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Veröffentlicht am 15.07.2018

Sensibles Portrait entgegengesetzter Lebensentwürfe

Kleine Feuer überall
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Elena Richardson lebt Ende der 1990er Jahre den amerikanischen Vorstadt-Traum: Mit ihrem Mann, einem Anwalt, und ihren vier Kindern wohnt die Journalistin in einem perfekten Haus in Shaker Heights, einer ...

Elena Richardson lebt Ende der 1990er Jahre den amerikanischen Vorstadt-Traum: Mit ihrem Mann, einem Anwalt, und ihren vier Kindern wohnt die Journalistin in einem perfekten Haus in Shaker Heights, einer perfekten Gegend nahe Cleveland/Ohio. Image ist hier alles. Doch als die alleinerziehende Fotografin Mia mit ihrer Tochter Pearl in die Gegend zieht, enthüllt die Autorin Celeste Ng nach und nach, welche Probleme sich hinter der perfekten Vorstadt-Fassade verbergen. Freigeist Mia bleibt nur so lange an einem Ort, bis sie ein Fotografie-Projekt abgeschlossen hat, dann zieht sie mit ihrer Tochter und ihrem wenigen Hab und Gut weiter.

Beide Familien vertreten komplett unterschiedliche Werte, aber haben auf den ersten Blick ihren Platz im Leben gefunden. Erst als sich die fünf Kinder näher kennenlernen, beginnt die Fassade auf beiden Seiten zu reißen. Anhand dieser scheinbar normalen Familien behandelt Celeste Ng wichtige Themen wie Alltagsrassismus, sexuelle Selbstbestimmung sowie die Bedeutung von Mutter- und Vaterschaft. Dabei zeichnet sie die ganz alltäglichen zwischenmenschlichen Beziehungen auf sehr feinfühlige Weise nach. Bis auf das herunterbrennende Haus, das den Rahmen der Geschichte bildet, gibt es keine großen, übertrieben dramatischen Ereignisse. Stattdessen schlägt Ng viele leise Töne an und schreibt in einem angenehm unprätentiösen, klaren Stil. Auf diesem Weg zeigt sie geschickt, wie aus kleinen, lange schwelenden Feuern schließlich ein Großbrand wird

Veröffentlicht am 11.03.2026

Parallelleben sensibel und poetisch erzählt

Zugwind
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An "Zugwind" hat mir am meisten die poetische, ausdrucksstarke Sprache und das aktuelle Setting gefallen. Iryna Fingerova schreibt wirklich phänomenal. Mit beeindruckendem sprachlichen Geschick lässt sie ...

An "Zugwind" hat mir am meisten die poetische, ausdrucksstarke Sprache und das aktuelle Setting gefallen. Iryna Fingerova schreibt wirklich phänomenal. Mit beeindruckendem sprachlichen Geschick lässt sie Figuren lebendig werden. Im ersten Drittel des Romans lernen wir die Protagonistin Mira kennen, die vor einigen Jahren mit ihrem Mann aus der Ukraine nach Deutschland ausgewandert ist und hier als Hausärztin arbeitet. Mit dem Ausbruch des russischen Angriffskrieges kommen immer mehr ukrainische Geflüchtete in ihre Praxis, oft suchen sie eher Trost als eine medizinische Behandlung. Diese vielen Personen, denen Mira in der Praxis begegnet, beschreibt die Autorin knapp und fast stakkatohaft mit ganz wenigen Eigenschaften und einem kurzen Einblick in Miras Diagnose. Obwohl man eigentlich kaum etwas über diese Personen erfährt und sie nur für einen Moment auftauchen, hat die Autorin ein echtes Geschick, sie lebendig werden zu lassen.

Überrascht hat mich, dass die im Klappentext angekündigte Reise nach Odesa erst so spät im Roman passiert ist und dann auch nur sehr kurz dauert. Iryna Fingerova beschreibt den absurden Kontrast zwischen Krieg und einem Alltag, der trotzdem irgendwie weitergeht. Mira besucht Familie, geht zu einer Party, auf ein Konzert und auf einen Flohmarkt. Unterbrochen wird dieses scheinbar normale Leben durch Luftangriffe und Soldaten, die sie für kurze Momente in der Stadt sieht.

Mit der Rückkehr nach Deutschland scheint Mira freudig gestimmt und plötzlich erwacht. Der Trip hat viele positive Erinnerungen aus ihrer Vergangenheit ausgelöst, aber sie scheint auch die Momente mit ihrem Mann und ihrer Tochter mehr als vorher zu genießen. Der Krieg wird eher zu einem Hintergrundrauschen. Es folgt eine weitere Reise, dieses Mal nach Mallorca. Doch die gute Laune hält nicht an, schließlich kehrt Mira zur Arbeit zurück, hat dort wieder intensiven Kontakt zu vielen ukrainischen Patient:innen, sodass sie die grausame Realität des Krieges in ihrer Heimat und das schwer zu ertragende friedliche Parallelleben in Deutschland zunehmend vor Herausforderungen stellt. Die Geschichte ist so sensibel, aber gleichzeitig sehr bewegend erzählt, sodass die Lektüre eine echte Bereicherung ist!

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Veröffentlicht am 22.02.2026

Eine herausfordernde, sensibel erzählte Geschichte über weibliche Gewalt

Gelbe Monster
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"Gelbe Monster" erzählt auf sensible und packende Weise die Liebesgeschichte von Charlie und Valentin, die alles andere als romantisch ist - und trotzdem können beide nicht voneinander lassen. Clara Leinemann ...

"Gelbe Monster" erzählt auf sensible und packende Weise die Liebesgeschichte von Charlie und Valentin, die alles andere als romantisch ist - und trotzdem können beide nicht voneinander lassen. Clara Leinemann nähert sich ihren Charakteren mit klarer Sprache und lässt uns tief in Charlies Psyche blicken.

In einem Punkt widerspreche ich dem Klappentext: Auf mich wirkte die Beziehung zu keinem Zeitpunkt perfekt. Von Anfang an spürt man das große Ungleichgewicht zwischen beiden. Charlie nimmt es persönlich, dass Valentin sich nach ihrer ersten Zufallsbegegnung nicht bei ihr meldet, sie ist unsicher gegenüber Valentins Ex-Freundin und scheint sich aus Eifersucht und Unsicherheit nie wirklich geborgen und sicher in der Beziehung zu fühlen. Ihre Stimmung hängt extrem davon ab, ob Valentin ihr Zuneigung zeigt oder abweisend reagiert. Dieses Ungleichgewicht eskaliert nach und nach zu verbaler und dann zu psychischer Gewalt. Die Frau als Täterin ist eine spannende und zugleich erschreckende Perspektive, die selten erzählt wird. Die Autorin hinterfragt gekonnt Geschlechterbilder und Abhängigkeiten.

Die Geschichte wird in Zweitsprüngen zwischen zwei Ebenen erzählt: der Vergangenheit, die zeigt, wie Charlie und Valentin zusammenkommen sind und wie sich ihre Beziehung entwickelt, und der Gegenwart, in der Charlie an einem Antiaggressionstraining für Frauen, die partnerschaftliche Gewalt ausgeübt haben, teilnimmt. Das finde ich sehr spannend, denn Charlie durchlebt sehr widersprüchliche Gefühle, die in den beiden parallel verlaufenden Erzählsträngen ein komplexes Bild abgeben. Es ist oft schwer, mit Charlie auch nur ansatzweise mitzufühlen, sie ist eine wahre Anti-Heldin und wird trotzdem komplex und mit Empathie beschrieben. Dadurch liest sich der Roman extrem schnell und flüssig und regt einen beim Lesen stark zum Nachdenken an.

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Veröffentlicht am 29.09.2025

Mikrokosmos einer wohlhabenden chinesischen Familie zeigt Klassenunterschiede

Schwanentage
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Der Schwan ist eigentlich eine Gans und auch sonst ist vieles nicht, wie es scheint. Zhang Yueran gibt in ihrem mitreißenden Roman "Schwanentage" Einblicke in das Leben einer wohlhabenden Familie, die ...

Der Schwan ist eigentlich eine Gans und auch sonst ist vieles nicht, wie es scheint. Zhang Yueran gibt in ihrem mitreißenden Roman "Schwanentage" Einblicke in das Leben einer wohlhabenden Familie, die weit oben in der chinesischen Gesellschaft steht, und deren Hausangestellten. Das eingespielte Leben wird plötzlich durch mehrere Ereignisse komplett auf den Kopf gestellt. Der Großteil der Handlung spielt im Haus der Familie und die Autorin schafft einen Mikrokosmos, in dem sehr unterschiedliche Lebensmodelle, Erwartungen und Wünsche aufeinanderprallen.

"Für ärmere Leute ist Geld etwas Persönliches, für Reiche ist es eine Familienangelegenheit." (S.191)

Klasse und Klassenunterschiede sind ein zentrales Motiv des Romans. Da die 2 wichtigsten Hausangestellten im Haus der Familie leben und dort ihr eigenes Zimmer haben, sind ihre Leben völlig mit dem der Familie verwoben. Die Autorin zeigt geschickt den Unterschied zwischen den Hausherren, obwohl die während der Geschichte fast vollständig abwesend sind, und besonders dem Kindermädchen Yu Ling. Gleichzeitig verdeutlicht sie aber auch, dass die im Haus lebenden Angestellten ganz anders leben als Bedienstete, die beispielsweise Lebensmittel liefern, aber nicht in direkten Kontakt mit den wohlhabenden Familien stehen. Die im Haus wohnenden Angestellten erhalten nicht nur Einblicke in Geheimnisse der Reichen und Mächtigen, sie erleben deren Luxus auch hautnah mit, ohne wirklich selbst daran teilhaben zu können. Dieser Widerspruch zeigt sich besonders gut im Kindermädchen Yu Ling, die den Sohn der Familie mit Liebe betreut und ihn zum Mittelpunkt ihres Lebens macht, und ihn gleichzeitig für eine fingierte Entführung nutzen will, um Geld von ihrem Arbeitgeber zu erpressen und selbst mit ihrem Freund ein besseres Leben führen zu können. Ein faszinierender Charakter, der sich im Laufe des Romans auf interessante Weise entwickelt.

Der nüchterne, klare Schreibstil hat mir hervorragend gefallen. Hätte ich die Zeit gehabt, hätte ich das Buch in einem Rutsch durchgelesen, so flüssig ließ es sich lesen.

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Veröffentlicht am 14.04.2025

Harte Lebensgeschichte quirlig erzählt

Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken
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Die Dichterin Mascha Kaléko kannte ich bisher nicht, durfte sie aber im Debutroman von Sarah Lorenz "Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken" kennenlernen. Denn hier berichtet die Ich-Erzählerin ...

Die Dichterin Mascha Kaléko kannte ich bisher nicht, durfte sie aber im Debutroman von Sarah Lorenz "Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken" kennenlernen. Denn hier berichtet die Ich-Erzählerin Elisa der 1975 verstorbenen Dichterin über ihr Leben. Dieser 216 Seiten lange Monolog erzählt Elisas dramatische Geschichte von ihrer Kindheit, geprägt von der Scheidung der Eltern, bis zu ihrem Ankommen in einer liebevollen Ehe mit Ende 30. Dazwischen liegen unglaublich viele schockierende Stationen, die genug für 3 Leben wären. Jedes Kapitel leitet die Autorin mit einem Gedicht von Mascha Kaléko ein. Das ist eine gute Idee, um ihre Liebe zur Dichterin zu verdeutlichen, das Buch funktioniert aber auch ohne, Dass man Mascha Kaléko oder ihr Werk kennt.

Das Besondere an diesem Roman ist der ausdrucksstarke Schreibstil. Sarah Lorenz schreibt energetisch und mit hervorsprudelnder Lebendigkeit, die absolut mitreißt. Obwohl die Protagonistin viel Traumatisches erlebt, schlachtet die Autorin die Erlebnisse nicht aus. Sie erzählt so viel, wie die Leser:innen wissen müssen, um Elisas Entwicklung nachvollziehen können - aber nicht mehr. So verliert man nie die Hoffnung, dass alles irgendwie gut wird und Elisa aus ihrer schlimmen Situation herauskommt. Das Buch hat tiefen Eindruck bei mir hinterlassen und ist schon jetzt eines meiner Lieblingsbücher für dieses Jahr!

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