Profilbild von Ryria

Ryria

Lesejury Star
offline

Ryria ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Ryria über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 17.07.2026

Von Liebe, Kunst und Freiheit

Weißer Sommer
0

Kann es den richtigen Menschen zur falschen Zeit geben und wenn ja, wie geht man damit um?
Der Großteil des Buches spielt in der Vergangenheit: Während sich Alma und Théo in der Gegenwart fragen, ob es ...

Kann es den richtigen Menschen zur falschen Zeit geben und wenn ja, wie geht man damit um?
Der Großteil des Buches spielt in der Vergangenheit: Während sich Alma und Théo in der Gegenwart fragen, ob es eine gemeinsame Zukunft für sie gibt, blicken wir zurück auf die Geschichte ihrer Beziehung, vom ersten Treffen über die gemeinsame Wohnung bis hin zur langsamen Entfremdung.
In diesem Sinne mag der Klappentext etwas irreführend sein, da nur wenig in der Gegenwart passiert, allerdings hat mich dies nicht sonderlich gestört, da das Gesamtbild doch sehr stimmig war.
Die Geschichte hat einen merkwürdigen Sog, es kommt keine klassische Spannung auf, trotzdem habe ich eine Seite nach der anderen verschlungen.
Hierzu trägt der Schreibstil nicht unwesentlich bei: Die Sprache ist wunderschön poetisch, immer wieder werden künstlerische Bilder geschaffen, die mich sehr berührt haben.
Regelmäßig wird Kunst in verschiedenen Formen beschrieben und passend dazu wirkt auch dieser Text wie ein kleines Kunstwerk.
Trotz dessen erscheint es nicht unnatürlich oder zu sehr gewollt, eher natürlich und die Lesbarkeit wird nicht beeinträchtigt.

Ebenfalls hervorheben muss ich die Darstellung dieser Beziehung. Behandelt werden Themen wie Klassenunterschiede, der Konflikt zwischen Freiheitsliebe und dem Wunsch nach Geborgenheit, Zukunftswünsche und generelle kleine Herausforderungen des Alltags.
Eva Pramschüfer schafft es hierbei, beide Perspektiven authentisch darzustellen. Man kann beide Seiten verstehen und auch mit beiden Protagonisten mitfühlen und mitleiden. Immer wieder haben mich Textpassagen an Momente in meiner eigenen Beziehung erinnert, manchmal sogar einen neuen Blick darauf ermöglicht.
Dementsprechend hat mich das Buch emotional auch sehr mitnehmen können, mich aber auch regelmäßig reflektieren lassen.
Insgesamt ein berührender Roman über eine besondere Liebe, ruhig, poetisch und teils ungeschönt realistisch.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 06.07.2026

Einstieg in das Strafrecht

Feine Risse
0

Wird in den Medien über eine Straftat oder die anschließende Gerichtsverhandlung berichtet, hat jeder schnell seine eigene Meinung dazu: Die eine Person erscheint eher unschuldig, bei der anderen ist die ...

Wird in den Medien über eine Straftat oder die anschließende Gerichtsverhandlung berichtet, hat jeder schnell seine eigene Meinung dazu: Die eine Person erscheint eher unschuldig, bei der anderen ist die Strafe viel zu gering, was macht der Richter da überhaupt und wie kann der Strafverteidiger so einen Fall übernehmen?
Als Professorin für Strafrecht übernimmt Elisa Hoven hier die schwierige Aufgabe, der breiten Masse die Antworten auf solche Fragen in unterhaltsamer Form ein wenig näher zu bringen.
Eine fiktionale Strafverteidigerin übernimmt verschiedenste Fälle, die in kurzen Kapiteln angenehm erzählt werden. Ebenso gibt es aber auch eine Art Rahmenhandlung, die in jedem Fall ein wenig fortgeführt wird und so das Ganze mehr zu einem Roman umwandelt.
Wer sich ein wenig mit Strafrecht oder True Crime auskennt, wird hier auch viele Klassiker und bekannte Kriminalfälle wiedererkennen, die allerdings nicht nacherzählt werden, sondern umgewandelt wurden bzw. als Inspiration dienen.
Aus diesem Grund fand ich viele "Auflösungen" daher wenig überraschend, hatte aber trotzdem noch viel Spaß daran, den Weg dorthin zu lesen.

