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Veröffentlicht am 21.02.2026

Melancholische Familiengeschichte über Alkoholismus, Verlust und Einsamkeit, die viel zu oberflächlich bleibt

22 Bahnen
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Tilda studiert Mathematik, steht vor dem Masterabschluss und hat das Angebot, in Berlin zu promovieren. Sie wohnt im Gegensatz zu ihren Schulfreunden allerdings immer noch zu Hause, da sie sich verpflichtet ...

Tilda studiert Mathematik, steht vor dem Masterabschluss und hat das Angebot, in Berlin zu promovieren. Sie wohnt im Gegensatz zu ihren Schulfreunden allerdings immer noch zu Hause, da sie sich verpflichtet fühlt, sich um ihre jüngere Schwester Ida zu kümmern. Ihre Mutter ist ein "Monster", das sich an guten Tagen still und leise betrinkt, während an schlechten Tagen ihre Launen in Gewalt umschlagen können.
Bevor Tilda ernsthaft darüber nachdenken kann, auszuziehen und Freiheit nicht nur zu spüren, wenn sie ihre 22 Bahnen im Schwimmbad zieht, versucht sie Ida entsprechend vorzubereiten. Währenddessen tritt Viktor in ihr Leben, der einen schweren Verlust zu verkraften hat.

Besonders gehypte Bücher können begeistern oder enttäuschen. Dieser liegt irgendwo dazwischen. Der Schreibstil ist gewöhnungsbedürftig und unterstreicht die unbequeme Geschichte. Die Sätze sind kurz, abgehackt und von Wiederholungen und Aufzählungen geprägt. Fürchterlich sind die Dialoge im Stil eines Drehbuchs, die sich nicht flüssig mit der Geschichte verbinden.

Inhaltlich ist der Roman betrüblich und die Atmosphäre beklemmend. Tilda pendelt zwischen Studium, Supermarktkasse und Familienalltag, der vom Zusammenleben mit einer alkoholkranken Mutter geprägt ist. Das Verhältnis zu ihrer Schwester ist eng und liebevoll und ein Lichtblick des Romans. Die Ablehnung der Mutter ist verständlich, aber es fehlt eine Ambivalenz. Ist da nur noch Gleichgültigkeit? Und was ist mit dem Vater? Werden einfach nur die Unterhaltszahlungen angenommen? Was ist mit Behörden, Nachbarn, Bekannten, der Schule? Gucken alle nur weg? Tilda ist seit Jahren komplett auf sich alleingestellt und denkt offenbar nicht einmal über Lösungswege nach.

Auch die sich abzeichnende Liebesgeschichte zu dem traumatisierten Viktor bleibt oberflächlich. Eine Anziehung ist vorhanden, aber es ist mehr eine ferne Sehnsucht statt einer Kommunikation, die gepflegt wird. Auch sein Verlust ist ein Thema, das totgeschwiegen wird.

"22 Bahnen" handelt mit Alkoholismus, Verlust und Einsamkeit von schwierigen Themen, wodurch der Roman von einer melancholische Atmosphäre geprägt ist. Mit 200 Seiten hat das Buch allerdings nur den Umfang eines halben Romans, weshalb die Lasten, die die Protagonisten tragen, nur sehr oberflächlich beschrieben sind und vieles ungesagt und vage bleibt.

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Veröffentlicht am 27.01.2026

Drastische Geschichte über unerfüllte Wünsche und ein fragiles Familiengefüge - am Ende unglücklich unfertig

Alle glücklich
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Die vier Holtsteins sind eine Bilderbuchfamilie: Vater, Mutter und zwei Teenager ohne Geldsorgen in München.
Alexander ist Arzt im Krankenhaus und sieht sich als Ernährer der Familie. In seinem Beruf geht ...

Die vier Holtsteins sind eine Bilderbuchfamilie: Vater, Mutter und zwei Teenager ohne Geldsorgen in München.
Alexander ist Arzt im Krankenhaus und sieht sich als Ernährer der Familie. In seinem Beruf geht er auf, Zeit für seine Frau und die Kinder bleibt wenig. Nina arbeitet, seitdem die Kinder größer sind, halbtags als Arzthelferin, ihr Medizinstudium konnte sie als zweifache Mutter nicht beenden. Heimlich hat sie einen Job als Kassiererin in einem Supermarkt angenommen, um nicht jeden Friseurbesuch vor ihrem Mann rechtfertigen zu müssen.
Die 16- jährige Emilia ist verliebt in ihren ersten richtigen Freund, aber verunsichert, weil so viel souveräner und erfahrener ist als sie. Ihr älterer Bruder hat hingegen keine Erfahrungen in Liebesdingen. Ben studiert, zieht sich aber darüber hinaus in sein Zimmer vor den Computer zurück. Er würde gerne raus aus der Passivität und findet im Internet einen Mentor, der ihn motiviert.

Die vier Holtsteins sind grundsätzlich glücklich, aber ein Blick hinter die Fassade zeigt, dass es in jedem von ihnen brodelt.

Der Roman wird abwechselnd aus allen vier Perspektiven geschildert, wobei der Alltag in einer Familie mit Teenagern realitätsnah abgebildet wird. Die Ehe ist von einer fehlenden Romantik geprägt und zunehmende Streits und unterschiedliche Erwartungen gefährden die Harmonie. Die Teenager führen ihr eigenes Leben und ziehen sich aus der Fürsorge der Eltern zurück.

Im Vordergrund stehen die Emotionen und das, was jedes Familienmitglied innerlich bewegt. Es ist spürbar, dass die Familie sich auseinandergelebt hat und nicht so glücklich ist wie sie sein möchte. Die Emotionen - egal ob Wut, Enttäuschung, Verzweiflung oder Liebe - führen auch dazu, dass sich in jedem Leben etwas bewegt. Jeder bringt für sich einen Stein ins Rollen, das nicht nur das fragile Familiengefüge weiter erschüttern, sondern auch zu einer persönlichen Katastrophe führen könnte.
Drastisch wird aufgezeigt, was sich aus andauernder Unzufriedenheit, fehlendem Verständnis und mangelnder Kommunikation entwickeln kann. Dies sorgt für Spannung und Dramatik, wobei in einer Familie innerhalb kurzer Zeit wirklich viel ins Wanken gerät, was trotz der alltagsnahen Darstellung in Summe überspitzt ist. Dass die Geschichte abgewürgt mit einem einzigen Scherbenhaufen endet, wirkt unentschlossen und unglücklich unfertig.

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Veröffentlicht am 22.01.2026

Solider, atmosphärischer Krimi aus prominenter Feder, aber wenig origineller Vermisstenfall und schon gar kein Thriller

Reykjavík
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1956 verschwindet die 15-jährige Lára spurlos, nachdem sie ihre Anstellung als Haushaltshilfe bei einem gut situierten Paar auf einer kleinen Insel in der Nähe Reykjavíks unerwartet gekündigt hatte. Die ...

1956 verschwindet die 15-jährige Lára spurlos, nachdem sie ihre Anstellung als Haushaltshilfe bei einem gut situierten Paar auf einer kleinen Insel in der Nähe Reykjavíks unerwartet gekündigt hatte. Die Suche nach ihr bleibt erfolglos, Hinweise auf ein Verbrechen oder einen Selbstmord kann der leitende Ermittler nicht finden.
Dreißig Jahre später nimmt sich ein Journalist dem Cold Case an und entwickelt nach einem anonymen Hinweis den Ehrgeiz, einen mutmaßlichen Mord aufzuklären. Offensichtlich hat jemand etwas gegen Valurs Initiative, denn er begibt sich damit ungeahnt in Lebensgefahr, was den Verdacht erhärtet, dass Lára nicht freiwillig verschwunden ist.

Nach einem kurzen Rückblick ins Jahr 1956 und dem Bemühen des Ermittlers Kristján auch in den Folgejahren Láras Verschwinden aufzuklären, wird die Handlung im Jahr 1986 fortgesetzt und schildert die Recherche von Valur und seiner Schwester Sunna.

Obgleich als Thriller deklariert, liest sich die Geschichte vielmehr wie ein Kriminalroman und konzentriert sich im Wesentlichen auf die laienhaften Ermittlungen der beiden Hauptfiguren, denn nach einer überraschenden Wende wächst Sunnas Rolle in dem Fall.
Der Perspektivwechsel gibt der Handlung zwar einen neuen Impuls, lässt jedoch auch keinen Zweifel mehr an Láras Schicksal. Trotzdem kann weiterhin spekuliert werden, was sich 1956 ereignet hat und wer darin involviert gewesen ist.

Etwas eigenartig mutet dabei an, wie viel mehr ein Journalist und eine Literaturstudentin 30 Jahre später im Vergleich zu den Ermittlern damals herausfinden können. Gerade am Ende wirkt das passive Verhalten der Polizei realitätsfern.

Eindrucksvoller als der wenig originelle Vermisstenfall ist die Darstellung des Lebens auf der abgelegenen arktischen Insel. Aufgrund der übersichtlichen Bevölkerungsanzahl und der daraus resultierenden Kennverhältnisse ist es schwer, anderen zu trauen und riskant, die Ermittlungen durch falsche Fragen zu gefährden. Passend zum Zeitgeist der 1980er-Jahre wird an vielen Stellen zudem deutlich, wie eingeschränkt die Recherchemöglichkeiten damals waren.

"Reykjavík" ist ein solider Krimi aus prominenter Feder, der als Thriller deklariert jedoch falsche Erwartungen weckt. Dennoch bietet der Roman durch die schrittweise Offenlegung einzelner Puzzleteile und Aufklärung des Cold Case eine solide Unterhaltung und versetzt den Leser eindrücklich nach Island ins Jahr 1986. Die Erwähnung realer politischer Ereignisse ist interessant, wirkt ohne Bezug zum Vermisstenfall jedoch überflüssig.

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Veröffentlicht am 17.01.2026

Roman über Neuanfänge und die Suche nach Glück - trotz skurriler Ausgangssituation entwickelt sich die Geschichte belanglos und zäh

Wedding People (deutsche Ausgabe)
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Phoebe checkt ohne Gepäck und nur mit ihrem besten Kleid bekleidet im "Cornwall Inn" in Newport ein. Sie ist der einzige Gast, der nicht Teil der Hochzeitsgesellschaft von Lila und Gary ist. Phoebe hat ...

Phoebe checkt ohne Gepäck und nur mit ihrem besten Kleid bekleidet im "Cornwall Inn" in Newport ein. Sie ist der einzige Gast, der nicht Teil der Hochzeitsgesellschaft von Lila und Gary ist. Phoebe hat beschlossen, sich hier, an ihrem Glücksort, umzubringen. Nach jahrelanger erfolgloser Kinderwunschbehandlung und der Scheidung von ihrem Mann sieht sie für ihr Leben keine Perspektive mehr. Lila, die mit Freunden und Verwandten eine Woche lang ihre Hochzeit mit ihrem elf Jahre älteren Verlobten feiern möchte, hat selbstverständlich etwas dagegen das Hotel mit einer Leiche zu teilen. Im Verlauf eines abends kommen sich die unterschiedlichen Frauen näher, so dass Phoebe am Ende von ihren Plänen abweicht. Lila lädt sie ein, am Rahmenprogramm der Hochzeit teilzunehmen und nach einer Woche ist nichts mehr so, wie es vorher war.

Der Roman ist aus der Sicht der 40-jährigen Phoebe verfasst, wodurch sie nahbar wirkt und auch ihr Gefühlschaos nachvollziehbar dargestellt ist. Aber auch in die zweite Hauptfigur Lila kann man sich im Verlauf des Romans hineinversetzen. Beide Frauen haben tiefgreifende Verluste erlitten, was die beiden eint. Während Phoebe in einer depressiven Phase steckt, ist Lila hingegen euphorisch und ein wenig überdreht. Ein Blick hinter die Fassade zeigt jedoch, dass beide einsam und verunsichert sind.

Frühzeitig ist klar, dass die unterschiedlichen Frauen vor einem Scheideweg stehen und wie sich die Geschichte in ihrem Kern entwickeln wird.
Vereinzelt gibt es humorvolle Szenen, im Wesentlichen wird der Roman jedoch von ernsten Themen wie Tod, Trennung, Verlust und nicht erreichten Zielen bestimmt.
Das Programm für die perfekte Luxushochzeit sorgt für Abwechslung, in Bezug auf die Entwicklung der Charaktere ereignet sich jedoch wenig.

Aufgrund des feuchtfröhlichen Covers und der Werbung als New-York-Times-Bestsellers hatte ich mir von der Geschichte mehr erwartet. Dem überraschend undramatischen Roman fehlte es an Spannung und Emotionen. Der schnelle Wandel der Frauen innerhalb von nur wenigen Tagen erschien wenig realistisch, die Geschichte zu ereignislos und eintönig.

Es ist ein Roman über Neuanfänge und die Suche nach Glück, bei dem die Probleme der Charaktere nur oberflächlich angesprochen werden. Trotz der skurrilen Ausgangssituation entwickelt sich die Geschichte belanglos und zäh.

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Veröffentlicht am 10.01.2026

Drei Frauen und ihr Befreiungskampf in verschiedenen Zeiten - weniger magisch und spannend als gedacht

Die Unbändigen
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Kate flieht vor ihrem gewalttätigen Partner in das Cottage, das sie von ihrer Großtante Violet geerbt hat, die sie kaum kannte. In den alten Gemäuern erahnt sie Geheimnisse und als sie im Ort Gerüchte ...

Kate flieht vor ihrem gewalttätigen Partner in das Cottage, das sie von ihrer Großtante Violet geerbt hat, die sie kaum kannte. In den alten Gemäuern erahnt sie Geheimnisse und als sie im Ort Gerüchte wahrnimmt, fühlt sie sich bestärkt, die Geschichte ihrer Familie zu ergründen.
Knapp 80 Jahre zuvor ist die sechzehnjährige Violet in den gesellschaftlichen Konventionen gefangen, sehnt sich nach der Freiheit in der Natur und der Bildung, die ihrem Bruder Graham zuteil wird. Gleichzeitig vermisst sie ihre Mutter, die vor ihrem Tod dem Wahnsinn verfallen sein soll. Während sie mehr über ihre Mutter herauszufinden versucht, lernt sie ihren Cousin kennen und wird von bisher unbekannten Gefühlen überwältigt, wobei sich ihre Unerfahrenheit rächt.
Über 300 Jahre früher wird Altha beschuldigt, am Tod eines Milchbauers Schuld zu sein, der von seiner eigenen Kuhherde niedergetrampelt wurde. Als Tochter einer Heilerin soll wegen ihren magischen Fähigkeiten für den Gewaltexzess verantwortlich sein. Altha droht als Hexe der Tod durch Erhängen.

"Die Unbändigen" wird abwechselnd aus den Perspektiven der drei Frauen erzählt, die über die Jahrhunderte getrennt familiär miteinander verbunden sind.
Die Stimmung ist melancholisch und düster und man kann sich gut in die unterschiedlichen Zeiten und damit verknüpften Lebenssituationen der Protagonistinnen hineinversetzen. Zudem berührt jedes Schicksal auf seine Weise, denn allen Frauen wird Ungerechtigkeit zuteil. Falsche Verdächtigungen, Unterdrückung, Missbrauch sowie Gewalt gegen Frauen sind zentrale Themen des Romans.

Altha, Violet und Kate sind einsam, fühlen sich eng mit der Natur verbunden und schöpfen Kraft aus ihr. In ihren persönlichen Kämpfen gegen patriarchale Strukturen, für ihre Unabhängigkeit und Freiheit finden sie zu innerer Stärke und Mut zur Veränderung.
Die Darstellung des Männlichen als widerwärtig und böse ist dabei einseitig und ermüdend. In allen drei Handlungssträngen wiederholt sich das, was Männern ihren Frauen antun.

Die Entwicklung der Frauen ist nicht wirklich überraschend und wird allein auf die Loslösung von Männerfiguren reduziert. Bis auf die Liebe zur Natur ist bei keiner von ihnen eine Persönlichkeit zu erkennen, noch gibt es ausgeprägte Beziehungen zu anderen Personen (Frauen), die der Geschichte etwas mehr Facettenreichtum verleihen hätten können.

Spannung entwickelt sich erst in den letzten Kapiteln, als auch die magische Gabe der Weywards samt der Verknüpfung der Ahninnen zum Vorschein kommt und jeweils zum Befreiungsschlag ausgeholt wird. Mehr Variation der drei etwas einseitig gestalteten Handlungsstränge hätte der Geschichte dennoch gut getan. Zudem erscheint fragwürdig, ob ein einsiedlerisches Leben an der Seite von Insekten und Vögeln tatsächlich so erstrebenswert ist, wie es hier propagiert wird.

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