Eine Provokation, ein Spiegel unserer Zeit?
Fuckgirl„Alle Beziehungen innerhalb meiner Familie waren toxisch. Ohne Ausnahme. Wer so aufwächst, kennt nur diese eine, strukturell verdrehte Realität. Es ist, als ob ich zwei Jahrzehnte in einem Haus ohne Eingangstür ...
„Alle Beziehungen innerhalb meiner Familie waren toxisch. Ohne Ausnahme. Wer so aufwächst, kennt nur diese eine, strukturell verdrehte Realität. Es ist, als ob ich zwei Jahrzehnte in einem Haus ohne Eingangstür gelebt hätte, ohne es zu bemerken.
Ich hörte die Kommentare, die gegenseitig übereinander gefallen sind, allerdings verbuchte ich sie als unbedeutenden Tratsch, als Teil unseres Lebens als Frauen – und nicht als das, was sie waren.
[...]
Meine Antennen für Missbrauch waren nicht scharfgestellt, sie waren: ausgeschaltet, abgebrochen. Nicht vorhanden. Romantische Beziehungen waren entweder Mittel zum Zweck oder Mittel zur Ausbeutung, man hat sich gegenseitig ausgehalten und sicherlich zeitweise verachtet. Darüber hat niemand ein kritisches Wort verloren. So hat sich das eingeprägt.“
Die Protagonistin „Fuckgirl“, eine erfolgreiche Performancekünstlerin, macht es also anders: Sie lebt kinderlos in einer einseitig offenen Ehe: Während ihr Mann nur mit ihr alleine glücklich ist, sucht sie sexuelle Abenteuer mit wechselnden Partnern. Als sie bei einem ihrer One-Night-Stands herausfindet, dass dieser seiner Freundin/Mutter seines Kindes betrügt, heckt sie einen Racheplan aus. Denn: „Andere Frauen sind unsere einzige Möglichkeit, die Wahrheit zu erfahren. [...] Aus feministischer Solidarität.“
Ein paar Szenarien waren mir etwas zu explizit dargestellt. Die häufigen, langen englischsprachigen Passagen finde ich (auch wenn ich sie natürlich verstehen kann) nicht so gelungen, sie stören den Lesefluss und sind wohl nicht für jeden zugänglich.
Auch wenn die Handlung sicherlich abseits der „gängigen“ Lebensrealitäten sein dürften, finden sich viele Wahrheiten in dem Buch: „Da bemerkte ich, dass es letztlich egal war, was ich tat als Frau in der Welt. Es würde immer falsch sein, für irgendwen.“
„... fiel es mir plötzlich auf. Dass ich selbst kein Stückchen besser war als die anderen. Ich hatte bloß Glück gehabt, nicht mehr. Und trotzdem, während ich dasaß, mit meinen Schwestern und ihren mittelmäßigen, langweiligen, unattraktiven Männern, während ich spürte, wie sich die vertraute Mischung aus Mitleid und Überheblichkeit in mir regte, wusste ich: Es war lächerlich, Frauen vorzuwerfen, dass sie blieben. Als hätte man ihnen nicht von klein auf beigebracht, dass genau das von ihnen erwartet wurde. Als wäre es eine individuelle Schwäche, ein Zeichen mangelnden Selbstbewusstseins und keine logische Folge einer Welt, die Frauen nichts zutraut. Was gewann ich, wenn ich Frauen wie meine Mutter und meine Schwestern mal mehr, mal weniger offensichtlich dafür beschämte, dass sie bei den falschen Männern blieben? Nichts, außer dass sie sich noch schlechter fühlten. Dass sie sich noch weniger trauten, zu gehen. So, wie ich mich damals nicht getraut hatte. Weil ich mich so geschämt habe, als Frau versagt zu haben.“
Die Entwicklung der Protagonistin zum Ende hin gefiel mir gut, gerade ihre Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. „Und so stehe ich da, auf dieser Party, mit dem Journalisten, inmitten dieser verschwommenen Szenerie aus Körpern und Rollen, und sehe auf das Leben, das ich gewählt habe. Oder das mich gewählt hat. Es erscheint mir wie eine Kette aus Szenen, jeder Akt zu meinen Bedingungen inszeniert, jede Geste bewusst kalkuliert, um ein Bedürfnis zu befriedigen, das nie wirklich nur meins gewesen war. Jetzt, in diesem Moment, fragte ich mich, was ich suchte, und ob ich es in diesem Modell, das ich mir gebaut hatte, jemals finden würde.“
„Ich wiederum könnte zum ersten Mal seit meiner Jugend richtig alleine sein. Männer dezentrieren, meinen Körper rückerobern. Lernen, wer ich ohne Mann als Back-up war. Wie ich mich selbst gut behandle.“
„Fuckgirl“ von Bianca Jankovska ist ein provokanter Roman, der während des Lesens bei vielen sicherlich gemischte Gefühle hervorrufen dürfte und aufgrund der teils sehr derben Ausdrucksweise bzw. der Handlung eher nichts für die breite Masse ist. Dennoch kann ich „Fuckgirl“ allen Leserinnen empfehlen, die einen provokanten, bewusst nicht gefälligen Roman über weibliche Solidarität, Selbstbestimmung und Rache lesen möchten.
Vielen Dank an den Haymon Verlag und an NetGalley für das Rezensionsexemplar!