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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 09.03.2018

Recht unterhaltsamer Krimi mit interessanter Hintergrundstory

Sturmfeuer
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INHALT
Ein Junge verschwindet bei einer Jugendsegelregatta vor Helgoland spurlos aus seinem Boot. Als kurz darauf der Vater des Jungen von den Klippen in den Tod stürzt, stellt sich die Frage, ob es sich ...

INHALT
Ein Junge verschwindet bei einer Jugendsegelregatta vor Helgoland spurlos aus seinem Boot. Als kurz darauf der Vater des Jungen von den Klippen in den Tod stürzt, stellt sich die Frage, ob es sich um einen Unfall oder gar um einen Selbstmord handelt. Der jungen Polizistin Anna Krüger kommen die gehäuften Unglücksfälle seltsam vor. Obwohl ihr Vorgesetzter Paul und auch das hinzugezogene LKA hierbei keine Auffälligkeiten sehen, geht Anna nicht von Zufällen aus und setzt ihre Ermittlungen fort. Noch ahnt sie nicht, in welche gefährliche Situation sie sich damit bringen wird …
MEINE MEINUNG
Der Kriminalroman „Sturmfeuer“ von Tim Erzberg ist bereits der zweite Teil seiner „Hell-Go-Land“-Reihe um die Helgoländer Polizistin Anna Krüger. Dieser lässt sich aber auch ohne Kenntnis des Vorgängerbands problemlos lesen, da für das Verständnis wichtige Hintergrundinformationen geschickt in die Handlung eingebaut wurden.
Mit dem kurzen, etwas mysteriösen Prolog ist dem Autor ein sehr unheilvoll klingender Einstieg ins Buch gelungen. Der Schauplatz Helgoland präsentiert sich dem Leser diesmal von seiner Glanzseite – Sommer, bestes Wetter und viele Touristen, die extra zur Segelregatta auf der Insel sind. Doch schon bald wird die gute Stimmung von einem tragischen Vorfall überschattet, der das Team der Helgoländer Inselpolizei bald ganz schön auf Trab bzw. ins Schwitzen bringen wird. Die beginnenden Ermittlungen und die sich daraus ergebenden, rätselhaften Geschehnisse konnten mich sehr schnell fesseln. Sehr gelungen und mitreißend geschildert fand ich die eingeschobenen Abschnitte in Fettschrift, die weit in die Vergangenheit der Insel im Zweiten Weltkrieg zurückreichen und sich auf traumatische Geschehnisse beziehen, bei denen viele Inselbewohner ihr Leben in den Bombennächten von 1945 verloren. Diese Rückblenden decken schrittweise ein tragisches Geheimnis auf, das eine Relevanz zum aktuellen Fall hat. Für zusätzliche Spannung sorgen auch die eingestreuten, kurzen Abschnitte in Kursivschrift aus Sicht eines unbekannten Täters, die sehr rätselhaft erscheinen und die man zunächst nicht richtig zuordnen kann. Durch die unterschiedlichen Perspektivwechsel und die fortschreitenden Ereignisse während der Ermittlungen baut sich schon bald eine enorme Spannung auf. Man beginnt zu rätseln, wie die verwirrenden Details zusammenhängen könnten. Leider erhält man schon recht früh einige sehr offensichtliche Hinweise auf das möglich Motiv, so dass die spätere Auflösung meinen Verdacht bestätigen konnte und für mich keine Überraschung mehr darstellte.
Große Probleme hatte ich bei diesem Krimi mit den Hauptfiguren, die zwar recht lebendig gezeichnet sind, mit denen ich aber nicht richtig warm werden konnte. Die junge, sehr engagierte Polizistin Anna Krüger ist zwar eine interessante Protagonistin mit vielen Ecken und Kanten. Durch ihr zeitweise unprofessionelles, chaotisches Vorgehen während der Ermittlungen hat jedoch der aktuelle Fall zu leiden. Seit einem traumatischen Jugenderlebnis leidet sie unter starken Migräneattacken – ihrem „Stalin“ - und hat derart mit den Dämonen ihrer Vergangenheit zu kämpfen, dass sie zeitweise kaum noch dienstfähig ist. Für meinen Geschmack haben diese Passagen etwas zu viel Raum in der Geschichte eingenommen. Auch ihr Vorgesetzter Paul und die neue Kollegin Saskia konnten mich weder charakterlich noch mit ihrer weitgehend inkompetenten Arbeit überzeugen.
Sehr stimmungsvoll und atmosphärisch dicht sind die Beschreibungen der verschiedenen Inselschauplätze, die dem Krimi ein ganz besonderes Flair verleihen. Zum Ende ist es dem Autor mit seinen tollen Beschreibungen des bedrohlichen, düsteren Sturm-Szenarios, das wundervoll vom Buchcover eingefangen wird, noch einmal gelungen, einen wirklich packenden Showdown hinzulegen. Die Auflösung des Falls ist eingebettet in das historische Erbe der Insel und in sich schlüssig, auch die psychologischen Hintergründe der Tat sind insgesamt nachvollziehbar ausgearbeitet.
Man darf nur hoffen, dass sich das Team der Helgoländer Inselpolizei für seinen nächsten Fall auf "der mörderischsten Insel Deutschlands" etwas besser sortiert und seine persönlichen Defizite aufgearbeitet hat.
FAZIT
Ein unterhaltsamer Krimi mit einer interessanten Hintergrundstory, mit einer recht vorhersehbaren Auflösung und einem ziemlich inkompetenten Ermittlerteam.

Veröffentlicht am 30.12.2017

Provencalische Mörderjagd

Der Nebel von Avignon
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INHALT
Der Bonner Kriminalhauptkommissar Krüger aus Bonn macht mit seiner Freundin Carmen wohlverdienten Urlaub in der Provence. Doch dann ereignet sich ein Mordfall im netten Örtchen Malaucène zu Füßen ...

INHALT
Der Bonner Kriminalhauptkommissar Krüger aus Bonn macht mit seiner Freundin Carmen wohlverdienten Urlaub in der Provence. Doch dann ereignet sich ein Mordfall im netten Örtchen Malaucène zu Füßen des Mont Ventoux gelegen und Krüger ist wieder voll in seinem Element. Gemeinsam mit dem französischen Untersuchungsrichter Bertrand Bonnefoy versucht Krüger dem Täter auf die Spur zu kommen. Alles scheint sich um ein wertvolles, noch unbebautes Grundstück mit Blick auf den Papstpalast in Avignon zu drehen, das der verfeindete Bruder des Mordopfers nicht verkaufen wollte. Doch welche Rolle spielt der Arbeitgeber des Getöteten, ein Weinhändler aus Châteauneuf-du-Pape, und was hat es mit dem verunglückten Tanklaster und seiner geheimnisvollen Fracht auf sich? Bei ihren unkonventionellen Ermittlungen zu dem kniffligen Fall tappt das inoffizielle Ermittlerteam zunächst ziemlich im Dunkeln … nur gut, dass sie unverhofft weitere Unterstützung bekommen!

MEINE MEINUNG
Mit „Der Nebel von Avignon“ hat Autor Paul Schaffrath bereits den vierten Fall des etwas kauzigen Bonner Kommissars Krüger vorgelegt, der diesmal während seines Urlaubs in der Provence ermittelt. Da jeder Kriminalfall in sich abgeschlossen ist, ist ein Quereinstieg problemlos möglich. Sehr schön stimmt bereits das hübsche Cover mit einem typischen Touristen-Postkartenmotiv auf den Handlungsort ein, den viele sicher auch ohne den Untertitel „Provence-Krimi“ einordnen können. Der eigentlichen Handlung vorangestellt sind zum besseren Überblick ein Inhaltsverzeichnis und ein Personenregister – eine echte Seltenheit bei heutigen Krimis und Thrillern!
Lebendig und sehr anschaulich beschreibt Schaffrath neben der provenzalischen Landschaft auch die kleinen Orte und Städtchen und fängt zudem gekonnt das herrliche Flair der malerischen südfranzösischen Gegend ein. Recht schnell fühlt man sich in eine schöne Urlaubsstimmung hinein versetzt und merkt an vielen Details, dass der Autor die Schauplätze vor Ort gut recherchiert hat.
Nach einem mysteriösen Einstieg beginnt der verzwickte Kriminalfall zunächst mit zwei getrennten Handlungssträngen, die in unmittelbarer Nähe spielen, wodurch recht schnell Spannung aufgebaut wird. Zum einen erleben wir Kommissar Krüger mit seiner Freundin, die vom französischen Untersuchungsrichter Bonnefoy spontan an den Ermittlungen beteiligt werden, und zum anderen seinen Bonner Kollegen Schneider, der zufällig auch in der Provence Urlaub macht und eine sehr attraktive Französin kennen gelernt hat. Geschickt lässt der Autor die Erzählstränge schließlich zusammenlaufen, so dass der Fall aus unterschiedlichen Perspektiven analysiert und spekuliert werden kann. Während ich anfangs noch den Eindruck hatte, dass hier gewissenhafte Ermittlungsarbeit betrieben wird und ein Miträtseln beim Fall möglich ist, musste ich allerdings feststellen, dass die sehr unkonventionelle Zusammenarbeit mit den ermittelnden Franzosen wegen dilettantischer Pannen und Krügers eigenwilliger Art, Beweismittel und auch einige wichtige Schlussfolgerungen zurückzuhalten, nicht ganz ernst zu nehmen ist. Bei den vielen Beratungen in gemütlichen Cafés und Restaurants mit köstlichen französischen Menus beginnt die Aufklärung des Falls bisweilen eine eher nebensächliche Rolle zu spielen. Durch die immer mehr vor sich hin plätschernden Ermittlungen leidet die Spannung allerdings enorm. Bei dem selbsternannten internationalen Team scheint offensichtlich die Chemie zu stimmen, wie man an den höchst amüsanten, kauderwelschenden Treffen merkt, die der Autor sehr ausführlich, humorvoll und pointenreich beschreibt. Hierzu passt auch Krügers Tick, auf jegliche Grammatikfehler seiner Mitmenschen hinzuweisen. Ein Running Gag, den mittlerweile auch Krügers Freundin aufgreift und bei passender Gelegenheit weiterführt. Dies dürfte insgesamt eher etwas ältere Leser ansprechen, die sich sicher auch mit der durchgängig benutzten alten deutschen Rechtschreibung sehr wohl fühlen werden.
Sehr unterhaltsam und teilweise urkomisch werden einige Szenen beschrieben und bringen den Leser zum Schmunzeln. Die Auflösung des Falls gipfelt schließlich in einem gelungenen Showdown mit fast filmreifer Dramaturgie. Ich muss allerdings gestehen, dass ich den Kriminalfall nur mäßig fesselnd und einiges bei der Aufklärung als nicht sehr glaubwürdig empfunden habe.

FAZIT
Insgesamt ein recht unaufgeregter Kriminalroman, der mit einer gehörigen Portion an Humor und Situationskomik zu unterhalten weiß und sehr gelungen das Flair der beliebten französischen Provence einfängt. Ein kurzweiliges Leseerlebnis!

Veröffentlicht am 30.12.2017

Ein Spiel um Leben und Tod

Isoliert
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INHALT
Im Jahr 2037 werden sieben Menschen auf die kleine, menschenleere Insel Isola vor der schwedischen Küste gebracht, um an einem 48stündigen Auswahlverfahren teilzunehmen. Nur einer der Kandidaten ...

INHALT
Im Jahr 2037 werden sieben Menschen auf die kleine, menschenleere Insel Isola vor der schwedischen Küste gebracht, um an einem 48stündigen Auswahlverfahren teilzunehmen. Nur einer der Kandidaten kann sich dort für einen Geheimdienstposten im inneren Zirkel der Partei qualifizieren. Zu ihnen gehört Anna Francis, eine alleinerziehende Mutter mit einer 9-jährigen Tochter, die hauptsächlich von ihrer Mutter großgezogen wird. Als hochgeschätzte Leiterin eines Flüchtlingslagers im Krisengebiet Kysylkum ist Anna erst vor kurzem mit einem Trauma nach Schweden zurückgekehrt. Nun hat sie die Aufgabe zugeteilt bekommen, auf Isola ihren eigenen Tod vorzutäuschen, um anschließend aus einem sicheren Versteck die Reaktionen der verbliebenen Testpersonen auszuspionieren, heimlich zu dokumentieren und den geeignetsten Kandidaten auszuwählen. Als pflichtbewusstes Arbeitstier kann sie diesen Job nicht ausschlagen, zumal es möglicherweise ihr letzter Einsatz sein soll. Doch wie werden die anderen Kandidaten auf ihren Tod reagieren, wenn klar wird, dass ein vermeintlicher Mörder unter ihn ist? Die Situation spitzt sich zu, als ein Sturm aufzieht, der Kontakt zur Außenwelt abbricht und die einzige Eingeweihte plötzlich verschwindet.

MEINE MEINUNG
Angesiedelt ist die Handlung des Thrillerdebüts „ISOLIERT“ aus der Feder der schwedischen Autorin Åsa Avdic in der Zukunft. Wir befinden uns im Jahre 2037 in Schweden, das unter dem Protektorat der Kommunistischen Freundschaftsunion steht – so erfahren wir in einem vorangestellten Auszug aus der „Internationalen Enzyklopädie“, die an einen WIKIPEDIA-Eintrag erinnert. Wie man allerdings nur dem Klappentext entnehmen kann, wurde der Eiserne Vorhang niemals geöffnet, sondern weiter nach Westen gezogen. Eigentlich eine spannende Ausgangssituation, die auf einen fesselnden Thriller in einem fiktiven, totalitären Staat hoffen lässt.
Leider ist es Autorin nur unzureichend gelungen, ihre vielversprechende Handlungsidee frei nach Agatha Christies Klassiker „And Then There Were None“ (im Deutschen »Und dann gab’s keine mehr«) vor einem Orwell’schen Hintergrund wirklich packend umzusetzen und das Potential voll auszuschöpfen. Der Erzählstil der Autorin wirkt sehr distanziert und nüchtern, was zwar die sterile, gefühlskalte Atmosphäre in diesem totalitären Staat hervorragend widerspiegelt, zugleich aber den Einstieg erschwert.
Auch die Einführung in die Geschichte erfolgt extrem vage und verwirrend, so dass man sich im Grunde keine konkreten Vorstellungen vom diesem Staat und dem alltäglichen, tristen Leben dort machen kann. Leider wird dieses schwammige Bild eines menschenverachtenden Staatskonstrukts auch bis zum Ende mit wenig Leben gefüllt, was mich schon sehr enttäuschte. Die Autorin bleibt dem Leser auch Erläuterungen zu dem ominösen RAN-Projekt letztendlich schuldig, was zwar für das Verständnis der Handlung nicht relevant ist, aber das Gesamtbild besser abgerundet hätte.
Zu Beginn lernen wir die sehr unnahbare Protagonistin Anna Francis kennen, die einen nicht näher beschriebenen Job für eine Regierungsbehörde hat. Auch wenn man im Laufe der Geschichte einige interessante Details und Geheimnisse aus ihrer Vergangenheit erfährt und Einblicke in ihre vielschichtige Persönlichkeit erhält, bleiben ihre Gefühlswelt und ihr Verhalten weitgehend unergründlich, wodurch sie nicht sehr sympathisch wirkt. Recht dürftig ausgearbeitet sind leider auch die weiteren Charaktere der Geschichte wie beispielsweise der Kandidat Henry Fall, Annas ehemaliger Kollege, und die in den Plan eingeweihte Ärztin Katja, während die übrigen Figuren entsprechend ihrer Rollen bewusst im Hintergrund bleiben und nur sehr oberflächlich vorgestellt werden.
Die Geschichte wird aus verschiedenen Zeitperspektiven und zudem aus der Perspektive von verschiedenen Figuren – hauptsächlich aus Henrys und Annas Sicht - erzählt, wodurch erst allmählich Spannung aufgebaut wird. Erstaunlich schnell wird die prekäre Handlung auf der einsamen Insel abgehandelt, von der ich mir wesentlich mehr nervenaufreibende Szenen und psychologische Spielchen versprochen hatte. Richtig fesselnd wurde dieser Thriller für mich allerdings ab etwa Mitte des Buchs, wenn man nach einigen unerwarteten Wendungen allmählich die verschiedenen Blickwinkel und Bruchstücke zusammensetzen kann und sich ein erschreckendes Gesamtbild ergibt. Erst zum Ende hin erkennt man die geschickte Konstruktion der dystopischen Geschichte und erfasst die Tragweite des von der Regierung ersonnenen, perfiden Plans auf Isola. Ich bin sehr gespannt, auf die von der Autorin in einem Interview angekündigte Fortsetzung von Annas Geschichte, in der sicherlich einige der noch offenen Fragen beantwortet werden, und der Leser einen tieferen Einblick in das System erhalten wird.

FAZIT
Ein dystopischer Thriller mit einer interessanten Ausgangsidee, der mich leider erst sehr spät fesseln konnte! Schade, dass die Autorin hier einiges an Potential verschenkt hat, denn mit einer geschickteren Umsetzung hätte eine wesentlich packendere Geschichte entstehen können.

Veröffentlicht am 04.11.2025

Uketsus experimentelles Mystery-Debüt

HEN NA IE - Das seltsame Haus
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MEINE MEINUNG
Nach dem großen Erfolg von "HEN NA E - Seltsame Bilder" erscheint nun mit „Hen na IE – Das seltsame Haus“ ein weiterer Mysteryroman des geheimnisumwitterten japanischen Kultautors und YouTubers ...

MEINE MEINUNG
Nach dem großen Erfolg von "HEN NA E - Seltsame Bilder" erscheint nun mit „Hen na IE – Das seltsame Haus“ ein weiterer Mysteryroman des geheimnisumwitterten japanischen Kultautors und YouTubers Uketsu, der unter Pseudonym auftritt. Bemerkenswert dabei ist, dass es sich hierbei um das eigentliche Debüt des Autors handelt, das ursprünglich während des Pandemie-Lockdowns zunächst als Mystery-Video veröffentlicht wurde. Ebenso entstand zudem eine dreibändige Manga-Adaption unter dem englischen Titel „The Strange House“.

Während Uketsu in "HEN NA E - Seltsame Bilder" seinen originellen Sketch-Mystery-Stil als innovative Erzählform perfektioniert hat, ist im vorliegenden Band die Verwendung der Illustrationen als eigenständige narrative Elemente noch etwas unausgereift. Vieles wirkt experimentell und lässt das Potential der verborgenen Bildbotschaften nur ansatzweise erkennen.

Auch folgt die Geschichte nicht einer Handlung im eigentlichen Sinne, sondern entwickelt sich meist im Rahmen dialogischer Szenen, in denen allmählich gruselige Geheimnisse aufgedeckt und erschütternde menschliche Abgründe enthüllt werden. Trotz dieses eher ungewöhnlichen Erzählform entfaltet sich von Beginn an eine unheilvolle Atmosphäre und latente Spannung, die einen rasch in den Bann zieht.

Im Mittelpunkt der in vier Kapitel untergliederten Geschichte stehen der zunächst namenlose Ich-Erzähler und freier Journalist für okkulte Phänomene sowie der Architekt und Horror- und Mystery-Fan Kurihara, den er zur Analyse des ungewöhnlichen Grundrisses eines zum Verkauf stehenden Hauses hinzuzieht. Gemeinsam stoßen sie neben einem mysteriösen versteckten Raum auf weitere bauliche Auffälligkeiten, die Anlass zu düsteren Spekulationen über frühere Bewohner und deren dunkle Machenschaften geben. Je mehr sie sich mit den Bauplänen beschäftigen, desto mehr verstörende Theorien stellen die beiden zu dem seltsamen Haus und seinen Bewohnern auf und lassen sie Schlimmstes vermuten. Der Einstieg in die Geschichte in einem linearen Erzählstrang präsentiert sich deutlich schlichter und weniger packend als der Vorgängerband, in dem Uketsu mit verschiedenen Handlungssträngen und anfangs unzusammenhängenden Kapiteln rasch Spannung aufbaute. Erst mit dem Fund von Leichenteilen in Nähe des Hauses und dem Auftauchen der geheimnisvollen Informantin Yuzuki, die einen weiteren Hausgrundriss ins Spiel bringt, gewinnt die Geschichte deutlich an Fahrt, denn die zuvor aufgestellten makabren Hypothesen finden scheinbar Bestätigung. Der nüchterne, minimalistisch gehaltene Schreibstil des Autors hat einen nahezu dokumentarischen Charakter und ist geprägt von dialogreichen Passagen und immer wieder eingeschobenen Grundriss-Skizzen als besonderes Stilmerkmal. Deren originelle Einbindung verleiht dem Roman einen sehr mysteriösen Charakter, wobei sich die eigentlichen Bilderrätsel diesmal leider auf die Grundrisse der Häuser sowie Detailausschnitte spezieller Räume und baulicher Strukturen beschränken, deren potentielle Geheimnisse nach und nach enthüllt werden. Das wiederholte Präsentieren ähnlicher visueller Motive bremst allerdings den Lesefluss und erzeugt mitunter unnötige Redundanzen. Die ausführlichen Erklärungen der baulichen Details sind zwar hilfreich, nehmen jedoch oft die eigene Detektivarbeit vorweg, so dass einem die Möglichkeit genommen wird, selbst mitzurätseln und eigenen Schlüssen zu ziehen.

Dennoch versteht es Uketsu sehr gut, durch vage Andeutungen eine düstere Atmosphäre heraufzubeschwören und durch raffinierte Cliffhanger eine beklemmende Spannung aufzubauen.

Mit Offenbarungen zu rätselhaften Bräuchen, okkulten Ritualen, Familientragödien und innerfamiliären Machtkämpfe wird das Geschehen zunehmend verworrener und abstruser. Neben einzelnen, schwer nachvollziehbaren Wendungen nehmen die Verwicklungen und Zufälle in ihrer repetitiven Ausprägung überhand und wirken stellenweise befremdlich und unglaubwürdig. Zudem beeinträchtigen einige logische Schwachstellen sowie überkonstruierte wirkende Elemente den Lesespaß. Gekonnt gewährt uns Uketsu als Meister des Unheimlichen, Rätselhaften und Okkulten erschütternde Einblicke in familiäre Traumata sowie menschliche wie kulturelle Abgründe. Die Hauptfiguren bleiben leider weitgehend eindimensional und leblos, so dass man keinen Zugang zu ihren Motiven und ihrem Innenleben erhält. Sie dienen eher als Spielfiguren in Uketsus rätselhaftem Inszenierungskonzept.

Besonders gelungen zeigt sich der finale Twist im Nachwort, der uns die zuvor als stimmig präsentierte Auflösung noch einmal grundlegend in Frage stellen lässt und zum intensiven Nachdenken über die Geschehnisse herausfordert.

Die vielversprechende Ausgangsidee des Mystery-Romans leidet insgesamt unter einer streckenweise überfrachteten und konstruierten Handlung sowie blassen Figuren. Trotz seiner beklemmenden, atmosphärischen Dichte und des faszinierenden japanischen Settings konnte mich Uketsus Debüt nur teilweise überzeugen sein und lässt mich etwas zwiegespalten zurück.

FAZIT

Ein rätselhafter, aber ambivalenter Sketch-Mystery-Roman, der insbesondere Liebhaber ungewöhnlicher Erzählformen und japanischer Mystery-Kultur eine spannende Entdeckung sein dürfte.

  • Einzelne Kategorien
  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Spannung
Veröffentlicht am 29.09.2024

Auftakt zu einem Krimiklassiker mit nostalgischem Charme

Mord in der Charing Cross Road
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MEINE MEINUNG
Bei dem klassischen Kriminalroman „Mord in der Charing Cross Road" von der britischen Autorin Henrietta Hamilton handelt es sich um den ersten Band einer wieder entdeckten Krimi-Klassiker-Reihe ...

MEINE MEINUNG
Bei dem klassischen Kriminalroman „Mord in der Charing Cross Road" von der britischen Autorin Henrietta Hamilton handelt es sich um den ersten Band einer wieder entdeckten Krimi-Klassiker-Reihe rund um das selbsternannte Hobby-Ermittlerduo Sally und Johnny.
Ganz im Stil klassischer Whodunits aus der Feder von Agatha Christie oder Arthur Conan Doyle verfasst, bietet dieser britische Krimiklassiker zwar gediegenen Rätselspaß, kann aber leider bei weitem nicht mit deren raffiniert konstruierten Kriminalfällen mithalten.
Obwohl der Roman bereits 70 Jahre alt ist, erscheint er erstaunlich zeitlos. Die Handlung und das historische Umfeld verraten dennoch das Alter der Geschichte und spiegeln deutlich den damaligen Zeitgeist wieder. Dank behutsamer Modernisierung der Übersetzung wirkt der Schreibstil relativ frisch und ansprechend. Der Krimi zeichnet sich jedoch durch ein sehr gemächliches Erzähltempo und eine eher spannungsarme Handlung mit ausführlichen Beschreibungen aus, die leider etliche Längen aufkommen lässt und für heutige Lesegewohnheiten gewöhnungsbedürftig ist.
Als faszinierenden Schauplatz für den Kriminalfall hat die Autorin das rastlose London der Nachkriegszeit Mitte der 1950er Jahre gewählt. Gekonnt zeichnet sie ein eindringliches, authentisches Bild der vom Zweiten Weltkrieg gezeichneten britischen Hauptstadt in hoffnungsvoller Aufbruchstimmung und inmitten gesellschaftlichen Wandels. Die anschaulichen Beschreibungen der Schauplätze, Mode und des alltäglichen Lebens lassen uns mühelos in die damalige Zeit eintauchen.
Die Handlung ist hauptsächlich im mehrstöckigen Antiquariat in der berühmten Londoner Charing Cross Road angesiedelt, die für ihre zahlreichen Buchhandlungen bekannt ist. Hamilton gelingt es gut, diese reizvolle Kulisse und einzigartige Atmosphäre der literarischen Welt einzufangen. Die verstaubten Regale voller antiquarischer Bücher, der besondere Duft alter Kostbarkeiten und das Knarren der Holzdielen werden so lebendig beschrieben, dass man sich rasch mitten im Geschehen wähnt.
Insgesamt entfaltet die faszinierende Zeitreise in die Nachkriegsjahre des alten Londons und das schöne Flair der antiquarischen Buchhandlungen einen besonderen nostalgischen Charme und machen den besonderen Reiz dieses leicht angestaubt wirkenden, aber unterhaltsamen Krimis aus, der zudem einige Mystery-Elemente enthält.
Vor diesem faszinierenden Setting der Buchhandlung ereignet sich der geheimnisvolle Mord an dem höchst unbeliebten Antiquariatsmitarbeiter Mr. Butcher. Sally Merton und der Juniorchef Johnny Heldar beginnen auf eigene Faust mit diskreten Nachforschungen zu dem rätselhaften Todesfall, bei dem auch einige sehr mysteriöse Vorgänge eine Rolle zu spielen scheinen. Ihre im Rahmen der Ermittlungen geführten Gespräche mit etlichen Verdächtigen und Zeugen enthüllen verschiedene Hinweise auf mögliche Motive für den Mord. Der mit spannenden Verwicklungen und einigen überraschenden Wendungen aufwartende Fall lädt durchaus zum Miträtseln ein.
Die Hauptfiguren Sally Merton und Johnny Heldar sind zwar stimmig gezeichnete Charaktere, die sehr anschaulich die Werte und gesellschaftlichen Normen der damaligen Zeit sowie die Rolle der Frauen widerspiegeln. Trotz ihrer zentralen Rolle als Ermittlerduo bleiben sie jedoch erstaunlich blass und eindimensional, so dass es schwer fällt sich in die Charaktere hineinzuversetzen. Sally ist eine intelligente, selbstbewusste junge Frau, die bereits mit einigen Konventionen ihrer Zeit bricht, während Johnny als Juniorpartner des Antiquariats eine noch eher traditionelle Haltung vertritt. Die sich zwischen den beiden anbahnende Liebesgeschichte soll für romantische Spannung sorgen, wirkt allerdings etwas aufgesetzt und wenig überzeugend.
Entsprechend sind auch die zahlreichen Nebenfiguren eher oberflächlich angelegt.
Dank der beharrlicher Vorgehensweise, ihrer guten Beobachtungsgabe und cleveren Schlussfolgerungen gelingt es dem ungleichen Ermittlerduo schließlich, den Fall und die Hintergründe aufzuklären.

FAZIT
Solider Auftakt einer wiederentdeckten britischen Krimiklassiker-Reihe, die uns ins faszinierende London der 1950er Jahre entführt!
Eine beschauliche Reise in die Welt der antiquarischer Buchhandlungen und klassischen Kriminalliteratur mit tollem nostalgischen Charme, aber mit einigen Schwächen in Charakterzeichnung und Spannungsentwicklung – eher für Liebhaber gemächlich erzählte Whodunit aus Großbritannien!

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