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Veröffentlicht am 17.08.2026

Ein Mosaik aus Begegnungen – Bewegende Lebenserinnerungen

Das Mosaik der Frauen
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MEINE MEINUNG
In seinem neuen, faszinierenden Roman „Das Mosaik der Frauen“ erzählt Rafik Schami über das Leben als fein gesponnenem Geflecht aus Erinnerungen, Verlusten und prägenden Begegnung mit Frauen, ...

MEINE MEINUNG
In seinem neuen, faszinierenden Roman „Das Mosaik der Frauen“ erzählt Rafik Schami über das Leben als fein gesponnenem Geflecht aus Erinnerungen, Verlusten und prägenden Begegnung mit Frauen, die sich manchmal nur kurz, manchmal jedoch für immer in die Biographie einschreiben.
In der Rahmenhandlung begegnen wir Said Mardini, einem Mann, der vor Jahrzehnten aus Syrien nach Heidelberg gekommen ist und dem der todkranke Nadim Suri seine bewegte Lebensgeschichte anvertraut. Im eigentlichen Hauptteil des Romans bildet jedoch Nadim Suris Perspektive, der ebenfalls aus Damaskus über Beirut nach Heidelberg geflüchtet ist und nun rückblickend nicht nur von politischen Umbrüchen, Flucht und Neuanfängen berichtet, sondern vor allem jene Frauen in den Blick nimmt, die seinen Lebensweg zeitweise begleitet, geprägt, bereichert und nachhaltig verändert haben.
Mit einer Ausnahme ist jeder Frau ein eigenes, selbstständiges Kapitel gewidmet, in dem Nadim in wohltuender, hochachtungsvoller Erinnerung von ihren Begegnungen, ihrer Liebe, von stillen Momenten der Zuneigung, aber auch von Schmerz, Enttäuschung und schmerzhaften Trennungen berichtet.
Aus diesen unterschiedlichen Episoden, gleichsam als einzelne, bunten Mosaiksteinchen, entsteht nach und nach ein vielgestaltiges, von Brüchen durchzogenes Lebensbild, das Nadim zu dem charismatischen Menschen werden lässt, der er heute ist. Schami gelingt es hervorragend, aufzuzeigen, dass das Leben seines Protagonisten keine geradlinige, kontinuierliche Chronik darstellt, sondern aus zahlreichen, jeweils prägenden Begegnungen besteht, in denen sich die Persönlichkeit im Laufe der Zeit immer wieder aufs Neue zusammensetzt. Jede von ihnen hinterlässt dabei Spuren von anderer Art, Tiefe und Wirkung.
Gerade durch die Verbindung von Nadims persönlicher Lebensgeschichte mit der politischen Enge und der kulturellen Vielfalt Syriens gewinnt der Roman eine besondere Eindringlichkeit und fast greifbare atmosphärische Dichte. Insbesondere die Fragilität privaten Glücks gegenüber den ständigen Bedrohungen, dem Verlust von Freiheit und der Gefahr, Menschen zu verlieren, lässt die zwischenmenschlichen Beziehungen umso wertvoller und zärtlicher erscheinen.
Eindrucksvoll zeichnet Schami seine syrische Heimat, indem er uns einen lebendigen Blick auf das alltägliche Leben in Damaskus ermöglicht, eine widersprüchliche Stadt, die geprägt ist von religiöser Vielfalt, Aberglauben, fragilen Hoffnungen und den vielen Facetten der Beziehungen. Mit großer Empathie und sicherem Blick für Details entwirft er ein Bild des Landes, das von einem repressiven Regime geprägt ist und dessen Bevölkerung ständig im Schatten von Misstrauen, Überwachung, Gewalt und diffuser Angst lebt.
Schami schreibt über die Frauen in Nadims Leben als lebendige, komplexe Charaktere, die Nadim geformt und deutliche Spuren hinterlassen haben, aber auch durch ihn geprägt wurden.
Schami beweist erneut sein großes erzählerisches Können. Sein bildgewaltiger, oft poetischer Schreibstil strahlt eine warmherzige, fast vertrauliche Nähe aus, als säße man selbst im Raum und hörte Nadim beim Erzählen zu. Zwar fordert die verschachtelte, mäandernde Erzählweise viel Aufmerksamkeit und Geduld, doch gerade die scheinbar beiläufigen Abschweifungen und eingeschobenen Geschichten verleihen der berührenden Lebensgeschichte einen besonderen Reiz. Sie wirken nie willkürlich, sondern ergänzen die zentrale Metapher des Mosaiks, das keine perfekten, geraden Linien kennt, sondern aus Brüchen, Lücken und scheinbar unzusammenhängenden Teilen besteht. Erst mit Abstand und im Rückblick erschließt sich das Ganze auf beeindruckende Weise vollständig.

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Veröffentlicht am 14.08.2026

Faszinierender Kunstroman

The Artist
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Lucy Steeds’ Debüt “The Artist - Die Farben des Lichts“ ist ein fesselnder historischer Roman, der durch seine sprachliche Brillanz, dichte Atmosphäre und eine faszinierend vielschichtige ...

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Lucy Steeds’ Debüt “The Artist - Die Farben des Lichts“ ist ein fesselnder historischer Roman, der durch seine sprachliche Brillanz, dichte Atmosphäre und eine faszinierend vielschichtige Thematik überzeugt. Eindringlich geht er der Frage nach, welchen Preis künstlerisches Schaffen fordert und wer diesen letztlich zu tragen hat.

Die Handlung spielt im Sommer 1920in der Provence auf einem abgelegenen Landgut, in das sich der berühmte Maler Edouard Tartuffe gemeinsam mit seiner Nichte Ettie zurückgezogen hat. Der junge englische Journalist Joseph Adelaide erhofft sich von seinem Besuch ein spektakuläres Interview mit dem großen Genie, das sich seit Jahren der Öffentlichkeit entzogen hat. Tartuffe willigt Josephs Bleiben ein, unter der Bedingung, ihm Modell zu stehen. Was zunächst wie eine Gelegenheit für den aufstrebenden Journalisten scheint, entwickelt sich rasch zur Rolle eines stillen Beobachters, der sich vorsichtig dem verschrobenen Künstler annähert, bis sich seine Aufmerksamkeit immer stärker auf Ettie richtet, jene faszinierende, sehr rätselhafte junge Frau, die sich wie ein Schatten still durch das Haus bewegt und im Hintergrund für alles sorgt. Inmitten der spektakulären Landschaft aus Hitze, Licht, Farben und Stille entspinnt sich eine flirrende Geschichte, die weit über Malerei und künstlerische Obsession hinausgeht, Sie erzählt von Abhängigkeit und Kontrolle, von verdrängtem Schmerz, Kriegserfahrungen, Leidenschaft und Verlangen, aber auch von ungleichen Geschlechterverhältnissen und Macht in der Kunst. Die Handlung setzt sich langsam, etwas zäh in Gang und wird abwechselnd aus der Perspektive des jungen Journalisten Joseph und der rätselhaften Ettie erzählt, deren innerer Zugang zu Menschen und Bildern Josephs flüchtigen Außenblick stets zu hinterfragen scheint.

Besonders beeindruckend ist Steeds bildgewaltiger Schreibstil. Mit präziser, fast malerischer Prosa, verwandelt sie Landschaft, Atmosphäre, Farben, Texturen und das Licht der Provence in lebendige Bilder, wodurch diese nicht nur als Kulisse, sondern als eigenständiger Part in der Geschichte erscheinen. Ob nun den blassen, suchenden Joseph, die in Licht und Schatten getauchte Ettie oder den grotesk überzeichneten, bedrohlichen Taruffe - ihre Figuren zeichnet Steeds sehr eindrucksvoll und facettenreich wie schillernde Porträts auf einer Leinwand, so dass man sie fast zu spüren und zu sehen glaubt.

Gekonnt entwirft Steeds ihre Geschichte wie ein kunstvoll arrangiertes Tableau, in dem jeder Blick, jede Geste und jedes scheinbare Detail eine besonders aufgeladene, erst im Verlauf erschließbare Bedeutung gewinnt. Steeds versteht es, sich Zeit für die atmosphärisch dichte Beobachtung von Nuancen, Stimmungen und Stille zu nehmen und dabei geschickt eine subtile, unheilvolle Spannung aufzubauen, die sich unaufdringlich immer mehr ausbreitet. Nach und nach werden die feinen Grenzverschiebungen zwischen Beobachter und Akteur, zwischen Macht und Unterwerfung erkennbar, während die Beziehungen, Sehnsüchte und Verletzungen der Figuren immer deutlicher hervortreten und eine faszinierende Komplexität ihrer Welt offenbaren. Geschickt lenkt die Autorin unser Augenmerk allmählich von Joseph auf Ettie, die eigentliche Protagonistin des Romans. Mit ihr hat Steeds eine faszinierende, vielschichtige Figur geschaffen, deren Geheimnisse, Ambivalenzen und rätselhaftes Verhalten uns zunehmend in ihren Bann ziehen. Im Verlauf zeigt sich, dass die lange im Hintergrund bleibende Ettie eine zentrale Figur für Tartuffe ist und über verborgene Talente verfügt, die sich in ihrem scharfen Blick, ihrer Beobachtungsgabe und ihrem sensiblen Umgang mit Bildern ausdrücken. Ihr Schweigen erscheint nicht als Zeichen von Schwäche, sondern als ein stiller, bewusster Widerstand gegen eine Rolle, die ihr nur den unsichtbaren Platz im Schatten des Künstlers erlaubt. Auf tragische Weise wird deutlich, dass Ettie eine andere Geschichte hätte leben können, wenn die rigiden patriarchalen Strukturen und gesellschaftlichen Zwänge der damaligen Zeit für Frauen weniger einengend gewesen wären und sie sich hätte selbstverwirklichen können. Ihre inneren Kräfte und die enorme Stärke, ihren eigenen Weg zu gehen, werden erst nach und nach sichtbar, auch wenn die spätere, durchaus spektakuläre Enthüllung ihres Handelns in meinen Augen keine wirkliche Überraschung ist.

In dieser Hinsicht erzählt Steeds nicht nur vom Leben gefeierter Künstler, sondern vor allem von den Frauen an ihrer Seite, die durch Fürsorge, Organisationstalent und bewusste Zurückhaltung die Illusion von „Genie“ aufrechterhalten, ohne selbst je sichtbare Anerkennung zu erhalten. „The Artist“ zeichnet damit eine eindrückliche Geschichte von ungleiche Geschlechterverhältnissen und der historische Schieflage dessen, was überhaupt als kreative Leistung anerkannt wird.

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Veröffentlicht am 15.07.2026

Zwischen Verlust und Neubeginn

Mirabellentage
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Martina Bogdahns neuer Roman „Mirabellentage“ entführt uns erneut in das fiktive bayrische Dorf Blumfeld, in dem bereits ihr Debüt „Mühlensommer“ spielte, und lässt uns wieder in ein ebenso ...

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Martina Bogdahns neuer Roman „Mirabellentage“ entführt uns erneut in das fiktive bayrische Dorf Blumfeld, in dem bereits ihr Debüt „Mühlensommer“ spielte, und lässt uns wieder in ein ebenso lebendiges wie berührendes Panorama des ländlichen Lebens eintauchen.
Obwohl sich die deutsche Fotografin und Autorin Bogdahn thematisch und atmosphärisch treu bleibt, entfaltet sich eine deutlich stillere, melancholischere Geschichte, in der sie mit viel Feingefühl über Abschied, Erinnerung, Zusammenhalt und Suche nach dem, was im Leben wirklich wichtig ist, erzählt.
Angelegt ist der Roman ist in der Gegenwart des Jahres 2010.
Bogdahns Erzählstil ist leicht, lebendig und von großer Wärme geprägt. Mit spürbarer Nähe zur eigenen Herkunft schildert sie das Leben im ländlich geprägten Blumfeld ebenso anschaulich wie authentisch. Mit großem Einfühlungsvermögen, sicherem Sinn für Stimmungen und einem liebevoll-ironischen Blick gelingen ihr nicht nur heitere, teils wunderbar komische Episoden und stimmungsvolle Naturbeschreibungen sondern auch fein beobachtete Momente voller Nachdenklichkeit und stiller Wahrhaftigkeit.
Im Mittelpunkt steht diesmal die 54jährige Protagonistin und Ich-Erzählerin Anna Nass, die langjährige Haushälterin und Gefährtin des verstorbenen Blumenfelder Dorfpfarrers Josef. Durch seinen plötzlichen Tod verliert Annas klar strukturierter Lebensalltag und vertrauten Gewohnheiten jede Ordnung. Zudem gerät Annas kleine Welt beträchtlich ins Wanken, als noch vor Josefs Beerdigung der junge, neubestellte Nachfolger Fridtjof ins Pfarrhaus einzieht. Der junge Nordfriese mit seinem für Bayern schwer verständlichen Plattdeutsch tut sich schwer mit seiner neuen Aufgabe und braucht Annas Hilfe, so dass sich zwischen den beiden allmählich trotz aller Befremdlichkeiten eine zarte, vertrauensvolle Bindung entwickelt.
Rückblenden eröffnen nach und nach aufschlussreiche Einblicke in Annas Kindheit, ihr Alltagsleben und die prägende Zeit auf dem Land sowie Erinnerungen an frühere Dorffeste und schöne Momente. Diese feine Verflechtung von Vergangenem und Gegenwärtigem macht den Roman besonders facettenreich und lässt Annas Lebensweg eindrucksvoll nachvollziehen. So begleiten wir Anna bei ihrer inneren Reise, bei der sie über die Vergänglichkeit, das eigene Altern, alte Freundschaften und verpasste Chancen nachdenkt.
Anschaulich widmet sich die Autorin Annas verspätet ersetzender Selbstreflexion und ihrem allmählich einsetzenden inneren Befreiungsprozesses. Erst mit Mitte fünfzig beginnt sie über sich selbst und ihr von harter Arbeit, Bescheidenheit und Verzicht geprägtes Leben nachzudenken und ihre tradierten Rollen, Verpflichtungen und Loyalitäten zu hinterfragen. Mag ihr Lebensweg zunächst eher unspektakulär wirken, so gelingt es Bogdahn doch, ein glaubwürdiges Bild einer mitfühlenden Frau und leisen Heldin zu zeichnen, die Beständigkeit, Rücksichtnahme und alte Werte schätzt und deren aufopferndes Leben, ihr Sinn und Halt gibt.
Neben der liebevoll und facettenreich gezeichneten Hauptfigur mit all ihren Eigenheiten, Stärken und Schwächen begegnet man einer Reihe origineller Dorfbewohner, aber leider auch etwas klischeehaft inszenierter Nebenfiguren, die dem Roman Farbe und Lebendigkeit verleihen sollen.
Mit eindrucksvoller Detailfülle und mit feinem Humor arbeitet Bogdahn in vielen kleinen Episoden und Anekdoten ein atmosphärisch dichtes und nostalgisch angehauchtes Panorama von den charmanten Besonderheiten des Landlebens und eines stark katholisch geprägten Mikrokosmos heraus. Die Autorin versteht es zudem, mit leiser Ironie und einer Prise gelungener Situationskomik, für Unterhaltung und nette Schmunzelmomente zu sorgen.
Allerdings bleibt die ruhige, etwas seicht dahinplätschernde Geschichte leider deutlich hinter ihren Möglichkeiten zurück. So Bogdahn beschwört eine heile Welt voller Idylle und Gutherzigkeit sowie die behagliche Geborgenheit in einer starken Gemeinschaft herauf, ohne deren Schattenseiten mit starren Konventionen, der Enge und Ausgrenzung von Abweichlern auszuleuchten. Bisweilen hätte ich mir doch einige Überraschungen oder emotionale Zuspitzungen für mehr Spannungsmomente gewünscht.

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Veröffentlicht am 24.05.2026

Der Traum vom guten Leben - Eine eindrucksvolle Familiengeschichte

Das gute Leben
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Der Roman „Das gute Leben“ von Nadine Schneider zeichnet die Lebensgeschichte der aus Rumänien stammenden Anni und ihrer Familie über vier Frauengenerationen und mehrere Jahrzehnte hinweg ...

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Der Roman „Das gute Leben“ von Nadine Schneider zeichnet die Lebensgeschichte der aus Rumänien stammenden Anni und ihrer Familie über vier Frauengenerationen und mehrere Jahrzehnte hinweg nach.
Gekonnt verdichtet die Autorin Migrationsgeschichte, Arbeitswelt und familiäre Prägungen zu einem eindrucksvollen, facettenreichen Panorama biografischer Erfahrungen zwischen Rumänien und Deutschland. Eindringlich wirft sie die Frage auf, was ein „gutes Leben“ eigentlich ausmacht, wenn Herkunft, Migrationshintergrund, gesellschaftliche Erwartungen und prekäre Arbeitsbedingungen die Entfaltungsmöglichkeiten einschränken und den Spielraum für Veränderungen immer wieder begrenzen. Aus einer spezifisch weiblichen Perspektive zeigt sie, wie ihre Frauenfiguren versuchen, sich durch Arbeit, Fleiß und Anpassung einen Platz in einer Welt zu erkämpfen, in der ihnen dieser keineswegs selbstverständlich zugestanden wird.

