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Veröffentlicht am 27.06.2026

Society, Sex, Skandale und eine Leiche

Pardon, aber da schwimmt eine Leiche in der Schokolade
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Bereits vor Jahrzehnten hat die bekannte Autorin und Journalistin Angelika Hager ihre Kunstfigur Polly Adler erschaffen. Doch erstmals darf Polly in einem Krimi mitermitteln.

Der Wiener Opernball geht ...

Bereits vor Jahrzehnten hat die bekannte Autorin und Journalistin Angelika Hager ihre Kunstfigur Polly Adler erschaffen. Doch erstmals darf Polly in einem Krimi mitermitteln.

Der Wiener Opernball geht zu Ende, ein Bienenvolk im Tanzparkett hat für einen Eklat und Panik gesorgt. In einem typischen Wiener Biotop, am Würstelstand, steht eine derangierte Polly, die nicht nur mit ihrer Kleiderfrage, sondern auch mit der Unsicherheit ihrer zukünftigen Existenz konfrontiert ist, denn ihr Zeitungsverlag wurde dicht gemacht. Also auf ins noble Hotel Kranzler, zu ihrer Freundin Iris, die unerschüttert von allen Katastrophen das Hotel führt. Jetzt allerdings ist Feuer am Dach, denn im Schokoladebottich liegt eine Leiche, Coco Kaputt, eine ehemalige Sportsgröße, jetzt Social Media Star und Opernball- Ehrengast der Interimskanzlerin Sissi Kogelnik.

Die Polizei ermittelt, doch Polly kennt Cocos wahre Geschichte, die von ihrem geschönten Lebenslauf erheblich abweicht. Polly ist auch bereit, sich mit einem alten Feind aus Journalistentagen zu treffen, der im Netz ein Fake-News Blatt mit politischen Hintergedanken betreibt. Um zur Falllösung beizutragen trifft Polly ihren Ex- Liebhaber, Hauptkommissar Gerry Sturz vom BKA, abgebrüht in seinem Job und herzkrank, wieder. Ob es zwischen den beiden noch einmal prickeln könnte? Gemeinsam durchleuchten sie eine Bussi- Bussi Gesellschaft, in der sich betuchte Frauen zur Entspannung gerne einen Callboy gönnen und in der Vitamin B, Eifersucht und Intrige genau so wie politische Interventionen zur Tagesordnung gehören.

Angelika Hager hat einen Kriminalroman geschrieben, der das typische Wiener Flair einfängt und das goldene Wienerherz nachzeichnet. Dazu verwendet sie eine Sprache, die wienerischer nicht sein könnte, genau auf den Punkt geschrieben, die eine Szenerie von Prominenten und solchen, die es gerne wären, beschreibt. Lustvoll wird in der Wiener Politszene gewildert, Ähnlichkeiten mit bekannten Personen erscheinen nicht zufällig. Die Opernballmutter mit einem Faible für die Farbe rosa, die junge Talente und besonders die eigene Nichte fördert, steht für ein Abbild der Wiener Verhältnisse, wie es sein könnte- oder doch, wie es ist?

Immer wieder bietet die Autorin den Lesenden elegante Persiflage, feine Ironie und bissige Satire. So werden die Opernballcrasher, eine Gruppe, die gegen den Kapitalismus demonstriert und sich Extinction Injustice nennt, von der Polizei in einer Nobelvilla aufgegriffen. Die Nichte der Opernballmutter war bei Sexspielchen mitten im Geschehen, in einer Pressekonferenz aber hat sie plötzlich mitgeholfen, die Gruppe zu zerschlagen. Das zeigt, dass man die Wahrheit schon sehr genau kennen muss, um sie glaubhaft zu verdrehen.

Und natürlich ist die Liebe ein wichtiges Motiv, gerade in Wien, wo in einem Wienerlied die Bäume im Prater so schön blühen. Sowohl Interimskanzlerin Sissi als auch Hotelchefin Iris teilen sich den selben Callboy. Doch für die Frauen ist das nicht nur ein Geschäft, sie glauben, Intimität kaufen zu können und investieren zunehmend Gefühle. Jedoch ganz umsonst, denn der Callboy, Künstlername De-licious, ist unsterblich in Coco verliebt und untröstlich, als sie ermordet wird. Da ist Polly, die als ehemalige Journalistin wie ein Trüffelschwein begeistert die Verhältnisse umgegraben hat, mitten drin in diesem Gefühlschaos, löst aber dann doch diesen ungewöhnlichen Kriminalfall.

Angelika Hager hat einen spannenden Kriminalroman geschrieben, in dem es richtig menschelt. Wer jetzt denkt, mit den wienerischen Ausdrücken oder den vielen Anglizismen, dem typischen Politsprech, nicht zurecht zu kommen, kann beruhigt sein, denn es gibt Fußnoten zur Erklärung. Natürlich würde ich gerne wissen, wie es mit Polly weiter geht und hoffe auf eine Fortsetzung. Ich habe mich bei diesem Krimi köstlich amüsiert und lege ihn gerne anderen Lesenden ans Herz, und das muss gar nicht das “goldene Wienerherz” sein.

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Veröffentlicht am 24.06.2026

Was liegt denn hier vergraben?

School of Talents 9: Neunte Stunde: Schatzfieber!
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Die SPIEGEL Bestseller- Reihe “School of Talents” hat Zuwachs bekommen. Mit “Neunte Stunde: Schatzfieber” gibt es wieder ein spannendes Abenteuer in dieser eigenartigen Schule, in der alle Kinder besondere ...

Die SPIEGEL Bestseller- Reihe “School of Talents” hat Zuwachs bekommen. Mit “Neunte Stunde: Schatzfieber” gibt es wieder ein spannendes Abenteuer in dieser eigenartigen Schule, in der alle Kinder besondere Fähigkeiten haben. Schon auf dem fröhlichen Hardcover kann man die Schülerinnen und Schüler bei ihrer Suche beobachten.

Alva ist neu in der School of Talents und sie ist die Nichte des Direktors- aber das darf natürlich niemand wissen. So hat Alva neben ihrem Geheimnis noch zwei besondere Talente: Sie versteht die Sprache der Tiere, etwas, das sie wirklich lästig findet und sie schreddert superschnell ihre Tablets. Daher muss Alva im Sekretariat helfen- und sieh an, auch der Schulsekretär Herr Petrulla hat ein Geheimnis.

Doch jetzt bietet ein Lehrer, Herr Hagenbusch, ein neues Projekt an. Es geht um Ausgrabungen, da wollen Alva und ihre Freunde mitmachen. Vielleicht finden sie ja einen Schatz, die Lehrer benehmen sich sehr verdächtig und stecken genau das Gelände ab. Außerdem hat Herr Hagenbusch jede Menge seltsamer Pakete bestellt. Die wiegen ja fast nichts, was ist da bloß drin?

Die bekannte Autorin Silke Schellhammer hat mit dem neunten Band dieser beliebten Kinderbuchreihe eine spannende Geschichte geschrieben, in der Teetassen fliegen, Kinder unsichtbar werden oder sich in Monster verwandeln können. Natürlich läuft die vermeintliche Schatzsuche nicht reibungslos. Lange finden die Kinder nichts Bedeutendes, da könnte man ja mal selbst was vergraben. Warum werden die Grabungslöcher über Nacht zugeschüttet? Und wie kommt ein Boot in eine unterirdische Höhle und bringt fünf Kinder damit in große Gefahr?

“School of Talents: Neunte Stunde Schatzfieber” überzeugt mit interessanten Charakteren, die Fähigkeiten der Kinder sind magisch, doch nicht alle sind mit ihrem Können zufrieden. So wird Selma unsichtbar, ohne es zu merken und erschreckt damit die anderen Kinder, Mala herrscht über das Wasser und Niklas kann plötzlich Gegenstände groß werden lassen. Einen gefundenen Knochen, zum Beispiel. Ob der wohl von einem Dinosaurier stammt? Unterstützt wird diese fantasievolle Geschichte durch gelungene schwarz-weiß Illustrationen von Simona M. Ceccarelli. Um die Figuren besser kennen zu lernen, gibt es sowohl am Anfang wie am Schluss des Buches Porträts der Kinder und natürlich auch von Krähe Rodrigo, der sich gerne mit Alva unterhält, aber manchmal einfach verschwindet, ohne Bescheid zu sagen. Die große Schrift und die kurzen Kapitel machen das Buch leicht lesbar, damit ist es für Leseanfänger gut geeignet und wird ab acht Jahren empfohlen.

Mein Fazit:

In dieser witzigen, warmherzigen und fröhlichen Geschichte sind Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfe wesentlich, neben vielen magischen Elementen spart des Buch nicht mit unterhaltsamen Dialogen und Situationen. Ich habe das Buch mit meiner neun Jahre alten Enkelin gelesen, uns hat es sehr gut gefallen und wir geben gerne eine Leseempfehlung ab.

