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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 18.08.2026

Was kommt nach zerstörter Kindheit?

Vor der Nacht
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Ab Sommer 1986 in einem Kinderheim in der Nähe von Baden-Baden beginnt die Erzählung über das Schicksal von sechs Kindern und spielt bis zum Jahr 2000 an wechselnden Schauplätzen im In- und Ausland. Der ...

Ab Sommer 1986 in einem Kinderheim in der Nähe von Baden-Baden beginnt die Erzählung über das Schicksal von sechs Kindern und spielt bis zum Jahr 2000 an wechselnden Schauplätzen im In- und Ausland. Der zunächst 14-jährige Ich-Erzähler Jonas alias Jimmy findet sich orientierungslos und unsicher bis zu seinem 18. Lebensjahr dort in einer idyllischen Gemeinschaft wieder, die sich gegenseitig Schutz, Vertrauen, Wärme und Freundschaft gewähren, verbunden mit berührenden abendlichen Ritualen voller Nähe und Geborgenheit. Im nächsten Lebensabschnitt als Erwachsener findet Jimmy im Schreiben weiterhin seine Überlebensstrategie. Diese Lebensphase ist jedoch bei den damaligen Freunden geprägt von Drogen, Prostitution, Selbstmord, Raub, Gewalt und Mord. Die atmosphärische Beschreibung von deren teils unwirtlichen, problematischen Lebensbedingungen wird begleitet vom Gedankenaustausch z.B. über Scham, Schuld, Sühne und Liebe. Neben Trauer und Verlust, Hoffnung und Verzweiflung zeigt sich besonders bei Jimmy `s Zimmergenossen Frei das gewaltbereite, dunkle Wölfische neben dem Guten in jedem Menschen – eine sehr gelungene Figurenzeichnung. Viele tiefgründige, menschliche Abgründe werden aufgefangen in einem melancholischen Schreibstil, teils sogar poetisch. Das kriminelle Verhalten und auch der Drogenkonsum werden insgesamt etwas zu verharmlost dargestellt.
Insgesamt ein aufrüttelnder Gedankenaustausch! 4*

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Veröffentlicht am 17.08.2026

Eine schmerzliche deutsche Vergangenheit

Bernie und Luise
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Über 65 Jahre in 63 Kapiteln entwickelt sich die dramatische jüdische Familiengeschichte in Berlin ab 1924, deren Fakten über mehrere Jahre auch aus Archiven zusammengetragen wurde. Viele neue negative ...

Über 65 Jahre in 63 Kapiteln entwickelt sich die dramatische jüdische Familiengeschichte in Berlin ab 1924, deren Fakten über mehrere Jahre auch aus Archiven zusammengetragen wurde. Viele neue negative politische Strömungen, auch schlechte wirtschaftliche Nachwirkungen des 1. Weltkriegs werden mit einbezogen. Rund um die zwei jungen Hauptfiguren Bernie und Luise und ihren vier Kindern spannt sich mit den meist sympathischen Nebenfiguren Jüdischer Abstammung ein aufregendes, sehr realistisch wirkendes Ambiente voller religiöser Traditionen und Wärme in einer wirren Zeit. Besonders aufrüttelnd sind Szenen rund um den Hausmeister und Blockwart Kurt, um die Agitationen der NSDAP in Fabriken, Öffentlichkeit und im Gewerkschaftshaus der KPD. Der Epilog schließt 1989 überraschend mit Luise Cäcilia Smedresman, 86, in einem christlichen Berliner Altenheim nach Auswanderung auf dem Auswandererschiff Galilea nach Palästina nach 1935. Nur Ruth wird als einzig überlebendes Familienmitglied erwähnt, das sie besuchen will. War die Immigration in Israel erfolgreich? Warum kehrte Luise nach Berlin zurück? Dieses Ende lässt weitere Fragen offen.
Schwierige Themen deutscher Geschichte in wortgewandtem Schreibstil dargeboten! 4*

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Veröffentlicht am 13.08.2026

Familiengeheimnissen auf der Spur

Mein Herz ist eine Krähe
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Viele deprimierende Themen werden in dieser schwedischen Familiengeschichte aufgeworfen: Armut, Hunger, Gewalt gegen Frauen und Kinder, Depression, Abtreibung, Außenseiter – gesetzt in eine fast unberührte ...

Viele deprimierende Themen werden in dieser schwedischen Familiengeschichte aufgeworfen: Armut, Hunger, Gewalt gegen Frauen und Kinder, Depression, Abtreibung, Außenseiter – gesetzt in eine fast unberührte Waldgegend Hälsinglands in Schweden.
Auf zwei sehr verschieden stark wirkenden Erzählebenen geht es um die charakterlich divers geprägten Frauen Unni und Kåra. Mit der Flucht aus Trondheim 1897 zusammen mit ihrem Sohn Roar und Armod beginnt für Unni ein sehr karges, Leid geplagtes Leben in rauer Natur, doch stets voller Liebe und Hoffnung in einer unwirtlichen Kate.
Neben diesem starken weiblichen Charakter zeigt sich mit Kåra auf der zweiten Erzählebene ca.70 Jahre später ein bedrückendes Familienleben voller Depression und Schweigen rund um üble Geheimnisse.
Die verbindende, sehr interessante Figur ist Roar, zunächst als Unnis liebenswerter, tatkräftiger Sohn und später als Kåras alternder Schwiegervater.
Die Lebens- und Naturbeschreibungen wecken durch viele Details starke Bilder, mit dem Symbol der Krähe mal als Unnis Vertraute, mal als Kåras Botin der Angst. Manche logische Ungereimtheit fern möglicher Realität springt ins Auge: Der 4-jährige Roar kann keinen erlegten, ausgewachsenen Dachs zur Kate transportieren, auch kann seine jüngere Schwester Rehfleisch nicht einsalzen. Bettwäsche (mit oder ohne Unnis Monogramm) kann nicht bei der total überstürzten Flucht eingepackt worden sein. Und wie sollte der schwer misshandelte elfjährige Roar mit gebrochenem Arm und verletztem Wangenknochen dem gewalttätigen Waldbauern mit heruntergelassener Hose den Schädel zertrümmert und bis zum Halbmeilenstein im Handkarren geschoben haben? Als dementer Greis, angewiesen auf Gehhilfe, konnte er sicher auch nicht einen Hochsitz erklimmen nach Durchquerung von durchwachsenem Waldgelände. Auch die Szene mit Tone-Amalie im abgebrannten Wald mit ihrer vergessenen Puppe stimmt nachdenklich, da sie nicht einfach ersetzbar ist durch eine andere.
Insgesamt gefallen die meisten atmosphärischen Beschreibungen, auch der finale Twist ist gelungen. 4*

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Veröffentlicht am 04.08.2026

Das umfassende Thema von Schuld

Nur eine weitere Geschichte
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In drei Teilen beschreibt die australische Autorin das Leben der Hauptfigur Suzy Hamilton, 40, zunächst erfolgreiche Journalistin und alleinerziehende Mutter in Sydney. Neben dem Hauptstrang um die Wellness-Bloggerin ...

