Wie digitaler Hass Frauen die Stimme raubt
Feindbild FrauDie durch ihre fundierten Analysen von digitalen Entwicklungen bekannte Autorin Ingrid Brodnig hat sich mit ihrem neuen Buch “Feindbild Frau” der Aufgabe gestellt, an Hand von Interviews mit Politikerinnen ...
Die durch ihre fundierten Analysen von digitalen Entwicklungen bekannte Autorin Ingrid Brodnig hat sich mit ihrem neuen Buch “Feindbild Frau” der Aufgabe gestellt, an Hand von Interviews mit Politikerinnen zu beleuchten, welchen Beleidigungen, Verfemungen und sexistischen Kommentaren Frauen ausgeliefert sind- natürlich vor allem dann, wenn sie sich auf öffentlicher Bühne bewegen.
In den geführten Interviews zeigen die Betroffenen sehr ehrlich, welchen negativen Einfluss auf ihr privates und berufliches Leben, ihren Gemütszustand und ihr Selbstbild Hasskommentare haben.
Die Autorin gibt Posts wieder, die Frauen auf Grund ihres Geschlechtes herabsetzen, sie obszön bedrohen und demütigen und - gerade für die interviewten Politikerinnen sehr wesentlich- ihnen die Kompetenz absprechen. So werden sie nicht nur persönlich, sondern auch fachlich diskreditiert. Dadurch wird der Transport politischer Botschaften schwierig, das Darstellen komplexer Sachverhalte fast unmöglich. Neben Drohungen gegen Leib und Leben schrecken Hassposter auch vor der Bedrohung der Familie nicht zurück. Betroffene überlegen, sich zurückzuziehen, eine Einengung des öffentlichen Diskurses und der Meinungsbildung ist die Folge.
Die Autorin empfiehlt Strategien, wie man solchen Hetzkampagnen in Internet begegnen kann und soll, von der Prüfung des eigenen Sicherheitslevels bis zum Vorgehen gegen Plattformen und Klagen vor Gericht. Hier möchte ich anmerken, dass die Frauen, die im Buch Raum bekommen, einerseits das Schicksal vieler anderer Frauen teilen, die in Sozialen Medien verbaler Gewalt ausgesetzt sind, andererseits den Politikerinnen sicherlich mehr Mittel und Unterstützung zur Verfügung stehen, auf die andere Frauen nicht zurück greifen können. Allerdings ist der Beruf der Politikerin besonders exponiert. Fake News, verkürzte oder polemisch dargestellte Sachverhalte im Internet können, vor allem wenn sie auch von den Printmedien aufgegriffen werden, das Karriereende bedeuten.
Besonders interessant fand ich, welche Rolle Ingrid Brodnig dem Humor zuschreibt. Humor kann und soll belustigen, wenn er jedoch auf Kosten anderer Menschen geht, ist er oft bösartig und kränkend. Besonders betroffen sind hier Menschen mit Migrationshintergrund oder nicht heterosexueller Orientierung sowie vulnerable Gruppen. Die Autorin nimmt auch Memes als Beispiele für die wiederkehrende Verunglimpfung, dafür, wie mit Bildsprache herabsetzende Inhalte transportiert werden.
“Feindbild Frau” wirft die Frage auf, ob es eine universale moralische Achtung gäbe. Würde sich unter dieser Annahme der Ton im Netz verändern? Meine persönliche Meinung dazu ist, dass ich diese universale Moral nicht sehe. Moral ist immer eine subjektive Norm und damit zu unterscheiden von Rechtsnormen. Hier bietet die Autorin den Ansatz, Opfer von Hass im Netz solidarisch zu unterstützen und zeigt dazu auch die Möglichkeiten auf. Viele Politikerinnen haben Social Media Abteilungen, um nicht direkt mit Hasspostings konfrontiert zu werden. Als “normale” Nutzerin könnte man jemand um Hilfe bitten, dem man vertraut. Und natürlich sollte man alle rechtlichen Möglichkeiten ausnutzen. Dazu und zu Ansprechstellen, die Hilfe bieten, finden sich eigene Anhänge im Buch. Ebenso findet sich im Anhang ein ausführliches Verzeichnis von Quellen und Anmerkungen.
“Feindbild Frau” ist ein hervorragendes Sachbuch, das mahnt, die Gesprächskultur im Netz zu hinterfragen und, wenn notwendig, Beiträge auch zu sanktionieren. Wenn Meinungen durch Falschinformationen, Drohungen oder Hass aus den öffentlichen Debatten verschwinden, Menschen sich aus der gesellschaftlichen Verantwortung herausnehmen, hat das auch demokratiepolitische Konsequenzen. Ingrid Brodnig stellt in ihrem Buch das Wissen bereit, dagegen anzukämpfen.