Profilbild von darkola77

darkola77

Lesejury Star
offline

darkola77 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit darkola77 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 26.10.2025

Die Katastrophe von Waco als faszinierender Pageturner

We Burn Daylight
0

Wenn „das Lamm“ seine Schäfchen ruft, musst Du folgen! So geht es auch Jaye und ihrer Mutter, die ihr Leben in Kalifornien aufgeben, um zu Perry, The Lamb, nach Texas zu reisen. Denn Perry ist ein Demagoge, ...

Wenn „das Lamm“ seine Schäfchen ruft, musst Du folgen! So geht es auch Jaye und ihrer Mutter, die ihr Leben in Kalifornien aufgeben, um zu Perry, The Lamb, nach Texas zu reisen. Denn Perry ist ein Demagoge, Prophet und Sektenführer, und seine Anhängerschaft folgt ihm blind – auch für ein Leben in Armut, Abhängigkeit und einfachsten Verhältnissen. Die Aussicht und Lohn für diese Entbehrungen: Erlösung. Und Perry kennt den Weg.
Doch Jaye ist anders. Perrys Zauber scheint bei ihr nicht zu wirken. Sie erliegt seiner Faszination nicht, ist immun gegen seine Anziehungskraft. Auch körperlich. So wird sie zur Einzelgängerin bis sie ganz unerwartet Roy kennenlernt. Den Sohn des Sheriffs und schon bald ihr einziger Vertrauter. Und ihre große Liebe. Doch was bereits unter schwierigen Bedingungen gestartet ist, entwickelt sich zunehmend dramatisch. Denn Perry hat Waffen, viele Waffen. Und ist unberechenbar in seinem Handeln. Und die Behörden wollen nicht länger zusehen.
Vor dem Hintergrund realer Ereignisse entfaltet sich die Geschichte einer Liebe, die eine Unmöglichkeit darstellt. Zugleich ist es die Geschichte eines Lebens in einer Parallelwelt, bestimmt von eigenen Werten, Normen und dem Kult um die Person des Anführers, der die Gemeinschaft ausrichtet und kontrolliert. Und es die Geschichte von Macht- und sexuellem Missbrauch, von einer untergeordneten Rolle der Frau und ihrer Verfügbarkeit und der Ablehnung von Wissenschaft zugunsten von Religion und Glaubenssätzen.
Doch vor allem ist es eine Geschichte, die fasziniert und in den Bann zieht. Ein Pageturner. Zu sehr fesseln die Ereignisse, machen neugierig und erschrecken zugleich als dass ein Wegschauen möglich wäre. Als dass es möglich wäre, nicht in den Schilderungen Perrys zu versinken oder mit Roy und Jaye um ihre junge Liebe zu bangen. Und damit steht nach den 500 Seiten für mich fest: Wenn „das Lamm“ ruft, müssen auch die Leser folgen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 08.10.2025

Coming-of-Age in Stockholm

Beste Zeiten
0

Große Liebe, große Stadt, große Gefühle – für Sickan ist alles neu und alles aufregend. Denn nach einer Kindheit und Jugend in der südschwedischen Provinz lässt sie die Einsamkeit ihres Elternhauses und ...

Große Liebe, große Stadt, große Gefühle – für Sickan ist alles neu und alles aufregend. Denn nach einer Kindheit und Jugend in der südschwedischen Provinz lässt sie die Einsamkeit ihres Elternhauses und die Übergriffe ihrer Klassenkameraden endlich hinter sich. Und entdeckt Stockholm. Die Universität. Das Leben als Studentin. Und dass wir uns an fremde Orte immer ein Stück selbst mitnehmen.
Denn das, was Sickan ein Leben lang begleitet hat, ist tief in ihr eingeschrieben. Die Furcht vor anderen Menschen. Ihr Misstrauen gegenüber Unbekanntem. Ihr Alleinsein. Doch zumindest Letzteres ändert sich schlagartig als Hanna in ihr Leben tritt. Und dieses auf den Kopf stellt. Hanna, die laut, ungezügelt und furchtlos erscheint. Sich nicht kümmert, was andere über sie denken, und mit den Konventionen bewusst bricht. Und nach und nach brechen auch die Schutzmauern um Sickans Herz, und es ist bereit für das, was sie sich so sehnlich wünscht: eine Freundin. Einen Menschen, mit dem sie ihre Sorgen, Ängste und auch Freuden teilen kann. Und so ist es nicht nur Hanna, die ihre Einsamkeit beendet, sondern auch Abbe erhält Zugang zu dem, was Sickan so sorgsam vor der Welt verborgen hat: ihre Gefühle. Ihre Traumata. Und letztendlich ihre Liebe.
Doch Sickan ist nicht die einzige, die vom Leben gezeichnet ist. Und sie steht erst ganz am Anfang, sich, ihre Wünsche und Träume zu entdecken und ihren Sehnsüchten nachzugeben. Und damit wird ihre Zeit in Stockholm auch zu einer Reise zu sich selbst und setzt Entwicklungen und Wachstum in Gang, was in der dörflichen Enge kleingehalten wurde und zu verkümmern drohte. So wie Sickan selbst. Doch die neuen Freiheiten bergen Risiken, auch für das eigene Herz.
Und mein Herz habe ich an Jenny Mustard verloren! Denn mit Sickan so emotional auf Tuchfühlung zu gehen und sich dabei auf die Suche nach dem eigenen Ich zu begeben, ist intensiv. Und leicht und schwer zugleich. Und ja, es ist literarisch in Sprache und Bildern. Und mit einer Geschichte, die lang im Kopf und vor allem im Herzen bleibt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 23.06.2025

Ein Nebel, der alles verbrennt

Nebel und Feuer
0

Wenn alles ohne Licht und Ausweg scheint und die Verzweiflung Überhand nimmt. So geht es Johaenne nach einer langen, unglücklichen Partnerschaft – die sie schließlich auf den Fenstersims ihres Wohnzimmers ...

Wenn alles ohne Licht und Ausweg scheint und die Verzweiflung Überhand nimmt. So geht es Johaenne nach einer langen, unglücklichen Partnerschaft – die sie schließlich auf den Fenstersims ihres Wohnzimmers katapultiert. Von außen wohlgemerkt. Und die Tiefe verlockend erscheinen lässt, die Furcht vor dieser dann doch siegt. Und damit das Leben vor dem Tod.
Was dann folgt, ist zunächst ein zielloses Irren und Ringen um ein Über-Leben und Wiederfinden desselben. Und schließlich ein Kampf um eben dieses. Denn es geschieht etwas. Ein Naturereignis, so unerklärlich wie geheimnisvoll. So furchteinflößend wie faszinierend zugleich. Ein Nebel zieht auf. Legt sich über die Stadt, das Land, die Welt. Lässt Grenzen aufweichen, Regeln und Normen verblassen und Bekanntes aus den Fugen geraten. Und verschluckt. Und zwar Menschen, die in einem Moment noch bei uns sind. Und von denen im anderen jede Spur fehlt.
Doch vermag der Nebel noch mehr. Zumindest für Johaenne und ihre Freundinnen. Er bringt die vier Frauen vor den Toren Berlins zusammen. Und schafft eine Nähe und Vertrautheit, ein Offenbaren und Teilen von Gefühlen, Erlebnissen und Traumata, welche zu tiefer Zuneigung und Verbundenheit führen. Und die Restriktionen, Schmerz und Unterdrückung durch die patriarchalische Gesellschaft und den Mann als Partner, Vater und soziales Wesen zum Ausdruck bringen.
Der Prozess der Sichtbarmachung und Verarbeitung führt schließlich sowohl im Inneren als auch im Außen zu einem Wandel, Loslösung und letztlich Befreiung. Und für Riemann zu einem Roman, der durch seine Vielschichtigkeit der Erzähl- und Deutungsebenen beeindruckt. Und eine Dystopie vor dem Hintergrund der feministischen Denk- und Handlungstheorien entstehen lässt, die fesselt und zugleich nachdenklich macht. Und Bekanntes und Übertragenes in Frage stellt. Und lichterloh verbrennt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 09.06.2025

Eine Liebeserklärung an unseren Planeten

Umlaufbahnen
0

Die Schönheit der Erde zeigt sich in ihren Pflanzen, Tieren und Menschen, den Formationen aus Wolken, Gestein und Wasser oder eben in vielen Kilometern Abstand. Als Blick auf einen Planeten, der verbindet, ...

Die Schönheit der Erde zeigt sich in ihren Pflanzen, Tieren und Menschen, den Formationen aus Wolken, Gestein und Wasser oder eben in vielen Kilometern Abstand. Als Blick auf einen Planeten, der verbindet, in Staunen versetzt und trotz seiner Beständigkeit sich in einem steten Wandel befindet.
Samantha Harvey hat genau dies mit „Umlaufbahnen“ geschaffen, eine Liebeserklärung an die Erde, die in ihrer Einzigartigkeit unsere Heimat und zugleich bedroht durch ihre Bewohner ist. Und die aufgrund ihrer Form und Eigenschaften selbst ein Ort frei von Trennungen ist, Landmassen und Meere, die ineinander übergehen und die Grenzen und Mauern als das erscheinen lassen, was sie sind. Von Menschen gemacht. Willkürlich. Ausschließend.
Der Blick der sechs Astronauten aus der Raumstation entlang ihrer Umlaufbahn und über Breiten- und Längengrade hinweg ist frei dieser Barrieren, uneingeschränkt und die Erde in ihrer Gesamtheit als unseren gemeinsamen Lebensraum erfassend. Und betrachtend und bestaunend über Stunden, Tage und Wochen hinweg. Meditativ. Die eigenen Gedanken, Erinnerungen und Assoziationen mit dem verbindend, was sich als stetes Schauspiel durch die Weite und den luftleeren Raum hinweg vor den Sichtfenstern zeigt. Und die Existenz der gesamten Menschheit in das Verhältnis zur Unendlichkeit setzend.
Und ebenso wie sich der Heimatplanet für die sechs Menschen in seiner Umlaufbahn zeigt, entfaltet sich auch Harveys Roman für seine Leser. Die Schönheit der Worte, Bilder und Beschreibungen zieht in einen Bann, der die Welt um einen herum vergessen lässt. Und die Botschaften schreiben sich dabei so subtil und doch mit einer Stärke ein, welche ihrer angemessen ist: Wir leben alle in einer Welt. Und diese Welt gilt es zu erhalten.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 20.05.2025

Wenn das Büro zu Deinem Albtraum wird

Geht so
0

Bitterböse und zum Schreien komisch. Und dabei erschreckend treffsicher. Denn „Geht so“ legt den Finger in die Wunde des Büroalltags, der Angestellten größerer Unternehmen und der Management- und Leitungsebene. ...

Bitterböse und zum Schreien komisch. Und dabei erschreckend treffsicher. Denn „Geht so“ legt den Finger in die Wunde des Büroalltags, der Angestellten größerer Unternehmen und der Management- und Leitungsebene. Und überzeichnet dabei so spitz und mit viel Humor und Augenzwinkern, dass Lachen befreiend wirkt. Und kaum schmerzt in diesem Moment.
Marisa ist Kreativdirektorin einer Werbeagentur in Madrid und desillusioniert von Beruf und Leben. Ihren immer gleichen Alltag steht sie ausschließlich mit Drogen und Alkohol und der Aussicht auf einen möglichst frühen Feierabend durch. Und dank ihrer perfektionierten Strategie, den Anschein von Geschäftigkeit und Professionalität zu erwecken, entflieht sie über Stunden der Realität mit YouTube-Videos und tauscht an ihrem Schreibtisch die bedrückende Realität gegen kurzweilige Ablenkung und eine Scheinwelt aus Glamour und Abgründen.
Einzig die Affaire mit ihrem Nachbarn Pablo bringt etwas Abwechslung in ihre Tristesse sowie das Wiedersehen mit ihrer ehemals besten Freundin Elena – inzwischen operierte Hollywoodschönheit, die von dem Geld ihrer Liebhaber ein Leben in Luxus und Sorglosigkeit führt.
Marisas fragiles Gleichgewicht gerät endgültig ins Wanken als das lang geplante Teamevent ansteht – fernab vor den Toren Madrids und randvoll mit Begegnungen und Erwartungen. Ausgerüstet mit verschiedenen Pillen und Pulvern ist Marisa bereit, dem Grauen betäubt entgegenzutreten und so den 48 Stunden des Schreckens ins Gesicht zu sehen. Doch viel hilft nicht immer viel, und der Abend bringt schicksalhafte Wendungen und Entscheidungen.
Beatriz Serrano hält uns braven Büroangestellten den Spiegel vor. Doch zum Glück ist es ein Zerrspiegel, dessen Bild nicht schreckt sondern vielmehr wunderbar amüsiert. Und erleichternd und verbündend wirkt in dem Gedanken, Marisa so gar nicht ähnlich zu sein. Und wenn nur ein bisschen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere