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Veröffentlicht am 10.06.2026

Das radikale Potenzial der Geschichte blieb leider unausgeschöpft

Fast Abend, immer noch hell
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Die Autorin und auch der Klappentext versprachen mir eine aufregende Geschichte rund um Beziehungsdynamiken und verschiedene Lebensformen. Und angelegt waren die Figuren auch entsprechend: ein trans Mann ...

Die Autorin und auch der Klappentext versprachen mir eine aufregende Geschichte rund um Beziehungsdynamiken und verschiedene Lebensformen. Und angelegt waren die Figuren auch entsprechend: ein trans Mann auf der Suche nach einem Umgang mit herkömmlicher Männlichkeitsdefinition, ein lesbisches Paar mit unterschiedlichen Wünschen an die Beziehungsform und zwei hetero Paare mit eigenen Herausforderungen.

Das Aufeinandertreffen der Freundesgruppe machte mir Hoffnung auf Diskussionen, Reibung und das Ausloten neuer Möglichkeiten. Aber bekommen habe ich eher eine Aneinanderreihung innerer Gedankenprozesse von einzelnen Figuren und äußerst wenig Interaktion miteinander. Dabei sind die Ideen durchaus revolutionär und ich stimme einigem in Bezug auf den Status von heteronormativer Monogamie auch zu - ich denke, dass aus ihm nicht wenig Leid entsteht.

Aber warum reden die Freund*innen so wenig miteinander?! Erst nach 160 Seiten kommt es langsam zu einer echten Interaktion, die dann auch noch viel zu schnell unterbrochen wird. Ich finde das unglaublich schade und habe zwischenzeitlich an einen Abbruch gedacht, weil mich die ewig kreisenden Monologe wirklich gelangweilt haben. Zudem fand ich die Sprache oft nicht gerade zugänglich, ziemlich intellektualisiert und mit viel zu vielen Bildern für meinen Geschmack.

Die letzten 60 Seiten haben für mich noch mal echt was rausreißen können, sodass ich nun besser bewerte als anfangs gedacht. Da entlädt sich auf erhoffte, aber unerwartete Weise nämlich die Spannung der Geschichte. Die Szenen sind wirklich toll und ästhetisch geschrieben, aber ich bedaure total, dass sie erst so spät kamen. Wenn das der Ausgangspunkt gewesen wäre und ich die Reaktion der Figuren darauf hätte begleiten können, wäre ich wahrscheinlich überaus zufrieden gewesen. So bleibt das Buch leider weit hinter meinen Erwartungen zurück.

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Veröffentlicht am 26.05.2026

Sehr poetisch und sprachlich besonders - hat mich aber zu spät an sich herangelassen

Weißer Sommer
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Ich hatte aufgrund der guten Besprechungen wirklich hohe Erwartungen an das Debüt von Eva Pramschüfer. Und ich halte sie wirklich für eine ganz besondere literarische Stimme mit großem Talent. Leider hat ...

Ich hatte aufgrund der guten Besprechungen wirklich hohe Erwartungen an das Debüt von Eva Pramschüfer. Und ich halte sie wirklich für eine ganz besondere literarische Stimme mit großem Talent. Leider hat mich die von ihr gewählte Sprache aber einfach nicht so erreichen können, wie ich es für diese Plot-arme Geschichte gebraucht hätte.

Eva Pramschüfer schreibt malerisch, was sehr zu den künstlerischen Seiten ihrer beiden Hauptfiguren passt, und voller Poesie, welche die Grenzen von Kapiteln oder Absätzen zu sprechen weiß. Und so sehr ich anerkenne, dass sie wirklich schön und vor allem besonders schreibt, entspricht es doch nicht meinem Geschmack. Eine poetische Sprache verhindert bei mir schon in geringen Mengen die emotionale Nähe zu den Figuren, die ich in literarischen Werken üblicherweise brauche und die mir auch hier wichtig gewesen wäre.

Dabei schafft Pramschüfer es unvergleichlich gut, die innere Zerrissenheit ihrer Figuren einzufangen, die Suche nach Zugehörigkeit in den Zwanzigern voller Authentizität abzubilden. Auch wenn ich phasenweise wirklich angestrengt war von der fehlenden Kommunikation des Paares, fand ich ihren Umgang miteinander doch überwiegend liebevoll und vor allem nachvollziehbar für eine Zeit im Leben, die bei vielen Menschen von Unsicherheiten geprägt ist.

Schwer gemacht wurde mir die Lektüre zudem durch die vielen Wechsel der Erzählperspektiven und Zeitebenen. Alles fließt ineinander, ohne klar gekennzeichnet zu sein und an der Stelle hätte ich einfach deutlich mehr Struktur gebraucht.

Eigentlich wollte ich noch schlechter bewerten, weil ich wirklich über einen Abbruch nachgedacht habe. Im letzten Drittel hat mich die Autorin aber doch noch erreicht und ich habe die ambivalente Emotionalität von Alma und Théo selbst fühlen können. Das Ende ist unglaublich gut gelungen, davor kann ich wirklich nur meinen Hut ziehen.

Es war nicht mein Buch, aber das liegt einfach nur an meinen sprachlichen Präferenzen. Wer Poesie mag und keine Plot-getriebene Geschichte sucht, sondern sich treibend mit den Figuren bewegen möchte, sollte dieses Debüt unbedingt lesen. Eva Pramschüfer verdient für ihr Talent eindeutig Aufmerksamkeit, auch wenn wir hier stilistisch nicht zusammengekommen sind.

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Veröffentlicht am 12.05.2026

Starker, bissiger und gesellschaftskritischer Start - dann kitschige Selbstfindungsreise

Mit anderen Augen
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Ich bin herb enttäuscht, anders kann ich es nicht sagen. Die Literatur aus dem Diogenes-Verlag ist mir bisher sehr positiv im Gedächtnis geblieben und „Mit anderen Augen“ hat SO unglaublich stark begonnen, ...

Ich bin herb enttäuscht, anders kann ich es nicht sagen. Die Literatur aus dem Diogenes-Verlag ist mir bisher sehr positiv im Gedächtnis geblieben und „Mit anderen Augen“ hat SO unglaublich stark begonnen, dass ich mir sicher war, ein weiteres Highlight in den Händen zu halten. Doch spätestens ab der Mitte wechselte der Roman seinen Ton so gravierend, dass ich nur noch kopfschüttelnd davor saß.

Die Autorin ist vor allem im ersten Drittel sehr reflektiert, bindet bspw. neurodivergente, queere und behinderte Menschen ganz organisch und sensibel in die Geschichte ein. Gleichzeitig gibt sie ihrer Protagonistin einen bissigen, ironischen Ton, den ich mindestens genauso sehr mochte wie die ganz starken Freundinnenschaften. Die Erzählung steckte anfangs voller weiblicher Solidarität und Wut.

Doch dann passierte etwas, das ich Jane Tara nur schwer verzeihen kann. Der Ton wechselte so radikal, dass ich manchmal dachte, die Autorin wurde auf halber Strecke ausgetauscht. Tilda verliert jegliche strukturelle Komponente aus dem Blick (etwa die zuvor angesprochene Gender Health Gap) und begibt sich stattdessen auf eine spirituell gefärbte Selbstfindungsreise. Dass sie überdurchschnittlich privilegiert ist und dadurch Zugang zu Ressourcen hat, die viele andere Frauen nicht haben, wird gekonnt ignoriert. Stattdessen liebt sie sich einfach selbst und schafft es, mit einer intensiven Meditation ihr bislang unerkanntes Kindheitstrauma zu bearbeiten.

Diese gar nicht mal so unterschwelligen Botschaften halte ich für absolut gefährlich. Beim Lesen wurde ich mit Aussagen konfrontiert, die mir vermitteln, ich solle die Heldin meiner Geschichte sein und nicht das Opfer und außerdem sei ich für meine Traumata ja schon irgendwie selbst verantwortlich. Es ist sicherlich bis hierhin bereits spürbar - so etwas macht mich sehr wütend!

Natürlich ist es wichtig, den eigenen Selbstwert von anderen unabhängig zu definieren. Aber das hat eben Grenzen und dieses toxisch Positive à la „Jeder einzelne Tag ist grandios“ ist lebensfernes Wunschdenken. Auch die anderen Frauen der Geschichte sind eigentlich nur Beiwerk, um die Entwicklung Tildas hin zur tatsächlichen Heldin des Buches zu unterstützen - mit dem absolut perfekten Mann natürlich als Sahnehäubchen.

Der Roman begann so stark und für mich hätte Tilda weiter die ironische, umperfekte Protagonistin bleiben sollen, die sich an ihre Freundinnenschaften hält. Die extreme Introspektion und der Wandel hin zum Spirituellen gefallen mir nicht und ich finde sie auch nicht fair allen Betroffenen sowie weniger Privilegierten gegenüber. Das wäre anders gegangen, aber so enden wir mit einer völlig weichgespülten, unmotivierten Geschichte, die mich absolut verloren hat. Ich bewerte für den starken Anfang und das durchgängig gute Erzähltempo des Romans wohlwollend, inhaltlich hätte ich noch strenger sein können.

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Veröffentlicht am 12.04.2026

Kann aufgrund vieler Nebenhandlungen dem thematischen Anspruch nicht gerecht werden

Gin Boom
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Ich kritisiere gern und lautstark die Allgegenwärtigkeit von Alkohol - im Leben wie auch in Büchern. Was nicht nur als normal angesehen, sondern von Nichttrinker*innen sogar regelrecht eingefordert wird, ...

Ich kritisiere gern und lautstark die Allgegenwärtigkeit von Alkohol - im Leben wie auch in Büchern. Was nicht nur als normal angesehen, sondern von Nichttrinker*innen sogar regelrecht eingefordert wird, macht mich sehr wütend. Umso interessierter war ich an dieser Geschichte, die mit persönlicher Erfahrung Abhängigkeit und ihre Folgen in den Blick nimmt.

Und dass Verena Titze weiß, wovon sie schreibt, ist deutlich spürbar. Es gibt entlang dieser Haupthandlung wirklich starke Momente rund um Rückfall, Entzug und die Anstrengungen in einem Alltag voller Alkoholnormalität.

Schade ist nur, dass gleichzeitig unglaublich viele Nebenschauplätze eröffnet wurden: Konsens, sexualisierte Gewalt, vielleicht häusliche Gewalt, Suizid, Hustle Culture und weitere. Zusätzlich gibt es so viele Figuren, die aufgrund der Kürze des Buches aber auch nur wenig Tiefe bekommen und die wir als Lesende irgendwie zusammenbringen müssen.

Denn zwischen einigen gibt es Verbindungen, die teilweise fast krimiartig angedeutet werden. Und an der Stelle hat mich die Geschichte leider ziemlich verloren. Auf so wenigen Seiten geht das Hauptthema Alkoholmissbrauch schlicht unter, wenn so viele weitere Themen und Figuren hinzukommen. Keine der Figuren, inklusive der Protagonistin, konnte ich so richtig in der Tiefe begreifen, weil dafür einfach der Raum und auch die Emotionalität fehlte. Manche Textpassagen wie die Tagebucheinträge empfand ich zudem als sprachlich unpassend zum Alter der Hauptfigur.

So bleibe ich doch etwas unzufrieden zurück und werde das Buch nicht lange im Gedächtnis behalten. Das bedaure ich bei einem so wenig beachteten Thema wirklich sehr. Die guten Ansätze der Autorin können mit der inhaltlichen Dichte und dem rasanten Tempo der Geschichte nicht mithalten, sodass ich mich am Ende gefragt habe, wo denn nun eigentlich der Fokus liegen sollte. Es ist auf jeden Fall eine extrem schnelle Lektüre und wer die in Kombination mit Denkanstößen rund um den Stand von Alkohol in unserer Gesellschaft sucht, kann sich den Roman sicherlich einmal ansehen.

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Veröffentlicht am 07.04.2026

Ein wichtiges Thema künstlerisch und mit hohem Anspruch umgesetzt

Paradise Beach
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Das Thema Endometriose ist mir literarisch noch nie begegnet und das ist angesichts der Zahl der Betroffenen eine große Schande. Umso begeisterter habe ich auf „Paradise Beach“ geblickt, das sich dieser ...

Das Thema Endometriose ist mir literarisch noch nie begegnet und das ist angesichts der Zahl der Betroffenen eine große Schande. Umso begeisterter habe ich auf „Paradise Beach“ geblickt, das sich dieser Thematik in Kombination mit einer queeren Coming-of-Age-Story annimmt.

So ganz warm geworden bin ich mit dem Werk aber leider nicht. Ich würde den Sprach- und Erzählstil als eher kunstvoll beschreiben, was ich als Hürde beim Lesen empfinde. Die Autorin schwankt zwischen einer gegenwärtigen Perspektive, in der die Protagonistin nach einer Endo-OP und entsprechender Hormontherapie mit Schlafstörungen ziemlich isoliert in ihrer Wohnung liegt, und einer vergangenen, in welcher Ada sich an den Sommer ihrer ersten Menstruation erinnert.

Brexendorf hat ganz starke Passagen in diesen Roman eingebunden und übt deutliche Kritik - unter anderem an Medical Gaslighting („Alle Frauen haben solche Schmerzen“, „Sie steigern sich da in etwas hinein, gehen Sie mal spazieren“) und der männlichen Sexualisierung von jungen weiblichen Körpern. Dabei ist sie gar nicht einmal explizit, verwendet oft einen kindlichen und damit fast verharmlosenden Blick. Doch die Tragweite ist allen, denen ähnliche Erfahrungen eingeschrieben sind, wohl sehr bewusst. Ich habe so einige Szenen als gewaltige Donnerschläge empfunden, die nachhaltig in mir resoniert haben.

Die subtile Spannung der ersten, in diesem Fall queeren, Liebe ist ebenso spürbar wie die innere Einsamkeit der erwachsenen Ada nach ihrer OP. Sie versucht sich Satz um Satz auch wieder ein Stück weit mit ihrem Körper zu versöhnen.

Doch abseits dieser starken Elemente muss ich sagen, dass mir die Erzählform hier zu sehr über Inhalt und Emotionen gestellt wurde. Dadurch ist es zweifelsfrei ein besonderes Werk, in dem die Autorin etwas gewagt hat. Es hat mir aber damit auch nicht so wirklich ermöglicht, mich nachhaltig in die Protagonistin einzufühlen. Oft war sie mir zu distanziert und unverständlich. Ich hätte sehr gerne noch ein tieferes Verständnis für die Erkrankung bekommen und mehr über ihre Konsequenzen für die Betroffenen erfahren. Abgesehen von ein paar starken Eindrücken kann ich das für das gesamte Werk nicht behaupten.

Diese Side-Story rund um den Nachbarn fand ich außerdem zunehmend eigenartig und ihr Sinn hat sich mir nicht erschlossen, vor allem in Anbetracht ihres Endes. Den Schluss fand ich grundlegend gut gewählt, aber er kann meinen Gesamteindruck des Werkes nicht wirklich verbessern.

Damit bleibt es ein anspruchsvolles Werk über ein überaus wichtiges Thema, dem ich ein bisschen mehr sprachliche Zugänglichkeit sowie emotionale Nähe gewünscht hätte. Gerade für Menschen mit Freude an tendenziell poetischen Sprachstilen, die sich von der Masse abheben, ist dieses Debüt aber durchaus eine Empfehlung.

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