In drei Teilen beschreibt die australische Autorin das Leben der Hauptfigur Suzy Hamilton, 40, zunächst erfolgreiche Journalistin und alleinerziehende Mutter in Sydney. Neben dem Hauptstrang um die Wellness-Bloggerin Tracey Doran, deren gefährlichen, verantwortungslosen Lügen über ihre Wunderheilung eines angeblichen Krebsleidens auf sozialen Medien und Selbstmord direkt nach Erscheinen von Suzys Enthüllungsgeschichte über sie, geht es auch um Suzys Alltag mit allen finanziellen, emotionalen, sexuellen und beruflichen Herausforderungen. Nicht nur sie wird geplagt von Schuldgefühlen, unwissentlich in Traceys Leben Schaden angerichtet zu haben, nein, auch Jan Doran, deren Mutter, kämpft mit der Schuldfrage, aus Überforderung in ihrem Krankenhausjob nicht rechtzeitig an Traceys unverantwortlichem Verhalten erfolgreich gerüttelt zu haben. Über den Vater Terry, auch ein notorischer Lügner, wird sein Einfluss auf die kindliche Entwicklung Traceys erörtert. Schließlich könnte auch Tracey selbst eine gewisse Schuld und Mitverantwortung treffen, sollte sie durch ihre erfundene Heilung ihrer vorgetäuschten Krebserkrankung anderen Menschen geschadet haben. Eine weitere Geschichte über Tracey Doran mit ihren positiven Lebensdaten soll die belastenden Schuldgefühle aller Beteiligten schließlich dämpfen. Ein kritischer Blick wird nicht nur auf den prestigeträchtigen Journalismus unter Verarbeitung anonymer Informationen und Gerüchten geworfen, angeschnitten werden auch Missbrauch in der katholischen Kirche, Homosexualität, dissoziales verbales Verhalten auf sozialen Medien.
Der reflektierte, respektvolle Schreibstil erschafft lebensnahe Personen in verschiedenen, auch sehr stressigen Alltagssituationen und Beziehungen. 4*

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Veröffentlicht am 29.07.2026

Realistische Auseinandersetzung um sexuelle Übergriffe am Arbeitsplatz

Service
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Das Setting ist hier angesiedelt in der Nobel-Restaurant-Szene in Dublin um das Jahr 2000. Während der Buchtitel so harmlos, bescheiden daherkommt, wendet es sich doch sehr authentisch dem tief ernsten ...

Das Setting ist hier angesiedelt in der Nobel-Restaurant-Szene in Dublin um das Jahr 2000. Während der Buchtitel so harmlos, bescheiden daherkommt, wendet es sich doch sehr authentisch dem tief ernsten Problem von Vergewaltigung zu. Das harte Tagesgeschäft in der Stargastronomie mit dem dortigen rauen Ton in der Küche, den Hierarchien zwischen Köchen, Management, Barkeepern und Service wird lebendig vorgestellt. Besonders die jungen, attraktiven Servicekräfte, meist Studentinnen, sind sexuellen Anzüglichkeiten auch von Gästen ausgesetzt, von ihnen akzeptiert in Erwartung eines lukrativen Trinkgeldes. Jede prall ausgebuchte Restaurantwoche endet dort mit ausgelassenen Feiern voller Alkohol, Drogen und mehr. In dieser männerdominierten Welt kommt nach zehn Jahren der 2-Sterne-Chefkoch Daniel Costello vor Gericht. Die Anklage lautet auf sexuelle Nötigung, Vergewaltigung, Klägerin ist eine ehemalige Service-Kraft. In Rückschauen geht es um seinen beruflichen Ehrgeiz, seine Liebe zum Kochen und zu seiner Familie, sein Aufwachsen in Armut. Auch dessen Ehefrau Julie kommt zu Wort, versucht sie doch, zunächst fest hinter ihrem Mann zu stehen, jedoch mit zunehmenden Zweifeln bezüglich seiner Unschuld. Eine weitere Erzählperspektive bietet das Opfer Hannah Blake aus dem Service, deren ansprechende Optik der Hauptgrund für ihre Anstellung ist. Die Ausarbeitung dieser Figuren, die Einblicke in ihre Gedanken ist gelungen. Diese Ich-Erzählungen aus drei abwechselnden Perspektiven berichten nachvollziehbar rund um den Prozess, auch über die Folgen von gesellschaftlicher Ausgrenzung. Auf das erschreckende Bild über sexuelle Übergriffe, auf das damit einhergehende Trauma und auf die zeitlich zähe Rechtsprechung in Irland wird im Nachwort der Autorin nochmals kurz hingewiesen.
Ein aufrüttelndes Buch zum Nachdenken!

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