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Veröffentlicht am 16.01.2019

Über Freundschaft und Liebe mit vielen unvorhersehbaren Wendungen

Den Himmel stürmen
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Paolo Giordano schreibt in seinem Roman „Den Himmel stürmen“ über vier Jugendliche, die beim Heranwachsen einen Weg suchen, im Einklang mit Mensch, Tier und Pflanzenwelt zu leben. Mit teilweise hohem körperlichem ...

Paolo Giordano schreibt in seinem Roman „Den Himmel stürmen“ über vier Jugendliche, die beim Heranwachsen einen Weg suchen, im Einklang mit Mensch, Tier und Pflanzenwelt zu leben. Mit teilweise hohem körperlichem Einsatz und dem Wissen über Zusammenhänge in der Natur streben sie nach einem unabhängigen Leben, dem entsprechend dem Titel kaum Grenzen gesetzt scheinen. Die Erzählung beginnt im Jahr 1993 als die 14-jährige Protagonistin und Ich-Erzählerin Teresa Gasparro aus Turin/Italien wie in jedem Sommer ihre Ferien auf dem Anwesen ihrer Großmutter in Apulien verbringt. Als Leser konnte ich die Geschichte der vier Freunde über die kommenden Jahre bis 2015 verfolgen.

In einer lauen Sommernacht lernt Teresa die wenig älteren Jungen Nicola, Bern und Tommaso kennen, die auf dem benachbarten Hof wohnen. Bald schon ist Teresa jeden Tag zu Gast bei den Nachbarn, hilft bei der Arbeit und verbringt dort ihre Freizeit. Sie findet hier ein Leben vor, das sich um vieles von dem Stadtleben zu Hause in Turin unterscheidet. Die vier Jugendlichen werden untereinander so vertraut, dass auch die Schamgrenze fällt und sie unbeschwerte Nähe genießen. Zu Bern fühlt sie sich ein paar Jahre später ganz besonders hingezogen. Beide entwickeln mehr als freundschaftliche Gefühle füreinander, was von den anderen Brüdern mit unterschiedlichen Empfindungen aufgenommen wird. Vorbereitungen auf einen schulischen Abschluss und einen zukünftigen Beruf bringen große Veränderungen mit sich. Eine Trennung und ein Erbe werden in den kommenden Jahren für Teresa zum Schicksal, das sie wieder nach Apulien und zu den Freunden führen wird.

Obwohl es im Roman vier Protagonisten gibt, verweilt die Handlung bei Theresa als Ich-Erzählerin und durch ihre Nähe zu Bern widmet der Autor auch ihm eine erhöhte Aufmerksamkeit. Erst aus der Retrospektive und einigen Gesprächen heraus ist es Teresa möglich von den Geheimnissen zu erfahren, die die Jungen untereinander geteilt oder auch für sich behalten haben. Ebenso haben ihre leiblichen beziehungsweise Pflegeeltern Heimlichkeiten vor ihren Söhnen gehabt. Vieles davon erfährt Teresa von Tommaso, dem jüngsten der Brüder im ersten von drei Teilen des Romans. In diesem ersten Teil beschreibt die Ich-Erzählerin die Sommer ihrer Kindheit in Apulien. Danach erfolgt ein Sprung an das Ende der Geschichte, was mir als Leser aber zunächst nicht bewusst war. Teresa hat Tommaso einen Gefallen erwiesen und erfährt im Gegenzuge einen Teil der Geschichte aus seiner Sicht. Erst hierdurch wird die tiefe Beziehung der Jungen untereinander nicht nur für Teresa sicht- und spürbar. Im zweiten und dritten Teil geschehen sehr viele unvorhersehbare Ereignisse und es treten Wendungen auf, die mich in ihren Bann zogen. Durch immer mehr Details werden zum Schluss des Buchs die aufgeworfenen Fragen beantwortet.

Vom Leben der Familie auf dem Nachbarhof war Teresa von Beginn an fasziniert, weil es in starkem Kontrast zu ihrem eigenen städtischen in Turin stand. Zu dem Verstandesmenschen Bern, der dazu aber tief in seinem Glauben verwurzelt ist, fühlt sie sich in besonderem Maße hingezogen. Er ist es, der damit beginnt, die Dinge zu hinterfragen, der seine Skepsis äußert und erwägt seine Grenzen auszuloten. Bern hat nie, wie die beiden anderen Jungen, einen Grund gehabt den Hof zu verlassen, für ihn öffnet sich durch die Literatur eine eigene Welt, die er sich vorgestellt hat und selbst erkunden möchte. Zunächst befriedigen ihn jedoch der Wissenserwerb und seine Liebe zu Teresa. Als es zu einem Bruch in der Beziehung kommt, nimmt er wie zum Trost und aus Trotz sein Ziel der Selbstverwirklichung wieder auf.

Der Autor besitzt einen Schreibstil, der die Figuren und die Welt in der sie leben dem Leser sehr nahe bringt. Ich glaubte die Hitze zu spüren und den Schweiß der erhitzten Gemüter im Einsatz für eine gemeinsame Sache. Durch den fehlenden Schulbesuch war es nicht immer einfach für die Brüder sich im Alltag außerhalb der geschützten Umgebung zurechtzukommen. Schnell konnten sie für Sachen begeistert werden. Die gesetzten Ziele wurden jedoch immer größer und die Mittel zu ihrer Umsetzung immer radikaler, der Himmel erschien greifbar. Aus dem gemeinsamen Schaffen kristallisiert jeder sich mit seinen Stärken als Individualist. Es gelingt Paolo Giordiano diese Entwicklung nachvollziehbar darzustellen. Dabei schneidet der Autor viele Themen an, die er ohne zu werten darstellt. Der Roman führt zu einem Fiasko am Ende, doch mit einem geschickt gesetzten weiteren Ereignis ließ er mich als Leser mit einem kleinen Funken Freude zurück.

Im Buch „Den Himmel stürmen“ überzeugt Paolo Giordano mit gut ausformulierten, interessanten Charakteren und vielen ereignisreichen unerwarteten Wendungen in einer Geschichte über die Schattierungen von Freundschaft und Liebe, die vielschichtig dargestellt wird. Mich hat der Roman überzeugt und daher empfehle ich ihn gerne weiter.

Veröffentlicht am 09.01.2019

Zeigt die Bandbreite des schriftstellerischen Könnens

Die Wahrheit über das Lügen
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„Die Wahrheit über das Lügen“ ist ein Erzählband mit zehn Geschichten von Bendict Wells. Die Erzählungen sind im Zeitraum 2008 bis 2018 entstanden und sehr unterschiedlich. Hier findet sich beispielsweise ...

„Die Wahrheit über das Lügen“ ist ein Erzählband mit zehn Geschichten von Bendict Wells. Die Erzählungen sind im Zeitraum 2008 bis 2018 entstanden und sehr unterschiedlich. Hier findet sich beispielsweise ein Wanderer mit einer besonderen Ambition, ein rückblickender Internatsschüler, eine verliebte Schriftstellerin, zwei zum Duell verpflichtete Tischtennisspieler, sprechende Bücher und in der längsten Geschichte des Buchs ein zeitreisender Filmemacher. Wie man dem kurzen Überblick bereits entnehmen kann, bindet der Autor einige Male fantastische Elemente ein, die seine jeweilige Schilderung beleben und ihr eine ganz eigene Wendung geben.

Zwei der Erzählungen sind beim Schreiben des Bestsellers „Vom Ende der Einsamkeit“ entstanden. Wer das Buch gelesen hat, wird erfreut sein, denn die Geschichten erweitern den Roman, alle anderen können die Storys aber auch ohne Vorkenntnisse mit Vergnügen lesen. Im Buch ist eine titelgebende Erzählung enthalten, in der der Protagonist sein Leben auf einer Lüge aufgebaut hat und bei einem Interview die Gelegenheit erhält, die Wahrheit zu sagen.

Obwohl die Erzählungen sehr verschieden sind, mal nachdenklich stimmend, mal erheiternd, findet sich häufig die Freiheit zur Selbstbestimmung des Einzelnen als Element wieder. Entsprechend der Erfahrungen, die eine Person in ihrem Leben macht, trifft sie ihre Entscheidungen und trägt die Folgen daraus. Manche Unkenntnis von Fakten bringt es mit sich, dass sie sich für unerwünschte Auswirkungen verantwortlich fühlt. Die Schwierigkeit besteht in der Akzeptanz des Sachverhalts und der daraus resultierenden Gefühle. Mit diesem Umstand spielt Benedict Wells in seinen Geschichten. Es ist genau das, was seine einzigartigen Figuren ausmacht. In einigen Storys spiegeln sich auch seine eigenen Lebenserfahrungen, außerdem ist er ein sehr guter Beobachter und bringt seine Betrachtungen gekonnt in einen passenden Kontext.

Benedict Wells gestaltet Situationen auf eine ganz besondere Weise, die durch geschickt gesetzte Komponenten einen überraschenden Fortgang finden. Die Zusammenstellung der Erzählungen in „Die Wahrheit über das Lügen“ ruft eine breite Palette von Gefühlen beim Lesen ab, vom Bedauern über Spannung zu Freude. Jede der Geschichten ist so bemerkenswert, dass sie im Gedächtnis bleibt. Gerne empfehle ich das Buch weiter.

Veröffentlicht am 07.01.2019

Lesenswerter Roman einer Familie eingebunden in die Geschichte Schlesiens

Vergiss kein einziges Wort
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„Vergiss kein einziges Wort“ von Dörthe Binkert ist eine Reise in die Vergangenheit Oberschlesiens in Romanform. Eingebunden in die Handlung sind die fiktiven Geschehnisse rund um die Familie von Carl ...

„Vergiss kein einziges Wort“ von Dörthe Binkert ist eine Reise in die Vergangenheit Oberschlesiens in Romanform. Eingebunden in die Handlung sind die fiktiven Geschehnisse rund um die Familie von Carl Strebel und deren Nachbarn in der Gleiwitzer Paulstraße. Die Handlung beginnt im Jahr 1921 und reicht bis zum Jahr 1966. Ein kurzer Epilog spielt dagegen im Jahr 2004 und führt einen noch offenen Faden zum Ende. Zur weiteren Orientierung findet sich im Anhang eine Zeittafel mit historischen Ereignissen, die dem interessierten Leser weitere Fakten bietet, um die Erzählung in den weltgeschichtlichen Zusammenhang zu stellen.

Die 40-jährige Martha Strebel, Ehefrau von Carl, hält 1921 mit ihrer Tochter Louise ihr siebtes Kind im Arm. Ihr Ältester, Konrad, ist bereits 21 Jahre alt und in einer festen Beziehung, einer ihrer Söhne ist schon als Säugling verstorben. Die Familie wohnt in einem Mietshaus, in dem nur staatlich Bedienstete wohnen. Gleitwitz ist zu dieser Zeit deutsches Staatsgebiet. Konrad wird schon bald eine Polin heiraten, Heinrich wird sich für die NSDAP begeistern, seine älteste Schwester Ida zieht es nach Breslau, wohin ihre Schwester Klara ihr folgen wird. Hedwig wird sich unglücklich verlieben und Louise wird nach einem Fehltritt schwanger.

Dörthe Binkert erzählt auch über Schwager und Schwägerinnen, Freunde und Bekannte der Familie, deren Lebensgeschichten häufig verknüpft sind mit der wechselvollen Geschichte des Landstrichs. Ihre Romanfiguren sind Deutsche, Polen und Russen je nach politischer Lage und doch sind sie alle stets Schlesier.

Louise wird in einer unruhigen Zeit geboren, in der polnische Bürger mit Aufständen um die Angliederung von Schlesien an ihre Republik kämpfen. Obwohl die Menge der handelnden Personen durch Verzweigungen im Roman ständig steigt, lassen sich die Erzählstränge problemlos nachhalten. Hilfreich dabei ist ein Personenverzeichnis zu Beginn des Buchs. Der Autorin gelingt es mühelos, Fiktion lebendig werden zu lassen. Dank ihrer sehr guten Recherche und einem hervorragend darstellenden Schreibstil wirken nicht nur ihre Charaktere real sondern auch deren Lebensweg. Schon zu Beginn verdeutlicht Dörthe Binkert Aspekte der politischen Situation in Oberschlesien anhand der unterschiedlichen Einstellungen ihrer Figuren. Sie stellt auch im Folgenden vorurteilsfrei die Lage anhand verschiedener Meinungen dar. Auf diese Weise konnte ich mich gut in die Charaktere und die Situationen einfühlen.

Die Schicksale, die die Autorin schildert, sind bewegend und berühren. Sie wirken dank der gut ausformulierten Figuren authentisch. Glück, Leid, Erfolge und Enttäuschungen konnte ich an ihrer Seite erleben. Die Geschichte von Schlesien war seit langem wechselhaft, doch gerade im Mittelteil, in der stürmischen Zeit des Zweiten Weltkriegs, zeigt Dörthe Binkert eine beeindruckende Stärke in der Erzählung und konnte mich hier besonders fesseln. Es wird deutlich wie der Einzelne zum Spielball der Politik werden kann. Es bestehen für ihn wenige Möglichkeiten, seine Heimat so zu definieren als Ort, an dem man sich wohlfühlt im Kreis seiner Lieben. Denn eine Staatsangehörigkeit ist für die Politiktreibenden wichtig und definiert damit gleichzeitig den Anspruch des Bürgers auf Wohnraum, Arbeit, Lebensmittel und Gebrauchsgütern.

Wie die Schlesier sind auch heute noch viele Menschen auf der Flucht aufgrund der politischen Lage in ihrem Staat. Wer den Roman gelesen hat, kann sich vielleicht besser in deren Situation hineindenken. Ich halte den Roman für sehr lesenswert und empfehle ihn gerne weiter.

Veröffentlicht am 03.01.2019

Plädoyer dafür, den Augenblick zu genießen bevor es zu spät ist

Vom Ende der Einsamkeit
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Im Roman „Vom Ende der Einsamkeit“ erzählt Benedict Wells die Geschichte von Jules und Alva. Ich begegnete dem Ich-Erzähler Jules bereits auf der ersten Seite und erfuhr von ihm, dass er einen Motorradunfall ...

Im Roman „Vom Ende der Einsamkeit“ erzählt Benedict Wells die Geschichte von Jules und Alva. Ich begegnete dem Ich-Erzähler Jules bereits auf der ersten Seite und erfuhr von ihm, dass er einen Motorradunfall überlebt hat. Schon auf den wenigen Seiten des Prologs stellte Jules die immer wieder aufgeworfene Frage im Roman nach dem, wodurch wir und unser Leben geprägt werden. Wieviel Anteil daran hat die Umwelt, wieviel davon ist uns als Anlage mitgegeben?

Die Gedanken von Jules wandern zurück zu seinen Eltern die er durch ein Unglück verloren hat als er zehn Jahre alt war. Seine beiden älteren Geschwister und er besuchen danach ein Internat. Dort begegnet Jules der gleichaltrigen Alva, die allerdings vor Ort bei ihrer Familie wohnt und für ihn zu einer wichtigen Bezugsperson wird. Es war für mich bewegend mitzuerleben, wie das Vertrauen der beiden zueinander sich entwickelt. Um selbst im Leben zurechtzukommen erinnert Jules sich häufiger an das Verhalten seiner Eltern in bestimmten Situationen. Er sucht nach Rechtfertigungen dafür, denn er möchte die Handlungsweisen nicht unreflektiert als Basis für sein eigenes Tun übernehmen.

Jules, sein Bruder Marty und seine Schwester Liz haben ihre eigenen Vorlieben, Eigenschaften, Fähigkeiten und Vorstellungen von einer beruflichen Zukunft. Mehrfach zeigt der Autor auf unterschiedliche Art wie wichtig es ist, füreinander da zu sein. Benedict Wells macht deutlich, dass die Suche nach dem „Ende der Einsamkeit“ des Protagonisten entsprechend des Titels, keine Frage nach der Quantität, sondern eine nach der Qualität des Zusammenseins ist.

Der Autor schafft es, seinem Roman von Beginn an eine Faszination unter anderem dadurch beizugeben, dass er viele Dinge nur andeutet. Der Ich-Erzähler ließ mich als Leser hier und da einen Blick auf tiefgründigere Schichten werfen. Ich wünschte mir, baldmöglichst die entstandenen Lücken beim Lesen auszufüllen und wurde immer mehr in die Geschichte hineingesogen.

Der Roman ist ein Plädoyer dafür, den Augenblick bewusst zu leben und die guten Momente zu genießen. Benedict Wells versteht es, die Hoffnung darauf, den schlechten Seiten des Lebens aus eigener Kraft und eigenem Willen ausweichen zu können, immer wieder zu wecken. Doch das Erkennen der Unmöglichkeit dieses Tuns ist genauso erschreckend wie der Verlauf der Geschichte, die noch lange im Gedächtnis bleibt.

