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Veröffentlicht am 28.11.2025

Bemerkenswert progressiv und empathisch für die Entstehungszeit

Norden und Süden
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"Norden und Süden" ist ein Klassiker, der von seiner Autorin Elizabeth Gaskell im Original ursprünglich als in einer Zeitschrift veröffentlichte Fortsetzungsgeschichte im Jahr 1854 veröffentlicht wurde, ...

"Norden und Süden" ist ein Klassiker, der von seiner Autorin Elizabeth Gaskell im Original ursprünglich als in einer Zeitschrift veröffentlichte Fortsetzungsgeschichte im Jahr 1854 veröffentlicht wurde, ein Jahr später in überarbeiteter Form als Buch herauskam und nun vom Reclam Verlag neu übersetzt in dieser deutschsprachigen Fassung erscheint. Wir befinden uns also zeitlich etwa 12 Jahre, bevor Karl Marx "Das Kapital" veröffentlichte - in der Zeit der Industrialisierung in Großbritannien (und in vielen anderen Ländern), als viele Arbeiterinnen und Arbeiter unter elenden Bedingungen und harter Schufterei ihr kurzes, durch die Arbeit gesundheitlich beeinträchtigtes und verkürztes Leben verbrachten - aber als es insbesondere in der reichen und privilegierten Oberschicht, der so gut wie alle damaligen Autoren und Autorinnen angehörten, noch wenig Empathie und Bewusstsein für die Lage der Arbeiterklasse gab.

Das finde ich vor dem Hintergrund der Lektüre dieses Buches wichtig zu verstehen, denn es handelt sich um ein außergewöhnliches Werk: während viele andere in dieser Zeit entstandene Bücher sich rein auf die Befindlichkeiten der Oberschicht beschränken, nimmt in diesem Buch der Blick auf die Perspektive der unteren Gesellschaftsschichten einen großen Raum ein. Ja, es gibt auch eine Liebesgeschichte, doch die stand zumindest für mich beim Lesen nicht im Vordergrund: viel interessanter war, mitzuerleben, wie die junge Margaret nach ihrem Umzug vom Süden in den Norden reifer und erwachsener wird, während sie sich mit dem schwer kranken Mädchen Bessy aus der Arbeiterklasse anfreundet und mehr und mehr einen Blick für die Perspektive dieses Teils der Gesellschaft entwickelt und deren Lage zu verstehen beginnt, im Norden wie im Süden, wie sich beispielsweise in diesem Dialog zeigt:

„Ich würd gern im Süden leben“, sagte Bessy.

„Nun, auch dort ist nicht alles großartig“, entgegnete Margaret. „Es gibt überall Leid und Kummer. Die Menschen dort müssen körperlich hart arbeiten, wobei sie nur wenig Essen haben, das ihnen Kraft gibt.“

„Aber sie arbeiten draußen“, sagte Bessy. „Un‘ weit weg von dem endlosen, endlosen Lärm und der schrecklichen Hitze.“

„Sie arbeiten manchmal bei schwerem Regen und dann wieder in bitterer Kälte. Ein junger Mensch kann das aushalten, aber ein alter Mann wird von Rheuma geplagt und kann lang vor seiner Zeit nicht mehr gerade stehen. Trotzdem muss er weiterarbeiten, oder es droht ihm das Armenhaus.“ (S. 193)

Auch ein Streik kommt vor und insgesamt sind die Interessensunterschiede zwischen Arbeiterklasse und Unternehmern ein großes Thema, wobei für beide Verständnis gezeigt wird. Aus heutiger Sicht könnte man den Roman in manchen Teilen sozialromantisch nennen, für die damalige Zeit war es aber ein fundamental progressives und außergewöhnlich empathisches Werk.

