Vom schwierigen Ankommen im Exil
Immergrün"Immergrün" ist das Romandebüt von Ruth Olshan. Die Familie der Mutter der Ich-Erzählerin hat versteckt jüdische Wurzeln. Vor mehreren Generationen sei man zum Katholizismus konvertiert, um sich zu schützen. ...
"Immergrün" ist das Romandebüt von Ruth Olshan. Die Familie der Mutter der Ich-Erzählerin hat versteckt jüdische Wurzeln. Vor mehreren Generationen sei man zum Katholizismus konvertiert, um sich zu schützen. Im sowjetischen Litauen der 70er Jahre praktiziert man auch sowieso keinen Glauben. Doch die jüdischen Wurzeln stellen sich als Ticket in den "Westen" dar, Vida, die Mutter, darf gemeinsam mit ihrem jüdischen Mann und der vor kurzem auf die Welt gekommenen Tochter Ruth nach Israel auswandern. Die in Litauen zurückgelassene Oma tauft den Säugling heimlich noch schnell bei einem katholischen Pfarrer, sicher ist sicher. Dann lässt die Familie alles hinter sich und zieht nach Israel.
Doch so richtig kommt insbesondere die Mutter dort nicht an, das Geld ist immer knapp, für Gesangsunterricht wird sie meist nur in Naturalien bezahlt und überhaupt ist das Leben ganz anders als in Litauen: "Für meine nordische Mutter bedeutete Israel einen immensen Kulturschock. Die hohen Temperaturen, die hitzigen Gemüter der Menschen, die karge Wüstenlandschaft machten ihr zu schaffen. Wie sollte sie hier als Sängerin einen Job finden? Offensichtlich hatte niemand auf sie gewartet. Offensichtlich hatten auch alle anderen Zugereisten Goldgräberstimmung, Bratpfannen und Träume im Gepäck." (S. 41)
Dann wird es der Familie zu viel mit der Geldknappheit, in der sengenden Hitze und dem ständigen latenten Kriegszustand in Israel: "Als in der Nähe unseres Wohnhauses ein Bus explodierte, entschlossen sich meine Eltern, erneut die Koffer zu packen, ihre Hoffnungen in den heißen Wind zu schießen und in das andere gelobte Land zu fahren: nach Deutschland." (S. 47)
Die Familie zieht nach Westberlin, das fühlt sich zumindest klimatisch als auch geografisch viel näher an Litauen an, auch wenn man noch lange nicht in die alte Heimat reisen wird können. Leicht wird es auch dort nicht werden, denn auch in Europa hat niemand auf eine leidenschaftliche Sängerin mit Hang zum Luxus gewartet. Das Arbeitsamt macht Druck, die Mutter zur Altenpflegerin umzuschulen, was sie zuerst als unter ihrer künstlerischen Würde sieht und vehement ablehnt. Auch die Ehe der Eltern leidet unter den Belastungen. An die jüdische Community Berlins findet die Familie kaum Anschluss, zu wenig ist man in dieser religiösen und kulturellen Tradition verwurzelt, zu sehr unterscheiden sich die sozialen Hintergründe.
Und so wird es schließlich weitgehend eine Geschichte des Aufwachsens im Exil unter Armut und Entbehrungen, in einer immer mehr verwahrlosenden Wohnung, bei streitenden und schließlich sich trennenden Eltern und dann bei einer psychisch kranken, oft wochenlang apathisch im Bett liegenden Mutter (inklusive Suizidversuch und Psychiatrieaufenthalt), während regelmäßig das Jugendamt vor der Tür steht und die 14-jährige Tochter allein beim Sozialamt vorstellig wird und um Geld bettelt, damit in der Wohnung der Strom wieder eingeschaltet werden kann.
Dazu ein zweiter Erzählstrang, später in der Zukunft, nach dem Fall der Sowjetunion, als die Mutter gestorben ist und Ruth ihre Asche in einer Urne, gemeinsam mit der von deren Mutter, die am gleichen Tag drei Jahre davor verstorben ist, auf einem litauischen Friedhof vergraben will und sich dafür auf eine Reise durchs postsowjetische Litauen begibt.
Es handelt sich hier um einen autofiktionalen Roman, der auf der wahren Familiengeschichte der Autorin beruht. Insgesamt habe ich das Buch sehr gerne gelesen. Es liest sich leicht und flüssig und es ist interessant, zu erfahren, mit welchen Herausforderungen die Familie in ihren beiden gewählten Exilen zu kämpfen hat. Speziell die Figur der kleinen Ruth, die mit all diesen Herausforderungen aufwachsen muss, aber auch die der künstlerisch so begabten, feinsinnigen Mutter, die einen enormen sozialen Abstieg hinnehmen und ertragen muss, haben mich sehr berührt.
Interessant waren auch die Ausflüge ins Litauen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, wo die Ich-Erzählerin versucht, sich mit ihrem wenigen Litauisch zurechtzufinden, da zwar nach wie vor zumindest die älteren Menschen im Land Russisch, ihre Muttersprache, sprechen, aber nicht mehr unbedingt alle die Sprache der ehemaligen Besatzungsmacht verwenden wollen. Auch sonst haben diese Ausschnitte mich neugierig auf das Land gemacht.
Am Ende bleibt eine berührende Familiengeschichte und der Eindruck einer Mutter-Tochter-Beziehung, in der die Mutter ihrer Tochter zwar so einiges, was diese sich gewünscht hätte, leider nicht geben konnte, aber zumindest deren Kreativität gefördert hat: "Nie hatte sie mir vorgeschlagen, etwas "Vernünftiges" zu studieren. Überhaupt hatte sie sich selten um meine Ausbildung gekümmert, es sei denn, es ging ujm Kreativität. Mit der Musiklehrerin in der Grundschule und meiner Deutschlehrerin im Gymnasium tauschte sie sich aus. Tatsächlich haben diese beiden Lehrerinnen mich stark beeinflusst und immer unterstützt." (S. 217)
Diesen Weg ist die Autorin auch gegangen, heute arbeitet Ruth Olshan als erfolgreiche Regisseurin und Autorin in Deutschland. Hier hätte es mich interessiert, noch ein bisschen etwas darüber zu erfahren, wie die Ich-Erzählerin nach dieser herausfordernden Kindheit diesen Weg geschafft hat.
Insgesamt ist es ein lesenswertes Debüt, das ich insbesondere jenen, die sich für autofiktionale Romane und Memoirs interessieren, empfehlen kann.