" ist meiner Meinung nach perfekte Unterhaltung mit einem großartigen Mehrwert durch genau recherchiertes Geschichtswissen, das sich quasi nebenbei erfahren lässt. Ich vergebe glänzende fünf Sterne und empfehle das Buch unbedingt weiter. Hoffentlich gibt es bald Neues aus der Feder von Marie Lacrosse.

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Veröffentlicht am 10.01.2026

Meisterhafte Verbindung von authentischer Historie und Krimi

Die weiße Nacht
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Die junge Fotografie Lou Faber streift im eiskalten Hungerwinter durch Berlin, auf der Suche nach Motiven, die ihren Lebensunterhalt sichern könnten. Eine junge Frau, die mit gefalteten Händen tot im Schnee ...

Die junge Fotografie Lou Faber streift im eiskalten Hungerwinter durch Berlin, auf der Suche nach Motiven, die ihren Lebensunterhalt sichern könnten. Eine junge Frau, die mit gefalteten Händen tot im Schnee liegt, wird von Lou fotografiert; und diese Bilder lassen ihr keine Ruhe, sie beginnt nachzuforschen. Offiziell mit den Mord-Ermittlungen beauftragt wird der Kriminalkommissar Alfred König, für den Lous Fotos und ihre messerscharfen Beobachtungen und Analysen bald unverzichtbar werden. So kommen beide abscheulichen Machenschaften auf die Spur, wobei Lou selbst in Gefahr gerät....

Die deutsche Bestseller-Autorin Anne Stern, bekannt für ihre historischen Romane, die oft im Berlin des 19. und 20. Jahrhunderts spielen, und die insbesondere für die erfolgreiche Reihe um die Hebamme "Fräulein Gold" bekannt ist, legt mit "DIe weiße Nacht" den Autakt zu einer neuen Krimiserie um den geheimnisumwitterten Kriminalkommissar Alfred König und die aufmerksame Fotografin Lou Faber vor. (Ich muss zugeben, dass es mich nicht nur aus femininer Sichtweise verwundert hat, dass die Reihe "Lou und König heißt - also die Frau nur mit Vornamen, der Mann mit Nachnamen benannt wird.)

Als promovierte HIstorikerin hat Anne Stern einmal wieder nicht nur genauestens recherchiert, sondern es gelingt ihr auf wunderbare Art und Weise, die äußeren Umstände und das schwere Leben im Nachkriegs-Berlin des Winters 1946/47 den LeserInnen vor Augen zu führen. Sehr berührt haben mich die Beschreibungen der eisigen Kälte und des Hungers der Menschen im zerbombten Berlin und ihre Bemühungen, zumindest auf den Schwarzmärkten das Überleben zu sichern. Auch die Aufteilung der Stadt in die vier Besatzungszonen und die sich hieraus ergebenden Umstände waren eindringlich. Die Nachwirkungen des Krieges sind präsent, während das Handeln auf das tägliche Überleben ausgerichtet ist.

Sterns Erzählweise ist klar und ruhig und geht unter die Haut. DIe Spannungskurve zieht sich vom ersten Moment an durch die Handlung; nach einigen durchaus überraschenden Wendungen wird der Fall der Toten mit ihren Hintergründen aufgedeckt - und dennoch erwartet uns am Ende ein fieser Cliffhanger, der erst im nachfolgenden zweiten Band bearbeitet werden wird, dessen Erscheinungstermin noch offen ist.

Begeistert haben mich einmal mehr die Figuren. DIe beiden namensgebenden Lou Faber und Alfred König sind mehrdimensionale Charaktere mit Ecken und Kanten und insbesondere König schleppt ein erdrückendes Geheimnis mit sich herum,; doch auch in Lous Leben scheint es Rätsel zu geben. DIe Entwicklung der Figuren und ihre vorsichtige Annäherung zu dem Ermittler-Paar, das der Name der Reihe verspricht, ist spannend zu verfolgen - sind sie sich doch anfangs alles andere als sympathisch und sehr diskrepant in ihren Handlungen. Darüberhinaus haben mich auch die weiteren Figuren absolut fesseln können; sei es der Königs junger Kollege Trautwein, Emil, Gregor oder Bruno, Lous Mitbewohner, dessen Geschichte zwar unausgesprochen bleibt, doch sehr nahe geht. Trotz viele Andeutungen und Leerstellen wirkte die Geschichte stets intensiv, schlüssig und authentisch.

Besonders ansprechend war es, die Geschichte, in der Kälte und Schnee (und auch das Weihnachtsfest) eine große Rolle spielen, in diesem WInter zu lesen - doch das soll niemanden abhalten, das BUch jederzeit zur Hand zu nehmen!

Für Leser
Innen, die eine rasante Krimihandlung bevorzugen ohne viel Ablenkungen, ist dieses Buch eher ungeeignet, aber:
Anne Stern ist es geradzu meisterhaft gelungen, Geschichte und Krimi zu verbinden und authentisch und spannend zu erzählen. Für mich gehört "DIe weiße Nacht" zu den HIghlights des Jahres und ich kann es nur wärmstens empfehlen an interessierte Leser*Innen.

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Veröffentlicht am 07.09.2025

Verbrechen im soziokulturellen Kontext

Schwüre, die wir brechen
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Im südschwedischen Malmö wird eine Leiche gefunden, die statt ihres menschlichen Kopfes einen Krokodilkopf trägt. Der verwitwete Kommissar Jon Nordh und seine strafversetzte Kollegin Svea Karhuu nehmen ...

Im südschwedischen Malmö wird eine Leiche gefunden, die statt ihres menschlichen Kopfes einen Krokodilkopf trägt. Der verwitwete Kommissar Jon Nordh und seine strafversetzte Kollegin Svea Karhuu nehmen - durchaus widerwillig - die Ermittlungen auf. Schon bald werden weitere Opfer aufgefunden, und nicht zuletzt anhand der altägyptischen Symbole auf den Leichen wird klar, dass der Täter, der seine Opfer als altägyptische Gottheiten inszeniert, HInweise gibt und es sich um einen Serienmörder handelt. Als auch noch eine zwielichtige True-Crime-Podcasterin in den Fall verwickelt wird, steigt der Druck der Öffentlichkeit auf die Polizei. Und als schließlich ein junges Mädchen verschwindet, spitzt sich die Lage endgültig zu. Aber auch neben den eigentlichen Ermittlungen gibt es dramatische Wendungen im Privatleben der beiden Ermittler, die diese in große Schwierigkeiten bringen....

"Schwüre, die wir brechen" ist bereits der zweite Fall der Ermittler Jon Nordh und Svea Karhuu aus der Reihe "Tatort Malmö" des deutsch-schwedischen Autorenehepaares Roman Voosen und Kerstin Signe Danielsson, auf den ich bereits begierig gewartet hatte, um mehr über die spannenden Schicksale des Ermittlerduos zu erfahren. Ja, tatsächlich, denn während ich mich sonst an weitschweifigen Berichten über die Ermittler abseits der zu lösenden Fälle störe, sind in der Tatort "Malmö" - Reihe die Geschichten von Jon und Svea selbst eigenständige Krimis, die ständig weiterlaufen - und die ich überaus interessant und berührend finde. DIese Erzählstränge wissen natürlich Leser*Innen des ersten Bandes besonders zu schätzen; jedoch auch Neueinsteiger werden durch kurze Erklärungen auf den aktuellen Stand gebracht.

Während im ersten Band noch Malmö als Stadt eine wichtige Rolle spielte, ist der Ort hier eher belanglos.
Im MIttelpunkt der Geschichte stehen altägyptische Schriftzeichen und Gottheiten, an deren Bedeutung sich diverse Figuren abarbeiten, sowie die Geschichte des Täters: In regelmäßgigen Rückblicken (die kursiv gedruckt sind) erzählen die Autoren chronologisch die Geschichte von Peter, einem elternlosen Jungen, der in der Colonia Dignidad in Chile in den 70er Jahren unter brutalsten Bedingungen aufwuchs und schließlich in ein anderes Leben flüchtete, in dem er auf besondere Art Halt fand.
Überhaupt sind diese zusätzlichen eindringlichen Schilderungen für mich ein Mehrwert in den Büchern von Vossen/Danielsson: schon die auf den ersten Blick außergewöhnliche Geschichte der adoptierten und in Nordschweden aufgewachsenen Svea, die im restlichen Schweden auf Widerstand trifft als auch die unrühmliche Geschichte um die Colonia Dignidad des Sektengründers Schäfers in Chile sind von sozialer Bedeutung und ich habe dazulernen können.

Der Schreibstil ist angenehm zu lesen und die Spannungskurve hoch. Während der polizeiliche Fall nach vielen kleinen Schritten vor und zurück und überraschenden Wendungen gut aufgeklärt wird, lassen die Probleme der beiden Ermittler auf den nächsten Band der Reihe hoffen.

Die Figuren sind mehrdimensional angelegt und trotz ihrer schwierigen Seiten mag ich sowohl Svea als auch Jon sehr. Während Sveas eher polizeiliches Thema (das mich im übrigen sehr berührt!), hat Jon mit einem sehr alltäglichen Problem zu tun: der Vereinbarkeit von Arbeit und Familie - neben der Trauerarbeit. WIe schön, dass dieses Problem auch einmal einen Mann trifft und nicht immer nur Frauen angelastet wird!

INsgesamt ist die Atmosphäre des Buches eher düster; die Taten sehr brutal und oftmals nicht leicht zu ertragen. (Wer Triggerwarnungen braucht: Morde, Verstümmelungen, Pädophilie, Betrug, Identitätsdiebstahl und vieles mehr werden thematisiert.) Da ist es angenehm zu lesen, dass auch die Polizisten an ihre Grenzen geraten und von Frust überwältigt werden.

Trotz der zahlreichen Themen und Verbrechen gelingt es meiner Meinung nach den Autoren sehr gut, sich nicht zu verzetteln und die Handlungen stringent voranzutreiben.

"Schwüre, die wir brechen" hat mir sehr gut gefallen und ich empfehle es allen Genre-LIebhabern weiter sofern sie nicht allzu zart beseitet sind.


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Veröffentlicht am 28.07.2025

Morde im Wurstelprater

Der Totengräber und die Pratermorde (Die Totengräber-Serie 4)
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Als der berühmte Zauberkünstler Benton im Prater seinen neuen Trick, die zersägte Jungfrau vorführen will, soll die Journalistin Julia Wolf darüber berichten. Doch der Trick geht schief und die "Jungfrau" ...

Als der berühmte Zauberkünstler Benton im Prater seinen neuen Trick, die zersägte Jungfrau vorführen will, soll die Journalistin Julia Wolf darüber berichten. Doch der Trick geht schief und die "Jungfrau" wird blutig zersägt - und so beginnt Inspektor Leopold von Herzfeldt mit Ermittlungen. Kurz darauf wird auch der Assistent des Zauberers ermordet aufgefunden und weitere verschwundene und ermordete Mädchen rund um den Prater scheinen auf einen Serienmörder hinzuweisen. Daraufhin bittet Leo seinen Freund Augustin Rothmayer, den Totengräber des Wiener Zentralfriedhofs, um HIlfe, denn dieser hat gute Verbindungen zu den Schaustellern. Und auch Julia will sich nicht zurückhalten und lässt sich von Augustin undercover in die Prater-Geschäfte einschleusen. Nur zu dritt kommen sie den Mördern auf die Spur und begeben sich dabei in große Gefahr....

Der Münchner Autor Oliver Pötzsch legt mit "Der Totengräber und die Pratermorde" bereits den vierten, heiß ersehnten Fall um den kauzigen Totengräber Augustin Rothmayer und seine Freunde, den Polizei Inspektor Leopold von Herzfeldt und die Journalistin Julia Wolf, vor.

Wie in den vorherigen Büchern zeichnet Pötzsch ein stimmiges, authentisches Bild des Wiens des ausgehenden 19. Jahrhunderts und nimmt seine LeserInnen diesmal mit in den berühmten Wurstelprater, den Wiener Vergnügungspark, hinter dessen Kulissen eine eigene Welt der Schausteller besteht. Auch politische Themen wie u.a. der herrschende Antisemitismus und die Rolle der Frauen werden thematisiert - und eine neue Sportart nimmt ihren Raum ein: der Fußball.

In lebendiger Schreibweise schafft der Autor einen guten Spannungsbogen, und nach großem Showdown wird der Fall befriedigend aufgeklärt.Die privaten Probleme unserer Hauptfiguren enden jedoch in einem Cliffhanger und lassen den fünften Band schnell herbeisehnen:
Julia und Leo sind kein Liebespaar mehr, können jedoch nicht ohne einander sein und stürzen sich und die Leser
Innen in ein Wechselbad der Gefühle. August Rothmayer schreibt - mit Unterstützung von Leo - an einem neuen Buch, hat jedoch große Probleme mit seiner Ziehtochter Anna, die einen heimlichen Freund hat und sich dem Totengräber mehr und mehr widersetzt. Und darüber hinaus ist Rothmayer auch noch einer anderen kriminellen Sache auf der Spur, bei der er sich die Mithilfe von Leo wünscht, der hierfür aber keinen Kopf hat....
Das sind durchaus sehr viele Themen für einen Krimi, doch glücklicherweise verzettelt sich Oliver Pötzsch nicht.

Nach bereits drei vorausgehenden Bänden muss man über die drei Hauptfiguren Julia, Leo und Augustin sicher nicht mehr viel schreiben; sie sind mehrdimensional angeleg, agieren authentisch und sind auf ihre Art liebenswert und uns bereits ans Herz gewachsen. Und natürlich erschafft Pötzsch auch wieder neue spannende und unkonventionelle Figuren wie den Bauchredner mit seiner mysteriösen Puppe, die verfeindeten Zauberer und all die verschiedenen Figuren des Praters.

DIe gesamte Totengräber-Serie ist für mich ein absolutes Highlight, in das sich auch dieser vierte Band nahtlos einfügt.

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