Sprachgewaltig
Liebe ist gewaltigMeine Meinung und Inhalt
"Damals war aber noch alles okay, im Großen und Ganzen. Ich gewann zig Pokale im Eiskunstlauf, hatte die besten Noten und ging auf dem Schulhof sogar als eins der coolen Mädchen ...
Meine Meinung und Inhalt
"Damals war aber noch alles okay, im Großen und Ganzen. Ich gewann zig Pokale im Eiskunstlauf, hatte die besten Noten und ging auf dem Schulhof sogar als eins der coolen Mädchen durch. ........Manchmal träume ich von dieser Zeit. Wenn ich nicht davon träume, wie Bruno winselnd am Boden liegt, Embryostellung, Blut im Gesicht. .......Ich hab’ Bilder im Kopf. Mamas blaue Flecken morgens beim Frühstück. Papas Salvador-Dalí-Blick, wenn er sagt, dass er mich umbringt. Wie bei einem defekten Projektor. Der kann jederzeit angehen, ungewollt und in den blödesten Momenten. Dann werden die Bilder vor mir riesengroß auf die Wand projiziert, ohne Entkommen. Weil, wenn ich woanders hinsehe, erscheint das Bild eben dort." (ZITAT)
Absolute Leseempfehlung für dieses sprachgewaltige starke Debüt.
Wir begleiten die Protagonistin Juli. Diese wächst in einer Vorzeigefamilie auf: Die Eltern sind Rechtsanwälte, sie ist Klassenbeste. Doch in der Kleinstadtvilla herrscht das Grauen. Der Vater drillt die Kinder auf Leistung, prügelt sie und seine Frau. Juli wird älter, fordert ein Ende der Gewalt, deren Realität von der Mutter vehement abgestritten wird. Einzig ihre Geschwister und eine Maus geben Halt. Wie kann man sich befreien, wenn man weder den Eltern noch den eigenen Erinnerungen traut?
Die Befreiung gerät zum Feldzug – gegen die Eltern und das eigene Ich. Die Protagonistin verlässt nach ihrem Reha-Aufenthalt ihr Stuttgarter Elend, geht nach Berlin, nennt sich „Jules“, verdient, obwohl sie eigentlich eine Promotion in Mathematik anstrebt, ihre Brötchen als Profi-Gamerin und lässt sich auf eine Liebesbeziehung mit einer Frau, Sanyu, ein. Alles in allem ein großer Wandel, der Schrei nach Veränderung.
Drei Jahrzehnte folgen wir Juli, die mit aller Macht versucht, die Deutungshoheit über ihr Leben zu erlangen. Der letzte Teil zeigt Juli – nun Julia genannt – beim grotesken Versuch, endlich „Normalität“ zu erlangen.
"Als wäre ich so krank, dass es peinlich ist. So gestört, dass einem nichts mehr einfällt. Raus hier. Hastig stehe ich auf, stoße den Stuhl um. Eiere Richtung Tür, mache das zuklappende Taschenmesser. Ein großer Schwall ergießt sich vor mir. Bravo, ein zweiter. Die Kekse, der Schnaps, das Mittagessen, die Restwürde: Ich kotze alles auf den Boden. Dann bin ich vollkommen leer." (ZITAT)
Claudia Schumacher, 1986 in Tübingen geboren, verbrachte ihre Jugend im Stuttgarter Speckgürtel. Nach dem Studium in Berlin folgten sieben Jahre in Zürich, wo sie als Journalistin und Kolumnistin arbeitete, Redakteurin bei der NZZ am Sonntag war. Heute lebt die Autorin in Hamburg und schreibt unter anderem für DIE ZEIT.