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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 26.03.2019

Eine Familienreise der etwas anderen Art

Rückwärtswalzer
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Die Prischingerfamilie ist ein liebenswerter, lebhaft-chaotischer Haufen, in deren Mittelpunkt die drei ungleichen Schwestern Mirl, Wetti und Hedi stehen. Als völlig unvermittelt der Lebensgefährte Hedis ...

Die Prischingerfamilie ist ein liebenswerter, lebhaft-chaotischer Haufen, in deren Mittelpunkt die drei ungleichen Schwestern Mirl, Wetti und Hedi stehen. Als völlig unvermittelt der Lebensgefährte Hedis stirbt, gibt es ein Problem: Willi wollte unbedingt in seinem Heimatland Montenegro beerdigt werden, doch die Überführung von Wien ist schlicht zu teuer. So verdonnern sie ihren Neffen Lorenz, der sich gerade in einer Drittel-Life-Krise befindet, sie alle incl. des tiefgefrorenen Willis nach Montenegro zu fahren.
Diese etwas skurrile Reise macht nur die eine Hälfte des Buches aus, wobei der andere Teil aber mindestens ebenso unterhaltsam und amüsant ist. Er beginnt Anfang der Fünfziger Jahre und erzählt in einzelnen Episoden den Lebensweg Willis sowie den der drei Schwestern, die jeweils einen ihnen nahestehenden Menschen verloren haben, über die man jedoch beharrlich schweigt. Dies ist ebenfalls eine Reise, wenn auch nicht im räumlichen Sinn, sondern eine durch die jüngere Vergangenheit unserer bzw. der österreichischen Geschichte. Immer wieder bricht der Weltenlauf in die Familien der Schwestern ein und jede schaut, wie sie auf ihre Weise damit zurecht kommt. Aber klar ist: Niemand wird zurückgelassen - die Schwestern bleiben und halten zusammen.
Es ist eine humorvolle und herzerwärmende Lektüre mit einem Hauch Melancholie, die ich nur schwer aus der Hand legen konnte. Die einzelnen Personen sind trotz ihrer Macken (oder vielleicht gerade deshalb ) überaus liebenswert sympathisch und selbst mit dem anfangs so selbstmitleidigen Lorenz empfand ich irgendwann Mitgefühl. Denn mit drei solchen Tanten ist es nicht ganz so einfach.
Ein rundum schönes und auf jeden Fall empfehlenswertes Buch!

Veröffentlicht am 08.03.2019

So ehrlich, dass es wehtut

Frau im Dunkeln
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Leda, 47 Jahre alt, hat offenbar jeden Grund, glücklich zu sein: Professorin an der Uni mit zwei wohlgeratenen Töchtern, die gerade ausgezogen und zu ihrem Vater nach Kanada gegangen sind. Sie gönnt sich ...

Leda, 47 Jahre alt, hat offenbar jeden Grund, glücklich zu sein: Professorin an der Uni mit zwei wohlgeratenen Töchtern, die gerade ausgezogen und zu ihrem Vater nach Kanada gegangen sind. Sie gönnt sich einen langen Urlaub am Meer, wo sie ihre Tage am Strand verbringt. Dort beobachtet sie eine neapolitanische Großfamilie, wobei sie von einer jungen Frau und deren kleiner Tochter fasziniert ist und dabei Erinnerungen an ihre eigene Vergangenheit als junge Mutter wieder lebendig werden. Trotz ihrer anfänglichen Sympathie für die Beiden lässt sie sich zu einer Tat verleiten, die insbesondere für das Kind schwer zu verkraften ist.
Nein nein, keine Sorge, hier geht es nicht um Gewalt und Brutalität, die Dinge geschehen wesentlich subtiler. Leda ist eine Frau, die wohl ebenso viel Sympathisches wie Unsympathisches in sich birgt und deren Innenleben hier schonungslos dargestellt wird. Vieles von dem, was hier beschrieben wird, trauen sich vermutlich die Meisten nicht zuzugeben. Neben all der Liebe gibt es da auch die Wut auf die eigenen Kinder, denen man sein Leben opfert; der Neid auf die Töchter, die immer mehr die Blicke der Männer auf sich ziehen, während man selbst zu verschwinden scheint; der Verzicht auf eine eigene Karriere. Über so etwas spricht man nicht, aber diese Gedanken und Gefühle sind dennoch vorhanden, sofern man nicht zu 100% mit sich im Reinen ist. Doch wer ist das schon? Und wer kennt nicht das Gefühl, aus einem Anfall von Neid heraus etwas Glückliches zerstören zu wollen, nur weil man es selbst nicht hat? So schändlich Ledas Tat ist (und das klingt jetzt schlimmer, als es tatsächlich ist), wirkliche Abneigung gegen sie konnte ich nicht entwickeln, zu verständlich fand ich ihr Verhalten, auch wenn ich es nicht gut finde.
Elena Ferrante versteht es meisterhaft, eine Protagonistin so erzählen zu lassen, als säße sie einem als leibhaftige Person gegenüber. Dies war schon in ihrer Neapolitanischen Saga so und auch hier gelingt es ihr wieder. So folgt man Leda in ihren Gedanken und Handlungen und fühlt sich ihr nahe, bis plötzlich wieder ein Satz oder Gedanke der Sympathie zu ihr einen Dämpfer versetzt. Als wäre das nicht schon genug des Guten kommt eine sich unmerklich entwickelnde Spannung hinzu, fast schon wie in einem Krimi, da sich Alles auf den Moment zubewegt, der erklärt, wieso das Buch mit diesem Anfang beginnt.
Toll gemacht und klasse erzählt!

Veröffentlicht am 17.02.2019

Faszinierende Geschichten, die Abgründe offenbaren

Cat Person
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12 Geschichten, die teilweise unterschiedlicher nicht sein könnten. Der Großteil sind überaus realitätsgetreue Erzählungen, wie sie sich jederzeit in unserer unmittelbaren Umgebung ereignen könnten; daneben ...

12 Geschichten, die teilweise unterschiedlicher nicht sein könnten. Der Großteil sind überaus realitätsgetreue Erzählungen, wie sie sich jederzeit in unserer unmittelbaren Umgebung ereignen könnten; daneben gibt es ein Märchen sowie Geschichten, die gekonnt die Balance zwischen Phantasie und Realität halten. Das Bemerkenswerte an den Meisten ist die unglaubliche Dynamik, die entwickelt wird, sodass man atemlos Seite um Seite liest und kaum glauben kann, was sich hier ereignet. Meist jüngere Menschen, die überzeugt davon scheinen zu wissen, was ihr Gegenüber denkt und ihr Handeln danach ausrichten, sodass sie sich in Situationen hineinmanövrieren, aus denen sie kaum noch herauskommen bzw. deren Nachwirkungen sie auch noch nach Jahren spüren. Die Dinge tun, von denen sie nie gedacht hätten, dass sie dazu nie in der Lage wären, aber durch welche Umstände auch immer dazu gebracht wurden.
Die Autorin schildert das Innenleben ihrer jeweiligen ProtagonistInnen derart intensiv und detailliert, dass man die Angst, Furcht und den Ekel regelrecht miterlebt. Und in den 'normalen' Geschichten beschreibt sie so überzeugend die Geschehnisse, dass wohl fast Alle das Geschriebene bis ins Detail nachvollziehen können.
Für empfindsame Gemüter ist dieses Buch vermutlich nicht so ganz geeignet, aber für mich war es eine richtig klasse Sammlung von Kurzgeschichten, einem Genre, mit dem ich bisher nur wenig anfangen konnte.

Veröffentlicht am 17.02.2019

Atmosphärischer Krimi ohne Schwarz-Weiß-Denken

Nacht über dem Bayou
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Ein verurteilter Mörder bittet Dave Robicheaux um Hilfe, da er zu Unrecht verurteilt worden sei. Gleichzeitig beginnt ein Filmteam eine Dokumentation über diesen Fall zu drehen, da es offenbar Ungereimtheiten ...

Ein verurteilter Mörder bittet Dave Robicheaux um Hilfe, da er zu Unrecht verurteilt worden sei. Gleichzeitig beginnt ein Filmteam eine Dokumentation über diesen Fall zu drehen, da es offenbar Ungereimtheiten gibt. Schnell ist klar, dass der kommende Gouverneur LaRose alles andere als begeistert über dieses Engagement ist, was Daves Interesse erst richtig weckt. Als er sich intensiver mit LaRose beschäftigt, begegnet er einer früheren Geliebten wieder, die offenbar noch eine Rechnung offen hat mit ihm und mit ihrem Ehemann LaRose einiges zu verbergen scheint.
Auch dieser 9. Band spielt im tiefen Süden der USA, in den Sümpfen Louisianas. Wie zu erwarten gelingt es Burke erneut, die spezielle Atmosphäre dieser Gegend so intensiv zu vermitteln, dass man sie beim Lesen praktisch vor sich sieht (sollte ich jemals in dieser Gegend Urlaub machen, werde ich die Bücher Burkes im Handgepäck haben). Seine Beschreibungen sind intensiv und bildhaft, aber nie ausufernd oder langatmig ("Die Bogenfenster waren noch mit den ursprünglichen Eisenläden verschlossen, an denen orangefarbene Rostschlieren herunterliefen wie Blut aus einer Wunde."), was sich auch auf die Darstellung der Menschen bezieht, die in seinen Romanen eine Rolle spielen ("Er hatte lange Haare, wie ein Indianer aus dem 19. Jahrhundert, das Gesicht war unrasiert, die Haut dunkel und körnig, wie mit schwarzem Pfeffer eingerieben.").
Bemerkenswert ist, dass Burke seine Figuren stets so differenziert beschreibt, dass eine klare Schuldzuweisung selbst am Ende nicht einfach ist. Immer wieder wird deutlich gemacht, dass es nicht nur Gutes und Böses, Schwarz oder Weiß gibt, sondern eine Menge an Zwischentönen, die allzu häufig nicht beachtet werden.
Ach ja, der Fall selbst ist natürlich packend und spannend mit schnellen Szenewechseln, die konzentriertes Lesen voraussetzen. Ansonsten muss man sich einen Abschnitt nochmal vornehmen - was bei einer solchen Lektüre aber wohl nicht so schlimm ist

Veröffentlicht am 19.01.2019

Die Rache einer Frau - großartiger Schmöker aus dem Frankreich der 1930er Jahre

Die Farben des Feuers
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Vorab: Dies ist kein kleiner Unterhaltungsroman, den man so zwischendurch liest. Es sind knapp 500 Seiten mit vergleichsweise kleiner Schrift und kaum leerem Raum dazwischen. Dazu springt die Geschichte ...

Vorab: Dies ist kein kleiner Unterhaltungsroman, den man so zwischendurch liest. Es sind knapp 500 Seiten mit vergleichsweise kleiner Schrift und kaum leerem Raum dazwischen. Dazu springt die Geschichte zwischen einer Reihe Personen hin und her, sodass man ein gebündelt Maß an Aufmerksamkeit fürs Lesen mitbringen sollte. In diesem Fall erwartet einen ein fesselnder und grandioser Schmöker, den man kaum aus der Hand legen mag. Zumindest mir ging es so
Die geschiedene Madeleine Péricourt ist (bis auf ihren siebenjährigen Sohn Paul) die letzte Nachkommin einer vermögenden Bankiersfamilie. Da Paul während der Beerdigung seines Großvaters aus dem Fenster springt und nur schwerst verletzt überlebt, kümmert sie sich nicht weiter um die Geschäfte ihres Erbe, sondern widmet sich ausschließlich der Pflege ihres Sohnes. Doch direkt um sie herum werden Intrigen gesponnen und bringen sie um fast ihr gesamtes Vermögen. Doch Madeleine gibt sich nicht geschlagen und schmiedet einen perfiden Racheplan.
Neben Madeleines Geschichte erfährt man fast beiläufig auch von der Atmosphäre und den Geschehnissen im Frankreich der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts: die Krisenjahre mit den schnell wechselnden Regierungen; die Käuflichkeit der Presse; die Ablehnung des Staates durch die Eliten. Geschickt verbindet der Autor historischen Hintergrund und Fiktion, sodass ein eindrucksvolles Sittengemälde jener Zeit entsteht.
Diese an sich schon fesselnde Geschichte erhält durch den besonderen Stil von Pierre Lemaitre noch einen zusätzlichen Reiz. Als allwissender Erzähler beschreibt er auf eine leicht ironisch-spöttische Weise die Geschehnisse und bezieht die Lesenden mit einer gelegentlichen direkten Ansprache mit ein, als säße er uns unmittelbar gegenüber. Dadurch ensteht ein lockerer und ungemein unterhaltsamer Tonfall, der es einem erlaubt, sich voll und ganz auf die verschiedenen Personen zu konzentrieren, von denen es nicht gerade wenige gibt.
Ein toller Roman, spanned und fesselnd wie ein Krimi!