Profilbild von clematis

clematis

Lesejury Star
offline

clematis ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit clematis über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 13.09.2025

Liebe im Luxusresort

If You Fly Too Far
0

Elana verliert auf einen Schlag ihren Freund, ihren Job und ihr Dach über dem Kopf. Aufgrund einer Zeitungsannonce bewirbt sie sich kurzerhand als Fitnesscoach in einem Luxusresort auf Fuerteventura und ...

Elana verliert auf einen Schlag ihren Freund, ihren Job und ihr Dach über dem Kopf. Aufgrund einer Zeitungsannonce bewirbt sie sich kurzerhand als Fitnesscoach in einem Luxusresort auf Fuerteventura und kehrt schon wenig später Berlin den Rücken. Nach einem ärgerlichen Erlebnis auf der Fähre – aufgrund einer Doppelbuchung belegt ein Fremder ihre Kabine – ist es genau dieser Fiesling, der tags darauf Trainingsstunden bei ihr bucht.

Alles verloren, Neuanfang, das kennt man doch schon? Und trotzdem ist If You Fly Too Far ein einzigartiges Leseerlebnis, das uns mitnimmt auf die schöne, ruhige Kanareninsel Fuerteventura. Elana ist bestens ausgebildet und verfügt zudem über ausreichend Erfahrung, um sich für das Luxusquartier Pureza zu qualifizieren. Keine amourösen Abenteuer mit den Gästen, das ist das oberste Gebot und klingt für Elana unproblematisch, wer will nach einer großen Enttäuschung so schnell wieder etwas von Männern wissen? Da ahnt sie allerdings noch nicht, dass Adrian sich regelmäßig in ihren Trainingsplan eintragen lässt und eigentlich gar nicht so unsympathisch ist, wie er anfangs gewirkt hat. Aus Blicken und zufälligen Berührungen wird langsam mehr, das schlechte Gewissen ringt mit dem Verlangen. Tine Nell versteht es, die prickelnden Momente in Worte zu fassen und Stimmung ebenso wie Gefühle plastisch darzustellen. Nicht nur die Hauptfiguren Elana und Adrian wecken einen sympathischen Eindruck, auch Sunny und Dario von der Rezeption muss man einfach ins Herz schließen. Die Kulisse Fuerteventuras mit endlosen Sand- und Lavastränden, geheimnisvollen Höhlen und malerischen Fischerdörfern bezaubert ebenso wie das Luxusresort mit seinen exklusiven Gästen, die sich nicht nur über kratzige Handtücher beschweren, sondern gar nach geschälten Weintrauben verlangen. Man sieht, Tine Nell verpackt ein gehöriges Maß an Humor in diese schöne Geschichte und lässt Urlaubsflair unter der Sonne aufkommen.

Selbst wer noch nie die Kanaren besucht hat, wird schnell lebendige Bilder vor Augen haben und gebannt mitverfolgen, wann Elana als Vertragsbrüchige entlarvt wird. Im Grunde ist dieser Roman in sich abgeschlossen, aber die erfreuliche Botschaft lautet: Es gibt alsbald eine Fortsetzung – nach unterhaltsamen Stunden auf Fuerteventura freue ich mich natürlich sehr darauf.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 12.09.2025

Drei Jahre und sieben Monate

Schwestern der Freiheit
0

Die japanische Armee übernimmt 1942 Singapur, wer kann, flieht. Auch Musikerin Norah Chambers und Krankenschwester Nesta James (zwei reale Charaktere) begeben sich an Bord der HMS Vyner Brooke und setzen ...

Die japanische Armee übernimmt 1942 Singapur, wer kann, flieht. Auch Musikerin Norah Chambers und Krankenschwester Nesta James (zwei reale Charaktere) begeben sich an Bord der HMS Vyner Brooke und setzen ihre Hoffnung auf eine rechtzeitige Flucht Richtung Australien. Diese wird aber schon bald durch Fliegerbomben zunichte gemacht, die Überlebenden werden auf indonesischen Inseln interniert. Drei Jahre und sieben Monate dauert das Martyrium unter japanischer Aufsicht.