Es ist ein Buch, für das man sich Zeit nehmen sollte, besteht es doch aus über 600 dicht beschriebenen Seiten, mit unzähligen Charakteren und Nebenhandlungen. Dass es ursprünglich eine in einer Zeitschrift erschienene Fortsetzungsgeschichte war, merkt man dem Buch durchaus noch an: so ist jedes kurze Kapitel eine kleine Welt für sich und viele einzelne Szenen und Details werden gezeigt. Das macht das Buch bunt und vielfältig, braucht aber auch seine Zeit, um alles zu integrieren und zu verarbeiten.

Stilistisch interessant fand ich die einstimmenden Zitate, die jedem Kapitel vorangestellt werden, so wie beispielsweise dieses hier auf S. 557:

„So wenn ich vergangner Tage,
Glücklicher zu denken wage,
Muß ich stets Genossen missen,
Teure, die der Tod entrissen.

Doch was alle Freundschaft bindet,
ist, wenn Geist zu Geist sich findet;
Geistig waren jene Stunden,
Geistern bin ich noch verbunden.“

Auch daran zeigt sich, dass es ein tiefsinniges Buch ist, das in vielerlei Hinsicht zum Verweilen und Nachdenken anregt, über damalige Zeiten, über die Unterschiede zwischen den sozialen Klassen und über Parallelen zur heutigen Zeit.

Ich kann es allen, die bereit sind, sich die Zeit für diese umfangreiche Lektüre und die tiefergehende Auseinandersetzung mit den erwähnten Themen zu nehmen, nur empfehlen.

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Veröffentlicht am 26.11.2025

Wo wir landen könnten, wenn wir so weitermachen wie bisher

Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft
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Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft. Schon dieser sehr gelungene Titel, und diese Tatsache, macht neugierig auf das Buch. Wer sind die Mädchen und warum jagen sie Sachen ...

Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft. Schon dieser sehr gelungene Titel, und diese Tatsache, macht neugierig auf das Buch. Wer sind die Mädchen und warum jagen sie Sachen in die Luft, was bringt sie dazu? Und wozu führt das alles?

Wir befinden uns in einer dystopischen, vom Klimawandel stark beeinträchtigten Welt in der nahen Zukunft. Genaue Jahreszahlen werden im Buch nicht genannt, doch die heutige Zeit kann nicht so weit weg sein, denn die Mütter der genannten Teenagermädchen sind ungefähr die heutige Generation junger Eltern, dafür gibt es zahlreiche Hinweise, etwa, dass sie die Anfangszeiten des Internets noch miterlebt haben oder dass Eras Tante sich als junge Frau mit Leidenschaft in der Klimabewegung engagiert hat und an Klebeaktionen in Museen beteiligt war. Ich stelle mir also vor, dass wir in den 2030er oder 2040er Jahren sind.

Es scheint der Klimawandel radikal vorangeschritten zu sein in diesem Szenario, es ist sehr heiß, oft kommt es zu Waldbränden, aus Seen und auch aus so einigen tiefer gelegenen Orten sind überflutete Sümpfe geworden, frisches Obst und Gemüse sind Mangelware geworden, ebenso wie leistbarer, sicherer Wohnraum. Die durchschnittliche Lebenserwartung ist stark gesunken, da insbesondere ältere Menschen die zunehmende Hitze nicht gut vertragen und nur sehr Reiche sich dauerhaft davor mit technologischen Mitteln schützen können. So ist etwa der Großvater (eine der ganz wenigen männlichen Personen in diesem Roman, die überhaupt kurz erwähnt wird) eines der Teenager-Mädchen mit 65 eines Tages einfach tot umgefallen, und mittlerweile erreichen viele nicht einmal mehr dieses Alter. Das Internet und Influencerinnen gibt es aber noch, allerdings spielen sie eine kleinere Rolle als früher, zu fragmentiert ist die Gesellschaft geworden. Auch Polizei oder Regierungen sind nur mehr sehr schwache Institutionen, die gesellschaftlich nicht mehr viel regeln können.

In dieser Welt lebt die Jugendliche Era lebt mit ihrer Mutter, die für ihre Promotion Archivposts von Influencerinnen auswertet, in einem Tiny House im Wald, das sie Hütte nennt. Era selbst fühlt sich der Natur sehr verbunden und beschäftigt sich viel mit mittlerweile ausgestorbenen Tieren (so einige, die es in unserer jetzigen Gegenwart noch gibt), insbesondere mit Vögeln. Zum Glück sind zumindest viele Informationen über diese und der Klang ihrer Singstimmen online archiviert. Vater kommt in diesem Buch keiner vor, wie auch sonst kaum eine identifizierbare männliche Person. Wenn es in dieser Dystopie auch in der aktuellen Zeit, abseits von dem erwähnten verstorbenen Großvater, noch Jungen oder Männer geben sollte, so scheinen sie keine Rolle zu spielen - alle wesentlichen Akteurinnen sind Frauen und sind Single oder in einer lesbischen Beziehung.

Die Hauptfiguren sind Era, deren Hauptbezugspersonen ihre Mutter und deren Schwester sind, letztere wird von ihr einfach "Tante" genannt, sowie die Schwestern Maja und Merle, die Töchter des lesbischen Influencerinnenpaars Diana und Emily, die darunter leiden, von klein auf von ihren Müttern vor die Kamera gezerrt und online vermarktet worden zu sein - der Preis für ein Leben in einem Reichtum, der für die meisten Menschen in dieser Dystopie unvorstellbar erscheint.

Zufällig beobachtet Era die Schwestern Maja und Merle dabei, samstags im Wald verschiedene Sachen in die Luft zu sprengen, lernt die beiden Mädchen kennen und es kommt zu einer Freundschaft und auch zu einer zarten lesbischen Romanze zwischen Era und Maja. Doch Maja birgt in sich tiefe Abgründe, ist sehr verwundet durch ihre Kindheit und fest entschlossen, Rache zu üben und die Dinge für sich richtig zu stellen, um jeden Preis.

Ich habe am Anfang ein bisschen gebraucht, um in das in diesem Buch geschilderte Szenario hineinzufinden und mich gedanklich zu sortieren. Bald hatte es mich aber gepackt und ich habe mit viel Spannung und Interesse weitergelesen. Besonders interessant war für mich die mit vielen Details geschilderte und durchaus realistische vorstellbare Dystopie - ein gedankliches Experiment zu der Welt, in der wir in der nicht so fernen Zukunft landen könnten, wenn einige aktuelle Trends sich so weiterentwickeln: von der Zersplitterung der Gesellschaft über den Klimawandel und die zunehmende Digitalisierung der Welt, aber auch Zeitgeistphänomene wie die Influencerinnen, die aber dann auch wieder an Bedeutung verlieren.

Und wohin mit der Wut der jungen Menschen (hier: der jungen Mädchen) über das, was ihnen angetan wurde, als ihre Zukunft so leichtfertig verspielt wurde, sie einfach schon als kleine Babys ungefragt online gestellt und vermarkt wurden, sie in einer Welt mit so wenigen Kindern leben müssen, die sich kaum für ihre Bedürfnisse interessiert, und gleichzeitig von den älteren Generationen nicht genug darauf geachtet wurde, ihnen eine lebenswerte Zukunft zu bewahren? Wie kann sich diese durchaus gerechtfertigte Wut auf konstruktive oder destruktive Art kanalisieren und wozu führt das? Da sind wir wieder beim in den Wald gehen (solange es einen solchen noch gibt) und Sachen in die Luft jagen.

Es ist eine sehr intelligent konstruierte Mischung aus Dystopie und Coming-of-Age-Roman in einem weiblich dominierten Setting, die uns in der Gegenwart in vielem den Spiegel vorherrscht und zum Nachdenken anregt, aber auch sehr unterhaltsam zu lesen ist.

Insgesamt ist es ein äußerst intelligentes und interessantes Buch, das mich tief berührt und zum Nachdenken gebracht hat und das völlig zu Recht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises gelandet ist. Leseempfehlung für alle, denen unsere Zukunft am Herzen liegt!

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Veröffentlicht am 25.11.2025

Augenöffnende Informationen über die Bedeutung von Cortisol

Der Cortisol-Code
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Wie kommt es, dass in der heutigen Zeit so viele Menschen immer nur erschöpft sind, trotz Bemühungen um eine gesunde Ernährung an Bauchfett zulegen, an Schlafstörungen leiden, jeden Infekt mitnehmen und ...

Wie kommt es, dass in der heutigen Zeit so viele Menschen immer nur erschöpft sind, trotz Bemühungen um eine gesunde Ernährung an Bauchfett zulegen, an Schlafstörungen leiden, jeden Infekt mitnehmen und kaum mehr so richtig erholt und glücklich sind? All diese scheinbar unverbundenen Symptome können eine gemeinsame Ursache haben: das Stresshormon Cortisol und dass es aus dem Gleichgewicht geraten ist, meist als Resultat von langen Stressphasen in Kombination mit einem daraus resultierenden ungesunden Lebensstil.

Das gelungene Buch "Der Cortisol-Code", verfasst von einem Facharzt und Ernährungsspezialisten gemeinsam mit einer Wissenschaftsjournalistin und Diabetes-Expertin, führt auf leicht verständliche und unterhaltsame Art und Weise in dieses Thema ein. Praxisnah gestaltet gibt es viele Symptom-Checklisten, Fragebögen, Mini-Selbsttests und Fallbeispiele, sodass es leicht fällt, zu überprüfen, ob man selbst oder Menschen im eigenen Umfeld von dieser Thematik betroffen sein könnten. Für interessierte medizinische Laien werden auch die biologischen Zusammenhänge anschaulich und gut verständlich erklärt, genauso wie die wichtige Rolle von Cortisol bei der Blutzuckerregulation, beim Fett- und Proteinstoffwechsel, aber auch die Auswirkungen auf Elektrolyt- und Wasserhaushalt, Immunsystem, Kreislaufsystem, Fruchtbarkeit sowie Psyche und Gedächtnis werden dargelegt. Das zeigt noch einmal anschaulich, wie viele körperliche Bereiche von einem Ungleichgewicht in diesem Bereich betroffen sein können.

Differenziert wird weiters auf die Unterschiede zwischen gesundem und ungesundem Stress eingegangen. Besonders mochte ich, dass im Buch auch Raum für Spezialgebiete war, etwa Stress bei Kindern in früher Krippenbetreuung oder auch, wie unterstützend es für Frauen sein kann, ihr Training an die jeweilige Zyklusphase anzupassen und in der zweiten Zyklusphase, nach dem Eisprung, etwas sanfter zu trainieren als in der ersten.

Etwa in der Hälfte des Buches beginnt es um Lösungsmöglichkeiten zu gehen, mit vielen wertvollen Tipps, wie man ein aus der Balance gekommenes System wieder in eine gesunde Cortisolbalance bringen kann: diese zeigt sich durch natürlich hohe Cortisolwerten am frühen Morgen, die das Aufstehen erleichtern, viel produktive Tagesenergie und niedrige Cortisolwerte am Abend, die beim Einschlafen helfen. Wichtige Bausteine für die Regeneration und Aufrechterhaltung eines gesunden Cortisolprofils sind Ernährung, Bewegung, Tageslicht, genügend gesunder Schlaf, Stressmanagement und Grenzen im Umgang mit Medienkonsum.

Für jene, die gerne mit strukturierten Plänen arbeiten, gibt es am Ende des Buches ein strukturiertes 4-Wochen-Programm, das man einfach befolgen kann: in der ersten Woche liegt der Fokus auf Schlaf und Ernährung und jede weitere Woche kommt ein neues Thema dazu: Training und Entspannung in Woche 2, Medien und Licht/Natur in Woche 3 und Mikronährstoffe und Achtsamkeit in Woche 4. Dazu gibt es exemplarische Tages- und Wochenpläne, die man einfach befolgen könnte, um sich die Umstellung zu erleichtern. Ganz am Ende finden sich dann noch ein paar Rezeptvorschläge für eine gesunde Ernährung.

Insgesamt ist es ein sehr gut geschriebenes, strukturiertes und ansprechendes Buch für alle, die ihren Lebensstil verbessern oder gesünder werden wollen oder sich für Prävention interessieren. Das Buch ist so übersichtlich und hilfreich gestaltet, dass vielbeschäftigte Menschen es nicht unbedingt von vorn bis hinten durchlesen brauchen, sondern sich auch gezielt die Kapitel und Impulse raussuchen können, die sie gerade am meisten interessieren und mit denen sie beginnen möchten auf dem Weg zu einem gesünderen, entspannteren Lebensstil. Ich kann das Buch allen, die sich für ein gesundes Leben interessieren, sehr empfehlen!

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Veröffentlicht am 22.11.2025

Sehr interessante Anthologie verschiedener Perspektiven gebildeter und gesellschaftspolitisch engagierter Menschen

Polarisierung - Dialog - Perspektivwechsel
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In der Anthologie "Polarisierung - Dialog - Perspektivwechsel", herausgegeben von Ralf. M. Ruthardt, kommen verschiedene Menschen zu Wort, denen es insgesamt ein Anliegen ist, das Thema der zunehmenden ...

In der Anthologie "Polarisierung - Dialog - Perspektivwechsel", herausgegeben von Ralf. M. Ruthardt, kommen verschiedene Menschen zu Wort, denen es insgesamt ein Anliegen ist, das Thema der zunehmenden Polarisierung in unserer Gesellschaft kritisch zu betrachten, neue Perspektiven zu eröffnen und sich insgesamt für eine Verständigung zwischen Menschen gerade auch aus unterschiedlichen Teilen der Gesellschaft einzusetzen. Es kommen Menschen aus verschiedenen Berufen zu Wort: beispielsweise eine Schulleiterin, eine Krankenschwester, eine Ärztin, einige Wissenschaftler, Unternehmer usw. Gemeinsam ist den Beiträgen, dass sie alle bemüht sind, sich für Perspektivwechsel und Verständigung einzusetzen. Dabei geht es zum Beispiel um folgende Fragen:

- Wie denkt eine, die selbst lange Zeit in Afrika verbracht hat, mit vielen Menschen dort diskutiert und viel erlebt hat, über Entwicklungshilfe, und wie unterscheidet sich diese Position von der üblicherweise von den medial auftretenden NGOs propagierten?

- Wie können wir uns in die Perspektive eines jungen Mannes ohne Erbe und Privilegien hineinversetzen und seine Situation nachvollziehen, ohne ihn leichtfertig als dummen Wähler rechter Parteien zu diffamieren?

- Wie kann eine Schulleiterin, der eine offene, tolerante und diskriminierungsfreie Schule wichtig ist, sich glaubhaft dafür einsetzen, ohne vorhandene radikalisierte Positionen einzelner Schülerinnen und Schüler durch harte Strafen noch zu verstärken?

- Welche Erfahrungen hat eine Landärztin mit Zwei-Klassen-Medizin gemacht und wie denkt sie nun darüber? Wie kann uns das helfen, die bestehende Frustration vieler Menschen mit dem Gesundheitssystem besser zu verstehen?

- Wie kann eine Beschäftigung mit der Geschichte des Zusammenbruchs der Sowjetunion und des wirtschaftlichen Einbruchs in Russland in der Zeit danach uns helfen, die jetzige Dynamik und Komplexität der Hintergründe des Ukrainekrieges besser zu verstehen?

- Was kann uns dabei unterstützen, uns als Individuen zu begreifen und uns für die Position anderer Menschen mit anderen Erfahrungen und Perspektiven zu interessieren, jenseits von vereinfachenden Schubladen?

Mit diesen und vielen weiteren Fragen beschäftigt sich diese interessante Anthologie. Dabei sind manche Beiträge akademischer, manche alltagsnäher verfasst. Insgesamt handelt es sich aber sprachlich und inhaltlich zweifellos um ein Buch mit vielen Beiträgen gebildeter und reflektierter Menschen, das für eine ebenso gebildete und reflektierte Leserschaft verfasst wurde, und diese hoffentlich zum Nachdenken, Diskutieren und Miteinander-ins-Gespräch-kommen anregen kann.

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Veröffentlicht am 21.11.2025

Kann der alte Familienfluch gebrochen werden?

Der Fluch der Falodun Frauen
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Auf den Frauen der nigerianischen Yoruba-Familie Falodun scheint seit langem ein Fluch zu lasten: seit eine Urahnin im Kampf um einen Mann von dessen erster Frau verwünscht wurde, gibt es kein andauerndes ...

Auf den Frauen der nigerianischen Yoruba-Familie Falodun scheint seit langem ein Fluch zu lasten: seit eine Urahnin im Kampf um einen Mann von dessen erster Frau verwünscht wurde, gibt es kein andauerndes Liebesglück mehr für die Frauen aus dieser Familie: die Männer verlassen sie früh, kommen um oder die Frauen finden erst gar keinen passenden Partner: "Für dich wird es niemals gut ausgehen. Kein Mann soll dein Haus je sein Heim nennen. Wenn einer es versucht, wird er keinen Frieden finden. Mögen deine Töchter verflucht sein. Sie werden den Männern nachstellen, aber die Männer werden ihnen wie Wasser durch die Finger rinnen. Deine Enkelinnen werden unglücklich lieben. Deine Urenkelinnen werden sich vergeblich um Anerkennung bemühen. Deine Töchter, die Töchter deiner Töchter und alle Frauen nach ihnen werden der Männer wegen leiden." (S. 37)

Das ist nun schon viele Generationen her, doch die Geschichten über das mangelnde Liebesglück der bisherigen weiblichen Ahninnen werden in der Familie weitererzählt. Nun sind moderne Zeiten angebrochen, auch in Nigeria, und insbesondere in dieser sonst eigentlich sehr aufgeklärten und wohlhabenden Oberschichtfamilie, die in einem großen Haus lebt und bei der es normal ist, dass auch Frauen eine qualitativ hochwertige und lange Ausbildung genießen und dann in anspruchsvollen Berufen arbeiten.

Der Roman wird aus drei verschiedenen Perspektiven erzählt, die zu unterschiedlichen Zeiten spielen: Ebun ist im Jahr 2000 eine junge Frau, lebt noch im großen, alten Falodun-Familienhaus, gemeinsam mit ihrer Mutter Kemi, ihrer Tante Bunmi, ihrer Cousine Monife und ihrem Cousin, und ist schwanger. Über den Vater des Babys spricht sie nicht, sie wird eine ledige Single-Mutter werden, unterstützt von ihrer Verwandtschaft. Doch noch während Ebuns Schwangerschaft geht ihre Cousine Monife eines Nachts in tiefer Verzweiflung nach einer unglücklichen Liebe ins Meer, um sich das Leben zu nehmen. Als Ebun schließlich ihre Tochter zur Welt bringt, sind alle komplett erstaunt: das neugeborene Baby sieht exakt so aus wie die verstorbene Monife, die Cousine ihrer Mutter.

Die Mutter der Verstorbenen möchte das Kind ihrer Nichte deshalb am liebsten "Motitunde" ("Ich bin wieder da") nennen, doch Ebun setzt sich durch, will ihre Tochter davor bewahren, nur im Schatten einer Verstorbenen leben zu müssen und nennt sie "Eniiyi": "Sie hätte alles gegeben, um Mo wiederzusehen. Sie hatte Mo geliebt. Sie konnte noch immer nicht glauben, dass sie fortan ohne sie durchs Leben gehen musste. Aber ihr Kind würde nicht das Gefäß sein, das ihre Cousine nutzen konnte, um in dieses Leben zurückzukehren. Man bekam nur ein einziges Leben, und Mo hatte entschieden, was sie mit ihrem machen wollte." (S. 42)

Auch später wird die kleine Eniiyi ihrer verstorbenen Verwandten exakt ähneln, sich bewegen wie sie, sprechen wie sie, eine ähnliche Persönlichkeit zeigen,... sodass nicht nur die Frauen aus der Familie, sondern auch viele andere Menschen, die Monife gekannt haben, völlig erstaunt sind und einige meinen, sie sei die zurückgekehrte Monife. Eine schwere psychische Last, mit der das Mädchen aufwächst - nur ihre Mutter Ebun versucht, sie zu bestärken, sie selbst zu sein.

Auch Monife lernen wir aus ihrer eigenen Perspektive kennen, in den Jahren 1994 bis zu ihrem tragischen Tod im Jahr 2000. Eine sehr selbstbestimmte junge Frau, die sich ihr Leben gestaltet, nicht auf den Mund gefallen und mutig ist. Von dem alten Familienfluch hat sie gehört und doch hat sie erst einmal mit "juju", dem afrikanischen Glauben an Hexerei und Flüche, nichts am Hut und fordert sogar selbstbewusst von einer Mamalawo, einer Art Hellseherin, bei der ihre Mutter viel Geld gelassen hat, dieses zurück... und doch werden sich am Ende die Geschehnisse rund um eine tragische Liebesgeschichte mit einem jungen Igbo-Mann aus einem sehr reichen Elternhaus so zuspitzen, dass sie keinen Ausweg mehr sieht, als ins Meer zu gehen (das ist übrigens die allererste Szene des Buches, also kein Spoiler).

Eine besonders interessante Perspektive war für mich die der heranwachsenden Eniiyi, die wir sowohl als kleines Mädchen zwischen 2006 und 2012 als auch als junge Frau 2024 bis 2025 kennen lernen. Schwer lasten die tragische Familiengeschichte und die Erzählung des Fluches auf ihr, doch mutig versucht sie, sich davon zu befreien, erkennt schon als Jugendliche, dass es ihr nicht gut tut, so viel Zeit mit ihren Verwandten zu verbringen und wünscht sich, ins Internat gehen zu dürfen, was ihr auch gewährt wird. Als junge Erwachsene studiert sie und will nach ihrem Masterabschluss als genetische Beraterin arbeiten, hat also einen naturwissenschaftlichen Hintergrund. Das macht den Roman ganz besonders spannend, denn hier handelt es sich eigentlich um eine aufgeklärte und naturwissenschaftlich denkende junge Frau in der heutigen Zeit, die sich eben nicht von einem alten Familienaberglauben definieren lassen will, aber dennoch ständig von ihrer Umwelt damit konfrontiert wird, dass sie sie so sehr an die verstorbene Monife erinnert.

Ich habe mich schon lange nicht mehr so gut unterhalten gefühlt wie mit diesem Buch. Es ist sehr interessant und abwechslungsreich erzählt, alle Szenen sind relevant und es ist keine einzige Sekunde auch nur das kleinste Fünkchen Langeweile beim Lesen aufgekommen. Gleichzeitig habe ich wie nebenbei einiges über das Leben von Oberschichtfrauen im modernen Lagos/Nigeria gelernt und insbesondere das Spannungsfeld zwischen den Resten des Glaubens an alte Hexerei-Traditionen und andererseits einem modernen, aufgeklärten Leben, insbesondere bei den jüngeren Frauengenerationen, sehr interessant gefunden.

Um die Geschichte plausibel zu finden, muss man übrigens nicht unbedingt an Hexerei glauben - die meisten Geschehnisse wären auch problemlos durch die Weitergabe dysfunktionaler familiärer Muster in Bezug auf die Partnerwahl und durch die Macht selbsterfüllender Prophezeiungen (Beziehungen scheitern natürlich eher, wenn man von vornherein davon ausgeht, dass sie zum Scheitern verurteilt sein müssen) erklären.

Ich kann das Buch allen, die eine gute Unterhaltung wünschen, die gerne Familiengeschichten lesen und sich für das Nigeria der heutigen Zeit interessieren, wärmstens empfehlen.

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