Profilbild von Karin1910

Karin1910

Lesejury Star
offline

Karin1910 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Karin1910 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 04.01.2026

Geschichte aus der Perspektive der Biologie

Being Human
0

Der Biologe Lewis Dartnell zeigt in diesem Buch, dass Eigenschaften des menschlichen Körpers und Geistes einen größeren Einfluss auf die Weltgeschichte hatten, als den meisten bewusst ist.
Er erzählt ...

Der Biologe Lewis Dartnell zeigt in diesem Buch, dass Eigenschaften des menschlichen Körpers und Geistes einen größeren Einfluss auf die Weltgeschichte hatten, als den meisten bewusst ist.
Er erzählt beispielsweise davon, wie Aufstieg und Niedergang mächtiger Dynastien wie der Habsburger davon beeinflusst wurde, dass unsere Vorfahren kooperieren mussten, um ihre Kinder aufzuziehen, welchen Einfluss diverse epidemische oder endemische Krankheiten darauf hatten, wie unterschiedlich die Besiedlung durch Europäer und der Kolonialismus in verschiedenen Ländern verliefen, warum ein fehlendes Enzym für die Vitamin-Produktion über Sieg oder Niederlage in Seekriegen entschied oder wie ein Denkapparat, der sich in einer steinzeitlichen Umgebung entwickelt hatte, heute zu folgenschweren kognitiven Verzerrungen führt.
Auch wenn mir ein großer Teil der hier präsentierten Überlegungen und Fakten bereits bekannt war, finde ich die Zusammenstellung doch sehr gelungen, vor allem, weil viele verschiedene Aspekte in einem einzigen Buch behandelt werden.
Die Ausführungen sind in einem angenehmen, leicht lesbaren Stil verfasst. Zahlreiche Beispiele machen das Ganze anschaulich und lebendig. Manches wird dabei vielleicht ein bisschen zu sehr vereinfacht und es hat sich auch der eine oder andere Fehler eingeschlichen. Doch es gelingt dem Autor gut, auch komplexere Themen leicht verständlich darzustellen.
So werden hier diverse historische Ereignisse und Entwicklungen aus einer interessanten Perspektive betrachtet und es wird deutlich, dass wir nicht so abgekoppelt von der Natur und unserer evolutionären Vergangenheit sind wie wir gerne glauben wollen. Auch heute noch werden wir von ihr beeinflusst, wenn es etwa um Zivilisationskrankheiten oder um die Leugnung des Klimawandels geht.
Ich kann diese spannende Verbindung von Geschichte und (Evolutions)biologie daher nur weiterempfehlen.

Veröffentlicht am 24.08.2025

Vielfältige (und oft überraschende) Anwendungen der Mathematik

Die Welt als Zahl
0

Wofür ist Mathematik gut? Diese Frage hat sich sicher jeder schon mal gestellt und natürlich gibt es darauf „unendlich“ viele Antworten, manche offensichtlicher als andere. Ian Stewart, Mathematik-Professor ...

Wofür ist Mathematik gut? Diese Frage hat sich sicher jeder schon mal gestellt und natürlich gibt es darauf „unendlich“ viele Antworten, manche offensichtlicher als andere. Ian Stewart, Mathematik-Professor und Bestseller-Autor, hat für dieses Buch jedoch einige besonders faszinierende Beispiele ausgewählt, die wohl auch vielen Mathematik-Interessierten nicht bekannt sind.
Unter anderem beschreibt er, wie die Graphentheorie, die ihren Ausgang im 18. Jahrhundert nahm, heute dabei hilft, Nierentransplantationen effizient zu planen, welche unerwarteten Anwendungsbereiche das als Musterbeispiel für abstrakte Mathematik geltende Fachgebiet der Topologie fand oder wie viele verschiedene Gebiete der Mathematik zusammenwirken, damit Satellitennavigation funktioniert.
Er erklärt die jeweils dahinter stehende Mathematik überwiegend in Worten. Formeln etc kommen selten vor bzw werden in die Anmerkungen am Ende verbannt. Dies finde ich einerseits schade (es gibt von dem Autor auch „mathematischere“ Bücher), andererseits sorgt es dafür, dass der Lesefluss durchgehend erhalten bleibt und es leicht fällt, den grundlegenden Aussagen zu folgen. Außerdem wirkt der Inhalt so weniger „abschreckend“, teilweise wird sogar eine gewisse „Spannung“ aufgebaut, wenn die Art beschrieben wird, wie Mathematiker an Probleme herangehen.
Insgesamt gelingt es dem Autor sehr gut, seine Begeisterung für das Thema zu transportieren und aufzuzeigen, wie sehr unserer heutiges Leben und unsere Zivilisation von Mathematik abhängen, auch in Bereichen, wo diese vielleicht nicht sichtbar ist. Neben dem Vorstellen einiger spezifischer Anwendungen betont er auch immer wieder, wie bemerkenswert die umfassende Nützlichkeit mathematischer Methoden, häufig auch für ganz andere Zwecke als jene, zu denen sie ursprünglich entwickelt wurden, eigentlich ist. Dies fügt dem Ganzen einen interessanten Aspekt hinzu.
Negativ zu vermerken ist lediglich, dass sich in die deutsche Ausgabe viele Flüchtigkeitsfehler eingeschlichen haben. Dieses Buch hätte, erst recht bei einem renommierten Verlag wie Rowohlt, eine sorgfältigere Bearbeitung verdient gehabt.

Veröffentlicht am 24.08.2025

Die Geschichte des Standardmodells der Teilchenphysik

Das größte Abenteuer der Menschheit
0

„Das größte Abenteuer der Menschheit“ - nach Meinung von Lawrence Krauss handelt es sich dabei um die Aufdeckung der unserer Erfahrungswelt zugrunde liegenden verborgenen Wirklichkeiten durch die Wissenschaft. ...

„Das größte Abenteuer der Menschheit“ - nach Meinung von Lawrence Krauss handelt es sich dabei um die Aufdeckung der unserer Erfahrungswelt zugrunde liegenden verborgenen Wirklichkeiten durch die Wissenschaft. Er erzählt hier daher davon, wie das Standardmodell der Teilchenphysik hergeleitet wurde, was dieses über Vergangenheit und Zukunft des Universums (und damit eventuell auch unsere Zukunft) aussagt und welche teilweise heroischen Akteure an seiner Formulierung beteiligt waren.
Die Reise führt von Isaac Newtons Versuch, die Natur des Lichts zu erklären, bis zum Nachweis des Higgs-Bosons. Es ist eine Geschichte von überraschenden Durchbrüchen und unerwarteten Rückschlägen, von ausgeklügelten Experimenten und großartigen Entdeckungen, aber auch von Zeiten der Verwirrung und Resignation, die jedoch immer wieder durch grandiose Geistesblitze beendet wurden. Auch heute sind in diesem Bereich noch viele Fragen offen, was allerdings in der Wissenschaft der Normalfall ist und immerhin bedeutet, dass das Abenteuer weitergeht.
Trotz des komplexen Inhalts ist dieses Werk in einem lockeren Tonfall gehalten und in einem angenehmen, leicht lesbaren Stil verfasst. Der Autor hat es nicht nötig, sich hinter Wortungetümen oder Schachtelsätzen zu verstecken, auch der Einsatz von Fachvokabular beschränkt sich auf das tatsächlich nötige. Das einzige, das mich ein bisschen gestört hat, waren die vor allem im ersten Teil zu häufigen Seitenhiebe auf die Religion.
Auch kompliziertere Konzepte werden mittels Analogien aus dem Alltag (beispielsweise die Spiegelung von linker und rechter Hand oder Eisblumen am Fenster) veranschaulicht, was es für mich einfacher gemacht hat, zumindest die Grundzüge der hier vorgestellten Theorien und Modelle nachzuvollziehen.
Fazit: Dieses Buch ist eine durchaus anspruchsvolle Lektüre. Ich habe sicher nicht jedes Detail des Inhalts verstanden. Trotzdem (oder gerade deswegen) ist es ein sehr gelungenes populärwissenschaftliches Werk, der Autor traut den Lesern eben auch zu, sich mit echter Wissenschaft auseinander zu setzen.

Veröffentlicht am 24.08.2025

Humorvoller Bibliotheksalltag

Wo stehen hier die E-Books?
0

Diese Zusammenstellung von Beiträgen aus der Facebookseite der Büchereien Wien beweist, dass der Alltag einer Bibliothekarin mehr zu bieten hat, als manche Klischees behaupten. Sie berichten unter anderem ...