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Veröffentlicht am 17.06.2026

Wunderwerke Mitochondrien

Die heimlichen Heldinnen des Stoffwechsels
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Dr. Stephan Barth ist ein ausgewiesener Fachmann auf den Gebieten der Medizin, Zellbiologie, Ernährungswissenschaft und Toxikologie. In seinem neu erschienenen Buch “Die heimlichen Heldinnen des Stoffwechsels” ...

Dr. Stephan Barth ist ein ausgewiesener Fachmann auf den Gebieten der Medizin, Zellbiologie, Ernährungswissenschaft und Toxikologie. In seinem neu erschienenen Buch “Die heimlichen Heldinnen des Stoffwechsels” beschreibt er das Wunderwerk der Mitochondrien, die in jeder Körperzelle nicht nur als Kraftwerk fungieren, sondern auch Auswirkungen auf Nerven, Hormone und Gene haben. Der Autor bezeichnet die Mitochondrien als Superheldinnen- ja, die weibliche Formulierung passt, denn die Mitochondrien werden ausschließlich von der mütterlichen Eizelle beigesteuert.

Das Buch überzeugt mit seinem klaren Aufbau. Teil eins und zwei beschäftigen sich in amüsanter und wissenschaftlich fundierter Weise mit der Entstehung der Mitochondrien und verblüffen mit ihrer schier unglaublichen Zahl von 100 Billiarden (der Autor gibt uns eine Hilfe: Das ist eine Eins mit siebzehn Nullen). Man könnte auch sagen: Alle Mitochondrien eines menschlichen Körpers hinter einander gelegt ergeben eine Strecke von der Erde bis zur Sonne. Für mich waren diese Zahlen erstaunlich, denn man bedenkt gar nicht, welche unglaublichen Stoffwechselprozesse unter der Oberfläche im ganz normalen Alltag ablaufen. Auch war mir bisher nicht bewusst, dass Mitochondrien erschöpft sein können, ein Grund für Müdigkeit und Krankheit. Kernelement des Stoffwechsels ist also nicht Energieerzeugung, sondern Energieumwandlung durch die Mitochondrien. Zudem verfügt der Körper über die für Laien unerwartete Fähigkeit, Mitochondrien zu regenerieren. Genau das ist die Aussage des Buches: Pflege deine Mitochondrien, um lange gesund zu leben. Diese Teile des Buches sind für Laien vielleicht etwas schwierig, aber es lohnt sich, sie auch ein zweites Mal zu lesen. Unterstützt werden die Ausführungen durch sehr gelungene und anschauliche Illustrationen von Lea Hümbs.

In den Teilen drei und vier fand ich sehr hilfreiche Tests, um den eigenen Energiestatus zu überprüfen. Diese bieten einen guten Anhaltspunkt, welche Problemstellen im Alltag vielleicht verbessert werden sollen. Im letzten Teil finden sich konkrete und detaillierte Anleitungen, was man selbst zur Mitochondriengesundheit beitragen kann. Dabei habe ich festgestellt, dass sich einzelne Schritte im Alltag sehr leicht umsetzen lassen, zum Beispiel Kakao zu trinken und Nüsse zu essen. Auch die Bewegungseinheiten beginnen mit kleinen “Snacks” von einigen Minuten, die mit der Zeit je nach persönlichen Möglichkeiten ausgeweitet werden können.

“Die heimlichen Heldinnen des Stoffwechsels” ist ein Buch, das für Laien wie für Fachleute einen sehr guten und wissenschaftlich fundierten Überblick über das Thema Mitochondriengesundheit bietet. Im Text finden sich “ deep dive” Abschnitte, wo man einzelne Zusammenhänge sehr detailliert erklärt bekommt. Wer das zu kompliziert findet, liest einfach darüber hinweg. Am Ende des Buches befindet sich zudem ein ausführliches Quellenverzeichnis.

Ich habe das Buch fordernd, aber auch sehr hilfreich gefunden. Einerseits erklärt es Zusammenhänge aus wissenschaftlicher Sicht, die wirklich erstaunen lassen, andererseits bietet es aber auch für Laien eine gut verständliche Anleitung zur Verbesserung der eigenen Gesundheit und Langlebigkeit. Daher gebe ich gerne eine Leseempfehlung ab und bewerte das Buch mit fünf Sternen.

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Veröffentlicht am 08.06.2026

Im Zwielicht: Zwischen Recht und Gerechtigkeit

Feine Risse
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Die bekannte und renommierte Autorin Elisa Hoven hat mit “Feine Risse” den zweiten Band über die Strafverteidigerin Eva Herbergen vorgelegt. Wie der Titel schon sagt, sind es oft minimale Unterschiede ...

Die bekannte und renommierte Autorin Elisa Hoven hat mit “Feine Risse” den zweiten Band über die Strafverteidigerin Eva Herbergen vorgelegt. Wie der Titel schon sagt, sind es oft minimale Unterschiede eines Tatherganges, die den Ausschlag geben, welches Urteil über einen Straftäter gefällt wird. Ebenso feine Unterschiede führen zu einer völlig anderen Sichtweise, wenn man ein Verbrechen vom Standpunkt der persönlichen Moral aus betrachtet. Was ist jetzt Recht- und was ist gerecht?

Die Autorin, selbst Juristin, die Strafrecht an der Universität Leipzig lehrt und Richterin im Sächsischen Verfassungsgerichtshof ist, greift für ihren Roman auf spektakuläre Kriminalfälle zurück, die sie an die Geschichte des Buches anpasst und mit einem fiktiven Ende versieht. So ergeben sich nicht nur Einsichten in die Arbeitsweise der Justiz und der Ermittlungsbehörden, sondern auch die spannende Aufarbeitung von Verbrechen mit all ihren Facetten wie der Berichterstattung in den Medien und der öffentlichen Meinung. Um diesen Roman zu lesen, muss man aber keine Rechtskenntnisse haben, es geht um Taten, die in der Realität begangen wurden und deren Beurteilung durch die Gerichte zu Diskussionen Anlass geben kann.

Elisa Hoven hat als Hauptfiguren für ihren Roman das Ehepaar Herbergen gewählt. Eva ist eine bekannte und gefragte Strafverteidigerin, ihr Ehemann Peter lehrt an der Universität und steht knapp vor dem Ruhestand. So erfahren die Lesenden nicht nur die Sichtweise von Eva über den Gang der Gerichtsverfahren, die Beurteilung der Mandanten, die Zweifel am richtigen Vorgehen der Verteidigung und die Bewertung von Beweisen, sondern Peter bringt auch eine andere, persönliche Meinung zu den Fällen ein. Diese Fälle werden einigen Lesenden bekannt sein: Die Fahrt eines Betrunkenen, der ein Kind niederfährt und Fahrerflucht begeht; der Bergunfall eines Managers, der mit Bergführer eine zu schwere Tour geht oder das entführte Kind, dessen Aufenthaltsort der Entführer nicht preisgeben will. Die Aufzählung ist nur beispielhaft für die sehr gut ausgewählten spektakulären Verbrechen und ihre Aufarbeitung.

Ebenso wichtig ist die schöne, innige und gleichberechtigte Beziehung der Eheleute Eva und Peter, die selbst in ein länger zurückliegendes Kapitalverbrechen verwickelt werden, das Peters Familie betrifft. Während Peter eher zögerlich ist, veranlasst Eva die Auswertung der alten Spuren, das Ergebnis ist schockierend. Soll Eva Peter damit konfrontieren, denn wie wird er sein bisheriges Leben im Licht dieser neuen Erkenntnisse bewerten?

Abseits der Verbrechen beschäftigt sich das Buch mit ernsten, persönlichen Themen. Wie will man das eigene Alter verbringen, wie sich auf den Ruhestand vorbereiten? Soll Eva auch beruflich kürzer treten, wenn Peter in Pension ist? Darf man alten Bekannten vertrauen oder wird dieses Vertrauen missbraucht? Hier geht es nicht um Recht und Gerechtigkeit sondern um wichtige Lebensentscheidungen, um Weichen, die man für das eigene Schicksal stellt.

“Feine Risse” ist ein in gut verständlicher Sprache geschriebener spannender und interessanter Roman, der zwischen Realität und Fiktion changiert, ein Buch, das man am liebsten im einem Rutsch lesen möchte. Die Charaktere aller Protagonisten sind lebensnah ausgearbeitet, die Lesenden fühlen sich direkt in das Geschehen versetzt und beziehen unwillkürlich Stellung zu den jeweiligen Rechtsfragen und Schicksalen. Dieses Buch beeindruckt einerseits durch große Sachkenntnis, andererseits aber auch durch Empathie, sowohl für die Opfer als auch manchmal sogar für die Täter. Für mich war es ein Lesehighlight, ich empfehle es gerne und bewerte es mit fünf Sternen.

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Veröffentlicht am 02.06.2026

Wo das Licht am stärksten ist, ist der Schatten am dunkelsten (Leonardo da Vinci)

The Artist
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1957: Eine Frau steht in der National Gallery in London vor einem Gemälde, sie hat es gemalt. Als einziges hat es ein Inferno überstanden. Doch der Name des Malers auf dem kleinen Schild daneben lautet ...

1957: Eine Frau steht in der National Gallery in London vor einem Gemälde, sie hat es gemalt. Als einziges hat es ein Inferno überstanden. Doch der Name des Malers auf dem kleinen Schild daneben lautet Édouard Tartuffe.

Südfrankreich 1920: Auf einem einsamen Bauernhof, in einer Landschaft die von Staub und Sonne flirrt, lebt der bekannte Maler Tata, Édouard Tartuffe. Seine Gemälde sind hochpreisig, er, der Schüler Cézannes, gilt als Meister des Lichts. Doch sein Charakter ist dunkel, menschenfeindlich, egoistisch und brutal. Kunst ist alles, mit dem Leben kommt er nicht zurecht. Das organisiert seine Nichte Ettie, die nach dem Tod der Mutter alleine bei ihm wohnt. Ettie hat gelernt, sich unsichtbar zu machen, um Tatas Wut zu entgehen. Doch führt sie, die sich um alles kümmert, im Hintergrund Regie. Als Joseph Adelaide, ein Journalist, auf den Hof kommt, wird er von Tata schroff abgewiesen. Tata gibt keine Interviews. Aber Joseph darf Modell sitzen, Joseph darf bleiben.

Die preisgekrönte britische Autorin Lucy Steeds hat mit “The Artist: Die Farben des Lichts” einen Roman vorgelegt, der in kurzen Kapiteln ein Gesamtbild erschafft, so wie an einem Gemälde immer ein Stück weitergearbeitet wird. Durch die beschreibende, dichte und atmosphärische Sprache stehen die Lesenden beobachtend am Rand der Geschichte, die Joseph und Ettie abwechselnd aus der Ich- Perspektive erzählen.

In dieser einsamen Szenerie begegnet man einsamen Menschen. Tata, der nur für seine Kunst lebt, hat schon lange kein Gemälde mehr gemalt, auf dem Menschen zu sehen sind. Er ist besessen von seinem Schaffensdrang und unfähig zu jeder sozialen Beziehung. Ettie, die sich mit einem unfreien, kleinen Leben arrangiert hat, wollte als Kind selber malen. Doch hat Tata ihre Gemälde zerrissen- es kann nur einen Künstler geben! So wird Ettie zu einem Geschöpf der Nacht, in der ihr eigentliches Leben abläuft. Langsam findet sie an Joseph Gefallen, langsam näheren sich die beiden an. Auch Joseph hat eine kurze Kunstausbildung und doch- Ettie erkennt klar, dass Joseph nicht richtig “sehen” kann. Spät wird Joseph Etties Geheimnis lüften, denn Ettie hat Tata bei seiner Arbeit ganz genau beobachtet, Ettie hat gelernt, auch wenn sie keine Kunstschule besuchen durfte.

Geprägt sind die Figuren von den Auswirkungen ihrer Zeit. Der zweite Weltkrieg ist kaum zu Ende, die Autorin lässt Ettie in einem Lazarett Verwundete pflegen und sich das erste Mal verlieben. In infernalischen Bildern schildert Lucy Steeds die Zustände im Lazarett, die Schmerzen und Verzweiflung. In diesem der Kunst gewidmeten Roman findet sich ein schreckliches und erschütterndes Kriegsbild. Daneben hat Tata begonnen, Essen zu malen, jedoch erst, wenn die Speisen in Verwesung übergehen- auch diese Gemälde ein Bild der Endlichkeit und Zerstörung, wenn auch durchflutet von wunderbarem Licht. Joseph möchte mit Ettie weggehen, doch kann sie Tata, den sie liebt und gleichzeitig hasst, alleine lassen? Als Tata die Beziehung von Ettie und Joseph herausfindet, sind seine Schreie von Tierlauten nicht zu unterscheiden. Doch in der Ferne leuchtet ein roter Schein, Ettie ist im Atelier verschwunden.

London 1957: Eine Frau steht in einer Kunstgalerie in London, ihre Bilder sind ausgestellt. Doch eines ihrer Bild hängt in der National Gallery, denn nur dieses eine wurde damals nicht vernichtet. Damals, als ein roter Schein Tatas Atelier erfüllte.

So gehen die Lesenden von Kapitel zu Kapitel, wie man in einem Museum von Saal zu Saal flaniert und bestaunen die mit Worten geschaffenen Bilder dieses außergewöhnlichen Romans, der historische Fakten und Fiktion vermischt, wunderbar zu lesen und zurecht preisgekrönt ist.

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