Ein Buch zum Innehalten
Wilder HonigNach dem Tod ihres Mannes enthüllt er seiner Frau Hannah in Briefen, die er ihr hinterlassen hat, ein Geheimnis das ihr Leben im Nachhinein in den Grundfesten erschüttert. Dabei war ihr Leben wie das ihrer ...
Nach dem Tod ihres Mannes enthüllt er seiner Frau Hannah in Briefen, die er ihr hinterlassen hat, ein Geheimnis das ihr Leben im Nachhinein in den Grundfesten erschüttert. Dabei war ihr Leben wie das ihrer Schwester Sadie und auch das von Megan, die alle drei im alten Obstgarten der Familie, wo Hannah noch immer lebt, aufeinander treffen, alles andere als einfach. Das Jahr, in dem der Leser die drei begleitet, bringt in ihrem Leben viel in Bewegung. Und die Bienen und die Äpfelbäume tragen ihren Teil dazu bei, dass sich das Beziehungsgefüge der drei neu ausrichten kann, indem es sich an der Natur und ihrem steten Wandel orientiert.
Die Naturbeschreibungen in diesem Roman sind großartig und sehr intensiv. Man wäre als Leser selbst gern in diesem alten Garten. Bei der Betrachtung der Verlaufes der Natur innerhalb eines Jahres enthüllt sich dem Leser zum einen die Härte allen Lebens, das durch Werden und Vergehen gekennzeichnet ist. Zugleich bietet es ihm eine Reichhaltigkeit und Fülle, die kein menschengemachtes Leben je ersetzen könnte. In den Betrachtungen findet sich eine Tiefe und eine Ruhe, die nicht nur die Figuren des Buches zum Innehalten und Bedenken des eigenen Lebens veranlasst. Das Wunder, das sich täglich vor unseren Augen um uns herum in der Natur vollzieht, im Großen wie den Jahreszeiten wie im Kleinen, z. B. in einem Bienenstock oder im Wachsen eines Apfelbaumes macht die Autorin für uns erlebbar und erfahrbar, die wir im Alltag des Geschehens den Bezug zur Natur häufig vernachlässigen oder gar ganz verdrängt haben. Die Figuren des Romans nutzen die Herausforderungen, aber auch das Angebot der Natur, des Zurückgeworfenseins auf das Elementare und auf sich, um ihren Lebensweg zu überdenken. Und dass es dazu nie zu spät ist, zeigt sich daran, dass die Protagonistinnen ganz unterschiedlichen Alters sind und ganz unterschiedliche Lebensentwürfe haben.
Für mich ein besonders intensives Leseerlebnis waren die Briefe von John an seine Frau Hannah: Sie thematisieren neben der individuellen Lebensthematik sehr viele allgemeine Themen, wie die Unzulänglichkeit von Sprache, die Frage von Schuld und Vergeben, die Vergeblichkeit, etwas Geschehenes oder Gesagtes im Nachhinein ändern zu können. Und sie verraten sehr viel Interessantes und Wissenswertes über die Bienen, die oftmals Spiegel sind für das menschliche Leben, denn auch in ihrem Leben geht es um Sprache, um die Erwartungshaltung anderer an das Leben, um Vergeblich- und Vergänglichkeit und um das Überleben.
Ein sehr bedächtig geschriebenes Buch über die Frage, wie man leben will und kann, wobei der Rhythmus der Natur einen sehr gelungenen Rahmen dafür gibt, innezuhalten und nachzudenken.