Veröffentlicht am 19.12.2018

Überzeugender Roman, der in den Hamburger Nachkriegsjahren spielt

Die Stimmlosen
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Der historische Roman „Die Stimmlosen“ der Hamburgerin Melanie Metzenthin ist die Fortsetzung des Buchs „Im Lautlosen“ und kann problemlos ohne Kenntnisse des ersten Band gelesen werden. Das Cover lässt ...

Der historische Roman „Die Stimmlosen“ der Hamburgerin Melanie Metzenthin ist die Fortsetzung des Buchs „Im Lautlosen“ und kann problemlos ohne Kenntnisse des ersten Band gelesen werden. Das Cover lässt anhand der Kleidung auf dem Foto bereits ahnen, dass die Geschichte in den 1940ern oder 1950ern spielt. Sie beginnt Weihnachten 1945, also ein halbes Jahr nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Titel bezieht sich auf die Tatsache, dass fast jeder Deutsche nach dem Krieg nur eine eingeschränkte Handlungsfreiheit hat. Die meisten Bürger Hamburgs sind, so wie im Roman dargestellt, damit beschäftigt, eine Bleibe zu finden und ihren Hunger zu stillen. Der lange Schatten der Macht der Nationalsozialisten ist auch immer noch in den Nachkriegsjahren sichtbar.
Nach dem Krieg lebt das Arztehepaar Richard und Paula Hellmer in einer Sechszimmerwohnung, nicht nur mit ihren Zwillingen sondern auch mit Paulas Vater, Richards Eltern, einer Haushaltshilfe sowie Fritz Ellerweg, dem besten Freund Richards, und seinem Sohn Harri. Tagsüber dienen die Räumlichkeiten auch als Warte- und Sprechzimmer. Melanie Metzenthin beschreibt in ihrem Buch auf eine Weise, in die ich mich sehr gut in die Geschichte einfühlen konnte, den Alltag der Wohngemeinschaft. Es ist ein täglicher Kampf um die einfachsten Dinge. Fritz hat gute Beziehungen zu einem Schieber und kommt mit seinen Freunden überein, ein lukratives illegales Tauschgeschäft einzugehen. Außerdem kommt ihnen die Freundschaft zu dem britischen Besatzungsoffizier Arthur Grifford immer wieder zu Gute.
Erst durch die Schilderungen der Autorin wurde mir bewusst, wie lange es tatsächlich gedauert hat, bis in Deutschland wieder eine ausreichende Versorgung der Bevölkerung mit allen Dingen des täglichen Bedarfs erreicht wurde. Melanie Metzenthin hat hervorragend recherchiert. Die geschilderten Ereignisse wirken überaus glaubhaft und die Handlung lief wie ein Film in meinem Kopf ab. Sie flechtet viele historische Ereignisse in ihren Roman ein, sei es die Entwicklung auf dem Gebiet der Medien oder auch die Einführung der Deutschen Mark. Ein besonderes Augenmerk richtet sie als Psychotherapeutin nach ihrem eigenen Interesse auf die Geschichte der Medizin.
Überraschende Wendungen gibt es in der Familie von Fritz Ellerweg, aber auch bei Arthur Grifford. Hierin spiegelt die Autorin das Verhältnis der Bevölkerung von zwei Staaten wider, die Kriegsgegner waren. Sie lässt ihre Figuren das Für und Wider aktueller Themen der Nachkriegszeit diskutieren, was mich mehrfach nachdenklich stimmte. Es war mir ein Vergnügen, die Weiterentwicklung der Charaktere zu verfolgen, welche Chancen sie ergriffen haben, welche Berufe sie verfolgten und welche Liebesbande sich aufbauten. Wieder habe ich mit ihnen gebangt und gehofft, Aufgeben war nie eine Option, Träumen dagegen schon.
Melanie Metzenthin hat mit „Die Stimmlosen“ einen überzeugenden Roman über die Nachkriegsjahre geschrieben. Die Schicksale ihrer fiktiven Figuren berühren und rufen manche vergessenen Ereignisse, schöne wie auch traurige, wieder ins Gedächtnis. Mir hat das Buch sehr gut gefallen und ich empfehle es uneingeschränkt weiter.