Chronologisch geht Heather Morris bei ihren detaillierten Beschreibungen vor, lehnt sich dabei sehr genau an Berichte von Überlebenden und deren Angehörigen an. Das brennende Singapur ist Ausgangspunkt, weiter geht es durch verschiedene Lager bis hin zur Befreiung im September 1945. Schnörkellos und mit bedrückender Sachlichkeit erzählt Morris im Präsens, wodurch eine ganz besondere Atmosphäre im Roman entsteht. Obwohl Verletzungen – durch Abseilen vom Schiff, Schwimmen im Mangrovengebiet und später physische und psychische Gewalt durch die Aufseher im Lager – allgegenwärtig sind, findet sich immer irgendwer, der Zuversicht und Trost spendet, auch wenn die Lage hoffnungslos scheint. Insbesondere die Tätigkeit der australischen Krankenschwestern, aber auch aller anderen Kriegsgefangenen wird von unterschiedlichen Seiten beleuchtet. Die Geschichte zeigt einmal mehr, wie groß der Zusammenhalt in einer erzwungenen Gemeinschaft sein kann, wenn jeder aufgrund seiner Fähigkeiten und Stärken seinen Teil beiträgt, wie lindernd die Musik wirkt. Aber auch zu welchen Grausamkeiten Menschen leider fähig sind, wird offenbar. Drei Jahre und sieben Monate unter den beschriebenen Bedingungen sind unvorstellbar, völlig verständlich, dass die vierundzwanzig (von über sechzig) Krankenschwestern bei ihrer Rückkehr nach Perth als Heldinnen gefeiert worden sind.

Ein Roman nach einer wahren Geschichte – unfassbar, was damals passiert ist. Leseempfehlung für all jene, die den Zweiten Weltkrieg nicht nur unter den Gesichtspunkten von Nazis und Konzentrationslagern in Europa näher beleuchten möchten.


Veröffentlicht am 11.09.2025

Weihnachten allein

Mehr Lametta für Oma
0

Feline lebt noch nicht lange in Tjarkswarf an der Nordsee, zudem kleidet sie sich bunt, hat orangerot gefärbte Haare und spricht mit Wildtieren, wie zum Beispiel mit Rehbock Martin, den sie gesundgepflegt ...

Feline lebt noch nicht lange in Tjarkswarf an der Nordsee, zudem kleidet sie sich bunt, hat orangerot gefärbte Haare und spricht mit Wildtieren, wie zum Beispiel mit Rehbock Martin, den sie gesundgepflegt hat. Hinter vorgehaltener Hand wird sie gar als Hexe bezeichnet. Der Einzige, der gerne mit ihr plaudert, ist der Postbote Hajo, aber auch der verhält sich eigenartig und sieht ob seines langen Bartes wie der Weihnachtsmann aus. Jedenfalls steht beiden ein Weihnachtsfest ganz allein bevor. Doch da lernen die achtjährigen Zwillinge Jelda und Jonte Feline näher kennen und schmieden einen Plan.

Heiter geht es ins Friesenland, detailliert gezeichnete Figuren sorgen für beste Unterhaltung und eine entzückende Geschichte in der aufregenden Weihnachtszeit. Auch wenn Feline und Hajo Außenseiter sind, schließt man sie rasch ins Herz, so wie es auch die neugierigen Zwillinge tun. Während Feline dem Leser bald eröffnet, warum sie so einsam und zurückgezogen lebt, wahrt Hajo sein Geheimnis länger und bietet somit Platz für Spekulationen. Von dicken Schneeflocken und einer ausgelassenen Rodelpartie geht es auch schon ins erste Adventwochenende und zu einem liebevoll gestalteten Nikolaussackerl. Bis hin zum Weihnachtsfest ist viel zu tun, Regine Kölpin erzählt die Tage bis zum 24. Dezember voller Witz und Humor, welche auch schwerwiegende Probleme in einem anderen Licht darstellen und Lösungen gar nicht mehr unmöglich erscheinen lassen. Mensch und Tier, Alt und Jung bekommen eine Stimme und vielleicht wird sogar ein Weihnachtswunder wahr?

Stimmungsvolle Unterhaltung und ernsthafte Themen werden bestens zu einer entzückenden Weihnachtsgeschichte komponiert, die sich zum Selberlesen ebenso eignet wie als schönes Geschenk. Lesenswert!


  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 10.09.2025

Krieg, Schuld, Vergebung

Die verschwundenen Jahre
0

1936 steht Spanien kurz vor einem Bürgerkrieg, welcher das Leben von Clara und Daniel grundlegend verändert. Sogar Marina, Claras Enkelin, ist von den damaligen Ereignissen und der tragischen Familiengeschichte ...

1936 steht Spanien kurz vor einem Bürgerkrieg, welcher das Leben von Clara und Daniel grundlegend verändert. Sogar Marina, Claras Enkelin, ist von den damaligen Ereignissen und der tragischen Familiengeschichte achtzig Jahre später noch betroffen. Mittlerweile 102 Jahre alt, gibt Clara traurige Erinnerungen preis.

