Worth the hype
Seltsame Sally DiamondSchon die ersten Seiten von SALLY DIAMOND haben mich unglaublich gecacht. Diese direkte Frau ohne Filter, die alles wortwörtlich nimmt, ihre ganz eigene Betrachtungsweise mit sich bringt und ihre Mitmenschen ...
Schon die ersten Seiten von SALLY DIAMOND haben mich unglaublich gecacht. Diese direkte Frau ohne Filter, die alles wortwörtlich nimmt, ihre ganz eigene Betrachtungsweise mit sich bringt und ihre Mitmenschen damit konfrontiert, dass Menschen unterschiedlich denken, handeln und leben. Eine beeindruckende Protagonistin, die autistische Züge aufwies, jedoch laut Roman nicht in die Neurodivergenz fällt, sondern an einem nicht bewältigten Kindheitstrauma leidet.
Nach und nach öffnet sie sich, fällt zurück in alte Muster, wächst durch sich und andere, nimmt Hilfe an - psychologisch betrachtet eine der besten Figurenbeschreibungen und -entwicklungen, die ich je gelesen habe. Ob man wollte oder nicht, man konnte sich tief in die Figuren und Situationen hineinfühlen, das Buch vereinnahmt einen komplett, sodass ich den Hype nachvollziehen kann.
Der fesselnde Schreibstil ergänzt den perfide strukturierten Plot über menschliche Abgründe und düstere Schicksale perfekt.
Der Roman ist beklemmend, spannend, aber aus Sallys Sicht auch hoffnungsvoll. In vielerlei Hinsicht verursacht er eine Gänsehaut, überzeugt aber auch durch Zusammenhalt und Nächstenliebe.
Ich habe mit einem Roman über eine in Augen anderer schrullige, skurrile Frau gerechnet, die nicht den Erwartungen der Gesellschaft entspricht. Bekommen habe ich einen Psychothriller, der mir so tief unter die Haut ging, dass ich das Buch nicht aus der Hand legen konnte.
Thematisch hat es mich wirklich erschrockend, ich habe nicht mit dieser Art von Erlebnis in der Kindheit gerechnet und empfehle die Content Notes trotz Spoilergefahr
Dass die Vergangenheit gleichzeitig mit Sallys Gegenwartskapiteln aus Perspektive von Peter geschrieben wurde, hat es für mich um einiges greifbarer, aber auch erschreckender gemacht. Peter ist zu Beginn 7 Jahre alt, später Mitte 50, dh wir begleiten ihn den Großteil seines Lebens, was psychologisch betrachtet unglaublich spannend war.
Zunächst hatte ich Mitleid mit ihm, wie er von seinem Vater isoliert, manipuliert und eingesperrt wurde, während er dessen Taten miterleben musste, ohne sie rational einordnen zu können. Dieser Kontrast zwischen dem liebenden Vater und abscheulichen, grausamen, gewissenlosen Mann war schwer zu verdauen und für ein Kind sicher absolut nicht einzuordnen.
Dass Peter dennoch mehr und mehr in dessen Fußstapfen gestiegen ist, war heftig und traurig. Er hat in der einzigen Rolle weitergemacht, die er je kannte. Deswegen war das Ende auch so erschreckend und ließ mich schaudernd zurück. Trotzdem gibt es realistisch betrachtet keine andere Mglk, wie das Buch hätte enden können, ohne dass Peter wie Sally zur Therapie geht.
Wie die beiden Menschen völlig andere Wege des Umgangs mit der Vergangenheit eingeschlagen haben, war unglaublich stark gelöst.
Einziger Kritikpunkt: stellenweise war der Plot ab einem gewissen Zeitpunkt vorhersehbar.
4.5 ☆