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Veröffentlicht am 30.10.2025

Entscheidungen

Zwischen Zuversicht und Leben
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Esther ist fertig mit ihrer Ausbildung zur Hebamme und muss bei ihrer neuen Anstellung am Wellenklinikum in Bremerhaven feststellen, dass hier die Uhren im Jahre 1978 ganz nach aktueller Ärztemanier und ...

Esther ist fertig mit ihrer Ausbildung zur Hebamme und muss bei ihrer neuen Anstellung am Wellenklinikum in Bremerhaven feststellen, dass hier die Uhren im Jahre 1978 ganz nach aktueller Ärztemanier und starrem Automatismus ticken, wodurch den Frauen ihre Selbstbestimmung weitgehend aberkannt wird. Mit ihren Vorstellungen nach Zweisamkeit zwischen Mutter und Kind, Stillen nach Bedarf oder gar Vätern im Kreißsaal stößt sie auf taube Ohren. Neben diesen beruflichen Problemen gerät sie auch privat in eine missliche Lage und steht im historisch belegten Schneesturm im Winter 1978/79 vor schwierigen Entscheidungen.

Durch penible Recherche und aufgrund eigener Erfahrungen erzählt Regine Kölpin höchst lebendig vom Hebammendasein in den ausklingenden 1970er-Jahren, von Frauen, die mehr vom Leben erwarten als die Abhängigkeit von einem Mann und dem legendären Schneesturm, der alles lahmlegt und etliche Einwohner der Wesermarsch quasi von der Zivilisation abschneidet. Viele Erinnerungen an meine eigene Kindheit erwachen bei der Erwähnung von Fototapeten und Makrameearbeiten, Toast Hawaii und Mettigel, Bee Gees und Boney M oder Simmel und Konsalik. Neben der überaus bildreichen und bestens vorstellbaren Illustration der Lebensumstände gelingt es Regine Kölpin ebenso gut, die Konflikte zwischen Hebammen und Ärzten zu veranschaulichen und obendrein noch die private Situation von Esther sehr nahegehend zu beschreiben. Durch ihren klaren und detailgenauen Schreibstil fesselt die Autorin den Leser durchgehend an eine Erzählung, welche durch Empathie und Feingefühl geprägt ist. So ist es nicht schwierig, sich in manche Figur hineinzuversetzen und vollkommen in der Geschichte zu versinken. Eine wesentliche Entscheidung bleibt am Ende natürlich offen und weckt Sehnsucht nach einer baldigen Fortsetzung.

Wundervolle Lesestunden sind bei Regine Kölpin garantiert, ich empfehle diese großartige Zeitreise in den schneereichen Winter 1978/79 überaus gerne weiter.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 29.10.2025

In der Heimat

Dann ruhest auch du (Ein Fall für Maya Topelius 3)
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Kaum möchte Maya ein paar Tage in der Heimat bei ihren Eltern verbringen und mit ihrem Lebensgefährten Christoffer ausspannen, gibt es in der Schlossruine von Borgholm einen Leichenfund. Aufgrund frappierender ...

Kaum möchte Maya ein paar Tage in der Heimat bei ihren Eltern verbringen und mit ihrem Lebensgefährten Christoffer ausspannen, gibt es in der Schlossruine von Borgholm einen Leichenfund. Aufgrund frappierender Ähnlichkeiten mit einem früheren Fall werden Kriminalinspektorin Maya Topelius und ihr Kollege Pär Stenqvist gebeten, die örtliche Polizei in Kalmar zu unterstützen. Rechtsextreme Tendenzen und sehr persönliche Erinnerungen prägen den Abschluss dieser spannenden Trilogie aus Schweden.

Ein Eigenbrötler schleicht abends durch die dunklen Gänge unter dem verfallenden Schloss, die Stimmung ist angespannt, dichter Nebel und im Unterholz wucherndes Farnkraut verstärken die unheimliche Atmosphäre. Überaus eindrucksvoll beginnt dieser Kriminalroman und bleibt es auch dank der phantastischen Kombination aus Ermittlungen und Privatleben, welches hier den Bogen zu Mayas Freundinnen und der gemeinsamen Kindheit schließt. Neben den zahlreichen Eindrücken aus Småland ist es auch diesmal wieder die gelungene Themenwahl – rechtsextreme Zellen und die Verbreitung von zweifelhaftem Gedankengut – und die entsprechende Einbettung in die Trilogie, welche den Leser durchgehend an die Zeilen fesselt. Aber auch Åslunds bildhafter Schreibstil sorgt für lebendige Szenen und glaubwürdige Charaktere, sodass dem aufregenden Leseerlebnis nichts im Wege steht.

Mit einer Träne im Auge muss ich mich nach drei wunderbaren Kriminalfällen von Maya und Pär verabschieden, aber den Wunsch nach einer Auszeit muss man respektieren. Die Reihe war ja von Anfang an als Trilogie konzipiert und nicht als Dauerschleife. Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist. Dieses Sprichwort passt meiner Ansicht nach bestens zu den drei empfehlenswerten Büchern und so spreche ich sehr gerne eine Leseempfehlung aus für alle, die gerne eine Reise nach Schweden unternehmen, Mayas Privatleben kennenlernen und wie nebenbei auch noch Verbrechen aufklären möchten.


Veröffentlicht am 27.10.2025

Hinterhalte

Schatten über dem Kloster
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Der Füssener Bürgermeister Alois Vogler ist tot, bis zur Unkenntlichkeit verbrannt im Kloster Weißenfels. Sein Freund, Richter Rudolf Falk, geht eher von Mord als von einem Unfall aus, stirbt jedoch, bevor ...

Der Füssener Bürgermeister Alois Vogler ist tot, bis zur Unkenntlichkeit verbrannt im Kloster Weißenfels. Sein Freund, Richter Rudolf Falk, geht eher von Mord als von einem Unfall aus, stirbt jedoch, bevor er genug Beweise sammeln kann. In seinem Testament stellt er seine um viele Jahre jüngere Ehefrau Isabella vor außergewöhnliche Bedingungen um sein Erbe anzutreten.

Dunkel ist die Nacht, neblig und wolkenverhangen, so beginnt und so endet dieser spannende Historische Kriminalroman, der so manche Überraschung bereithält. Über die kurzweiligen 59 Kapitel zwischen düsterem Prolog und ebensolchem Epilog erstreckt sich eine bemerkenswerte Handlung, welche im Jahre 1376 spielt und sich um Hinterhalte, Intrigen und Täuschungsmanöver dreht. Angesehene Ratsmitglieder sowie Angehörige des Klosters von Sankt Mang stehen im Mittelpunkt, drei Figuren, welchen diese Aufgabe ganz und gar nicht offiziell zufällt, versuchen aus pragmatischen Gründen, gemeinsam einen Mord aufzuklären. Diese drei Personen sind die Witwe Isabella Falk und die beiden Jugendfreunde Leonhard Stadler, der Stadtschreiber und Magnus Bader, ein studierter Medicus, wobei jeder von ihnen ganz unterschiedliche Beweggründe hat.

Die Atmosphäre des Spätmittelalters ist auf großartige Weise eingefangen, jede Figur mit Gestik, Mimik und Bekleidung bestens charakterisiert. Lebendigkeit und ein durchgehend hoher Spannungsbogen prägen das Geschehen, Unerwartetes trifft die Füssener und die Leser gleichermaßen. Wie schon in ihren bisherigen Romanen, gelingt es Schörghofer auch diesmal, mittelalterliches Flair und kriminalistische Handlungselemente glaubwürdig zu verweben, sei es durch genaueste Recherche, sei es durch ihren bildreichen und fesselnden Schreibstil. Die logische Aufklärung aller offenen Fragen versteht sich von selbst.

Ein eindrucksvoller Kriminalroman aus dem Spätmittelalter mit reichlich Dramatik und ausgezeichnetem Unterhaltungswert. Wer düstere Atmosphäre sucht, gepaart mit einer klar konstruierten Geschichte, der sollte in Füssen innehalten.

Veröffentlicht am 26.10.2025

Gigantisch

Stonehenge - Die Kathedrale der Zeit
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England, 2500 v. Chr.: In der Großen Ebene finden jährlich zum Mittsommerfest Rituale der Priesterinnen statt, welche einladen zu Tauschhandel, Speis und Trank und ausgelassenen Nächten. Hier treffen der ...

England, 2500 v. Chr.: In der Großen Ebene finden jährlich zum Mittsommerfest Rituale der Priesterinnen statt, welche einladen zu Tauschhandel, Speis und Trank und ausgelassenen Nächten. Hier treffen der Feuersteinhauer Seft und Neen aus der Gemeinschaft der Hirten aufeinander, werden im Laufe der Zeit mit Neens Schwester Joia Pläne geschmiedet, die bemerkenswerten, aber unbeständigen Monumente aus Holz durch widerstandsfähigere aus Stein zu ersetzen. Eine Epoche weit vor unserer Zeit wird auf beeindruckende Weise zum Leben erweckt.

Langsam und dennoch fesselnd entwirft Ken Follett einzelne Szenarien aus dem steinzeitlichen England, beschreibt das Leben von Bauern, Hirten und Waldleuten auf bildreiche und lebendige Art und Weise. Auch die Priesterinnen bekommen natürlich ihren Platz, ist es doch Joias Vision, ein neues Monument aus den größten Steinen der Welt zu errichten. Aber so, wie Stonehenge nicht an einem Tag entstanden ist, erstreckt sich auch dieser epochale Roman über einen großen Zeitraum und verbindet aufgrund vielfach fehlender Daten Historisches mit entsprechender Fiktion. Die Gewohnheiten der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen sind bestens vorstellbar, die Figuren aus den jeweiligen Völkern glaubwürdig und lebensnah charakterisiert. Beschwerliche Tage, dazu eine anhaltende Dürre lassen die Nerven blank liegen und die unterschwellig schwelenden Konflikte zwischen Ackerlandbesitzern, Viehhirten und umherziehenden Waldbewohnern aufbrechen, persönliche Feindschaften münden in einen kriegerischen Angriff. Über all die Jahre reift in Joia und Seft die Idee für ein gigantisches Monument aus Stein heran und steht kurz davor, tatsächlich in die Tat umgesetzt zu werden. Obwohl es bis dahin viele Seiten dauert, bleibt die Handlung stets abwechslungsreich und ermöglichen die verschiedenen Blickwinkel Eindrücke aus unterschiedlichsten Kulturen und Lebenswelten. Die Spannung steigt im letzten Drittel deutlich an und setzt mit der Errichtung von Stonehenge schließlich den krönenden Schlusspunkt.

Aus meiner Sicht ist Ken Follett das Füllen all der historischen Lücken bestens gelungen, die Atmosphäre der damaligen Lebensrealität ist beindruckend in Worte gefasst. Wer keine rein geschichtliche Abhandlung des Baues einer Steinkathedrale erwartet, sondern eine lebendige Erzählung aus ferner Zeit, der wird das 670 Seiten umfassende Buch in vollen Zügen genießen können. Leseempfehlung!


Veröffentlicht am 25.10.2025

Brücken

Das Kamelienhaus
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Noch bevor Lucy in die Naturkosmetikfirma ihrer Mutter Sylvia einsteigen kann, muss sie an deren Stelle eine Geschäftsreise nach Japan antreten. Von der dortigen Kamelienölmanufaktur kommen keine Nachrichten ...

Noch bevor Lucy in die Naturkosmetikfirma ihrer Mutter Sylvia einsteigen kann, muss sie an deren Stelle eine Geschäftsreise nach Japan antreten. Von der dortigen Kamelienölmanufaktur kommen keine Nachrichten mehr, dabei ist das auf der Insel Soshima nach alter Tradition gewonnene Öl eine wesentliche Grundlage für die hochwertigen Pflegeprodukte aus der Bretagne. Ein auf den ersten Blick charmant scheinender Amerikaner kreuzt Lucys Weg nach Tokyo und weckt in ihr widerstreitende Gefühle. Aufregende Tage zwischen Frankreich und Japan stehen bevor, die Zeit drängt und es ist fraglich, ob zwischen den unterschiedlichen Welten Brücken geschlagen werden können.

Auch wenn diese neue Reihe auf der Kamelieninsel-Saga fußt, sind keinerlei Vorkenntnisse zum Genießen dieses wunderbaren Romans vonnöten, das diesbezügliche Vorwort kann ich nur bestätigen – neugierig auf die Vorgeschichte bin ich aber jetzt auf jeden Fall. Ihre Charaktere zeichnet Tabea Bach wie gewohnt lebendig, die Emotionen spürt man aus jeder einzelnen Zeile. Lucy mit ihren Kenntnissen der japanischen Sprache und Kultur passt perfekt in die Rolle einer Vermittlerin, die einem Sprichwort gemäß das Unterschiedlichste durch eine Brücke zu verbinden sucht. Großartige Eindrücke der Landschaft, bildreiche Beschreibungen von fremden Sitten und eine zarte Liebesgeschichte verdichten die Handlung zu einem spannenden Leseerlebnis, das man nur ungern unterbricht. Der Duft fremdländischer Speisen steigt einem immer wieder in die Nase, üppige Vegetation und glitzernde Wasser ziehen einen in ihren Bann, sorgfältig recherchierte Details zur japanischen Lebensrealität versetzen den Leser in eine gänzlich andere Welt, die durchaus ihren Reiz zu zeigen vermag. Dazu gesellt sich noch die Frage, wie weit Traditionen und Natur bewahrt werden sollen im Wettstreit mit rein profitorientierten Konkurrenten.

Abwechslungsreich und kurzweilig fließen die Kapitel dahin, erzählen eine stimmige Geschichte aus Lucys Blickwinkel und beginnen eine aufregende Reise in die schönsten Kameliengärten zwischen der Bretagne und der fiktiven japanischen Insel Soshima. Auf anmutige Weise stellt die Autorin zwei sehr unterschiedliche Kulturen einander gegenüber und schafft es mit bemerkenswerter Leichtigkeit, jeder einzelnen Figur Respekt und Würde entgegenzubringen. Der Auftakt dieser neuen Reihe ist bestens gelungen!


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  • Charaktere