Im Mittelpunkt der Erzählung steht Anni, die Mitte der sechziger Jahre aus der rumänischen Diktatur in die Bundesrepublik flieht und dort ihre Tochter und später ihre Enkelin Christina weitgehend allein großzieht. Als Christina das Haus ihrer kürzlich verstorbenen Großmutter in der Nähe von Nürnberg erbt, tauchen wir gemeinsam mit ihr in Erinnerungen und überlieferte Familiengeschichten ein. Die faszinierende Familiengeschichte entfaltet sich in Form eines unchronologischen Erinnerungsgeflechts, in dem vieles nachträglich rekonstruiert, nur bruchstückhaft überliefert oder lediglich angedeutet wird. Durch die Wechsel zwischen verschiedenen Zeitebenen springen wir von Christinas Gegenwart zu Annis Vergangenheit und bisweilen noch weiter zurück zur Urgroßmutter in Rumänien.

Besonders anschaulich schildert Schneider Annis entbehrungsreiches Leben, ihren kräftezehrenden Job als Arbeiterin im Quelle-Versandzentrum zwischen Kartons, Kleidern und monotonen Handgriffen am Fließband sowie die Mühen ihres Alltags als Alleinerziehende. Trotz ihrer Anpassungsbereitschaft, Beharrlichkeit, Loyalität und ihres großen Engagements bleiben Anni Anerkennung, Belohnung und sozialer Aufstieg verwehrt. Sie glaubt zwar an das verheißungsvolle Leistungsversprechen der sogenannten Wirtschaftswundergesellschaft, bleibt aber dennoch ein kleines, austauschbares Rädchen in einem System, das sie mit ihrer Arbeit am Laufen hält. Der Übergang zu einem tatsächlich gelungenen, erfüllten Leben bleibt ihr verwehrt und so wird sie nie Teil jener Erfolgsgeschichten, die das Selbstbild der neuen Heimat prägen.

Eindringlich lotet die Autorin aus, wie die Figuren auf das zurückblicken, was sie geleistet haben, wie sie Wert und Preis ihres „guten Lebens“ in der neuen Gesellschaft bemessen und welche Kompromisse und Opfer damit verbunden waren. Auch Christina empfindet Annis Migrations- und Familiengeschichte als etwas, das mit ihr an ein Ende gekommen ist. Mit Bedauern erkennt sie, dass viele Leerstellen sich nicht mehr schließen lassen, weil Fragen ungestellt blieben und Erinnerungen verblassen. Zugleich macht Schneider anschaulich deutlich, dass nicht alles aus der Familiengeschichte bewahrt und weitergetragen werden muss. Manche belastenden Überlieferungen dürfen ohne Sentimentalität bewusst beendet werden, um Raum für ein eigenes Verständnis von gelingendem Leben zu schaffen.

FAZIT
Ein vielschichtiger, leise erzählter Roman über Migration, weiblicher Selbstbehauptung und familiäre Prägungen mit eindrucksvollen Charakteren. Mit großem Feingefühl zeigt die Autorin, wie sehr Herkunft und gesellschaftliche Strukturen Biografien formen und wo dennoch Spielräume für eigene Entscheidungen bleiben.

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Veröffentlicht am 06.05.2026

Zwischen zwei Welten - Vielschichtiger Familienroman

Real Americans
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MEINE MEINUNG
Der vielschichtige Roman „Real Americans“ von Rachel Khong ist eine epische, generationenübergreifende Familiensaga über eine chinesisch-amerikanische Familie.
Khongs ehrgeiziger Versuch ...

MEINE MEINUNG
Der vielschichtige Roman „Real Americans“ von Rachel Khong ist eine epische, generationenübergreifende Familiensaga über eine chinesisch-amerikanische Familie.
Khongs ehrgeiziger Versuch einen „großen amerikanischen Roman“ über den berühmten Mythos des Amerikanischen Traums, über Immigration und Assimilation, Klassenschranken, soziale Ungleichheiten, Rassismus sowie die Bedeutung von ethnischer und gesellschaftlicher Herkunft für den Lebensweg zu verfassen ist allerdings nur teilweise gelungen. Die beeindruckende Themenfülle lässt den Roman deutlich überladen wirken. Viele aktuelle Themen werden nur angerissen, wodurch der erzählerische Fokus bisweilen verloren geht.
Darüber hinaus greift die Autorin in ihrer Geschichte die brisante Thematik genetischer Manipulationen in der Medizin und die damit verbundenen ethisch-moralischen Fragestellungen in der biotechnologischen Forschung auf. Statt einer tiefgründigen Auseinandersetzung über Wissenschaftsethik oder die Gefahren profitgetriebener Interessen dient dieser vielversprechende Ansatz eher der dramatischen Zuspitzung der Familiengeschichte und bleibt letztlich im Hintergrund.

Der Roman gliedert sich in drei große Teile und spannt einen weiten zeitlichen Bogen über mehr als 5 Jahrzehnte. Jeder Abschnitt ist jeweils aus der Ich-Perspektive mit drei ganz unterschiedlichen Erzählstimmen erzählt und entfaltet sich auf einer eigenen Zeitebene, die sich nach und nach zu einer kunstvoll verwobenen Familiengeschichte zusammenfügen.
So folgen wir in der nicht chronologisch angelegten Geschichte den drei Generationen der chinesisch amerikanischen Familie Chen-Maier und wechselt dabei zwischen Zeiten, Perspektiven und Schauplätzen von New York über Florida und Kalifornien bis nach Beijing und Hongkong.

Im Mittelpunkt des ersten Teils steht zunächst Lily Chen, Tochter chinesischer Einwanderer und hochqualifizierter Wissenschaftler, die vor der Kulturrevolution aus China in die USA geflohen sind, im New York der Jahrtausendwende. Als schlecht bezahlte Praktikantin in einem New Yorker Medienunternehmen begegnet sie dem wohlhabenden Matthew Allen, Erbe eines mächtigen Pharmagroßkonzerns. Ihre Liebesgeschichte steht jedoch von Beginn an unter keinem guten Stern, denn zu groß sind die sozialen und kulturellen Unterschiede zwischen ihnen.
Im zweiten Teil wechselt die Perspektive zu Lilys fünfzehnjährigen Sohn Nick im Jahr 2021, der ohne seinen Vater recht isoliert auf einer Insel vor der Küste Washingtons aufwächst. Von Fragen nach seiner Herkunft getrieben, begibt er sich auf die Suche nach seinem unbekannten Vater. Der letzte, in der nahen Zukunft des Jahres 2030 angelegte Teil widmet sich schließlich dem bewegte Leben von Lilys alter Mutter May, die von ihrer Jugend, ihrer Flucht aus China und ihrer wissenschaftliche Karriere erzählt.

Sehr fesselnd ist die Perspektivvielfalt, die die Geheimnisse, Konflikte und Motive der Charaktere aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet und zugleich die vielschichtigen Aspekte von Migration, Identität und Herkunft aufzeigt. Insbesondere der letzte Teil über May und ihren Lebensweg entfaltet mit seinen eindringlichen Schilderungen der Kulturrevolution, der Flucht und des Preises wissenschaftlichen Erfolgs eine eindrückliche erzählerische Kraft. Hier finden zudem die zuvor oft fragmentarischen Erzählstränge zu einem bewegenden Gesamtbild einer zerrissenen Familie zusammen. Nicks Coming of Age Geschichte wirkt hingegen vergleichsweise konventionell, vorhersehbar und lässt an psychologischer Tiefe vermissen.
Ob nun Liebesgeschichte, Familiensaga, Coming-of-age-Geschichte, Gesellschaftsanalyse oder Science-Fiction– der Roman vereint viele verschiedene Facetten und wirft wichtige existenzielle Fragen auf.
Eindrucksvoll arbeitet Khong heraus, dass ein Lebensweg von genetischer Disposition, historischen Bedingungen und gesellschaftlichen Strukturen oder auch durch Zufall gleichermaßen beeinflusst werden kann. Vor allem die Kluft zwischen Arm und Reich sowie die unsichtbaren Regeln sozialer Zugehörigkeit sorgen aber dafür, dass die Chancen auch heute noch ungleich verteilt bleiben.
Insgesamt jedoch bleibt der Roman hinter seinem Anspruch zurück. So hatte ich mir eine grundlegende und kompromisslose Abrechnung mit den viel gerühmten amerikanischen Werten und Idealen des American Dream sowie dem Umgang mit Migration und ethnischer Abstammung erhofft. Leider bietet er vor allem eine Vielzahl an Schlaglichtern, ohne sie konsequent zu bündeln oder in einer klaren Zuspitzung zusammenzuführen.

FAZIT
Ein ambitionierter und atmosphärisch dichter Roman , der durch seine thematische Vielfalt beeindruckt, aber erzählerisch nicht immer überzeugt und durch seine Breite an Schärfe verliert. Dennoch eine interessante und lesenswerte Auseinandersetzung mit Identität und Herkunft in der amerikanischen Gegenwartsliteratur.

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