Was mir besonders gut gefallen hat: Es ist nicht nur schön juristisch korrekt, sondern auch kleine Details des Strafrechts finden ihren Weg in die Geschichten. Wer sich dafür interessiert kann so noch etwas dazulernen, gleichzeitig stört es aber auch nicht den Lesefluss von Leser*innen, die nur am "Drumherum" interessiert sind.
Dazu wird man immer wieder eingeladen, aktiv mitzudenken und moralische Fragen im Kopf zu erörtern. Wo stößt das Recht an seine Grenzen, wo erscheint es vielleicht nicht mehr gerecht? Wie würde man selbst in manchen Situationen handeln? Und kann man die andere Perspektive nicht vielleicht doch verstehen?
Auch wenn mir nicht jeder Fall gleich gut gefallen hat, kann ich das Buch in seiner Gesamtheit doch nur wegen genau dieser Überlegungen sehr weiterempfehlen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 14.06.2026

Das Streben nach Wissen und Antworten

Ich, die ich Männer nicht kannte
0

In einem unterirdischen Bunker sind 39 Frauen und ein Kind seit über zehn Jahren in einem Käfig gefangen, bewacht von wenigen Männern, die ihnen Essen bringen, aber ansonsten nicht mit ihnen interagieren. ...

In einem unterirdischen Bunker sind 39 Frauen und ein Kind seit über zehn Jahren in einem Käfig gefangen, bewacht von wenigen Männern, die ihnen Essen bringen, aber ansonsten nicht mit ihnen interagieren. Durch einen Zufall können sie fliehen, aber wartet draußen wirklich die Freiheit oder nur ein neuer Käfig?
Diese kürzlich wieder bekannt gewordene Geschichte ist so ziemlich das Gegenteil eines Wohlfühlbuchs. Es ist alles sehr bedrückend, trostlos und deprimierend, nur unterbrochen von kleinen Lichtmomenten. Und trotzdem liest man weiter, genau wie die Charaktere immer auf der Suche nach Antworten und Erklärungen: Wer hat sie eingesperrt, sind sie noch auf der Erde, was ist passiert - und vor allem das große Warum?

Es soll vorweg gesagt sein: Es ist viel Platz für Spekulationen und Theorien, aber sichere Erklärungen wird man nicht bekommen, was durchaus frustrierend sein kann. Vor der persönlichen Geschichte der Autorin macht dies aber doch durchaus irgendwie Sinn. Harpman musste als Kind im zweiten Weltkrieg nach Marokko fliehen, ein großer Teil ihrer Familie wurde in Auschwitz ermordet. Wer könnte besser aus der Sicht eines Kindes schreiben, das in einer fremden Welt erwachsen wird, umgeben von Menschen, die ihr altes Leben vermissen, und dem allgegenwärtigen, sinnlosen Tod?
So betrachtet liest sich das Buch sehr persönlich, funktioniert aber auch unabhängig davon.
Die Nebencharaktere bleiben größtenteils eher blass, dafür taucht man tief in die Gedankenwelt der namenlosen Erzählerin ein.
Sie erkundet nicht nur die fremde Welt, sondern auch die Konzepte der Menschlichkeit und ihr neue Gefühle, immer begleitet von einem Durst nach Wissen.
Eine Geschichte, die unter die Haut geht und mir vermutlich noch lange im Gedächtnis bleiben wird.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 02.06.2026

Kleine Entscheidung, große Auswirkungen

Die Namen
0

Dieses Buch ist ein berührendes Experiment: Wie unterschiedlich können Leben verlaufen, wenn eine kleine Entscheidung anders getroffen wird?
Ausgangspunkt ist hierbei die Wahl des Namens des neugeborenen ...

Dieses Buch ist ein berührendes Experiment: Wie unterschiedlich können Leben verlaufen, wenn eine kleine Entscheidung anders getroffen wird?
Ausgangspunkt ist hierbei die Wahl des Namens des neugeborenen Sohns - soll er Bear, Julian oder Gordon heißen?
Teilweise gab es hierbei Elemente, die darauf schließen ließen, dass der Name selbst den Charakter des Kindes beeinflusst hat, überwiegend resultierten die verschiedenen Lebenspfade jedoch aus der Beziehung der Eltern: Rebelliert die Mutter gegen den gewalttätigen Vater oder bleibt sie in der Ehe gefangen?

