Profilbild von testethar

testethar

Lesejury Star
offline

testethar ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit testethar über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 16.07.2026

Zwischen Erinnerung und Wahrheit

Eigentlich wollte ich das nicht schreiben
0

Freya Bromleys „Eigentlich wollte ich das nicht schreiben“ ist kein Roman, den man nach der letzten Seite einfach zuklappt und abhakt. Er hinterlässt vielmehr ein Gefühl, das sich nur schwer einordnen ...

Freya Bromleys „Eigentlich wollte ich das nicht schreiben“ ist kein Roman, den man nach der letzten Seite einfach zuklappt und abhakt. Er hinterlässt vielmehr ein Gefühl, das sich nur schwer einordnen lässt, irgendwo zwischen Trauer, Nachdenklichkeit und der Erkenntnis, dass es in Familien selten nur eine Wahrheit gibt.

Ausgangspunkt der Geschichte ist der plötzliche Tod von Nolas älterer Schwester Darina. Um mit ihrem Verlust umzugehen, schreibt Nola ein autobiografisch inspiriertes Buch, das überraschend erfolgreich wird. Als die Filmrechte verkauft werden sollen, gerät jedoch nicht nur ihre Karriere ins Wanken: Eine anonyme Beschwerde beim Verlag stellt das gesamte Projekt infrage und zwingt Nola dazu, erneut die Zustimmung ihrer Familie einzuholen. Ausgerechnet während eines gemeinsamen Wochenendes auf Lundy, wo die Familie Darinas Asche verstreuen möchte, brechen alte Konflikte, unausgesprochene Vorwürfe und lang gehütete Geheimnisse auf.

Besonders spannend fand ich dabei die moralische Fragestellung, die sich wie ein roter Faden durch den Roman zieht: Wem gehören Erinnerungen eigentlich? Darf man seine eigene Geschichte erzählen, wenn sie zwangsläufig auch die Geschichte anderer Menschen ist? Jeder hat Darina anders erlebt, jeder trauert auf seine eigene Weise und jeder empfindet Nolas Buch deshalb unterschiedlich. Gerade weil Erinnerungen immer subjektiv sind, gibt es hier kein eindeutiges Richtig oder Falsch, nur verschiedene Perspektiven, die nebeneinander bestehen. Bromley zeigt eindrucksvoll, wie kompliziert diese Gratwanderung zwischen persönlicher Wahrheit und familiärer Verantwortung sein kann.

Nola selbst dürfte als Hauptfigur nicht jedem sofort sympathisch sein. Sie spricht Konflikte selten direkt an, zieht sich zurück und verarbeitet ihre Gedanken lieber schreibend als im Gespräch. Für mich machte genau das sie glaubwürdig. Nicht jeder Mensch ist in der Lage, Gefühle offen auszusprechen, erst recht nicht, wenn er in einer Familie aufgewachsen ist, in der vieles unausgesprochen bleibt.

Der Roman erzählt dabei erstaunlich ruhig. Wer eine klassische Familiengeschichte mit großen Wendungen oder einer klaren Auflösung erwartet, wird vermutlich enttäuscht sein. Vielmehr lebt das Buch von Gesprächen und Erinnerungen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 19.05.2026

Zwischen Verlust und Hoffnung

Die Halbwertszeit von Glück
0

„Die Halbwertzeit von Glück“ erzählt die Geschichten von drei Frauen, die auf unterschiedlichen Zeitebenen leben und deren Schicksale sich erst nach und nach miteinander verweben. Gerade dieses langsame ...

„Die Halbwertzeit von Glück“ erzählt die Geschichten von drei Frauen, die auf unterschiedlichen Zeitebenen leben und deren Schicksale sich erst nach und nach miteinander verweben. Gerade dieses langsame Entwirren der Zusammenhänge hat für mich einen großen Reiz ausgemacht, denn bis zum Schluss blieb offen, wie alles zusammenhängt.

Im Mittelpunkt stehen Johanna im DDR-Grenzgebiet der 1980er Jahre, Holly im Los Angeles der frühen 2000er und Mylène im modernen Paris. Jede von ihnen kämpft mit Verlusten, Schuldgefühlen oder erschütternden Wahrheiten aus der Vergangenheit. Besonders Johannas Geschichte hat mich emotional am meisten berührt. Ihre zurückgezogene Lebensweise und die Begegnung mit dem verletzten Flüchtlingsmädchen sorgen für viele intensive Momente. Aber auch Hollys und Mylènes Kapitel konnten mich fesseln, weil ihre Entscheidungen und inneren Konflikte glaubwürdig dargestellt werden.

Der Roman liest sich angenehm flüssig und lebt vor allem von seinen wechselnden Perspektiven. Viele Kapitel enden an spannenden Stellen, wodurch man immer weiterlesen möchte. Sprachlich ist das Buch vielleicht nicht außergewöhnlich, doch die Geschichte entwickelt einen starken Sog und bleibt lange im Kopf.

Besonders gelungen fand ich die Botschaft des Romans: Auch nach schweren Schicksalsschlägen gibt es immer wieder Hoffnung und neue Glücksmomente. Manche Wendungen kamen überraschend, ohne konstruiert zu wirken, und das Ende hat die einzelnen Handlungsstränge auf schöne Weise zusammengeführt.

Zwar hatte die Handlung zwischendurch kleinere Längen, dennoch ist „Die Halbwertzeit von Glück“ ein bewegender und unterhaltsamer Roman über Verlust, Neuanfänge und die Frage, was Glück eigentlich bedeutet.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 28.04.2026

Wahrnehmung, Überforderung und das Anderssein

Sie wollen uns erzählen
0

Der Roman Sie wollen uns erzählen von Birgit Birnbacher erzählt die Geschichte von Oz und seiner Mutter Ann und rückt dabei das Erleben von ADHS in den Mittelpunkt. Besonders auffällig ist der sprunghafte, ...

Der Roman Sie wollen uns erzählen von Birgit Birnbacher erzählt die Geschichte von Oz und seiner Mutter Ann und rückt dabei das Erleben von ADHS in den Mittelpunkt. Besonders auffällig ist der sprunghafte, teils fordernde Stil, der die Gedankenwelt der Figuren direkt spürbar macht. Dadurch entsteht eine große Nähe, auch wenn der Einstieg etwas Zeit braucht.

Oz wird als sensibler und kluger Junge gezeichnet, der ständig zwischen eigenen Impulsen und äußeren Erwartungen steht. Ann kämpft gleichzeitig mit ihrem Alltag und dem Anspruch, ihrem Sohn gerecht zu werden. Gerade diese Beziehung wirkt glaubwürdig und berührend.

Im späteren Verlauf verliert der Roman durch zusätzliche Handlungsstränge etwas an Fokus, bleibt aber insgesamt eine eindringliche und ungewöhnliche Lektüre über Wahrnehmung, Überforderung und das Anderssein.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 31.03.2026

Wenn die Maske fällt – Eine leise Suche nach Wahrheit und Vergangenheit

Letzter Akt
0

Letzter Akt“ ist kein Roman, der seine Leser mit Tempo oder großen Wendungen sofort in den Bann zieht, vielmehr entfaltet er seine Wirkung leise, beinahe unmerklich. Wer Spannung im klassischen Sinne erwartet, ...

Letzter Akt“ ist kein Roman, der seine Leser mit Tempo oder großen Wendungen sofort in den Bann zieht, vielmehr entfaltet er seine Wirkung leise, beinahe unmerklich. Wer Spannung im klassischen Sinne erwartet, wird hier zunächst enttäuscht, denn das Buch setzt bewusst auf Entschleunigung. Erst im letzten Abschnitt gewinnt die Handlung an dramatischer Wucht und verleiht dem zuvor Gelesenen eine neue Bedeutung.

Im Mittelpunkt steht Dora, eine erfolgreiche Schauspielerin in ihren Vierzigern, die sich ein Leben in London aufgebaut hat, fern von ihren deutschen Wurzeln. Als sie dem zurückgezogen lebenden Maler Victor begegnet, entsteht zwischen ihnen eine vorsichtige, aber intensive Verbindung. Besonders reizvoll ist dabei, dass Victor sie nicht aus der Öffentlichkeit kennt und ihr damit eine ungewohnte Form von Freiheit ermöglicht. Der Entschluss, sich von ihm porträtieren zu lassen, wird schließlich zum Ausgangspunkt einer inneren Reise, die Dora mit ihrer eigenen Vergangenheit konfrontiert.

Die Handlung ist in drei zeitlich voneinander getrennte Abschnitte gegliedert, die sich nach und nach zu einem Gesamtbild zusammenfügen. Während der erste Teil Doras Gegenwart beleuchtet, führt ein späterer Abschnitt zurück in ihre Jugend in den 1980er-Jahren. Diese Rückblicke wirken weniger wie nostalgische Erinnerungen, sondern vielmehr wie das vorsichtige Freilegen lange verdrängter Erfahrungen. Gerade hier zeigt sich die eigentliche Stärke des Romans: Es geht nicht um äußere Ereignisse, sondern um innere Prozesse, um Identität, Schuld und die Frage, was von einem Menschen bleibt, wenn alle Rollen abgelegt sind.

Allerdings verlangt das Buch Geduld. Vor allem im Mittelteil zieht sich die Handlung spürbar, und es gibt Momente, in denen man sich bewusst zum Weiterlesen motivieren muss. Wer sich jedoch darauf einlässt, wird am Ende belohnt: Der Schluss verbindet die verschiedenen Erzählebenen auf eine eindringliche Weise und verleiht insbesondere Victors Gemälde eine symbolische Kraft, die über die reine Handlung hinausweist.

Sprachlich überzeugt der Roman durch eine präzise und feinfühlige Gestaltung. Die Figuren, allen voran Dora wirken glaubwürdig und vielschichtig, ihre Entscheidungen nachvollziehbar. Besonders gelungen ist das Spannungsfeld zwischen Schein und Sein: Während Dora als Schauspielerin gewohnt ist, in andere Identitäten zu schlüpfen, zwingt sie das Porträt dazu, sich mit ihrem unverstellten Selbst auseinanderzusetzen.

Insgesamt ist „Letzter Akt“ ein stilles, nachdenkliches Buch, das weniger durch Handlung als durch Atmosphäre und innere Entwicklung wirkt. Wer sich auf einen leisen, literarisch anspruchsvollen Roman einlassen möchte, wird hier eine berührende und tiefgründige Geschichte finden.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 31.03.2026

Zwischen Feuer, Freiheit und Drachen

Dragonborn (Band 1) - Das Erbe des Feuers
0

Im Zentrum der Geschichte steht Alex Evans, ein zwölfjähriges Mädchen, das nicht nur mit dem Verlust ihres Vaters kämpft, sondern auch mit einer Mutter, die ihr Leben bis ins kleinste Detail kontrolliert. ...

Im Zentrum der Geschichte steht Alex Evans, ein zwölfjähriges Mädchen, das nicht nur mit dem Verlust ihres Vaters kämpft, sondern auch mit einer Mutter, die ihr Leben bis ins kleinste Detail kontrolliert. Diese ständige Überwachung hat mich beim Lesen fast genauso eingeengt wie Alex selbst. Besonders berührt hat mich, wie sehr sie sich danach sehnt, über ihren Vater zu sprechen und an die gemeinsamen Erinnerungen im Wald festzuhalten, ein Ort, der ihr gleichzeitig verboten ist.

Als ihre Gefühle schließlich überkochen, nimmt die Geschichte eine überraschende Wendung: Alex entdeckt, dass mehr in ihr steckt, als sie je geahnt hätte. Von da an überschlagen sich die Ereignisse, und ehe ich mich versehe, befindet sie sich auf einer geheimnisvollen Insel, auf der sie zusammen mit anderen ihresgleichen lernen muss, mit ihren Fähigkeiten umzugehen. Diese neue Welt wirkt gleichzeitig faszinierend und einschüchternd, was ich beim Lesen sehr gut nachempfinden konnte.

Die Figuren haben mich unterschiedlich stark überzeugt. Alex selbst fand ich vielschichtig und glaubwürdig, vor allem in ihrem Umgang mit Trauer und dem Gefühl, nirgends so richtig dazuzugehören. Einige Nebencharaktere bringen ebenfalls emotionale Tiefe mit, auch wenn ich mir bei manchen noch etwas mehr Entwicklung gewünscht hätte. Mit ihrer Mutter bin ich hingegen nicht ganz warm geworden, sie blieb für mich schwer greifbar, wobei ich mir vorstellen kann, dass das bewusst so angelegt ist.

Das Tempo der Geschichte ist ziemlich hoch, was dafür sorgt, dass beim Lesen kaum Langeweile aufkommt.

Insgesamt hatte ich richtig viel Spaß mit Dragonborn. Die Mischung aus Abenteuer, Drachenmythologie und dem Thema Selbstfindung funktioniert gut, ohne das Genre neu erfinden zu wollen. Gerade jüngere Leserinnen und Leser dürften hier voll auf ihre Kosten kommen, aber auch ich habe die Reise sehr genossen. Ich bin auf jeden Fall gespannt, wie sich die Reihe weiterentwickelt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere