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Veröffentlicht am 06.11.2018

Die trübe Atmosphäre eines Herzens

Drei sind ein Dorf
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„Wenn du es schaffst, das erste große Glücksgefühl nach der langen Migration loszulassen, wenn du darauf vertraust, dass du auch in einem Jahr oder einem Jahrzehnt noch immer du sein wirst, auch ohne die ...

„Wenn du es schaffst, das erste große Glücksgefühl nach der langen Migration loszulassen, wenn du darauf vertraust, dass du auch in einem Jahr oder einem Jahrzehnt noch immer du sein wirst, auch ohne die Schätze, die du unterwegs gesammelt hast und die immer noch mehr werden können – wenn du aufhörst, das alles auf deinem Rücken zu tragen-, vielleicht ist das der Moment, in dem die Flüchtlingsjahre enden.“


Inhalt


Nilou, ihr kleiner Bruder Kian und ihre Mutter sind aus dem Iran geflohen und lebten lange Zeit als Flüchtlinge: geduldet aber nicht willkommen, beäugt aber nicht gesehen und letztlich ziemlich arm und bescheiden. Nilou wendet sich mit ihrem ganzen Ehrgeiz der Integration zu, lernt die Sprache, besucht Schulen, später die Universität und findet einen Mann, der sie liebt. Mit 30 ist ihr klar, dass die iranischen Wurzeln längst nicht mehr so tief reichen wie früher, nun ist es eher eine Art Sehnsucht, wenn sie Farsi hört, oder Kurkuma schmeckt oder lange Geschichten über die Last und Bürde der Immigration hört.

Nur ihr Vater, der Zahnarzt Bahman Hamidi, ist in ihrem Heimatdorf zurückgeblieben, hat zwischenzeitlich noch zweimal geheiratet und sucht immer wieder den Kontakt zu seinen beiden ältesten Kindern. Viermal haben sie sich getroffen, nachdem Nilou den Iran verlassen hat und immer wieder bringt ihr Vater das Leben von früher zurück, ihre Kindheit, die aktuelle Lage im Land und sein Wunsch, vielleicht doch eines Tages gemeinsam mit seiner ersten Familie ein anderes Leben zu beginnen

. Anfangs mag Nilou, den für sie fremden Mann nicht wahrhaben, als Vater hat er ihres Erachtens versagt und als Mann trägt er zu viele Laster mit sich herum. Doch seine Geister überschatten immer mehr ihr eigenes Leben und sie fragt sich, was ihr eigentlich fehlt? Warum findet sie in ihrem doch so perfekten Leben keine Freude? Bahman kennt eine Antwort darauf und versteht Nilou besser, als sie glaubt …


Meinung


Auf diesen Roman der iranischen Autorin Dina Nayeri bin ich in erster Linie durch die positiven Leserstimmen aufmerksam geworden. Der Text hat autobiografische Parallelen, denn sie selbst ist in jungen Jahren aus der Heimat geflohen und hat sich in der Fremde ein neues Leben aufgebaut. Doch meine hohe Erwartungshaltung konnte das Buch leider nicht erfüllen. Denn obwohl die Thematik hinreichend spannend ist und mir die Problematik der verlorenen Heimat bereits in diversen Romanen begegnet ist, fehlte mir hier in erster Linie der rote Faden.

„Drei sind ein Dorf“ wirkt auf mich sehr gewollt, mit einer Vielzahl wichtiger und diskussionsfähiger Ansätze, die sich dann aber immer wieder in alle Winde zerstreuen und mich nie ganz erreichen konnten. Fast so als würde man die losen Enden vor sich sehen und sie nach besten Gewissen zusammenführen, nur um dann wenig später festzustellen, dass es diese Intonation gar nicht haben sollte – das ist mühselig, fast anstrengend und bringt nicht den gewünschten Erfolg. Größtenteils ist der Roman langatmig, fast langweilig und verschenkt sein großes Potential.

Sehr positiv hingegen der sprachliche Aspekt – durchaus anspruchsvoll aber immer verständlich und sehr intensiv. Die Gefühlswelt der Protagonistin und auch ihr Charakter wirken sehr authentisch, ihre Familie, insbesondere der Vater, wird plastisch beschrieben und man kann die Charakteristik der handelnden Personen sehr gut nachvollziehen.

Doch auch hier bleibt die Distanz zwischen der echten und der beschriebenen Nilou bestehen. Es fiel mir beispielsweise schwer, nachzuvollziehen, warum die junge Frau, zwar objektiv betrachtet ein geordnetes westliches Leben führt und dieses auch immer wieder preist und sich dennoch nicht von ihrer Heimat lossagen kann. Aber nicht etwa, weil sie unfreiwillig gegangen ist, sondern nur, weil andere Flüchtlinge sie an ihr eigenes Schicksal erinnern. Auch ihr Vater, der sie in seinen Verhaltensweisen erschreckt, ist es, der sie plötzlich zum Innehalten zwingt – wohlgemerkt ohne ein besonders liebevolles Verhältnis zueinander, er ist ihr doch eigentlich sehr fremd.


Fazit


Ich vergebe mittelmäßige 3 Lesesterne für diesen Roman über eine schwierige Vater-Tochter-Beziehung und der Sehnsucht nach Heimat und Zugehörigkeit. Ein stetiges Auf-und Ab der Gefühle, eine eigenwillige Erzählstimme, viele kulturelle Aspekte aber schlicht und einfach eine fehlende Gesamtaussage lassen mich an der Geschichte zweifeln. Es fällt mir hier schwer, die wichtigen Dinge herauszufiltern, alles verliert sich zwischendurch und bleibt nur schwach in Erinnerung. Trotzdem glaube ich, dass es Leser gibt, die hier genau das finden, was sie suchen, nur irgendwie war die Story nicht meins. Deshalb kann ich die Lektüre durchaus empfehlen, es ist vielleicht nur eine Frage der Perspektive. Traurig, berührend und mit einem wahren Kern ist sie definitiv ausgestattet.

Veröffentlicht am 28.10.2018

Der böse Geist der Nephilim

Blutmale
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„Ich sage nur, es kann sein, dass du glaubst, einen Menschen zu kennen – bis er dich irgendwann überrascht. Bis er etwas tut, womit du nie gerechnet hättest. Und dann wird dir klar, dass du keinen Menschen ...

„Ich sage nur, es kann sein, dass du glaubst, einen Menschen zu kennen – bis er dich irgendwann überrascht. Bis er etwas tut, womit du nie gerechnet hättest. Und dann wird dir klar, dass du keinen Menschen wirklich kennst. Keinen.“


Inhalt


Der Täter in Jane Rizzolis aktuellem Fall scheint ein Anhänger eines ganz besonderen Satan-Kults zu sein, finden sich doch an den blutbesudelten Schauplätzen grausige Wandmalereien aus umgedrehten Kreuzen, magischen Symbolen und schaurigen Inszenierungen. Die Frauen, die ermordet werden stehen direkt oder indirekt in Verbindung zu einem ominösen Club, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Dämonen der gefallenen Engel auf Erden zu jagen. Diese sogenannten Nephilim sind die höllische Ausgeburt einer Verbindung zwischen Engeln und sterblichen Frauen und verbergen sich hinter ganz normalen Menschen. Ihr böses Treiben kann jedoch tödlich enden, für all jene die sich ihnen in den Weg stellen. Der gutaussehende Vorsitzende des exklusiven Clubs Anthony Sansone kennt sich nicht nur bestens aus in der Historie der gefallenen Wesen, sondern jagt sie über den ganzen Erdball hinweg. Gerne würde er die attraktive Gerichtsmedizinerin Maura Isles mit unter seine Fittiche nehmen, doch die ist ebenso skeptisch wie Jane Rizzoli selbst. Die Frauen jagen lieber einen Mörder aus Fleisch und Blut als eine Reinkarnation des Bösen. Doch als immer mehr Mitglieder des sogenannten „Mephisto-Clubs“ brutal ermordet werden, stellt sich die Frage, woher der Mörder seine Informationen bezieht …


Meinung


Die amerikanische Autorin Tess Gerritsen unternimmt in ihrem 6. Band der Jane-Rizzoli-Reihe einen Ausflug in die Welt des Unerklärlichen, der Magie und der dunklen Mächte. Anders als in den vorherigen Bänden wirkt die Inszenierung deshalb stellenweise sehr verwaschen und weniger glaubwürdig, es sei denn man schenkt dem Übernatürlichem ebenfalls das entsprechende Augenmerk.

Der Fall selbst schwankt zwischen grausamen Ermordungsszenarien, die detailliert geschildert werden, einer etwas aufgesetzten Romanze zwischen der Gerichtsmedizinerin Maura Isles und dem Priester und der Lebensgeschichte einer jungen Frau, die entweder das Böse selbst ist, oder es über alle Maßen gut kennt.

Auch die Randfiguren in diesem Spiel aus Gut und Böse haben alle einen etwas antiquierten Touch und wirken ein bisschen fehl am Platze in einer modernen Mordermittlung. Ihr schriftstellerisches Handwerk versteht die Autorin dennoch, denn der Thriller liest sich hinreichend spannend und kann zwischendurch auch mal kleine Highlights setzten, nur täuscht das nicht über die fehlenden Inhalte hinweg und so bleibt man doch bei einer eher mittelmäßigen Umsetzung hängen.


Fazit


Ich vergebe mittelmäßige 3 Lesesterne für diesen Fall, der mich weder vom Schauplatz her noch von der Geschichte an sich begeistern konnte, also definitiv einer der schlechteren Bände dieser Reihe. Wer kleine Ausflüge ins Mysteriöse liebt und eine Verbindung zwischen realen Morden und fiktiven Gedanken ansprechend findet, kommt hier bestimmt auf seine Kosten. Insgesamt ist es wohl der Mix, der mich nicht so ganz überzeugen konnte, denn Romane wie zum Beispiel die von Anne Rice und ihren Vampiren haben durchaus ihren Reiz, nur nicht, wenn sie wie hier versuchen, mehrere Verbrechen auf eine logische Erklärung zu reduzieren. Wenn schon dunkle Mächte, dann lieber in einem Fantasy-Roman und nicht in einer Kriminalreihe.

Veröffentlicht am 28.09.2018

Ein Tornado offenbart vergangene Schuld

Grausame Nacht
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„Ich will noch sagen, dass es ein gutes Gefühl ist, einen Fall abzuschließen und der Gerechtigkeit Genüge getan zu haben, bin aber nicht sicher, ob das angebracht ist. Denn obwohl drei Fälle abgeschlossen ...

„Ich will noch sagen, dass es ein gutes Gefühl ist, einen Fall abzuschließen und der Gerechtigkeit Genüge getan zu haben, bin aber nicht sicher, ob das angebracht ist. Denn obwohl drei Fälle abgeschlossen werden konnten, gibt es für niemanden ein Happy-End.“


Inhalt


In ihrem siebenten Fall wird die Polizeichefin von Painters Mill Kate Burkholder mit den Knochenresten einer männlichen Leiche konfrontiert, die jahrelang verborgen in einer alten Scheune lag. Ein zerstörerischer Tornado reist das alte Gemäuer ein und tritt damit eine Ermittlungslawine los. Es dauert nicht lang, bis es der Polizei gelingt das Opfer zu identifizieren und sich dann in dessen familiären Umfeld umzuhören. Doch Kate stößt gerade bei den Swartzentrubern, einer sehr radikalen, streng-gläubigen Gemeinschaft der Amischen, die möglicherweise der Schlüssel zum Erfolg sind, auf Widerstand. Nur ungern öffnet man Türen und die Polizei wird argwöhnisch überwacht. Zudem wird Kate selbst von einem Unbekannten verfolgt und entgeht seinen Schüssen nur knapp. Die Verfolgungsjagd läuft auf Hochtouren und bringt keinen Erfolg. Durch bloßen Zufall stößt Kate auf einen Korb voller Löwenzahnblätter und Kermesbeeren, die eine der Tatverdächtigen gesammelt hat, deren Mann wenig später an den Folgen einer schweren Vergiftung stirbt und Kate stochert tiefer in den Geheimnissen der gottesfürchtigen Gemeindemitglieder …


Meinung


Nachdem ich voller Begeisterung die vorherigen Bände der Kate-Burkholder-Reihe der erfolgreichen amerikanischen Autorin Linda Castillo verschlungen habe, bin ich von diesem Fall zugegeben etwas enttäuscht. Nicht nur weil es so viele unrelevante Nebenhandlungen gibt, die letztlich keinerlei Bezug zum tatsächlichen Fall aufweisen, nein vor allem auf Grund der Tatsache, dass es hier wirklich an Spannung fehlt. Eher schleppend beginnt die Geschichte, bei der zwar eine Naturkatastrophe der Auslöser war, die allerdings nicht vorwärtskommt. Die Gemeinde der Amischen spielt ohnehin eine sehr untergeordnete Rolle und auch dieser Punkt missfällt mir, sind es doch gerade die dunklen Geheimnisse dieser Bevölkerungsgruppe, die den Reiz der ganzen Reihe ausmachen. Fast scheint es so, als wären der Autorin erstmals die neuen Ideen ausgegangen, denn zu den Glaubensfragen, der Lebensweise und den Bedingungen, haben die vorherigen Bände bereits ausreichend Informationsmaterial geliefert. Die Kriminalhandlung möchte ich hier fast als simpel und etwas spröde bezeichnen.


Tatsächlich hat mir auf weiten Strecken das private Intermezzo zwischen der Polizeichefin und ihrem Lebensgefährten Tomasetti fast besser gefallen, doch auch hier verläuft die Entwicklung in eine leicht klischeehafte Richtung, die mir rückblickend betrachtet nicht optimal erscheint.


Fazit


Leider werden es diesmal nur 3 Lesesterne für den 7. Fall der Reihe, weil die Autorin doch etwas von ihrem Schema abkommt und die Vorzüge der Gesamterzählung nicht zu betonen vermag. Dennoch ist der Schreibstil gewohnt flüssig und man kommt gut voran beim Lesen. Wer die Reihe kennt und mag, kann den Fall sicherlich als kleine Flaute verbuchen, so wie ich es empfunden habe, wer zufällig diesen Roman als erstes oder einziges Buch liest, wird möglicherweise nicht verstehen, warum die Begeisterung für die Amischen und ihre Familienbande so groß ist.

Veröffentlicht am 27.08.2018

Der Himmel ist die Grenze

Der Clan der Kinder
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„Wenn du kommandieren willst, ein Capo sein willst, musst du Angst haben, an jedem einzelnen Tag deines Lebens, in jedem Moment. Um sie zu besiegen, um zu erfahren, ob du es kannst. Ob die Angst dich leben ...

„Wenn du kommandieren willst, ein Capo sein willst, musst du Angst haben, an jedem einzelnen Tag deines Lebens, in jedem Moment. Um sie zu besiegen, um zu erfahren, ob du es kannst. Ob die Angst dich leben lässt oder alles vergiftet.“


Inhalt


Nicolas Fiorillo hat große Pläne für sich und seine Freunde. Zwar sind sie alle pubertierende Teenager, die ihre Freizeit mit Ego-Shooter-Spielen und der Entdeckung ihrer ersten Freundin verbringen, doch eines ist klar: sie werden auf den Straßen von Neapel groß, sie wachsen hinein in ein System von Mafiabossen, Lug und Betrug und wenn man es geschickt anstellt, dem großen Geld. Die Karriere der 10 Jungs startet mit Kleinkriminalität, ein paar Überfälle, einige Schlägereien, nichts was sie wirklich weiterbringt. Als ihr Mittelsmann seine Strafe im Gefängnis verbüßt, beschließt Nicolas eine eigene Paranza ins Leben zu rufen, einen Club der Elitären, der schon bald das Sagen im Ganzen Viertel haben soll. Mittels Blutsbrüderschaft wird der Bund besiegelt und fortan ist Verrat tödlicher als jemals zuvor. Die Kinder-Paranza, wie man sie schon bald nennt, besorgt sich Waffen und trainiert das Schießen, nicht nur an Hauswänden und Antennen, sondern bald auch mit lebenden Zielen. Mit Gewalt wollen sie Angst verbreiten, ihre Macht ausbauen und sich einen Ruf erarbeiten. Die bisherigen Mafiabosse nehmen die Jugendlichen lange Zeit nicht ernst, bis Nicolas und seine Jungs beschließen, die antiquierten Machthaber zu entthronen. Denn die Umschlagsplätze sind nur für den Stärksten da und die einzige Grenze, die akzeptiert wird ist der Himmel …


Meinung


Der italienische Autor Roberto Saviano, selbst in Neapel aufgewachsen, beschreibt hier die alles unterwandernde Wirtschaftskriminalität, die dunkeln Machenschaften der großen Bosse und ihre Skrupellosigkeit gegenüber dem Leben. Er selbst und sein Vater bekamen von der Camorra schon offene Morddrohungen und so lebt er verdeckt und recherchiert im Untergrund. Seine Anklage erfolgt in literarischer Form – auch das Leben auf der Überholspur fordert seinen Tribut.


Neugierig geworden auf das Thema des organisierten Verbrechens in Italien bin ich durch die Romane von Elena Ferrante, denn schon dort bekommt man, allerdings nur in Ansätzen das Szenario zu spüren. Bestechung, Verwandtschaft, Gefallen, die man anderen schuldet und eine seltsame Moral aus Brüderlichkeit und Verachtung. Von diesem Buch hier habe ich mir tiefere Einblicke und mehr Aufklärung gewünscht und sie auch bekommen, doch anders als erwartet, hat mich die Gewaltbereitschaft, die Sinnlosigkeit der Verbrechen, diese Scheinheiligkeit gegenüber Geld und Macht ziemlich abgestoßen und schon bald hätte ich mir gewünscht nicht noch mehr, nicht noch Schlimmeres zu erfahren.


Der Roman an sich wirkt ausgesprochen maskulin, was einerseits natürlich an der Dominanz der männlichen Protagonisten liegt, dann aber auch am Erzählstil an sich. Dieses aggressive, alles vernichtende, auf nichts rücksichtsnehmende Verhalten der Agitatoren, war mir ein Dorn im Auge. Da ist zum einen die vulgäre Sprache, die auf ein geringes Bildungsniveau schließen lässt, zum anderen der gehetzte Ton, die Befehlssprache eines Möchtegern-Gottes, die mich nicht erreichen konnte und nicht zuletzt eine doch sperrige Erzählstruktur, die sich intensiv mit dem Wie beschäftigt und leider weniger mit dem Warum. Frauen werden hier maximal als schmückendes Beiwerk betrachtet oder als die unantastbare Mutterfigur, die es zu verteidigen gilt – was für eine klischeebehaftete Klassifizierung. Selbst wenn der Wahrheitsgehalt des Buches ein hoher ist (was ich leider nicht ausreichend abschätzen kann), fehlt mir bei der Erzählung vor allem der Motivationsfaktor. Mein persönliches Resümee würde jetzt lauten: Für Geld, Macht und Status verkaufe ich mein Leben und mich selbst. Definitiv keine plausible Aussage für mich, irgendetwas fehlt mir da, vielleicht nur ein Denkansatz, aber den bietet der Roman nicht, er ist eine Art Abrechnung mit dem System vor Ort.


Positiv hingegen beurteile ich die persönliche Entwicklung von Nicolas, denn egal wie unsympathisch sein Verhalten auch ist, er durchläuft eine ganz klassische Entwicklung eines Menschen, der sich zielorientiert, fast besessen und absolut konsequent verhält. Selbst nach Rückschlägen lässt er sich nicht entmutigen, er hält seine Jungs zusammen und vereint sie gegen die Kräfte von außen. Er stellt ihre Treue unter Beweis und verbeißt jene, die sich ihm nicht anschließen wollen. Er ist der Chef und gibt den Ton an, er kommandiert und gibt niemals klein bei und er holt sich Tipps von den „Großen“, die er eines Tages vernichten wird, sobald sie ihm im Wege stehen.


Fazit


Ich vergebe 3 Lesesterne für diesen temporeichen, beängstigenden Roman, der inspiriert ist von Begriffen wie Status, Macht, Gewissen und Folgsamkeit. Er bildet das Leben jugendlicher Straftäter in einem vollkommen isolierten Rechtsspektrum ab und offenbart fragwürdige Methoden der Wahrheitsfindung. Die Welt konzentriert auf wenige Plätze, die Verhältnisse zu Gunsten der Stärkeren, die Ohnmacht des öffentlichen Rechtsstaates, die Willkür der vollzogenen Handlungen. All das bleibt mir doch weitestgehend fremd und fesselt mich nicht wirklich. Eigentlich kann ich nur den Kopf schütteln, bezüglich jener Lebensweise. Was man diesem Roman aber zu Gute halten muss, ist eine offene, schockierende Wirkung, die zeigt, wie es sein kann, wenn das Menschsein gegen die Machtbesessenheit verliert. Und das gab es historisch schon viele Male und das gibt es auch heute noch.

Veröffentlicht am 01.08.2018

Mein Vater, der Überlebenskünstler

Fliegenpilze aus Kork
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„Ich schweige meine größte Wut ins Telefon. Irgendwann unterbreche ich ihn: „Papa. Stopp. Ich will das nicht hören. Ich lege jetzt auf!“ Mein Herz klopft. Ich möchte weinen.“


Inhalt


Die Ich-Erzählerin, ...

„Ich schweige meine größte Wut ins Telefon. Irgendwann unterbreche ich ihn: „Papa. Stopp. Ich will das nicht hören. Ich lege jetzt auf!“ Mein Herz klopft. Ich möchte weinen.“


Inhalt


Die Ich-Erzählerin, die ohne Namen bleibt, lässt den Leser an ihrer Kindheit teilhaben, insbesondere an ihren Eindrücken im väterlichen Elternhaus, denn ihre Eltern haben sich schon getrennt, als sie noch ein Baby war. Der Vater, die eigentliche Hauptfigur der Erzählung ist schon sehr speziell. Für seine Tochter nimmt er sich Zeit, doch nur um sie mit hinein in sein unstetes Leben zu nehmen. Eines, in dem er nur hin und wieder arbeitet und Geld verdient, dort wo Freunde bei ihm nächtigen, die eigentlich Kiffer sind, begleitet von Ladendiebstählen, Schwarzarbeit und Essen aus der Mülltonne. Für die Tochter ist klar, ihr Papa kann eine ganze Menge und dafür liebt sie ihn auch, eben weil er so anders ist und sie in ihrer kindlichen Naivität unterstützt. Doch je älter sie wird, desto zwiegespaltener gestaltet sich die Beziehung, weil ersichtlich wird, das eigentlich der Vater ein Kind ist und die heranwachsende Tochter in die Rolle der vernünftigen Erwachsenen gedrängt wird …


Meinung


In ihrem Debütroman thematisiert die junge österreichische Autorin Marie Luise Lehner eine Kindheit fernab von der Normalität, geprägt von einem zweigeteilten Elternhaus, in dem der Vater, trotz seiner alternativen Lebensweise einen großen Stellenwert einnimmt. Dabei geht sie sehr geschickt auf die Desillusionierung einer Kinderseele ein, die mit zunehmendem Alter die Schichten der väterlichen Unzulänglichkeiten aufdeckt und dennoch ganz intuitiv erkennt, dass diese naive Zuwendung, dass einzige ist, was ihr Vater zu geben vermag. Nebenbei verdichten sich beim Leser immer wieder die mannigfaltigen Eindrücke bezüglich elterlicher Verantwortung und dem Umgang mit dem kindlichen Vertrauen.


Dennoch stimmt mich die Geschichte eher traurig, nicht nur weil sie so befremdlich ist, sondern weil man als Leser förmlich zusehen kann, wie die Entwicklung der Kinder Risse trägt, eben darum weil sich zeigt, dass hochfliegende, unrealistische Träume und obskure Ansichten spätestens in der Pubertät eine derart klaffende Lücke zwischen Vater und Tochter entstehen lassen, die sich nicht mehr schließen lässt, selbst wenn die Beteiligten immer noch aneinander hängen.


Erwähnenswert ist auch noch der abgehackte, fragmentarische Erzählstil, der eher Momentaufnahmen abbildet, als eine zusammenhängende Geschichte zu erzählen. Er macht dieses Buch speziell und bleibt auch in Erinnerung, obgleich das nicht meine literarische Wohlfühlzone ist. Zu vieles bleibt im Raum hängen, steht ungeschrieben zwischen den Zeilen und alternativ im Lebensplan der Protagonistin. Letztlich ruft der Text bei mir eine Mischung auf Unverständnis, Mitleid und Bewunderung hervor, die ich zum Glück in der realen Welt nicht mal ansatzweise nachvollziehen kann. Vielleicht wirkt das radikale, bestimmende Vaterbild intensiver, wenn man es selbst erlebt hat, möglicherweise kommt man dann auch der Erzählerin nahe – so jedoch finde ich keine Berührungspunkte und schaue mir alles durch das Auge eines unbeteiligten Dritten an. Diesen Umstand empfinde ich nicht optimal für einen emotionalen Roman, den man hier lesen darf.


Fazit


Ich vergebe mittelmäßige 3 Lesesterne für diesen Roman über eine ungewöhnlich starke Vater-Tochter-Beziehung, die so manchen Sturm erlebt hat. Wer als Leser gerne in fremde Lebensgeschichten hineinschauen möchte, ohne das Anderssein tatsächlich ergründen zu können, wer es aushält, nur Zuschauer ohne Einspruchsrecht zu sein und sich dennoch vieles detailliert vorstellen möchte, ist mit dem Roman ganz gut beraten. Eine Einheit zwischen Erzählung, Inhalt und Wirkung bekommt man aber nicht geboten, irgendwie ist man hinterher genauso schlau wie davor, mit dem Unterschied, dass man die Bequemlichkeit, die mit Sicherheit einhergeht, wieder mehr zu schätzen weiß.