Als großer Fan von solchen Gedankenexperimenten und der Erkundung der Frage "Was wäre wenn" habe ich diese Geschichte und den Aufbau geliebt.
Wir befinden uns im gleichen Jahr, aber lesen die Erlebnisse der Familie hintereinander für jeden der drei Namen. Im Anschluss springen wir 7 Jahre in die Zukunft und erfahren so, wie es für alle weitergeht, von 1987 bis 2022.
Manchmal muss man sich nochmal kurz ins Gedächtnis rufen, was in dieser Realität vorher passiert ist, jedoch fand ich dies nicht sonderlich kompliziert.
Auch der Schreibstil war angenehm zu lesen, recht schlicht aber trotzdem ganz schön.

Die Charaktere sind mir teilweise echt ans Herz gewachsen, am Ende gab es auch die ein oder andere Träne, und ich war durchweg neugierig, wie es 7 Jahre später für alle weitergeht bzw. wie die Familie auf einer anderen "Namensebene" das entsprechende Jahr erlebt.
Gut gemacht fand ich hierbei auch, dass es keinen "richtigen" Weg gab, jeder Pfad hatte seine ganz eigenen Herausforderungen, glückliche Momente und Tragödien. Für mich wurde die Geschichte dadurch nochmal authentischer, man konnte null vorhersagen was passieren wird und selbst Tage nach der letzten Seite spuken mir die verschiedenen Wege noch im Kopf rum.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 26.05.2026

In einem anderen Leben

Fast ein Leben
0

Dieses Buch war wirklich eine Überraschung für mich!
1978 befinden wir uns zusammen mit Erica und Laure in Paris, der Stadt der Liebe. Während Erica eigentlich nur Urlaub vor dem anstehenden Studium machen ...

Dieses Buch war wirklich eine Überraschung für mich!
1978 befinden wir uns zusammen mit Erica und Laure in Paris, der Stadt der Liebe. Während Erica eigentlich nur Urlaub vor dem anstehenden Studium machen wollte (und vielleicht eine Sommerromanze mit einem Franzosen anfangen), begegnet sie durch Zufall der Doktorandin Laure, die zahlreiche Affären mit anderen Frauen hat.
Die Gefühle, die sich daraus entwickeln werden, sind für beide Frauen neu, stark, und doch finden sie einfach nicht wirklich zueinander. Über Jahrzehnte hinweg begleiten wir sie, immer begleitet von der Frage, ob es in einem anderen Leben ganz anders hätte verlaufen können.

Die Sprache sowie der Schreibstil haben mich sehr schnell begeistert: Die Atmosphäre der jeweiligen Zeit und des Handlungsortes wird gekonnt eingefangen in schönen Formulierungen, gleichzeitig lässt sich die Geschichte echt flüssig lesen und man fliegt quasi durch die Seiten, wie in einem Rausch, passend zu den Gefühlen der Protagonistinnen.
Die Beschreibungen fand ich gut gelungen, ohne viele Worte kann man sich jede Szene lebhaft vorstellen und reale Orte auch wiedererkennen.
Das Highlight war jedoch die Beziehung zwischen Erica und Laure, die wahnsinnig authentisch und bewegend erzählt wird.
Die Perspektiven wechseln, die Jahre vergehen, und immer ist man als Leser dabei.
In ganz verschiedenen Lebenssituationen wird die Liebe zwischen den beiden Frauen erkundet und nicht immer konnte ich die Entscheidungen nachvollziehen, nicht immer waren die Frauen mir sympathisch, aber immer konnte ich doch irgendwie mitfühlen.
Es war nie kitschig, dafür geprägt von Verletzlichkeit und anderen Problemen, die ihre Handlungen und Lebenswege beeinflussen.
Besonders gefallen haben mir auch die ruhigen Töne, statt dramatischer Situationen und übertriebenen Momenten lebt das Buch vielmehr von eher "normalen" Geschehnissen, nichts wird irgendwie beschönigt, alles wird recht authentisch dargestellt.
Eine ganz besondere Liebesgeschichte über Homosexualität und das ewige "Was wäre wenn"!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere