Profilbild von Magnolia

Magnolia

Lesejury Star
offline

Magnolia ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Magnolia über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 04.03.2026

Schaurig-mystisches Moor

Moorland. Die Zwillinge
0

Alles beginnt am Nachmittag des 1. Februars 2026. „Am frühen Nachmittag war der Nebel aufgezogen, angekündigt von einem tiefroten Sonnenaufgang am Morgen. Dicht und wattig und weiß hüllte er die Landschaft ...

Alles beginnt am Nachmittag des 1. Februars 2026. „Am frühen Nachmittag war der Nebel aufgezogen, angekündigt von einem tiefroten Sonnenaufgang am Morgen. Dicht und wattig und weiß hüllte er die Landschaft um das Namenlose Moor ein und befeuchtete alles…“ Und dann diese Schreie, die Toma hört. Er ist mit dem Fahrrad unterwegs, stoppt – aber nein, da war nichts, auch wenn sein Gefühl ihm etwas anderes sagt…

Andreas Winkelmann hat schon nach diesen ersten Seiten meine volle Aufmerksamkeit. „Die Zwillinge“ ist der absolut gelungene Auftaktband seiner neuen Thriller-Reihe „Moorland“. Schon der erste, visuelle Eindruck zieht einen förmlich an und die Story dann hält, was das Cover verspricht.

Die 18jährigen Zwillinge Nike und Jana beitreiben ihren TikTok-Kanal „Moormaid“ und wie der Name schon sagt, sind sie dafür im Moor unterwegs. Ihr Vater erscheint aufgeregt bei der Polizei, da die beiden seit zwei Stunden überfällig, eigentlich aber sehr zuverlässig sind. Losgefahren sind sie, bevor der Nebel aufzog, um Bilder zu machen und nun ist es schon ne Weile dunkel. Mit ihren Rädern waren sie unterwegs, sie wollten zu einem Hochsitz. An diesem Fleckchen im Moor sind sie oft, er eignet sich hervorragend für ihre Zwecke.

Die Kommissarin Malia Gold hat sich hierher versetzten lassen und kaum angekommen, wird sie mit diesem Fall konfrontiert. Sie ist hier aufgewachsen, war aber seit fünfzehn Jahren nicht mehr hier, was den schwierigen Familienverhältnissen geschuldet ist. Und nun trifft sie unweigerlich auf ihre Mutter. Ruth Sichler. Die das Moor kennt wie sonst niemand, sie ist die Fährtenleserin schlechthin und somit unverzichtbar bei der Suche nach den Zwillingen.

Andreas Winkelmann beschreibt das Moor in seiner ganzen Unheimlichkeit, das dennoch eine gewisse Faszination ausübt. Um diese angst- und auch respekteinflößende Kulisse rankt sich die Suche nach Nike und Jana. Die Zeit sitzt ihnen im Nacken, denn es ist bitterkalt, zudem weiß man nicht, ob die beiden verletzt sind, ob sie gefangen gehalten werden und wenn ja, unter welchen Bedingungen und vor allem – wo sind sie? Es gibt mehrere Verdächtige, die sich ziemlich auffällig verhalten. Jeder könnte der Übeltäter sein, alle scheinen sich in Widersprüche zu verstricken.

Man spürt diese beklemmende Atmosphäre, die das Moor ausstrahlt. Und da sind die ganz eigenen Charaktere, von kauzig und exzentrisch bis geheimnisvoll, jeder für sich ist authentisch, jedem einzelnen nehme ich seine Eigenheiten ab.

Und wiederum weiß ich, warum ich zu Winkelmanns Büchern immer wieder greife. Er schafft ein Szenario – hier ist es die Moorlandschaft – das für sich schon allein dieses Bedrohliche, dieses Schaurig-mystische ausstrahlt. Dazu die spannende Story, die bis zuletzt fesselt. Der Auftakt von „Moorland“ verlangt nach mehr, nach sehr viel mehr. Ich bin dabei. Unbedingt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 04.03.2026

Ein hochbrisanter Agententhriller

Dunkelmann
0

Maja Birk und Daniel Hartmann ermitteln in ihrem ersten Fall. Sie ist Führungsoffizierin, er Analyst beim dänischen Geheimdienst, beide sind sie liiert, ihr Job erfordert jedoch Stillschweigen über ihre ...

Maja Birk und Daniel Hartmann ermitteln in ihrem ersten Fall. Sie ist Führungsoffizierin, er Analyst beim dänischen Geheimdienst, beide sind sie liiert, ihr Job erfordert jedoch Stillschweigen über ihre Einsätze, was ihren jeweiligen Partnerschaften nicht unbedingt zuträglich ist. Dieses Private schwingt immer wieder durch, der Focus aber liegt schon auf ihrer Arbeit.

„Dunkelmann“ ist in drei Teile gegliedert. Zunächst folgen wir Maja und Ramin, ihrem Informanten, zu einem gefährlichen Einsatz in die Türkei, den Maja gerade mal so übersteht. Was mit Ramin geschieht, weiß sie lange nicht. Der zweite Teil dann führt zurück nach Dänemark und beim letzten, finalen Abschnitt spitzt sich die Lage nochmal dramatisch zu.

Es gilt, eine chinesische Delegation unter die Lupe zu nehmen. Ein hochbrisantes, äußerst vielschichtiges Unterfangen, wie sich schon nach den ersten Seiten herausstellt. Es geht um falsche Identitäten - nicht nur ihre Gegner arbeiten damit. Und um die Umsetzung einer neuen Seidenstraße - die sogenannte Belt-and-Road-Initiative zielt darauf ab, China mit den einzelnen Kontinenten zu verbinden. Was auch die Arktis und damit Grönland mit einschließt.

Grönland weckt Begehrlichkeiten, wir wissen es. Nicht nur die USA wollen sich diese an Rohstoffen so reiche Insel einverleiben, auch andere Nationen sind durchaus interessiert, auch wegen der strategisch günstigen Lage.

Lars Findsen, der frühere Chef des dänischen Geheimdienstes, hat zusammen mit Jacob Weinreich diesen rasanten Agententhriller vorgelegt, der nicht nur mit Brisanz und Aktualität punktet, der auch dank des einnehmenden Schreibstils seine Leser nicht loslassen will. „Dunkelmann“ verlangt jedoch ein konzentriertes Lesen, auch der vielen Namen und der wechselnden Identitäten wegen. Die einzelnen Figuren sind anschaulich dargeboten, angefangen von den Hauptakteuren und den in Abstufungen vorkommenden Nebencharakteren, die mir bisweilen dann doch zu viele waren. Abgesehen davon hat mich dieser hochaktuelle Thriller bestens unterhalten und – ich bin gespannt auf weitere Fälle für Maja und Daniel im Agentenmilieu.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 02.03.2026

Was damals geschah

Fünf Fremde
0

Der Prolog blickt ins Jahr 1995. In einem Schullandheim auf Neuwerk haben sie wundervolle Tage verlebt bis zu jener Nacht, als zwei Kinder verschwunden sind. Charlotte, die damals als Lehrerin dabei war, ...

Der Prolog blickt ins Jahr 1995. In einem Schullandheim auf Neuwerk haben sie wundervolle Tage verlebt bis zu jener Nacht, als zwei Kinder verschwunden sind. Charlotte, die damals als Lehrerin dabei war, macht sich noch heute Vorwürfe. Sie ist noch länger geblieben, hat jeden Winkel nach Janosch und Isa abgesucht, allerdings vergebens.

„Fünf Fremde“ erzählt von damals, von diesen verhängnisvollen Augusttagen im Jahre 1995 und von heute, als fünf Passagiere an einem Oktobertag 2025 auf der Fähre über die stürmische Nordsee zur Insel Neuwerk unterwegs sind.

Von der etwa drei Quadratkilometer großen Insel Neuwerk, die 15 km nordwestlich von Cuxhaven und 120 km südöstlich von Hamburg liegt, habe ich zuvor noch nie gehört. Romy Fölck beschreibt die Eigenheiten dieser Insel, das umliegende Watt, die erhöhte Turmwurt und auch den Neuwerker Turm (um nur einiges zu nennen) mitsamt den sehr überschaubaren Einwohnern eindrucksvoll. Zunächst nimmt sie mich mit auf die Fähre und stellt die für unsere Geschichte relevanten Personen vor. Ist es Zufall, dass auch Annika Lundt, die Hamburger Kriminalbeamtin, hier ist? Sie kümmert sich um ihre hier lebende Mutter Hedda, die sie immer wieder an einer ganz bestimmten Stelle einsammelt - irgendetwas zieht die zunehmend demente Frau hierhin.

Was passiert hier? Der Sturm wird zunehmend stärker, keiner sollte sich draußen aufhalten und doch scheint da etwas zu lauern – oder sind es „nur“ Geräusche, die der Sturm verursacht? Allerdings sprechen einige unerklärliche Vorkommnisse dagegen. Seltsame Dinge geschehen, es wird direkt unheimlich. Diese beklemmende, ja bedrohliche Atmosphäre ist eindringlich beschrieben, man spürt dieses Düstere hautnah.

Die beiden Zeitebenen werden wechselseitig erzählt. Neben den beiden Vermissten Janosch und Isa sind es Finn, Mats und Bea, die ich nicht alle mit den heutigen Passagieren in Einklang bringe. Bleibt noch Annika, die hier aufgewachsen ist und schon lange in Hamburg lebt und arbeitet. Und da ist noch die Wildtierauffangstation, die neu besetzt werden sollte. Die Übergabe gestaltet sich jedoch ganz anders, als es sein sollte.

Lange tappe ich im Dunkeln, kann mir so einiges nicht erklären. Bis dann doch das ganze Ausmaß dessen, was damals geschah, nach oben drängt. Unerbittlich. Und ja, alles wird bis zum bitteren Ende aufgeklärt. Hier, in der Aufklärung, liegt für mich schon ein Wermutstropfen, denn diesen Schluss, der dreißig Jahre zurückgeht, finde ich nicht schlüssig. Zu abstrakt, zu gewollt, zu konstruiert. Nichtsdestotrotz bleibe ich bei meiner sehr guten Bewertung, der Thriller hat es allemal verdient.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 28.02.2026

„Eine Familiensaga zwischen Dolce Vita und Revolution“

Villa Rivolta
0

Daniel Speck nimmt mich mit nach Bella Italia, in die 1950er und 1960er Jahre, direkt hinein in die Mailänder „Villa Rivolta“ und deren Bewohner.

Alles beginnt jedoch später (1979), als der 14jährige ...

Daniel Speck nimmt mich mit nach Bella Italia, in die 1950er und 1960er Jahre, direkt hinein in die Mailänder „Villa Rivolta“ und deren Bewohner.

Alles beginnt jedoch später (1979), als der 14jährige Tonino auf einer Baustelle eine Wehrmachtspistole findet, für die sich auch die Polizei interessiert. Toninos Mutter Valeria packt kurzerhand ihre Sachen und fährt mit ihm Richtung Maremma zu Piero.

Es sind diese beiden Zeitebenen, die im Wechsel erzählt werden, wobei das Hauptaugenmerk auf den früheren Jahren liegt. Als Kinder begegnen sich Piero Rivolta und Valeria im Garten der Mailänder Villa. Sie freunden sich an, verbringen viel Zeit miteinander, allerdings geschieht dies heimlich, denn Valerias Mutter, die für die Familie Rivolta in deren Villa arbeitet, findet es nicht schicklich, dass die Tochter eines Dienstmädchens sich mit dem Sohn des Hauses trifft.

Es ist u. a. die Geschichte von Iso Rivolta, dem von Renzo Rivolta gegründeten Hersteller von Sportwagen, deren Anfänge Kühlgeräte waren. Über Motorroller war es dann die Isetta, die heute noch jeder zumindest dem Namen nach kennen dürfte, bis hin zu luxuriösen Sportwagen. Die Produktionsanlagen befanden sich in Bresso, die Produktpalette mitsamt den Konstrukteuren ist anschaulich beschrieben wie auch der ewige Kampf um die Finanzierung. Das Buch ist aber sehr viel mehr als der Alltag in der Fabrik mitsamt den Arbeitern, unter ihnen waren auch die im Norden Italiens nicht sonderlich beliebten Sizilianer.

Und es ist vor allem die Geschichte von Piero und Valeria und ihrer Zeit. „Wir leben in einer Männerwelt“ dachte Valeria - die Rolle der Frau damals schwingt stets mit. Und nicht nur das. Es sind die Nachkriegsjahre. Die italienische Wirtschaft erholt sich langsam, geprägt auch von Klassenunterschieden und dem Nord-Süd-Gefälle Italiens - Modernität gegen traditionelle Werte. Die Binnenmigration war in vollem Gange. Daniel Speck erzählt davon. Vom industriellen Aufschwung, vom Dolce Vita und von der kulturellen Revolution, vom sizilianischen Arbeitersohn Flavio, der eines Tages auf Valeria trifft. Beide verlieben sich, Flavio jedoch kann seinen Kampf gegen Diskriminierung nicht aufgeben. Und er erzählt von Piero, der in jungen Jahren Verantwortung für das familieneigene Unternehmen übernehmen muss. Und auch ist es die Freundschaft zwischen ihm und Valeria, die diesen Roman prägt. Eine Freundschaft, die ein Leben lang anhält.

Es ist mein Italien, von dem ich lese. Auch wenn ich das Land erst sehr viel später kennen- und liebengelernt habe, so bin ich doch tief eingetaucht in diese Geschichte, die über mehrere Jahrzehnte von einem Land und dessen Menschen erzählt. Von Freundschaft und Liebe, von Nähe und Verlust, von Glück und Unglück, von Existenznöten über alle Schichten hinweg – und dies generationenübergreifend. Ein wundervolles Buch, das ich nicht missen möchte und das mich anregt, mehr von dem Autor zu lesen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 25.02.2026

Eine gekonnt inszenierte Charakterstudie

Grüne Welle
0

Zunächst hatte ich das Gefühl, dass sie ein wenig verpeilt wäre. Die Frau, deren Namen man nicht kennt. Nach einem Kinobesuch mit ihrer Freundin fährt sie los, verpasst eine Abzweigung, auch auf der Autobahn ...

Zunächst hatte ich das Gefühl, dass sie ein wenig verpeilt wäre. Die Frau, deren Namen man nicht kennt. Nach einem Kinobesuch mit ihrer Freundin fährt sie los, verpasst eine Abzweigung, auch auf der Autobahn lenkt sie ihren Golf geradeaus, versäumt Ausfahrt um Ausfahrt.

Irgendwann dann sind da zwei junge Frauen, eine Große und eine Kleine, die sie an einer Tankstelle trifft. Auch sie werden nicht weiter benannt. Die Frau wundert sich, dass es auch heute noch Anhalterinnen gibt, denn die Zeit dafür ist schon aufgrund der damaligen Vorkommnisse lange vorbei. Der Kofferraum ist schon besetzt, ihre Rucksäcke nehmen die Große und die Kleine auf ihren Schoss.

Wie entrückt kommt mir diese Geschichte vor, als ob einer einen nüchternen Blick auf die Frau und das Geschehen wirft. Eigentlich passiert nichts oder nicht viel und doch möchte man wissen, was es mit dieser Frau auf sich hat. Der Mann daheim wartet auf sie, das schimmert durch. Auch sieht die Große, die auf der Rückbank sitzt, die Frau ganz genau an. Sie spricht sie darauf an, Antwort erhält sie keine.

Das eigene Ich wahrnehmen, die Selbstreflektion einer Frau, die ihre Wirklichkeit ganz genau kennt und diese gedanklich auf dieser Fahrt durchspielt – so kommen bei mir diese Stunden im Golf der Frau an. Aus der Perspektive ihrer Gedanken, die als externer Beobachter fungieren, wird ihre Lebenswirklichkeit seziert. Es liegt an ihr, das für sie einzig Richtige aus ihrem Dasein zu machen. Nur zu oft knicken wir dabei ein, denn die eingefahrenen Bahnen zu durchbrechen – dazu braucht es Stärke und Mut.

Eine Charakterstudie, die sachlich und nüchtern das durchleuchtet, wohin das Leben uns geführt hat und was davon übrig ist. Gekonnt in Szene gesetzt, vorurteilsfrei und doch auf den Punkt gebracht. Nach den ersten Seiten, nachdem ich mich mit diesem doch ungewohnten Schreibstil angefreundet habe, mochte ich das Buch nicht mehr weglegen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere