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Veröffentlicht am 17.02.2026

Hoffnung im Gepäck: Starker Debütroman über Herkunft, Schönheit und Mutterschaft

Das schönste aller Leben
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„Das schönste aller Leben“ von Betty Boras ist ein wirklich starker Debütroman!

In wechselnden Kapiteln erfahren wir die Geschichte von Vio und ihren Eltern sowie von ihrer Vorfahrin Theresia.

Vio flieht ...

„Das schönste aller Leben“ von Betty Boras ist ein wirklich starker Debütroman!

In wechselnden Kapiteln erfahren wir die Geschichte von Vio und ihren Eltern sowie von ihrer Vorfahrin Theresia.

Vio flieht mit ihren Eltern aus dem aus dem rumänischen Banat nach Deutschland. Fleißig sein, sich anpassen, nur nicht auffallen, das ist das Wichtigste. Und Schönheit.

„Vio spürte den drängenden Wunsch dazuzugehören. Bei ihren Eltern und bei sich selbst. Immer deutlicher verstand sie, warum sie nach Deutschland ausgewandert waren: damit sie eine Zukunft hatten, eine Zukunft als Deutsche. Die Verantwortung für diesen Traum lag in Vios Händen. Es war kein hochtrabender Traum, der auf Wolken schwebte. Es war vielmehr ein Traum, der von dort herabgefallen war auf die Erde, bodenständig und geradlinig. Er war so lange beständig, bis sich das Krumme in ihn einschlich, das Hässliche, das keiner haben wollte, das nicht sein durfte. Es saß in Vios Wirbelsäule.“

Allen Widrigkeiten zum Trotz finde Vio ihren Platz im Leben und in Deutschland. Als sich ihre kleine Tochter durch einen Unfall schwere Narben zuzieht, droht Vio an den Selbstvorwürfen zu zerbrechen.

„... aber ich kann nicht aufhören zu sprechen, zu sehr lechze ich nach Absolution, einem ‘Es ist nicht deine Schuld’, auch wenn ich es nicht annehmen könnte. Denn ich war dafür zuständig, mein Kind zu schützen. Ich war die Mutter. Es ist meine Schuld.
‘Ich verstehe das nicht, ihr wisst doch sonst alles’, sagt meine Mutter. ‘Du weißt doch, wie gefährlich heißes Wasser in der Nähe von Kindern ist.’ Sie sagt es fassungslos und wie ein gebrochener Mensch, dem dieser Satz noch mehr von seiner Substanz nimmt.
Ihre Worte brennen sich in mein Herz, und ich weiß, dass dieser Vergleich meine Tochter verhöhnt. Denn meine Narben bleiben unsichtbar.“

Als die Lage sich zuspitzt, stimmt sie zu, doch eine Therapie zu beginnen.

„Ich kann den Blick von Frau Fischer nicht richtig deuten. Vielleicht ist es Enttäuschung, weil sie mich für klüger, emanzipierter, fortschrittlicher gehalten hat.
Aber jetzt bin ich nicht zu stoppen. ‘Wenn ein Kind übergewichtig ist, gibt man meistens den Eltern die Schuld. In Wahrheit aber der Mutter. Warum kocht sie nicht gesünder, beschäftigt sich nicht mehr mit dem Kind, warum meldet sie es nicht im Sportverein an? Natürlich ändert sich da etwas, natürlich werden Väter heute mehr in die Verantwortung genommen. Aber werden sie das wirklich? Wie viel Schuld trifft sie und wie viel die Mutter, wenn auf das Kind nicht gut genug aufgepasst wurde. Wo war die Mutter?, heißt es da. Oder: Ein Kind braucht seine Mutter. Viele tun so feministisch, Frauen sollen gleichberechtigt sein, klar, aber wenn es hart auf hart kommt, fallen wir doch alle in unser Schubladendenken zurück, weil wir so sozialisiert sind und es uns Sicherheit gibt. Es ist so tief in uns eingeschrieben. Eine Mutter, die nicht alles tut, um ihr Kind zu schützen, ist unvorstellbar. Eine Mutter, die es nicht geschafft hat, hat versagt.’
Ich merke, wie ich mich in Rage geredet habe, dass ich zum ersten Mal seit Langem laut geworden bin. Ich weiß nicht mehr, wie ich zu diesem Punkt gekommen bin, ob er überhaupt noch zum Thema passt. Die Worte haben sich wie von selbst eins nach dem anderen ergeben.
‘Ich weiß, dass das alles oberflächlich klingt, dass es anderen viel schlechter geht, dass Aussehen nicht alles ist, aber ich will für mein Kind das schönste aller Leben. Ich will nicht schon etwas kaputtgemacht haben, bevor es richtig losgeht.’
Dr. Fischer sagt nichts. Ich kann die Stille nicht gut aushalten, habe das Gefühl, dass ich mich weiter rechtfertigen muss für das, was ich denke.
Nach einer langen Pause fragt sie schließlich: ‘Wie wichtig war es in Ihrer Familie, was andere von Ihnen dachten?’
Darüber muss ich nicht lange nachdenken. ‘Es war das Allerwichtigste.’“

Als zweite Protagonistin lernen wir Theresia kennen. Im 18. Jahrhundert wurde sie für ihre Schönheit und ihr Verlangen bestraft. Die Wiener Keuschheitskommission (eine Art Sittenpolizei) verschleppt sie in den Banat, wo sie unter menschenundwürdigen Bedingungen harte Arbeit leisten muss. Und sie ist schwanger, was sie in noch größere Schwierigkeiten bringen könnte ...

Sehr bewegend fand ich auch die Kapitel aus der Perspektiver der Banater Erde:

„Die Letzten von euch sind 1990 gegangen, nur ein spärlicher Rest ist übrig geblieben. Wie Ratten habt ihr das sinkende Schiff verlassen, sobald sich eine Gelegenheit bot. Der Diktator war tot, und ihr wähntet eure Zeit gekommen. Wie sehr ihr euch getäuscht habt! Ja, das Leben in der Diktatur war kein Zuckerschlecken, aber ist die Regierung eines Landes das Einzige, was zählt? Sind es nicht auch seine Menschen, seine Traditionen, die Erde, aus der man gewachsen ist? Hier wart ihr jemand, ihr wart Deutsche. Man hat zu euch aufgeschaut, ihr galtet als zuverlässig, fleißig, ihr wart wer. Wofür habt ihr das aufgegeben? Ihr sagt ‘für die Freiheit’. Dass ich nicht lache. Ihr wart nie unfreier, nie weniger wert, nie missachteter als in eurer neuen Welt. Für mich wart ihr das Zentrum, dort steht ihr am Rand. Ihr seid Putzfrauen, Hausmeister, Bandarbeiter. Ihr gebt euer Bestes, aber nie ist es genug. Nicht für euch und nicht für eure Kinder. Merkt ihr denn nicht, dass sie sich für euch schämen, sich euch entfremden? Denn eins habt ihr nicht bedacht, egal, wo ihr hingeht: Ihr könnt mich nie ganz zurücklassen. Zu viele Jahre habe ich mich in euch eingeschrieben. In eure Gesichter, euren Gang, eure Aussprache. Ihr lacht zu wenig, wisst zu wenig, seid zu wenig. Hier wart ihr die Deutschen, dort seid ihr nicht deutsch genug. Ihr Lachen zeigt schönere Zähne, ihre Bewegungen sind geschmeidiger, die Wörter vertrauter. Ihr versucht euch anzupassen, aber ihr erkennt euch immer noch. Im Supermarkt, in den Arztpraxen, auf den Straßen. Es sind die beladenen Fahrräder, die ihr schiebt, der Blick auf den Boden, die aus der Zeit gefallene Sprache, Kleidung, Mimik. Ihr schart euch umeinander, gebt euch Sicherheit, Vertrautheit, Heimat. Wem nützt das Gegangensein? Euch sicher nicht. Ihr pflanzt alle Hoffnung in die, die nach euch kommen. Nicht alle werden stark genug sein, diese Bürde zu tragen.“

Insgesamt ein sehr intensiver und vielschichtiger Roman, der eine ganz klare Leseempfehlung von mir bekommt!

Vielen Dank an den hanserblau / Hanser Verlag und an NetGalley für das Rezensionsexemplar!

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Veröffentlicht am 17.02.2026

Wozu Nichtgesehenwerden führen kann: Starker Debütroman über Gewalt und Klasse 4,5 ⭐️

Kleine Schwächen
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„Kleine Schwächen“ von Megan Nolan spielt Anfang der 90er Jahre. Die 10jährige Lucy lebt mit ihrer Mutter Carmel, ihrem Onkel und Großvater in einer Sozialsiedlung in Südlondon, seit die Familie aus Irland ...

„Kleine Schwächen“ von Megan Nolan spielt Anfang der 90er Jahre. Die 10jährige Lucy lebt mit ihrer Mutter Carmel, ihrem Onkel und Großvater in einer Sozialsiedlung in Südlondon, seit die Familie aus Irland hierhergezogen war. Als in der Nachbarschaft ein 3jähriges Mädchen tot aufgefunden wird, fällt der Verdacht schnell auf Lucy, die schon früher durch ihr Verhalten auffiel. Und auch die schöne, aber unnahbare Carmel hat den Stempel als Rabenmutter weg – wohl nicht ganz grundlos, immerhin kümmerte sich hauptsächlich ihre Mutter Rose um die Enkelin. Seit Roses Tod ging es mit der Familie weiter bergab.
Nach dem Tod der kleinen Mia bahnt sich eine mediale Hetzjagd an. Der Journalist Tom wittert seine Chance auf eine große Story.

„Er ging zu Edward ins Büro und schilderte ihm die Situation. Erstens: Was als brauchbares, aber letztlich unbedeutendes Rührstück begonnen hatte – niedliches Kind vermisst –, schien sich gerade zu einer Mordsache zu entwickeln. Zweitens bestand offenbar begründeter Verdacht gegen ein anderes Kind – ein Mädchen auch noch! Drittens stammte dieses Mädchen anscheinend aus einer skrupellosen Sippe irischer Sozialschmarotzer, die der großen britischen Nation auf der Tasche lagen und sich mit abscheulichen Verbrechen revanchierten.“

Tom versucht, das Vertrauen von Carmel und ihrer Familie zu gewinnen. Währenddessen muss Carmel sich ungewollt mit ihren Gefühlen für Lucy auseinandersetzen; der Tochter, die sie gar nicht wollte.

„Carmel witterte unter den Beamten einen aggressiven Eifer, sie schienen sich ihrer Sache allzu sicher, hungrig nach einer schnellen Auflösung. Oder sie waren nicht so überzeugt, aber standen unter Druck, möglichst rasch Anklage zu erheben. Ihre Gedanken zersplitterten. Einerseits wollte sie dringend zurück ins Hotel, um zu verhindern, dass ihr Bruder oder Vater eine Dummheit begingen, andererseits musste sie ihre Tochter sehen. Wieder einmal flößte diese Aussicht ihr Angst ein. Die Angst hatte wenig mit der Polizei oder der Situation zu tun. Nicht einmal mit der Sorge, Lucy könnte wirklich getan haben, was man ihr vorwarf, denn noch glaubte sie nicht daran.
In Wahrheit war es die gleiche Angst, die sie schon immer hatte, die sie seit Lucys Geburt verspürte, wann immer sie sich ihrer Tochter mit voller Aufmerksamkeit widmen sollte: Lucy als Person, als echter Mensch, anstatt als logistisches Problem oder abstraktes Konzept.“

„Der Anblick von Lucy auf der Polizeiwache, gelassen und eigenständig und im Zentrum des Interesses so vieler Fremder, hatte etwas in ihr freigesetzt. Was man Lucy vorwarf, war grausam und ungeheuer. Wenn es stimmte, hatte Lucy vielen Menschen Leid zugefügt. Carmel war längst nicht überzeugt, dass es stimmte – doch schon der Verdacht, schon die entfernte Möglichkeit, hatte ihr zwangsweise vor Augen geführt, dass Lucy eine reale, eigene, von ihr abgekoppelte Person war.
Sie selbst hatte immer fest an diese Abkoppelung geglaubt, hatte darauf gesetzt, dass dieser Fremdling kein Teil von ihr, sie nicht an ihn gebunden war, aber das ging nur so lange gut, wie sie Lucy nicht als real existierende Person betrachtete. In ihrem Kopf war Lucy immer noch wie schon als Fötus eine organisch lebendige, aber sinnleere Präsenz gewesen. Und sie ahnte, wenn auch verschwommen, dass Lucys Unwirklichkeit vielleicht nur die Spitze des Eisbergs war, dass darunter ein ganzes Universum an Menschen und Dingen lauerte, die sie verleugnet, als unwirklich abgetan hatte, und denen sie sich früher oder später würde stellen müssen. Dieser Gedanke war so unerträglich, dass sie sich erlaubte, ihn zu verdrängen, um sich ganz der aktuellen Katastrophe zu widmen.“

Mir hat der Schreibstil der Autorin sehr gut gefallen; atmosphärisch dicht und packend geschrieben.
Die Charaktere sind allesamt authentisch dargestellt.
Interessant fand ich auch, dass der Roman den Fokus nicht auf das Opfer und dessen Familie sondern auf die Täterin und deren Familie richtet. Wobei diese junge Täterin selbst auch in gewisse Weise ein Opfer ist: Ein Opfer fehlender Liebe, fehlender Beachtung. Das Buch zeigt auf sehr eindrückliche Weise, wie sich Nichtgesehenwerden auf ein Kind auswirken kann.

Insgesamt ein psychologisch interessanter Debütroman über Herkunft und Klasse, Gewalt und Trauma. Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung mit 4,5⭐️ und die Hoffnung, von Megan Nolan bald noch mehr lesen zu können.

Vielen Dank an den Kjona Verlag und Netgalley für dieses Rezensionsexemplar!

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Veröffentlicht am 11.02.2026

Verzweiflung zwischen Aktendeckeln: Berührender, hochaktueller Roman

Walküre
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„Walküre“ von Daniel Zipfel ist ein anspruchsvoller Gegenwartsroman, der mich von Anfang an in den Bann gezogen hat. Die Geschichte spielt 2015, inmitten der chaotischen Fluchtbewegung. Der Protagonist ...

„Walküre“ von Daniel Zipfel ist ein anspruchsvoller Gegenwartsroman, der mich von Anfang an in den Bann gezogen hat. Die Geschichte spielt 2015, inmitten der chaotischen Fluchtbewegung. Der Protagonist Benjamin, beruflich Jurist in einer Asylrechtsberatung, holt gerade seine energische, aber leicht demente Oma aus Deutschland nach Wien; sie ist die titelgebende „Walküre“ mit einer fragwürdigen politischen Vergangenheit. Ben ist geschieden, hatte kürzlich eine Auszeit wegen psychischer Überlastung. Auch aktuell kann er sich schwer abgrenzen von den Schicksalen seiner Klienten.

„Die Schlaflosigkeit war furchtbar. Müde zu sein, todmüde, trotzdem nur dazuliegen, sich von einer Seite auf die andere zu wälzen und keinen Schlaf zu finden, an die Decke zu starren und auf die Wand, auf die Dunkelheit vor und hinter den Augen. Und gleichzeitig die Angst davor, einzuschlafen. Im Schlaf, im Traum kam nämlich alles zurück, aber unkontrolliert, ungefiltert, und man hatte nicht einmal die Mauern der Vernunft zwischen sich und all den Dämonen, die ungehindert losstürzten. Während des Krankenstands war es besser geworden mit dem Schlafen, da waren die Geschichten der Klienten weit weg, all die toten Verwandten, die detaillierten Schilderungen und die Foltergutachten.
‚Abgrenzungsproblematik‘ hatte es die Teamleiterin genannt. Ich müsse an der professionellen Distanz arbeiten, alles andere beeinträchtige, verunmögliche meine Tätigkeit als Berater.
‚Wir tanzen alle am Abgrund“, hatte Milena gesagt.“

Dem ehemaligen Dolmetscher seines Vereins, einem Syrer, werden Kriegsverbrechen vorgeworfen, was seinen Aufenthaltsstatus gefährdet. Ben möchte ihm helfen, gerät aber in ein moralisches Dilemma. Sein Klient versteht sich bestens mit seiner immer pflegebedürftiger werdenden Oma, für die es keinen Platz im Heim gibt. Kann Ben belastende Wahrheiten verschweigen?

Gleichzeitig muss Ben sich mit seiner eigenen Familiengeschichte auseinandersetzen. Es wurde nie geredet über das Leben seiner Großeltern damals im Nationalsozialismus, und das Schweigen setzt sich bis in die Gegenwart fort: „‘Es wundert mich nicht, dass in deiner Familie über so etwas nicht geredet wird.“ […] „Das ganze Schweigen. Hinter Schweigen gibt es immer noch mehr, immer etwas, was dahintersteckt. Wie bei den Antragstellern.“

Man merkt, dass der Autor selbst einen juristischen Hintergrund im Bereich Asylrecht hat; einerseits kam das dem Roman zugute, andererseits sind manche rechtliche Passagen für Leser*innen ohne Vorwissen schwer zu erschließen. Dennoch sie die bürokratischen Vorgänge sowie die (leider immer noch aktuellen) Missstände und Überlastungen im Asylsystem schmerzhaft authentisch dargestellt. „All ihre Verzweiflung, die Angst und die Emotionen wurden hier zwischen Kartondeckel gefügt.“

„Walküre“ ist ein berührender, kluger Roman über Verantwortung, Schuld und familiäre Altlasten, der sicher noch lange in mir nachhallen wird.
Daniel Zipfel schafft es, bei diesen ernsten Themen Tiefgang mit Leichtigkeit zu kombinieren, auch wenn das Lesen stellenweise wirklich weh tut, gerade auch bei den Passagen aus der Vergangenheit.

Von mir bekommt „Walküre“ eine ganz klare Leseempfehlung!

Vielen Dank an den Leykam Verlag und an NetGalley für das Rezensionsexemplar!

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Veröffentlicht am 05.02.2026

Wir tragen die Wahrheit in uns: Bewegender Debütroman

Das schöne Lächeln von Riambel
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„Das schöne Lächeln von Riambel“ von Priya Hein ist ein Roman, der mich schon mit dem Vorwort der Autorin berührt hat und der gleich zu Beginn mit voller Wucht einschlägt:

„Ich bin die Ururenkelin einer ...

„Das schöne Lächeln von Riambel“ von Priya Hein ist ein Roman, der mich schon mit dem Vorwort der Autorin berührt hat und der gleich zu Beginn mit voller Wucht einschlägt:

„Ich bin die Ururenkelin einer Plantagenvergewaltigung. Unter der Dunkelheit meiner ebenholzfarbenen Haut liegt ein leicht heller Unterton. Ich bin die Tochter kreolischer Sklavinnen und etwas Düsterem. Die Nachkommin von Haussklavinnen und den weißen Hausherren, die ihre Arbeiterinnen missbrauchten. In mir fließt das Blut weißer Vorfahren. Unfreiwillig. Den weißen Anteil, den ich in mir trage, habe ich mir nicht ausgesucht. Die gierigen Zuckerbarone nahmen sich einfach, was sie wollten – Frauen und Mädchen, über die sie eine enorme Macht hatten –, und weigerten sich dann, ihre Kinder anzuerkennen. Wie können sie ihre düstere Vergangenheit leugnen, wenn wir – die Bastarde des Kolonialismus – hier sind, um sie an ihr Vermächtnis zu erinnern? Wir tragen die Wahrheit in uns. So klar wie das Tageslicht. Der blaue Himmel über uns ist keine Lüge. Wir sind der lebendige Beweis einer dunklen Vergangenheit, die sich nicht weißwaschen lässt.
Sieh mich an und sag mir, dass die Vergangenheit mich nicht befleckt hat.“

Die fünfzehnjährige Noemi lebt auf Mauritius. Sie hilft ihrer Mutter im Haushalt einer wohlhabenden Familie, die nicht weit weg von der heruntergekommenen Cité lebt, in der Noemi und ihre Mutter hausen. Dort findet Noemi eine vollkommen andere Welt voller Reichtum und Verführungen.

Gleichzeitig tauchen wir aber auch in die Vergangenheit ein, in die Geschichte von Noemis Vorfahr*innen, deren Leben vom Kolonialismus und Sklaverei geprägt war (und ist).

„In der Nacht weine ich in mein Kopfkissen.
Ich weine um meine Großmutter. Um meine Mutter und meine Schwester.
Um das, was wir waren. Um das, was ich bin. Und um das, was wir immer sein werden.
Petite esclavée que je suis (Kleine Sklavin, die ich bin)“

Der Schreibstil der Autorin gefällt mir sehr gut. Dass sie in ihre Geschichte auch Rezepte einfließen lässt, gibt dem Roman nochmals eine besondere Note. Auch insgesamt hat Priya Hein die gesellschaftlichen Unterschiede und Ungerechtigkeiten schmerzhaft gut dargestellt:
„Unser Leben lang haben wir uns um sie herumbewegt. Auf leisen Zehenspitzen. Ehrfürchtig. Haben ihnen gedient. Sie bedient. Uns wurde beigebracht, ihnen niemals Unannehmlichkeiten zu bereiten. Sie bewegen sich anders – privilegiert. Mit einer Anspruchshaltung, die nur den Weißen vorbehalten ist. Wenn sie zufällig in unsere Richtung laufen, machen wir schnell Platz und lassen sie zuerst gehen. Wenn wir in einer Schlange stehen, dann stellen sie sich nicht hinten an wie wir. Certainement pas! Sie werden immer zuerst bedient.“

Noemi ist eine beeindruckende Protagonistin, ein starkes und kluges Mädchen: „Nur weil ich weniger Glück im Leben hatte, bedeutet das nicht, dass ich deinen Respekt nicht verdiene.“

„Das schöne Lächeln von Riambel“ ist ein gleichermaßen schmerzhafter wie poetischer Roman über Rassismus, Kolonialismus und Widerstand, der mich sehr bewegt hat.

„Ich habe mich immer schon gefragt, warum Menschen wie ich in Schulbüchern nicht vorkommen. Die Geschichte, die uns beigebracht wird, hat nichts mit irgendjemandem aus meiner Familie zu tun. Selbst in unserer bescheidenen Schulbibliothek sind die aus Europa importierten Bücher voller fremder Gesichter, die Abenteuer in weit entfernten Welten erleben. Ich erkenne mich in keiner dieser Geschichten. Weil Menschen wie ich nicht gut genug sind, um in Büchern vorzukommen. Unsere Leben sind es nicht wert, darüber zu schreiben.“

Vielen Dank an den Gutkind Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚

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Veröffentlicht am 01.02.2026

Die Kategorien sprengen: Starker Roman über Mutterrollen & Frausein

Brüchiges Plastik
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Eve und Hendrik, deren Elternsein nur „so halbwegs“ geplant war, müssen feststellen, dass der Alltag als Familie schwieriger als gedacht ist. Henrik ist beruflich in seinem Verlag stark eingespannt, so ...

Eve und Hendrik, deren Elternsein nur „so halbwegs“ geplant war, müssen feststellen, dass der Alltag als Familie schwieriger als gedacht ist. Henrik ist beruflich in seinem Verlag stark eingespannt, so dass vor allem Eve überfordert ist mit den Anforderungen als Mutter.

„Als Hendrik nach zwei Wochen wieder zurück in den Verlag ging, gab Eve sich Mühe, sich ihren Schock nicht anmerken zu lassen. [...] Die Überforderung kam in den nächsten Wochen schleichend, breitete sich wie ein dunkler Nebel langsam in der Wohnung aus. Zwar schlief das Baby viel, sah dann verquollen aus, friedlich und roh. War es aber wach, trank es aus Eve in tiefen, gierigen Schlucken, halbstündig, manchmal ununterbrochen, Tag und Nacht, wollte nicht allein liegen, lag stattdessen auf ihrem Brustkorb, ihren Oberschenkeln, ihrem weichen, leeren Bauch. Die Unmöglichkeit, auch nur für einen kurzen Augenblick allein, ganz bei sich selbst zu sein, traf Eve wie eine Ohrfeige.
[...]
Sie irrte durch die immer chaotischer werdende Wohnung, kam nicht klar auf ihren müden, blutenden Post-partum-Körper, sehnte sich nach grundlegenden Dingen: Kontrolle, Kraft, dem Gefühl, auf zwei Füßen fest auf dem Boden zu stehen, nach einer Dusche, danach, alleine pinkeln zu gehen, innezuhalten, ohne einzuschlafen.“

Um der Erschöpfung entgegenzuwirken und sich als Paar nicht zu verlieren, nehmen sie Juna, ein Au-Pair aus Südamerika, auf. Junas Anwesenheit erleichtert den Alltag, weckt aber auch ungeahte Gefühle in Eve ...

Es dauerte ungefähr zwei Kapitel, dann war ich voll in der Geschichte drin. Dass hier aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt wird, ist eine der Stärken des Romans. Der Schreibstil von Angie Volk gefällt mir sehr gut. Ich konnte mich in alle Frauenfiguren sehr gut hinenversetzen.
In Zeitsprüngen lesen wir von Eve und Hendrik als Eltern der kleinen Mia, aus Junas Perspektive und aus Sicht von Eves Mutter Gabriele, auch die inzwischen erwachsene Mia kommt zu Wort.
Besonders Juna hat mir als Charakter sehr gut gefallen, aber auch Eve und Mia fand ich sehr gut dargestellt.
Dass auch die Nebencharaktere eine eigene Geschichte bekamen (Juna auf der Suche nach ihrer Mutter, die sie als Kind verließ bzw. Gabriele, die an ihre Zeit als Mutter zurückdenkt), fand ich ebenfalls sehr gelungen.

Insgesamt ein starker Roman über Muttersein, Schwangerschaft, Geburt (und Fehlgeburt), aber auch über Begehren und Befreiung aus vorgegebenen Konventionen.

„Die Kategorien sind zu klein und zu groß,
sie sind brüchig wie Plastik,
wir passen längst nicht mehr in sie hinein,
lasst sie uns sprengen,
lasst sie uns füllen mit allem, was wir auch sind,
Körper in Bewegung,
über alle Ränder tretend,
lasst uns die werden,
die wir bereits sind,
lasst uns einander genügen,
auch wenn das,
was uns geboten wird,
längst nicht genug ist.“

Vielen Dank an den Leykam Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar!

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