Mit einer passenden Rahmenhandlung – Marina soll eine Reportage rund um die Exhumierung des spanischen Diktators vorbereiten – beginnt Astrid Töpfner eine so großartige wie schockierende Geschichte, welche einen großen Bogen spannt vom Putschversuch Francisco Francos über eine emotionale Liebesgeschichte bis hin zu verletzenden Schuldzuweisungen und Versuchen der Vergebung.

Aus verschiedenen Blickwinkeln und über zwei abwechselnde Zeitschienen verknüpft die empathische Autorin einzelne Szenen zu einem bewegenden Ganzen, welchem man sich, einmal mit dem Lesen begonnen, kaum noch entziehen kann. Die Spannung nimmt sogar dann noch zu, wenn man meint, der Gipfel sei schon erreicht, bis zuletzt bekommt man immer wieder Gänsehaut und wird mitgerissen von aufwühlenden Gefühlen. Nach akribischer Recherche fließen eine Menge historischer Fakten in die Handlung ein und lassen dadurch keinen Zweifel an der Tatsache, dass sich vieles so oder recht ähnlich abgespielt haben könnte. Eine sorgfältige Wortwahl garantiert ein unmittelbares Leseerlebnis, auch scheußliche Dramen während des Krieges werden behutsam erwähnt, um den geschichtlichen Zusammenhang herzustellen, ohne jedoch den Fokus auf diese Details zu legen. Vielmehr steht Claras Familiengeschichte im Mittelpunkt, handelt der Roman von verpassten Chancen, Missverständnissen, Neid, Trauer, Liebe, Schuld und Vergebung. Wie sehr Familie und Umgebung (Nachbarn, Schule) den Charakter eines Heranwachsenden prägen, zeigt die Person von Ivo, welche mir neben einigen anderen besonders nahe gegangen ist.

Ich kann dieses besondere Buch mit vielen berührenden Momenten nur jedem ans Herz legen, der sich für die spanische Geschichte interessiert und harte Fakten gerne eingebettet in eine bewegende Romanhandlung vorfindet. Großartig!


  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 08.09.2025

Stumme Sissel

Das Mädchen, das schwieg
0

Kajsa arbeitet zurzeit nur eingeschränkt als Journalistin, übersiedelt endlich in das renovierte Häuschen in Losvika und fühlt sich hier auf der westnorwegischen Insel sichtlich wohl. Ihr Mann Karsten ...

Kajsa arbeitet zurzeit nur eingeschränkt als Journalistin, übersiedelt endlich in das renovierte Häuschen in Losvika und fühlt sich hier auf der westnorwegischen Insel sichtlich wohl. Ihr Mann Karsten ist schon länger vom Polizeidienst freigestellt, nachdem er seinen letzten Einsatz nur knapp überlebt hat. Aber die Ruhe währt nicht lange, Sissel, eine etwa dreißigjährige Nachbarin, wird tot in ihrem Haus aufgefunden. Kaum jemand hatte näheren Kontakt zu ihr, denn sie sprach kein Wort, schrieb nur kurze Notizen in ihre Büchlein. Wenn auch nicht ganz freiwillig, so werden Kajsa und Karsten schnell in den Fall eingebunden.

Eine großartige Atmosphäre, voller Düsternis und scheinbarer Beschaulichkeit, empfängt den Leser im kleinen Dorf, wo jeder jeden kennt. Umso verwunderlicher, dass Sissel allen so fremd ist und aufgrund der Ermittlungen nach und nach unglaubliche Bösartigkeiten ans Tageslicht geraten. Viele lebendige Dialoge führen durchs Geschehen und lassen den Leser teilhaben an Journalistenarbeit, polizeilichen Amtshandlungen und privaten Problemen. Höchst verworrene Zustände können einen schon einmal irreleiten, einen unempfindlichen Magen braucht man, wenn es um häusliche Gewalt oder Missbrauch durch Respektspersonen geht – Achtung - dies passt vielleicht nicht für alle Leser. Geschickt aufgebaut ist auch dieser Kriminalfall, sodass das Rätsel um den wahren Täter lange andauert und bis zum Schluss spannend bleibt.

Auch dieses Mal hat man als Leser große Freude an der Seite von Kajsa, ihre spezielle Menschenkenntnis und ihre bisweilen gefährlichen Alleingänge zeichnen sie wie immer aus. Man darf gespannt sein, was die Fortsetzung bringt.