Diese Zusammenstellung von Beiträgen aus der Facebookseite der Büchereien Wien beweist, dass der Alltag einer Bibliothekarin mehr zu bieten hat, als manche Klischees behaupten. Sie berichten unter anderem von seltsamen Kundenanfragen, engagierten Kollegen, den Leiden einer Kinderbibliothekarin oder überraschenden Fundstücken in zurückgegebenen Büchern.
Die jeweils nur ein paar Zeilen langen Episoden eignen sich gut zum Lesen für zwischendurch. Die Lektüre gestaltet sich amüsant und gibt ein paar Einblicke darin, was in einer Bibliothek so alles passiert.

Veröffentlicht am 24.08.2025

Beleuchtet ein Schlüsselereignis der Weltgeschichte

Der Attentäter
0

Bei dem Attentat von Sarajewo handelt es sich zweifellos um ein Schlüsselereignis der Weltgeschichte. Dennoch war ich vor der Lektüre dieses Romans etwas skeptisch, steht doch von vornherein fest, wie ...

Bei dem Attentat von Sarajewo handelt es sich zweifellos um ein Schlüsselereignis der Weltgeschichte. Dennoch war ich vor der Lektüre dieses Romans etwas skeptisch, steht doch von vornherein fest, wie das Ganze ausgehen wird. Doch es gelingt dem Autor trotzdem, einige Spannung aufzubauen.
Die Handlung erstreckt sich über die sieben Tage vom 22. bis zum 28. Juni 1914 und wird aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt:
Da ist natürlich jene des titelgebenden Attentäters Gavrilo Princip, der sich gemeinsam mit zwei Freunden akribisch auf den Anschlag gegen den Thronfolger der verhassten Habsburger vorbereitet. Doch zunächst müssen sie nach Sarajewo gelangen, wobei sie von der serbischen Geheimorganisation Schwarze Hand unterstützt werden.
Der (fiktive) Rudolf Markovic, Major des österreichisch-ungarischen Geheimdienstes, ahnt als einziger, dass der Besuch des Thronfolgers weniger friedlich verlaufen könnte, als vom bosnischen Landeschef erwartet. Nachdem seine Warnungen nicht ernst genommen werden, nimmt er auf eigene Faust Ermittlungen auf und kommt den Verschwörern tatsächlich auf die Spur.
Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlin Sophie treten inzwischen ihre Reise nach Bosnien an. Obwohl Franz von ein paar bösen Vorahnungen geplagt wird, freut er sich auch darüber, dass Sophie, die am Wiener Hof als nicht standesgemäß gilt, sich dabei endlich einmal an seiner Seite zeigen darf.

Aufgrund der verschiedenen Blickwinkel entsteht ein umfassendes und differenziertes Bild der Ereignisse. Die Protagonisten sind facettenreich, authentisch und vor allem ohne Schwarz-Weiß-Malerei gezeichnet. So werden die Attentäter nicht als reine Bösewichte dargestellt, sondern als (sehr) junge Männer, bei denen eine Mischung aus teilweise gerechtfertigtem Ärger über die Obrigkeit, Manipulation durch die Hintermänner und dem Wunsch, ein Held zu werden, dazu führte, dass sie sich in eine Verschwörung verwickeln ließen, deren wahre Folgen sie sicherlich nicht einmal ahnen konnten. Auch ihre Opfer wirken nicht wie abgehobene Adelige, sondern durchaus nahbar und haben mit den durch ihre Stellung bedingten Belastungen zu kämpfen.
Zudem dürfte der Autor gründlich recherchiert und auf eine weitgehend historisch korrekte Beschreibung der Geschehnisse geachtet haben. Im Nachwort finden sich dazu auch ein paar Literaturhinweise. Außerdem fügt sich die fiktive Geschichte gut in den realen Hintergrund ein.

Für an echter Geschichte Interessierte ist dieser Roman daher jedenfalls empfehlenswert. (Nur eine kleine Warnung: Die in historischen Romanen sonst so beliebten Action-Szenen und Liebesgeschichten sind hier nur ansatzweise vorhanden.)