Was du nicht aussprichst, kannst du nicht vergessen
Nelka„Nelka“ von Svenja Leiber hatte mich vom ersten Satz an in den Bann gezogen:
„Sie werden sich nicht an mich erinnern. Mein Gesicht würden Sie nicht erkennen, wenn wir uns auf einer beliebigen Straße begegneten. ...
„Nelka“ von Svenja Leiber hatte mich vom ersten Satz an in den Bann gezogen:
„Sie werden sich nicht an mich erinnern. Mein Gesicht würden Sie nicht erkennen, wenn wir uns auf einer beliebigen Straße begegneten. Ich aber erinnere mich an Ihr Gesicht. Alles daran sehe ich noch heute vor mir. Nichts habe ich vergessen.“
Erzählt wird die berührende Geschichte von Nelka. Mit 16 Jahren wird sie im Jahr 1941 aus dem damals polnischen Lemberg (Lwów/Lwiw) von Soldaten mit zahlreichen Mädchen und Frauen zur Zwangsarbeit in den Westen verschleppt.
„Es scheint möglich, auf einer einzigen Reise um Jahre zu altern. Diejenigen, die als junge Mädchen in Królewska in den Waggon gestiegen waren und die für einige Tage in einem Sammellager bei Krakau bleiben mussten, sehen beim Aussteigen und Hinübergehen zum Desinfektionslager in der Nähe der Reichshauptstadt wie sehr blasse Frauen aus.“
Auf einem Gutshof in Norddeutschland müssen sie unter menschenunwürdigen Umständen körperlich schwere Arbeit verrichten. Als der junge Gutsverwalter Marten auf Nelka aufmerksam wird, nützt ihr das große Fachwissen über Obstbau, das ihr Vater ihr als erfahrener Obstbaukundler beigebracht hatte. Nelka hilft Marten, eine profitable Apfelplantage zu planen und kann sich so vor seinen Zudringlichkeiten erweren; doch die Angst ist unterschwellig immer präsent. Durch enge Freundschaften versuchen die Frauen, den permanenten Machtmissbrauch und die Gewalt zu überstehen.
„‘Was können wir tun?’, flüstert Margaryta endlich und fasst nach Nelkas Hand.
‘Hoffnung verlieren’, sagt Nelka nur. Sie zieht die Hand weg und dreht sich zur Wand. Sie hört Margaryta schluchzen.
‘Ich meine, was sollen wir tun, Nel?’
Nelka schweigt. Denkt nach. Und dann sagt sie endlich leise zur Wand: ‘Hoffnung wiederfinden, Ryta.’“
Etwa fünfzig Jahre später kehr Nelka als alte Frau aus der Ukraine zurück auf den Gutshof, um den gealterten Marten mit der Vergangenheit zu konfrontieren – in der Hoffnung, sich von dem Trauma der Vergangenheit zu befreien.
„Es kostet zu viel, denkt sie. Diese Reise wird meine Zeit verkürzen. Aber hatte ich eine Wahl? Jede Wahl wird falsch gewesen sein. Die Sache selbst war falsch. Sie hat mich für immer erschöpft. Ich bin, denkt sie, seit damals nie wieder ganz zu Kräften gekommen. Ich habe nur weitergelebt.“
Svenja Leibers präziser, feinfühliger Stil hat mir ebensogut gefallen wie ihre Charaktere.
Erst im Laufe der Erzählung fügen sich Vergangenheit und Gegenwart zu einem Gesamtbild zusammen.
„Über das Wichtigste hatte sie nie gesprochen. Über das, was war und was nicht hätte sein sollen, nie ein Wort.“
„Nelka“ ist ein sehr intensiver, bewegender Roman über die Schrecken des Krieges, Ausbeutung und Machtmissbrauch, der mich stark berührt hat. Nelkas Geschichte und das Schicksal der Zwangsarbeiter*innen wird sicher noch lange in mir nachhallen.
„Nelka“ ist zu Recht für den diesjährigen Deutschen Buchpreis nominiert – von mir gibt es 5 Sterne und eine unbedingte Leseempfehlung!
Vielen Dank an den Suhrkamp Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