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Veröffentlicht am 26.11.2025

Eisige Zeiten

Fräulein Gold: Der Preis der Freiheit
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„Was war das nur für ein seltsamer Ort, an dem Ratten freier waren als Menschen?“ (S. 103)
Berlin, Ostern 1932: Hulda Gold arbeitet nach der Einschulung ihrer Tochter Meta tageweise im Frauengefängnis ...

„Was war das nur für ein seltsamer Ort, an dem Ratten freier waren als Menschen?“ (S. 103)
Berlin, Ostern 1932: Hulda Gold arbeitet nach der Einschulung ihrer Tochter Meta tageweise im Frauengefängnis Barnimstraße, wo sie Schwangere, Mütter und Babys betreut. Bei einer Untersuchung bricht ihre Patientin Anna in Tränen aus. Eine Mitgefangene ist plötzlich gestorben. Im Gefängnis findet man selten echte Freunde, doch Ruth war die Einzige, die Anna freundlich begegnet ist. Erst als Hulda auf Kommissarin Irma Sigel trifft, wird klar: Ruth wurde ermordet – und Anna hat bereits einmal auf genau diese Weise getötet. Obwohl Hulda und Irma sich noch nie leiden konnten, halten beide Anna diesmal für unschuldig. Und je mehr sie miteinander zu tun haben, desto deutlicher wird, wie ähnlich sie sich in ihren Lebensentwürfen sind: „Sie war, in den Grenzen ihrer Möglichkeiten, eine freie Frau.“ (S. 161)

Hulda kämpft mit dem Spagat zwischen Hebammenarbeit und Muttersein. Sie liebt ihren Beruf, doch die Sorge, Meta zu kurz kommen zu lassen, bleibt. Zum Glück helfen Metas Großeltern und Huldas Vater, während ihr Mann Max wenig Verständnis zeigt. Die Ehe ist angespannt, Hulde entspricht nicht dem Ideal der Hausfrau, vieles bleibt an Max hängen. Ihre Freundin Jette versichert ihr immer wieder, dass sie eine gute Mutter und Partnerin ist, aber die Zweifel bleiben.

Gleichzeitig verschärft sich das politische Klima. Nach dem ersten Wahlgang der Reichspräsidentenwahl steht ein zweiter an – hoffentlich gegen die NSDAP. Denn auch auf dem Winterfeldplatz wird die Stimmung immer eisiger. Ihr Freund Bert und sein Partner werden angegriffen, Hulda selber aufgrund ihrer jüdischen Herkunft misstrauisch beäugt. Max erhält ein Angebot, Deutschland zu verlassen, während Hulda (noch?) nicht bereit ist, ihre Heimat aufzugeben. „Sie glauben noch an Wunder, was, Fräulein Gold?“ (S. 157) Doch kann sie Max verbieten, für sich und seine Söhne aus erster Ehe einen sicheren Weg zu suchen?

Das Setting im Frauengefängnis fand ich besonders gelungen. Trotz seiner Lage mitten in Berlin wirkt es wie eine abgeschottene Insel mit eigenen Regeln und einer strengen Hierarchie, in der Anna als Mörderin ganz unten steht.
Huldas moderner Arbeitsplatz kontrastiert mit dem trostlosen Innenhof, der jede Hoffnung erstickt. Viele ihrer Patientinnen sind von der Mutterrolle überfordert und fürchten, nach ihrer Entlassung wieder in die ausweglose Situation zurückzufallen, aus der sie gekommen sind. Hulda gibt ihnen mit, was sie selbst kaum glauben kann: „… eine Mutter kann alles. Sie ist der stärkste Mensch der Welt.“ (S. 399)

„Der Preis der Freiheit“ ist bereits der 8. Band der Reihe und hat mich von der ersten Seit an gepackt. Anne Stern erzählt atmosphärisch dicht, macht das Berlin der frühen 1930er, politische Spannungen und gesellschaftlichen Wandel lebendig. Besonders habe ich mich über das Wiederlesen mit bekannten Protagonisten wie Karl North sowie den Auftritt von Kriminalrat Gennat und seiner backenden Sekretärin gefreut. Das verleiht dem Roman zusätzliche Authentizität.
Ein wichtige Reihe #gegendasvergessen.

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Veröffentlicht am 23.11.2025

Das Medaillon

Felix Blom - Mord an der Spree
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„Mathilde sprach eigentlich nie über ihre Vergangenheit. Sie hütete ihre Geheimnisse wie zerbrechliche Artefakte, die nicht ans Tageslicht gelangen durften.“ (S. 65)
Seit einem Jahr arbeitet der ehemalige ...

„Mathilde sprach eigentlich nie über ihre Vergangenheit. Sie hütete ihre Geheimnisse wie zerbrechliche Artefakte, die nicht ans Tageslicht gelangen durften.“ (S. 65)
Seit einem Jahr arbeitet der ehemalige Meisterdieb Felix Blom nun schon für die Privatdetektivin Mathilde Voss, als sie plötzlich von ihrer früheren Tätigkeit als Edelprostituierte eingeholt wird. Ein Graf beauftragt sie, ein Medaillon zurück zu beschaffen, dass ihm seine Geliebte gestohlen hat. Als Mathilde deren Namen hört, erstarrt sie: Die vermeintliche Diebin ist Charlotte, einstige Kollegin und Freundin. Doch ist spurlos verschwunden.
Kurz darauf meldet sich eine weitere ehemalige Kollegin, aber als Mathilde bei ihr eintrifft, ist diese bereits tot. Mathilde wird von der Polizei überrascht und als mutmaßliche Mörderin verhaftet. In ihrer Wohnung findet man zudem das gestohlene Schmuckstück. Es sieht es so aus, als hätte sie aus Habgier gemordet. Obwohl Blom Zweifel ihrer Schuld streut, liegt der Fall längst bei Gericht, und Mathilde wird nach Moabit überstellt. Für Blom beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Gelingt es ihm, ihre Unschuld zu beweisen, bevor sie als Mörderin verurteilt und hingerichtet wird?

„Berlin wandelte sich wie eine Schlange, die sich häutete. Die Stadt streifte ihre alte Hülle ab – aber darunter verbarg sich nicht nur Glanz, sondern auch etwas Rohes, Ungezähmtes und Brutales.“ (S. 17)
„Mord an der Spree“ ist der dritte Band der Reihe und erneut temporeich, atmosphärisch dicht und äußerst spannend. Mathilde und Blom kämpfen mit finanziellen Sorgen, Blom verspürt zunehmend den Drang, in alte Muster zurückzufallen. Die vermeintlich lukrative Suche nach dem Medaillon hätte der Durchbruch sein können, doch dann nimmt der Fall eine dramatische Wendung. Während Mathilde im Gefängnis sitzt, versuchen Blom und Kommissar Harting, trotz gegenseitiger Vorbehalte, gemeinsam, den wahren Täter zu finden. Die Ermittlungen bleiben lange erfolglos, bis Blom ausgerechnet aus der Unterwelt einen entscheidenden Hinweis erhält und wieder zu den Methoden des Meisterdiebs greift – gelernt ist eben gelernt!

Alex Beer gehört für mich zu den besten AutorInnen historischer Kriminalromane. Ihre detaillierte Recherche, die dichte Atmosphäre und die authentische Darstellung von Moabit, Polizei- und Gerichtsstrukturen sowie der Berliner Unterwelt machen den Roman besonders lebendig. Geschickt flicht sie eine zweite Zeitebene ein, die mehr über die eventuellen Hintergründe der Morde und den vermuteten Täter verraten. Die Handlung ist klug konstruiert und hält bis zum Schluss überraschende Wendungen bereit – auf diese Lösung wäre ich niemals gekommen.

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Veröffentlicht am 19.11.2025

Der Menschenflüsterer

Die an den Tod nicht glauben
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„Ich bin Gerichtsmedizinerin, auch wenn mir das verfluchte Zertifikat, um es nachzuweisen, fehlt.“ (S. 173)
Berlin 1910: Perdita ist im gerichtsmedizinischen Institut Berlin aufgewachsen, wo ihr Vater ...

„Ich bin Gerichtsmedizinerin, auch wenn mir das verfluchte Zertifikat, um es nachzuweisen, fehlt.“ (S. 173)
Berlin 1910: Perdita ist im gerichtsmedizinischen Institut Berlin aufgewachsen, wo ihr Vater Hausmeister ist. Seit ihrer Geburt ist sie vom Tod umgeben und fasziniert. Ihr Traum, Gerichtsmedizinerin zu werden, scheitert jedoch am fehlenden Schulabschluss. Also lernt sie das Handwerk praktisch, indem sie den Rechtsmedizinern assistiert. Als die angebliche Selbstmörderin Frauke Walther obduziert wird, fällt ihr die stark vergrößerte Leber der jungen Frau auf. War die halbverhungerte Mutter eines wenige Monate alten Babys wirklich Alkoholikerin? Wo sollte sie das Geld dafür herhaben, und hätte sie ihr Kind wirklich allein zurückgelassen?
Perdita möchte die Leiche am nächsten Tag noch einmal heimlich untersuchen, doch die ist verschwunden! Als sie den Fall bei der Kripo meldet, landet sie bei Kriminalanwärter Dieter Schulz. Der hat Fraukes Akte bearbeitet und ebenfalls Unstimmigkeiten bemerkt. Warum wurde die Leiche so schnell von Charon Czerny abgeholt, dem teuersten Bestatter Berlins, und wer hat ihn bezahlt? Perdita berichtet ihm von einem weiteren Fall von vor 2 Jahren. Eine junge Frau, arm und ohne Angehörige, mit deutlichen Anzeichen einer Vergiftung; auch sie wurde als Selbstmörderin eingestuft und von Czerny bestattet. Das kann kein Zufall sein! Gemeinsam beginnen Perdita und Schulz zu ermitteln.

„Dieses „Schwarze Ferkel“ war offenbar ein Schmelztiegel, indem die Heimatlosen eine Heimat fanden.“ (S. 235)
Ihre Nachforschungen führen sie ins Schwarze Ferkel, eine üble Spelunke, in der Tadeú, der Vater von Fraukes Kind, Hof hält und alle in seinen Bann zieht. Er bezeichnet sich selbst als Satan, losgelöst vom Gesetz und Herrscher über Leben und Tod, allein durch die Macht seiner Gedanken. Er lebt von den Gaben anderer, findet stets jemanden, der ihn einlädt, und Frauen, die ihm zu Füßen liegen. Frauke war nur eine von vielen. Ein perfekter Verdächtiger, doch er hat ein Alibi und verweist stattdessen auf Czerny: „Der hat den Tod in den Augen, wenn Sie da reingucken, erstarrt Ihnen das Herz zu Eis …“ (S. 15)

„Die an den Tod nicht glauben“ ist der Auftakt einer neuen Krimireihe und hat mich von der ersten Seite an gefesselt. Cleo Sternberg erschafft einen spannenden Kosmos, in dem man nie weiß, wem man glauben kann. Besonders überzeugt hat mich das historische Setting: Es erinnert zwar an andere Krimireihen, zeigt aber dennoch neue Facetten. Die Figuren sind sehr gut ausgearbeitet und wirken realistisch.
Perdita ist für eine Frau ihrer Zeit und gesellschaftlichen Stellung ungewöhnlich klug und entschlossen. Sie will unbedingt Gerichtsmedizinerin werden, ohne nochmal die Schulbank zu drücken. Ihr Vater hat sie allein großgezogen und ihr, ebenso wie der Institutsleiter, viele Freiheiten gelassen. Sie kennt kaum Angst, bis sie Czerny begegnet. Der Bestatter mit den eisigen Augen ist ihr unheimlich. Kann sie ihm wirklich trauen? Auf der Suche nach der Wahrheit riskiert sie ihr Leben und erschrickt über ihre eigene Courage.
Czerny ist sehr schwer zu durchschauen. Er wurde früh zum Waisen und für den Tod seiner Familie verantwortlich gemacht, obwohl ihm nichts nachgewiesen werden konnte. Um seinen Ruf kümmert er sich nicht – es scheint ihn nicht zu interessieren. Und dennoch wirkt es, als sei auch er ein Anhänger Tadeús.
Dieter Schultz hat sich aus Liebe zu seiner Isolde vom einfachen Schutzmann zum Kriminalanwärter hochgearbeitet. Chancen, weiter aufzusteigen, rechnet er sich kaum aus – außer, er löst einen spektakulären Fall auf.

Für mich ist der Krimi so kurz vor Jahresende noch mal ein echtes Lesehighlight und ein klarer Tipp für Fans von Anne Stern, Alex Beer und Volker Kutscher.

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Veröffentlicht am 13.11.2025

Schicksalsgemeinschaft

Elbnächte. Schatten über St. Pauli
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„Er muss aus meinem Leben verschwinden. Ich bin nicht frei, solange er dort draußen unterwegs ist.“ (S. 218)
Als Louises zum Tode verurteilter Mann Viktor aus dem Gefängnis befreit wird, stellt Inspektor ...

„Er muss aus meinem Leben verschwinden. Ich bin nicht frei, solange er dort draußen unterwegs ist.“ (S. 218)
Als Louises zum Tode verurteilter Mann Viktor aus dem Gefängnis befreit wird, stellt Inspektor Thönnes sie unter Polizeischutz. Schließlich hat Viktor Rache geschworen, weil sie ihn ans Messer geliefert hat. Doch trotz des Schutzes gelingt es jemandem, in Louises Haus einzubrechen und den Wachmann sowie eine Bewohnerin schwer zu verletzen.

„Elbnächte. Schatten über St. Pauli“ knüpft nahtlos an den ersten Band „Die Lichter über St. Pauli“ an und bleibt ebenso spannend. Um alle Zusammenhänge zu verstehen, sollte man den Auftakt unbedingt gelesen haben.
Louise führt inzwischen ein unabhängiges, selbstbestimmtes Leben und betreibt in St. Pauli die Bar Fatal. Aus der ahnungslosen, gutgläubigen Ehefrau ist eine entschlossene Geschäftsfrau geworden.
Ella, der nach jahrelanger Zwangsprostitution die Flucht nach Hamburg gelungen ist, hat sich ebenfalls ein neues Leben aufgebaut. Sie fährt morgens Brötchen für einen Bäcker aus und besucht abends die Schule, in der sie zu den besten Schülerinnen gehört.
Der ehemalige Polizist Paul arbeitet tagsüber auf dem Schlachthof und sorgt abends als Türsteher bei Louise für Ordnung und Sicherheit. Er liebt Ella, glaubt jedoch, mit seinem Handicap – er hat nur noch einen Arm – nicht gut genug für sie zu sein.

Die drei sind bereits im ersten Band zu einer echten Schicksalsgemeinschaft zusammengewachsen. Auch diesmal halten sie fest zusammen, als sie sich erneut ihren Feinden stellen, getrieben von dem Wunsch nach Gerechtigkeit und einem friedlichen Leben.
Louise will Viktor für seine Lügen und Verbrechen zur Strecke bringen und arbeitet dafür eng mit Kommissar Thönnis zusammen. Doch sie macht eine Entdeckung, den die sie ihm verschweigt.
Ella besucht regelmäßig den Waisenjungen Joshua bei seinen Pflegeeltern Reimers. Herr Reimers, ein Anwalt, versucht aufzuklären, wer für den Tod von Joshuas Eltern verantwortlich ist. Als er Unterstützung benötigt, eröffnet sich Ella eine große Chance.
Paul wiederum jagt immer noch den Unterweltboss Hinnerk Macke, obwohl er inzwischen weiß, dass es sich dabei um seinen als Kind verschollenen Bruder Michael handelt.
Ihre Ermittlungen sind fesselnd und gefährlich; alle drei geraten mehrfach in Lebensgefahr.

Doch Henrike Engels Fortsetzung ist so viel mehr als nur ein historischer Krimi. Ihre Figuren versöhnen sich mit ihren Schicksalen und z.T. auch Familien, finden Frieden mit ihrer Vergangenheit und finden oft auch ihr Glück in ungeplanten Karrieren und Beziehungen.
Schade, dass die Dilogie hier endet, ich hätte gerne noch mehr von Louise, Ella und Paul gelesen.

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Veröffentlicht am 07.11.2025

Der Ruf des Meeres

Der Klang von Wind und Wellen
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„Vielleicht war genau jetzt die Zeit, dorthin zurückzukehren. Und vielleicht würde ich dort nicht nur Erinnerungen wieder finden, sondern auch eine Ahnung davon, was ich wirklich wollte.“ (S. 84)
Nach ...

„Vielleicht war genau jetzt die Zeit, dorthin zurückzukehren. Und vielleicht würde ich dort nicht nur Erinnerungen wieder finden, sondern auch eine Ahnung davon, was ich wirklich wollte.“ (S. 84)
Nach dem Tod ihres Großvaters findet Julia in einer Schublade Urlaubsfotos von Amrum und erinnert sich an die Sommerferien, die sie dort mit ihren Großeltern verbracht hat. Außerdem entdeckt sie ein schmales Büchlein, in dem eine gewisse Mina Bork um 1880 die Preise für Schiffsladungen vermerkt hat – wie ist dieses Buch in den Besitz ihres Großvaters gelangt?
Da Julia sich gerade haltlos fühlt, wie ein Blatt im Wind, fährt sie kurzentschlossen für eine Woche auf die Insel. Nichts hält sie mehr im Haus ihres Großvaters, um den sie sich in den letzten Monaten liebevoll gekümmert hat. Kurz zuvor ist ihre Beziehung an der Untreue ihres Freundes zerbrochen, und auch ihren Job in der Buchhandlung hat sie durch einen Besitzerwechsels verloren. Dank eines kleinen Erbes kann sie sich nun die Zeit nehmen, wieder zu sich selbst zu finden und zu überlegen, was sie in Zukunft wirklich will. Ihr Herz schlägt nämlich nicht nur für Bücher, sondern auch für selbstgemachten Haselnussnougat. Aber könnte sie davon leben? Oder lässt sich vielleicht beides miteinander verbinden?

Als sie auf Amrum ankommt, fühlt es sich an wie ein Nach-Hause-Kommen. Auch wenn sich die Insel verändert hat, erkennt sie vieles wieder. Mitten im November lässt sie sich den Kopf und das Herz ordentlich durchpusten, findet alte Freunde wieder, lernt neue Menschen kennen – und erhält ganz unerwartet eine Stelle als Führerin bei der Pottwal-Ausstellung im Naturzentrum. „Vielleicht ist jetzt der Moment gekommen, die Vergangenheit ein für alle Mal ruhen zu lassen und nur nach vorne zu schauen.“ (S. 230) Während ihres Aufenthalts spürt Julia zudem ihrer Familiengeschichte nach. Sie erkundigt sich nach ihrem Großvater und seiner Verbindung zu Mina, entdeckt ein altes Geheimnis und söhnt sich mit einem nahen Familienmitglied aus.

Ich mag es, wie Anne Barns in ihren Büchern lange verschüttete familiäre Verbindungen aufdeckt und durch eine zweite Zeitebene lebendig werden lässt. Ganz nebenbei erfährt man vom harten, entbehrungsreichen Leben der Frauen und Kinder auf Amrum – davon, wie sie ohne Unterlass arbeiteten, um die Familien zu ernähren, während die Männer auf Walfahrt waren. Und wie die Mütter hofften, dass das nächste Kind endlich ein Mädchen sein würde, das auf der Insel bleiben könnte und nicht zur See fahren müsste.

Ich schätze Anne Barns‘ literarischen Stil sehr: Trotz der teils traurigen Schicksale ihrer ProtagonstInnen gelingt es ihr stets, Hoffnung und Zuversicht zu verbreitet.
„Der Klang von Wind und Wellen“ ist ein Buch zum Nachdenken, Wohlfühlen und Träumen, das Lust auf Nougat und Mee(h)r macht.

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