Mich hat dieses Buch völlig umgeworfen
Am Meer ist es schönWorum geht es?
Die achtjährige Susi Lach wird 1969 vom Hausarzt als „zu dünn“ eingestuft und zur Erholung an die Nordsee geschickt. Während ihre Familie glaubt, sie erlebe eine unbeschwerte Zeit in St. ...
Worum geht es?
Die achtjährige Susi Lach wird 1969 vom Hausarzt als „zu dünn“ eingestuft und zur Erholung an die Nordsee geschickt. Während ihre Familie glaubt, sie erlebe eine unbeschwerte Zeit in St. Peter-Ording, herrscht hinter den Türen des Verschickungsheims ein brutales Regime. Als Susi nach Hause zurückkehrt, glaubt ihr niemand – ihre Schilderungen werden als blühende Fantasie abgetan. Erst Jahrzehnte später, als ihre Mutter im Sterben liegt, bricht Susanne ihr Schweigen und beginnt gemeinsam mit ihrer eigenen Tochter Julia, das Trauma aufzuarbeiten.
Meine Meinung
Obwohl ich in der DDR aufgewachsen bin und dieses spezifische Schicksal der westdeutschen Verschickungskinder mich daher nicht betrifft, hat mich dieses Buch schlichtweg umgeworfen und erschüttert.
Das Buch macht deutlich, mit welcher Systematik die Kinder für "wenige" Wochen außerhalb des Elternhauses "erzogen" werden sollten und unter welchem gesellschaftlichen Druck auch die Eltern standen, die damals oft blind dem Urteil von Ärzten und Behörden vertrauten.
Der Schreibstil der Autorin ist flüssig und spannend. Gewechselt wird zwischen zwei Zeitebenen, dem Sommer 1969 und dem "Jetzt".
Die Charaktere sind für mich nicht immer ideal, wie Susis Schwester Edith. Für mich wurde sie etwas zu überzeichnet dargestellt. Aber wiederum lebt das Buch von solchen Gegenspielern, die ziemlich oberflächlich wirken, damit die Wucht der Thematik nicht geschmälert wird. Die Darstellung der kleinen Susi und ihres jahrelangen Schweigens ist unglaublich einfühlsam und aufwühlend.
Das Cover ist gut gelungen. Wirkt es doch still, schön und zufrieden, wenn man es vor dem Lesen betrachtet. Danach betrachtet man es völlig anders. Für mich ist es sehr passend.
Fazit
„Am Meer ist es schön“ ist ein schmerzhaftes, aber immens wichtiges Buch. Es gibt den ganz vielen betroffenen Kindern von damals eine Stimme und zeigt eindringlich, wie tief die Narben der Verschickungszeit bis heute reichen. Trotz meines kleinen Kritikpunktes am Stil, empfehle ich es allen, die sich mit der verdrängten Vergangenheit der deutschen Gesellschaft auseinandersetzen wollen.
Gerade in der heutigen Zeit wäre der Zusammenhalt innerhalb von Familien so wichtig. Stattdessen spiegeln sich die allgemeinen Spaltungstendenzen in unserem Land wider, und es gibt leider kaum noch ein gegenseitiges Zuhören.
Eine klare Leseempfehlung von mir!